Mittwoch, 30. Januar 2019

Gedenkt der Abgaswerte!

Jeden Tag sind wir mit Gedenktagen konfrontiert. Jeden Tag mit einem anderen, wichtigen Gedenktag. Irgendwann aber, spätestens am Welttoilettentag (19. Nov), beschleicht uns ein Unbehagen. Immer wieder gedenken? Nein. Also auf zum Gegenteil-Tag (25. Jan). Und dann? Tipp: Wir tippen wir einen bösen Tweet, am besten am Mit-Der-Hand-Schreiben-Tag und dann regen wir uns richtig auf, schreien den nächsten an, der uns über den Weg läuft und schreiben anschließend in unserem Blog was wir am Weltknuddeltag (21. Jan) erlebt haben. 

Manchmal geht es aber auch um Moral, am 27. Januar ist internationaler Gedenktag der Opfer des Holocaust. Den konnte die AfD noch nicht verhindern und auch nicht, dass wir durch die amerikanische Serie gleichen Namens lernen, was damals geschah.
Trotzdem zeigt eine Untersuchung: 40% der jungen Menschen wissen mit dem Begriff 'Auschwitz' überhaupt nichts anzufangen. Vielleicht verstehen sie gerade noch das Wort 'Witz', das steckt ja drin, im Wortschatz des Grauens. Und wenn die Hälfte der Schüler, die den Film sehen sollen, nach der Hälfte des Films den Saal verlassen haben, weil sie nicht weinen wollen, damit die Schminke nicht verläuft, dann wissen wir: Es gibt noch viel zu tun. Das Thema gehört in die Schule und in die Medien. 

Was aber passiert in den Schulen? Warum wissen die Schüler nichts mehr? Entweder die Lehrer reden lieber über Nachhaltigkeit und Achtsamkeit, statt über ein KZ, oder sie reden doch davon, erreichen aber kaum jemand, weil schon 40% der Schüler erst einmal zum Ohrenarzt gehen müssen. Und die Medien?
In ARD und ZDF kommt es an diesem Tag wie es kommen muss: Alle bekannten Runden der Talkshow-Industrie laden die üblichen Verdächtigen zur Diskussion und widmen sich dem Thema: ABGASWERTE.
Punktlandung. Holocaust und Abgaswerte. Da werden geradezu zwei Fliegen mit einer Klappe...
Und deutsche Ärzte sind wie immer dabei. Deutsche Lungenfachärzte. Wegen der Fakten. Deutsche Weißkittel haben nämlich veröffentlicht: die Grenzwerte sind zu streng. Abgase seien nicht so gefährlich. Prompt tritt der bescheuerte CSU-Minister (keine Witze mit Namen, ist aber Fakt), er tritt also nicht zurück, sondern nach und vor die Presse, dankt den Ärzten und kündigt an, sofort die Werte überprüfen zu lassen, von wegen der neuen Fakten. 

Man könnte auf Gedanken kommen... Ärzte, Minister, gemeinsame Sache... Unsinn – wir leben schließlich in einer Demokratie...
Allerdings: Die Grenzwert-Diskussion hatten wir schon zum Thema Feinstaub, Rauchen, Atomkraft. Erinnern sie sich?

Fakt ist: Auch Unterhalb aller verordneten Grenzwerte wird der Organismus beeinträchtigt, von jeder Art Schadstoffen, Strahlung oder Giften - immer, in jeder Konzentration, jenseits aller beschlossenen Zahlenspiele. Ja sogar Fett oder Alkohol kümmern sich nicht um Grenzwerte.
Internationale Fachärzte haben diese Binsenweisheit noch einmal ausdrücklich bestätigt und widersprechen den deutschen Kollegen.

Aber „Internationale Ärzte“ - das klingt nach... internationaler Verschwörung, also nach Verrat und Lüge. 
Wir bleiben doch besser bei den Fakten. Wie immer.

Samstag, 5. Januar 2019

Merkel ist weg - bald!

Bald ist es soweit. Merkel wird nicht mehr Kanzlerin sein, sondern nur noch Frau Merkel. Was das für Konsequenzen hat... Das können wir uns noch gar nicht vorstellen.
Frau Merkel will nach der Kanzlerschaft partout kein politisches Amt mehr bekleiden und auch nicht in die Wirtschaft wechseln. Mein Gott, was ist denn da so schwierig? Braucht sie denn wieder eine Extrawurst...
Warum kann sie nicht einfach wie jeder andere in einem Aufsichtsrat korrupt werden, oder in einer Bank Insidergeschäfte machen, oder ein Angebot von Putin annehmen? Aber weder Gas noch Öl noch Schalke können sie locken. Was um Himmels Willen kann sie locken? Ein gemütliches Zuhause? Aber da wartet doch nur ihr Mann...

Apropos Mann. Was wird ihr Mann bloß tun, wenn sie nach Hause kommt, wenn sie zuhause bleibt? Er wird natürlich weiterforschen und - seine Frau beim Frühstück genau beobachten. Denn er wird sie dann nicht mehr nur zu den Bayreuther Festspielen zu Gesicht bekommen. Eine völlig neue Erfahrung. Ein geradezu physikalisch-psychologisches Experiment. 

Wie wird er reagieren in einer solchen Versuchsanordnung? Er wird sich vor den Spiegel stellen und selbstbewusst sagen können: Ich bin Sauer, ich bin ein Mann, denn er muss ab sofort kein Damenprogramm mehr absolvieren. Das Leben wird für ihn ein völlig anderes werden. Sein Leben wird das Leben der Anderen. Er findet sich in einem völlig neuen Film wieder: Mama ante Portas.

Wird er nervös werden, wenn sie ruhig am Wohnzimmertisch sitzt, mit den Fingern eine Raute formt und sich partout nicht beeilen will? Sie wird noch nicht einmal eine SMS schreiben wollen.
„Wirst du jetzt immer zu Hause sein“, fragt er irritiert.
„Ja“, sagt sie. „Auch Nachmittags?“
„Ja“, sagt sie, und blättert interessiert in einer Zeitung, in der von Chaos in Frankreich und Rücktritten in England und Rausschmissen in den USA zu lesen ist. Dann wird sie einkaufen gehen. „Meine sehr verehrten Damen und Herren. Mein Name ist Merkel und ich kaufe hier ein. Wo finde ich die Kartoffeln?“
Ein Verkäufer mit ausrasiertem Nacken schreit hinter dem Regal: „Hau ab“ und die Kassiererin flüstert „Merkel muss weg“. Die Kundschaft aber protestiert. „Lasst die Frau. Wir schaffen das.“
Das Leben in Deutschland wird nicht mehr sein wie es einmal war.

Montag, 24. September 2018

Seehofer raus!

Ob arm ob reich, ob dumm oder einigermaßen weniger dumm: Viele verabschieden sich im Augenblick auf Nimmerwiedersehen von der Demokratie. Auch weil Seehofer auf alles herumprügelt, was Vernunft oder Merkel heißt.
Seine Kleinkriege werden immer hasserfüllter. Und das ohne Pause verabreichte Gift, wird dankbar von den Rechtsnationalen weiter verarbeitet.
Wir nähern uns mit Riesenschritten einen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt.

An der Spitze der Behörden sitzen schon jetzt Leute, die, statt unsere Demokratie zu schützen, das Geschäft derer betreiben, die unsere demokratische Ordnung bekämpfen. Maaßen, der Chef des Verfassungsschutzes, setzt Lügen in die Welt und bezweifelt Tatsachen, natürlich in einem Interview mit 'Bild'. Das so genannte 'gesunden Volksempfinden' treibt immer braunere Blüten.
Die öffentliche Meinung verwandelt sich in eine einzige brodelnde Pampe.

Und wie reagiert die Regierung, die Schaden vom Volk abwenden soll, auf diesen Affront?
Mit demonstrativer Rückendeckung des zuständigen Ministers, der natürlich diesen untragbaren Beamten schützt und - ihn befördert. Und die Koalitionäre? Die stimmen zu, denn sonst...

Die prompte Reaktion: Ein paar Punkte mehr für die AfD, noch mehr zerstörtes Vertrauen, Shitstorm gegen die ‚Eliten‘. Fassungslosigkeit aller Orten und die Frage: Wo bleibt die Vernunft, oder einfach ein Rest von Anstand? 
Denn was geschehen müsste, geschieht nicht: Einstweiliger Ruhestand für den Verfassungsschützer und Entlassung des Innenministers.

Stattdessen wird der Vorgang eine kabarettreife Nummer.
Und da - wacht plötzlich die Nahles von der SPD auf und will eine Korrektur, weil die Umfragen in den Keller rasseln. Also: Neue Beratung. Was kommt dabei heraus? Siegt jetzt endlich die Vernunft? Nein. Jetzt wird der Lügner von Seehofers Gnaden auch noch zu seiner rechten Hand. Aber - er verdient nicht mehr, sondern genau soviel wie vorher. Tolle Korrektur.

Die Rechtsnationalen sitzen bereits in der Regierung.
Die AfD jubelt und marschiert Seit' an Seit' mit dem Nazi-Mob. Dann sind da noch die Polizisten, die klammheimlich still halten, wenn Nazi-Schläger die Straße stürmen, ob in Chemnitz oder Dortmund. Da gibt es den Ministerpräsidenten, der Hetzjagden ebenso ausdrücklich leugnet, wie Maaßen.
Da gibt es die V-Leute, die vom Verfassungsschutz niemals verraten werden, weil sie mit Attentätern zusammenarbeiten, da gibt es die AfD-Klöpse mit Deutschland-Hütchen, die vom Dienst im Landeskriminalamt zum nächsten Aufmarsch pilgern und Journalisten von der Polizei festhalten lassen.

Die Regierung wird scheitern am Trumpismus Seehofers. Und dann?
Bald ist es zu spät. Also: Seehofer raus! Schluss mit dem Spuk.

Donnerstag, 6. September 2018

Chemnitz: Lügen, Mob und Videos

Es ist einfach nur noch unerträglich. Das Land verändert sich. Auch in Deutschland werden Lügen durch ständige Wiederholung zur Wahrheit umdefiniert.
Das Netz quillt über von Gerüchten, Fälschungen, Hass. Und von Aufrufen die Straße zu erobern, Ausländer zu jagen, zu töten, wo auch immer etwas 'passiert'.

Nach Kandel also Chemnitz. Alle konnten es sehen: Kameraleute wurden verprügelt, Menschen gejagt, ein Brüllen und Geifern, dazwischen ein versprengter Haufen überforderter Polizisten, ein Mob prügelt sich die Straße frei.

Einen Tag später: Schläger, Hetzer, Nazis und Rechtsnationale Arm in Arm mit AfD-Funktionären,
Hetzer schreiten Seit an Seit
im Gefolge die Mitläufer, die immer noch behaupten sie seien 'besorgte Bürger'. Sie decken die Jagdszenen in Sachsen. Sie sind die brave Begleitung der neuen Nazis. 

Eins ist klar: Sie können nicht mehr behaupten, sie hätten von nichts gewusst.
Schläge, Steine, Böller, Gewalt und Geschrei. Tätowierte Idioten, Hitler-Hooligans, Hackfressen, Ärsche und brüllende, hässliche Gestalten, die mit Hitlergruß die Straße stürmen.

Keine Zeit für Trauer, keine Zeit für Vernunft. Es ist nur noch zum kotzen.

Es gibt doch schon genug Dumme, Besoffene, Motorradgangs, Türsteher, Mafiosi, die uns terrorisieren. Es gibt Fundamentalisten, die Gläubige manipulieren, Clan-Familien, die ganze Stadtviertel beherrschen. 
Jetzt macht die Nazi-Bewegung mobil um unsere Demokratie in Stücke zu schlagen - und diese Pappfigur, die sich Ministerpräsident nennt, stellt sich nach der Straßenschlacht von Chemnitz tatsächlich noch vor das sächsische Parlament und sagt: 
"Es gab keinen Mob, es gab keine Hetzjagd, es gab kein Pogrom".

Seit Trump kennen wir das ja zur Genüge: Lügen, Tatsachen leugnen, Verdrehungen, trotz aller Fakten. Wem will dieser Kretschmer damit dienen, die Dinge nicht beim Namen zu nennen?
Das Entsetzen kann immer noch gesteigert werden.
Die Politiker, die immer noch verharmlosen, sind die Wegbereiter künftiger Gewaltherrschaft.

Einen Tag später: "Migration ist die Mutter aller Probleme" sagt Seehofer und gibt den Freibrief für den nächsten Aufmarsch.
Die Politiker um ihn herum winden sich, oder relativieren seinen Satz. Die Dummen klatschen Beifall und die Schläger organisieren die nächste Hetzjagd - ja: Hetzjagd!

Aus einem Gedicht von Erich Kästner:

"Ihr kommt daher und laßt die Seele kochen.
Die Seele kocht, und die Vernunft erfriert.
Ihr liebt das Leben erst, wenn ihr marschiert,
weil dann gesungen wird und nicht gesprochen."

Nach Ungarn, Türkei, Polen, Österreich, Italien ... 
Wir müssen uns wehren, sonst wird Deutschland, unser Land, sich auch noch einreihen müssen.

Donnerstag, 30. August 2018

Verlorene Erde

Der Untergang naht. Gewitter ziehen durch. Heftig, mit Hagelschlag und Sturm. Es wird kühler. Jetzt kann ich wieder schreiben.

Es war nicht nur heiß, es war so heiß wie noch nie. Und plötzlich bemerkten die Medien, sie könnten zu dem Thema doch einmal einen Wissenschaftler befragen. Das Wetter hatte es in die Nachrichten geschafft. Fotos aus der ISS zeigten einen braunen, verdorrten Kontinent Europa und in Kalifornien wüteten die größten Waldbrände aller Zeiten - die Rauchsäule war bis in den Weltraum zu sehen.

Der Planet leidet an Überhitzung. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben Wissenschaftler davor gewarnt, dann hieß es, bis Ende der 80er Jahre könne die Katastrophe noch aufgehalten werden. „Jetzt ist der Klimawandel da“, sagt ein Wissenschaftler, nicht per Twitter, sondern auf einer Pressekonferenz. „Keine Fake News“, sagt er in Richtung Trump.

Im Magazin der ‚New York Times’ erscheint ein Artikel: ‚Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change’ von Nathaniel Rich.
Georg Diez vom ‚Spiegel‘ ist beeindruckt und schreibt:
„Mit einem Knall wird deutlich, in der nicht nachlassenden Hitze dieser Wochen, was es bedeutet, im Zeitalter der Katastrophe zu leben. ... Die Welt nähert sich dem Abgrund, doch statt zu handeln, stecken wir den Kopf in den trockenen Sand. Warum weckt der mögliche Untergang der Menschheit so wenig Interesse?
Die Antwort auf diese Frage ist ... eine Antwort auf verschiedenen Ebenen, und die deprimierendste davon ist die der aktuellen Politik, die eben vor allem Politik- und Lösungs-Theater ist, ein Phantasma der Machbarkeit und Beherrschbarkeit, das sich in Begriffen wie ‚Obergrenze‘ abbildet. ... Die Klima-Krise, so hat es der indische Schriftsteller Amitav Ghosh in seinem Buch ‚Die große Verblendung‘ beschrieben, ist auch eine Krise der Kultur und vor allem eine der Imagination, der Vorstellungskraft, der Bilder, Visionen, der Sprache und der Geschichten. Die Literatur, das ist die These von Ghosh, scheitert daran, vom Untergang des Menschen zu erzählen, weil ihr die Erzählmuster und damit der rationale Rahmen fehlen.“

Eine gute Beschreibung. Seit Jahren können wir besagte Folgen beobachten und niemand kann wirklich überrascht sein, dass die Fähigkeit zur Imagination mehr und mehr abhanden kommt. Wir müssen uns nur umschauen, in der Welt der Medien, der Netzwerke oder des Performance-Theaters. Es fehlt Kunst, es fehlen Stücke, Philosophie, Erzählungen, es fehlt die Phantasie. Stattdessen eine Flut von News, Statistiken und Recherchedaten. Dazu ein andauernden Wettlauf um jede kleine Skandalgeschichte, um Verschwörungen, Hackerangriffe, gefälschte oder schockierende Bilder.
Und die immergleichen Antworten. Wer ist Schuld an Kriegen? Beide Seiten, oder natürlich die Juden, die Flüchtlinge, der Westen. Der böööse Putin heißt es dann ironisch von manch kluuugem Kabarettisten.
Und schon sind auch diese Wahrheiten verzerrt. Ja. Putin führt Krieg und sperrt die Opposition ein. Weshalb ausgerechnet hier der süffisante Unterton? 
Foto: Alexander Gerst aus der ISS - Rheingegend. Verbrannte Erde.

Und die Gluthitze in diesem Sommers? Der böööse Klimawandel... Seit 2014 steigen die Temperaturen kontinuierlich. Der Klimawandel ist da. Wenn wir schwitzen, glauben wie plötzlich zumindest, dass es heißer wird, weil wir es am eigenen Leib spüren. Und wer ist Schuld? Natürlich die Merkel, die mit den heruntergezogenen Mundwinkeln. Witzig.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Kultur und der Blindheit gegenüber den Szenarien des Untergangs? Eindeutig ja.
Wir sind unempfindlich geworden gegenüber der näher rückenden Katastrophe, weil wir überhaupt unempfindlich geworden sind. Die echten Bilder von zerbombten Häusern, weinenden Frauen, schreienden Männern sind austauschbar. Wir wissen nicht mehr welcher Krieg da gerade über den Bildschirm tobt. Auf den Bühnen Betroffenenmonologe, im Kabarett Säulendiagramme. Menschengeschichten, die uns berühren könnten - beiseite geschoben. Aber ohne sie zu sehen, können wir uns kaum mehr ein Schicksal vorstellen. 'Flüchtlingsströme', eine abstrakte Bedrohung, die wir aufhalten können, indem wir die Grenzen schließen. Welche Grenzen? Grenzen in der Wüste, im Dorf, im Lager, in ganz Europa? Um die Flut aufzuhalten? Menschen werden zu Wellen. Die Ströme bestehen nicht mehr aus Menschen.

Und der steigende Meeresspiegel - wie soll der aussehen? Das kann, das will sich schon keiner mehr vorstellen. In der Tat: Dem Menschen kommt die Imagination abhanden.
Warum hat er verlernt Geschichten zu lesen, Bilder zu erfassen oder gar Kunst zu verstehen?
Statt Theater zu besuchen, geht er, das Smartphone im Anschlag, ins Musical, ins Kaufhaus, zur nächsten Schlägerei. Jede Lüge wird geglaubt, jeder Betrüger wird zum Retter. In der Schule müssen tobende Kinder gebändigt werden. Theater, Musik, Bildung spielen auch hier keine Rolle mehr. Und auf der Straße - aufgepumpte Vollidioten, kurz vor dem Platzen, panische Pferdeschwänze mit riesigen Rucksäcken, überbesorgte Mütter, überbegabte Kinder... ja, ich hör ja schon auf.

Eine Reizung erfahren diese Konsumenten nur noch durch Performance und Flashmob im öffentlichen Raum. Überraschung. Das Sinfonieorchester auf der Einkaufsstraße. Wenn der Konsument nicht mehr ins Konzert geht, kommt das Orchester eben in die Einkaufsstraße. Gefühle kommen aus dem Herzkino, das Lachen aus den Comedy-Waschsalons - sauber bedient.
Politiker reden ununterbrochen von Erzählung (die Erzählung Europas), aber nichts wird erzählt.
Wir verdorren in unserer Dumpfheit, schauen wir gebannt in den Himmel, stöhnen unter der Hitze und erwarten den Einschlag des Blockbuster-Meteoriten, der alles Leben vernichten wird.
Aber es bleibt nur eine Wüste stacheliger Twitter Sträucher und ein brennender Facebook Dornbusch, den wir, wie befohlen, anbeten. Die Katastrophe ist da.

Montag, 27. August 2018

Wagenknecht will dass wir...

„aufstehen“. Nein. Ich will nicht schon, wenn der Wecker klingelt, an Sahra oder Oskar denken müssen.
Frau Wagenknecht will zum aufstehen zwingen. Warum? Dieser nullige, schnullige Sumpf, der sich als linke Sammlungsbewegung darstellt, hat doch nur Werbespots drehen lassen, die sowieso schon zum aufstehen und davonlaufen sind. Aber halt: was da so bewusst im Ungefähren bleibt, ist bei Sahra und Oskar Taktik. Das ist nicht Soft - das ist Hardware.

„Aufstehen“ ist eine Propagandaplattform, die krampfhaft verbergen will, dass sie eine Propagandaplattform ist - mit Hilfe von Twitter, Facebook und Internet. Auf der Plattform finden wir keine politischen Grundsätze, nur diese typischen, ganz natürlichen Menschen, die ganz natürlich über ihre Sorgen und Nöte sprechen müssen. Scripted Reality nennt man das. In Zeitlupe und mit kitschiger Musik als Untermalung, stolpern die Befragten ganz authentisch über ihre eigenen Sätze. Diesmal aber finden sie keinen Optiker toll oder werben für Abführtropfen - jetzt wollen sie: ‚aufstehen’.

Die ehrliche Empörung gegen Populismus, Rassismus, Unmenschlichkeit, wird hier zu Klein-Erna-Statements gegen 'die da oben.
Nur am Rande: Schon Dieter Hildebrandt sagte einst über das Fehlen guter Rhetoriker und Redner in der Politik: „Sie kalkulieren ihre Empörung“.

Und hier wird Empörung inszeniert. Die Macher haben begriffen, dass in unserer Schreihals-Gesellschaft gegen die da oben, eine Partei von da oben skeptisch macht. Also wollen Oskar und Sahra ihre populistische anti-westliche, pro-russische, Merkel-Muss-Weg-Politik unter die Leute bringen ohne sich verraten zu müssen. Am besten geht das eben in einem großen Mustopf, in dem sich jede Zutat auflöst, sodass nicht mehr herauszuschmecken ist, woraus diese Pampe besteht. Nur aus dem Beilagensalat wird ein hippes Video.

Beispiele gefällig?
Steve, der im Garten seinen Hund Whiskey streichelt, will Gerechtigkeit, Andi, der Lehrer („Ich bin der Andi“) macht Musik und meint „sag ich mal“ für eine neue Schule sein zu müssen - was für eine Überraschung - er läuft im Gegenlicht in Zeitlupe eine Treppe hinauf, Barbara, Tierschützerin, will Tiere schützen, Margot, die Rentnerin, wahrscheinlich auch. Sie küsst ihren Hund, die alte Fellnase, auf die Schnauze. Brillenfassung? Rosarot. Bei Jenny, Studentin, ist die Musik ein bisschen fröhlicher, während sie in Zeitlupe ein Rad schlägt. „Ich befass mich in der Masterarbeit gerad so n bisschen mit Großkonzernen...“ Aha. So n bisschen... Sie hat einen Nasenring und teilt ihre Sorgen mit uns: „was mir so n bisschen Sorgen bereitet... sind die großen Konzerne. Das macht mir Sorgen“ - wegen was? „Wegen regionaler Produkte. Hier geht Identität verloren.“ Ach ja, Identität. Auch so ein Lieblingsthema. „Wahrung kultureller Eigenständigkeit“, heißt es da. Die Identität ist in Gefahr. Durch wen oder was nochmal? Von Flüchtlingen ist nur indirekt die Rede. Wir wissen nur, Fremde vertragen wir nicht in zu hohen Dosen. „Konkurrent um die knappen Ressourcen“. Genau. Auch Gauland findet die Plattform toll.


Jetzt kommen auch noch deutsche Intellektuelle und Künstler ins Spiel. Dramaturg Stegemann schreibt über den Flüchtling, er sei ein Fremder, "dessen unbekanntes Verhalten zu Verunsicherung führen kann". Toll. So denkt der linke, intellektuelle Beilagensalat.
Einfach dem Volk aufs Maul schauen. Wir sehen echte Menschen, die mit original Dialektfärbung. Und wer zu keinem Gesichtsausdruck in der Lage ist, den verstehen wir durch die natürlich-tragische Geigenmusik zum Film: Deutschland dem deutschen Arbeiter.

Der Redakteurin Marie liegen Kinder am Herzen. Marie sagt: „Kein Kind sollte in Armut aufwachsen“ - wer spätestens hier noch nicht begeistert ist, der hat einfach kein linkes Herz.
Die Medien überschlagen sich geradezu für #Aufstehen. Also, genauer: die russischen Staatsmedien und Russia Today. Hier werden normalerweise Filmclips gefälscht und Lügen konstruiert. Hier schwadronieren Rechtsnationale - und natürlich ist Frau Wagenknecht Dauergast. Die Propagandakanonen schießen seit eh und je aus allen Rohren für Faschisten, Trump und Putin. Alles und alle gegen die verhasste Demokratie.

Der schon erwähnte Theatermacher hat vergessen, dass Künstler und Intellektuelle immer schon gegen jeden Krieg, gegen jede Gewaltherrschaft, gegen jede Diktatur, aufstanden, schrieben und inszenierten. Hier und anderswo. Bernd Stegemann, Dramaturg am Berliner Ensemble, schreibt nicht nur verschraubte Essays, er twittert auch für die Sammlungsbewegung - sein Profilbild: Stegemann an der Kremlmauer. Toll.

Wir sehen: Netz und Doppelmoral. Trotz Verfolgung der Opposition, Krieg in der Ukraine, in Georgien, in Syrien, trotz Annexion der Krim - keine, noch so kleine Kritik an Moskau, übrigens von keinem der gesammelten ‚Linken‘. Ludger Vollmer, Altgrüner, plappert tatsächlich von Pazifismus. Kaum zu glauben, dass Menschen behaupten für Demokratie oder Frieden zu sein und sich gleichzeitig einreihen zwischen Nationalisten und Anhängern einer Diktatur. So wird der Begriff 'Linke' vollends ad absurdum geführt. Pegida und Wagenknecht rufen gemeinsam: Hilf uns Putin.

Liebe Kollegen Praml, Engler, Lisa Fitz, Musikkabarettist Hagemann, Chansonier Meyer, Kabarettist Kröhnert, liebe Nina Hagen, Jule Neigel, und ihr anderen Künstler. Euer Motto: Aufwachen! Nächstes Mal könnt ihr ja versuchen genauer hinzusehen.
Wir alle, die für die demokratische Seite der Gesellschaft stehen, sollten keine Plattform gründen oder ein Video drehen. Sonst müssten wir noch kotzen, mit Geigenmusik und in Zeitlupe.
Besser wir stehen auf bevor es andere tun.

Sonntag, 29. Juli 2018

Tor!

Ich bin doch nur Fan des FC Arsenal, einfacher Fußballfan - und froh, wenn die Spieler nur spielen und nicht ständig reden oder posten oder twittern oder Fotos machen. Und jetzt Özil. Özil ist der Kapitän und schieß ein Tor. Und mich freut’s.

Wie war das früher? Tony Woodcock, Tony Adams, Thierry Henry, rotweiße Leibchen, Highbury, Meisterschaft - normal. Toller Fußball. Und jetzt? Mintgrüne Ausweich-Leibchen, Ärmelsponsor, rosa Binde, Emirates auf der Brust, Bürsten auf dem Kopf, ausrasierte Nacken, Tatoos auf jedem Flecken Haut. Die ständig sich bekreuzenden Torschützen und Auswechselspieler hab ich noch unter Folklore abgehakt, aber mittlerweile ist der heilige Rasen zum Gebetsteppich geworden, passend zu den tätowierten Kreuzen, Schriftbildern, Marienbildchen, oh Gott... Was kommt noch? Die jüdischen Tottenham Hotspur spielen gegen das muslimische Arsenal?
Muss ich jetzt als Fan des FC Arsenal konvertieren?
Die wollen nur spielen und ich will nur zuschauen. Oba auf Özil: Tor.
Oba ist eben ein Wilder. Und Özil kämpft gegen den Faschismus. Wie wir früher. Also: Alles gut.

Dazu kommen noch so ein paar Kleinigkeiten. Denn dass der Ärmelsponsor Ruanda die Hälfte der britischen Entwicklungshilfe, etwa 35 Millionen, dem englischen Club überweist, um mit ihm für den Tourismus zu werben, ist doch auch normal, oder? Warum soll ein armes Land nicht auch Sponsor sein können. Nur weil die Kolonialisten sich mal wieder paternalistisch aufspielen müssen? Fußball hat ohnehin keine Moral mehr. Weiß ich doch. Bei Scheiß Chelsea sieht es noch viel schlimmer aus.

Wenn Arsenal um die Meisterschaft spielt, werde ich ohnehin alle Bedenken über Bord werfen. Ich kenn mich doch.
Ich kann nicht anders.
Und Özil? Wie glücklich er von der Bank in die Kameras gewinkt hat, als ihm die Fans im Stadion zujubelten.
Da war er wieder, der Siegertyp, also der echte Engländer.
Ich habe ihn schon immer gerne spielen sehen, den Melancholiker, der so wundersame Pässe spielen kann. Und ich war froh, dass er für die Gunners aufläuft.

Hashtag #WirSindÖzil - nein, so schlimm muss es dann doch nicht kommen. Ich bin nicht Özil. Und Emr Can, der sich eben nicht mit Erdogan getroffen hat, auch nicht - und der kurdische Fußballspieler Deniz Naki ebensowenig.

Deniz Naki nennt Erdogan einen "Völkerrechtsbrecher" und wurde dafür im Netz "kurdischer Terrorist" genannt.
Der Ex-Profi (Amed SF, Bayer Leverkusen, FC St. Pauli) stellt Mesut Özil im Netz die Frage, warum er nicht auch in der Türkei gegen Rassismus aufstehe. Er schreibt: "In deiner Erklärung gehst du berechtigt auf den dir begegneten Rassismus und deine diesbezüglichen Gründe ein, die Nationalmannschaft zu verlassen. Wieso zeigst du diese Reaktion nicht, wenn es in der Türkei immer mehr zu rassistischen und faschistischen Angriffen auf mich oder auf kurdischstämmige oder zu anderen Minderheiten gehörenden Fußballern kommt?"

Naki ist in der Türkei lebenslang für den Fußball gesperrt.
Özil spielt in England um die Meisterschaft. Hoffentlich. Was bewegt mich mehr?
Mit dem 1.FC Köln wird das ja wohl nichts mehr. Zumindest nicht so bald.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Glattbügelpresse

Was ist los? Unter der Prügel von rechts, unter dem ununterbrochenen Geschrei von ‚Fake News‘ und ‚Lügenpresse‘ sind die Medien offenbar schon von alleine dabei zusammenzubrechen, sich selbst abzuschaffen.

Noch werden Sender nicht abgeschaltet von rechtsnationalen Idioten. Sie haben nicht die Macht. Aber unsere Medien verschaffen ihnen gerade diese Macht, freiwillig. Sie geben keiner Partei eine größere Plattform als der rechtsnationalen AfD. Als ob sie um ihre Abschaltung und gleich um die Zerstörung der Demokratie betteln wollten.

Parlamentsdebatten haben ausgedient, dafür gibt es ja die Talkshow.
Der Chef des ARD-Politmagazins „Monitor“, hat zuletzt kritisiert, dass in Talkshows nur noch Schlagwörter aus dem rechtsnationalen Spektrum als Überschriften taugen. „Ich teile die Kritik dass mit der Übernahme von Begriffen wie 'Flüchtlingsflut' ... rassistische Kampagnen der AfD verstärkt werden“, sagt Georg Restle und findet das widerwärtig.

Natürlich - auch vorher haben die Medien schon fleißig gebettelt und ein Netz der Dummheit gesponnen. Die Kastelhuber Spatzen pfeifen es schon lange von den Dächern. Schlimm genug, dass wir uns die weiße Massai, das Traumhotel, oder das Traumschiff bieten lassen müssen, klebriger, klumpiger Kolonialkitsch. Herzkino à la Leni Riefenstahl. Der bildungsferne Zuschauer ist begeistert. Fernsehen eben. Und YouTube für ihre Kiddies eben mit Hip Hop Gangsta Rassismus. Alles normal.

Seit einiger Zeit aber zieht das Tempo an, jetzt wird es Ernst.
Jede Talkshow ein Gruselkabinett. Nur noch die Säcke und Besen aus den Reihen neuer Nazi Parteien. Zur besten Sendezeit dürfen sie hetzen und dementieren.

Noch höher die Quote in der Halbzeitpause eines WM-Spiels - da wird natürlich ein Interview mit dem Rechtsnationalen Hassprediger Gauland fällig.
Und im Juli taucht tatsächlich der rechtsnationale Sprecher der AfD in einem Sommerinterview der ARD auf. Seid ihr noch ganz dicht? Dicht sind hier offenbar die Grenzen des Verstandes. Meuthen bestätigt, er sei für eine Kooperation mit der italienischen ‚Lega‘, sie hätten die gleichen Ziele. Die Journalistin, die das Interview führt, ist nicht in der Lage dieses Bündnis als das zu benennen was es ist, das Bündnis mit einer faschistischen Partei, oder, noch besser, das Interview an dieser Stelle zu beenden, um klar zu machen, ein Abgeordneter, der sich mit einem Parteichef solidarisch erklärt, der Flüchtlinge „absaufen“ lassen will und diese als „Menschenfleisch“ bezeichnet, hat kein Recht mehr, als Gesprächspartner Ernst genommen zu werden.

Eine Partei, die menschenverachtende Politik betreibt, sich der Sprache der Nazis bedient, ist keine ganz ‚normale‘ Partei. Wann begreift ihr das endlich? Mit Hetzern kann es kein ‚Gespräch‘ geben. Aber das Fernsehen besäuft sich an seiner eigenen Ausgewogenheit, bis es untergeht.

Montag, 23. Juli 2018

Trump beherrscht die Welt

Ein neuer politischer Stil. Und alle machen mit.
Keine Begegnungen mehr, keine Augengespräche, keine Presserklärungen.
Trump hat es vorgemacht und alle folgen. Politiker twittern die Gesetze, posten den nächsten Panzereinsatz und teilen den nächsten Regierungs-Tweet.

Es wird nur noch getwittert und gezwitschert. Großartiger Junge. Kompletter Versager. Fantastische Deal. So in der Art. Big Day. Big Deal. Big Daddy. So sad.
Früher stand auf den amerikanischen Bomben: Peace Maker. Die Botschaft erreichte den Empfänger noch etwas schneller und war auch verständlicher. Ein explosiver Tweet sozusagen.

Hier in Deutschland steht zumindest noch auf den Dosen: Mindestens haltbar bis... 
Asyl Tourismus, Herrschaft des Unrechts... Mindestens haltbar bis 1945? Nein. „Umvolkung“ „Lügenpresse“... gibt’s heute noch.

Seehofer wehrt sich gegen ‚Sprachpolizei‘.
Gute Idee: Sprachpolizei - und Sprachabschiebungen. Weidel, Höcke, Gauland - ab nach drüben.

Sonntag, 22. Juli 2018

Fraschnullige Pengagine

Fraschnullige Pengagine sind großartig. 

Unbekannte Lebensformen beinahe. Und damit das so bleibt, wehre ich mich gegen Autokorrektur. Die Pengagine sind eben keine Pentagone, sie sind einmalig. Und wenn sie erst einmal fraschnullig sind... toll. Das muss man gesehen haben. Entschuldigung. Das ‚Man‘ natürlich mit von beiden Händen mit jeweils zwei Fingern in die Luft gemalten „Gänsefüßchen“. Und vielleicht mit schief gelegtem Kopf. Oh. So sieht der Sprechende schon fast so aus wie ein fraschnulliger Pengagin. Und kein Bengalin. Die Welt ist schon über und über bevölkert mit unfraschnulligen Nicht-Pengaginen.

Nachdem die piepsende Enten und quakende Gänse an schlechtem Geschmack zugrunde gegangen sind, hatten auch die röhrenden Ratten kaum noch eine Überlebenschance, obwohl sie verzweifelt zwischen Sportstudios und Mama hin und her wetzten, sich das Fell bis auf eine Bürste auf dem Kopf über die Ohren ziehen - und dann die übriggebliebene nackte Haut mit dummen Sprüchen und Bildchen verzieren ließen. ‚Verzieren‘ natürlich mit von beiden Händen mit jeweils zwei Fingern in die Luft gemalten „Gänsefüßchen“. Aber ohne schief gelegten Kopf, das sähe schwul aus. Und dann wären ja alle wie alle. Und wie alle will ja keiner aussehen. Also wollen alle so aussehen wie alle anderen. Und auf diese Weise gibt es nur wenige fraschnullige Pengagine. Aber die haben es in sich. 

Montag, 25. Juni 2018

#zsmmn #WM2018

Der offizielle Hashtag des DFB heißt, man glaubt es kaum: #zsmmn - das sagt alles. Wie jeder Hashtag. Wie der WM-Song: „Wir sind zsmmn doof“.
Hashtag, Laute, Silbenklumpen - Silben ist reden, verschweigen ist Gold. #zsmmn - Hashtag eines unerträglichen Zustandes in der Politik, der Kultur, im Fußball. Jenseits von Spots, Songs, Tweets und Hashtags sieht die Wirklichkeit anders aus. Alles kracht auseinander. Niemand ist mehr zsmmn. Weder Europa, noch Deutschstämmige und Deutschmächtige, geschweige denn Seehofer und Merkel, BAMPF, Ämter und Politik, FIFA und der Fußball, Fußball und die Nationalmannschaft. Özil und Gündogan nicht zsmmn mit der Mannschaft. Denn da ist dieses dumme Foto - und wenn nicht dumm, dann noch schlimmer.

Bierhof, Sprecher von Le Mannschaft, frisch vom Händeschütteln mit Haargel-Sponsoren zurück, erklärt entschuldigend, man müsse verstehen wie die Türken ticken.
Türken ticken wie Zeitbomben, man weiß nie, welchem Präsidenten sie als nächstes die Hand geben. Treffen mit Präsidenten von Gottesstaaten, Autokonzernen, Geldübergabeinstituten, Scheichs, Zaren, Energieriesen und Gazprom - das ist ja ohnehin schon Tradition...

Dazwischen kommen nur noch die lästigen Pflichttermine: Filmaufnahmen für die Respect-Kampagne gegen Rassismus, die mittels Morphing zeigt, wie über hässlichen Gesichtern ständig die Frisuren wechseln. Hoffentlich verderben die ganzen Anti-Rassismus-Spots nicht den Fototermin mit dem nächsten Tyrannen.

Alles ist gut. Erdogan hat die Kampagne gegen Rassismus nicht übel genommen. Huldvoll lässt sich der Sultan mit seinen Helfern Özil und Gündogan ablichten.
Das nützt bei den Wahlen und außerdem ist die Türkei der einzige Konkurrent Deutschlands um die Bewerbung Ausrichter der nächsten EM.
Die EM ist sicher. Alles ist sicher. Alles ist gut.
Außerdem kommen wieder einmal die Unter-Den-Teppich-Kehrer zu Hilfe und behaupten, Kritik an Özil und Gündogan sei Rassismus.
Nein, ist es nicht. Ägyptens Mo Salah hat sich wegen der Propagandafotos mit dem Mörder und tschetschenischen Diktator Ramsan Kadyrow zumindest sehr unwohl gefühlt. Emr Can, deutscher Nationalspieler (nicht nominiert), hat sich sogar einem Foto mit Erdogan verweigert. Es geht also auch anders.

Özil und Gündogan mussten sich allerdings keine Sorgen machen: von der Nationalmannschaft wird ein Spieler nur dann ausgeschlossen, wenn wir es mit wirklichen Verbrechen zu tun haben - wir erinnern uns nur an Effenberg und Schumacher: Mittelfinger zeigen oder ein Buch schreiben. Da versteht der DFB wirklich keinen Spaß. Aber Diktatur, Hooliganismus, Korruption - Entschuldigung: Fußball ist ein Männersport. Die Fragen nach Doping, Menschenrechten, Meinungsfreiheit bleiben Fragen für Weicheier. Alles ist gut.
Außerdem beteuert der DFB, die beiden stünden voll hinter dem Grundgesetz. Jetzt fehlt nur noch der Satz: Der Trainer sitzt auch nächsten Samstag noch auf der Bank.

Nach-Vorne-Schauen-Phrasen, Marketing, Abschottung, das alles passt zwar zur Türkei und auch nach Russland, aber immer noch nicht, so hoffte ich bis jetzt zumindest, zu einer deutschen Nationalmannschaft. Verunsicherung. Auch das Fußballspiel bleibt so letzten Endes auf der Strecke. Das war gut zu sehen gegen Österreich, gegen die Saudis und im ersten Vorrundenspiel gegen Mexiko. Weil eben nichts zsmmn ging. Oh oh ohhh.

Die Spieler liefen in der Gegend herum wie bestellt und nicht von der Agentur abgeholt. Plattenhard, Müller - das Phlegma von Özil und Khedira, die Phantome der Opas, keine Tempowechsel, kein Kombinationsspiel - Masterplan und nichts dahinter.
Fußball, Spiel, Mut, Unberechenbarkeit - sie kamen nicht nur nicht zusamm. Es war eine Gleichung mit mehreren Unbekannten. Welche Risse und Brüche sind hier sichtbar geworden?

Zusamm bleim... Ich kann den Schwachsinn nicht mehr hören. Deshalb habe ich diesmal auch so wenig Lust auf eine WM. Kommerziell war die Veranstaltung immer schon - aber das alles ist zu einem Super-Event verkommen, das erst durch Korruption und Käuflichkeit zustande kommt, dann von Sklaven gebaut wird, von gedopten Spielern bevölkert, der Geheimdienst hat auch noch die Hände im Spiel und kein Schiedsrichter weit und breit. Während der Gastgeber seine Gegner im Lager verrotten lässt, bekommen wir Putins Nutten, Bier, Gazprom und Schröder zu sehen. Widerlich.

Und auf dem Platz nur noch Werbeikonen, beleidigte Grazien wie Neymar oder Messi, Gladiatoren wie CR7 - Typische Szene im Spiel gegen Mexiko. Kroos pflanzt sich Nase an Nase vor dem Schiedsrichter auf. Soll heißen: Ich bin Real, ich bin Chef. Der Schiedsrichter schiebt ihn auf Abstand und macht ihm klar: Ich bin der Chef. Dieses Posen, alle Posen aller aufgepumpter Tätowiermodelle ist nichts - vor allem keine neue ‚Körpersprache‘ - nur Theaterdonner.

Und dann doch noch Fußball wie wir ihn lieben. Wieder Kroos. Fehlpass. Staunen, Null zu eins. Kampf, Ausgleich. Zu wenig. Letzte Sekunde vor dem Ausscheiden in der Gruppenphase. Freistoß. Wieder Kroos. Drin. Aufschrei. Erlösung.

Und gute Mannschaften: Kolumbien, Island, Schweiz, Belgien, England, Kroatien... Sie sind heiß auf das Spiel. Wird es darum in Zukunft überhaupt noch gehen? Ich will wieder Lust auf Fußball bekommen, ich will gute Gespräche, Vernunft und eine demokratische Gesellschaft. Ja, ich weiß. Sonst noch was?

Freitag, 13. April 2018

Nazi 'Echo'

Vortäuschung einer Preisverleihung, Vortäuschung von 'Musik', Vortäuschung von Qualität, Vortäuschung einer Fernsehsendung. Eine widerwärtige Veranstaltung war die 'Echo'-Verleihung immer schon. Eine Werbe-Show, die ausschließlich Verkauf und Mainstream feiert.

Dass uns hier die ganzen verblödeten, vernuschelten Lallkönige aufs Auge gedrückt werden, wissen wir. Dass die Frigiditätskönigin Fischer hier Dauerpreisträgerin ist, wundert niemanden mehr.
Dass sprachunfähige, aufgepumpte Wortspucker uns ihre Gewaltphantasien entgegenschleudern, finden die meisten schon lange normal. Fotze, Schwuler, aufhängen, jagen - kein Problem - ist ja Hip Hop.

Aber dass Bumms, Schwanz und Brudaa jetzt auch schon härteste Nazi Kacke auf dieser Veranstaltung verkaufen dürfen, ist neu. Ah, da sind sie ja, die mit dem dummen Gesicht, Kampffrisur, aufgeblasene Oberarme, IS-Bart, Goldketten, Klunker - wo sind ihre Nutten? Ah ja, da.
Bang und Kollegah - ja wir wissen, ihr seid zu doof Namen richtig zu schreiben - rotzen und witzeln und mumpfen und dumpfen, schlagen um sich, beleidigen und hetzen.

"Diese Syrer vergewaltigen dein Mädel, Bitch
Sie sagt, 'Lass mich in Ruhe!', doch er versteht sie nicht
Zerlege dich, gab mir Testo
Mach' dein Bahnhofsghetto zu Charlie Hebdo
(...)
Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen
Ich tick' Rauschgift in Massen, ficke Bauchtaschenrapper
... ah"

Nein, der Text ist echt. Echt.
Wo sind wir hier gelandet?
Leider wurden die psychisch gestörten Dummbeutel nicht an Ort und Stelle verhaftet, sondern bekommen auch noch einen Preis für "Jung, Brutal, Gutaussehend 3"

Und warum?
"Dieses Album kommt, weil ihr wieder Ansagen braucht
Fuck mich ab und ich ficke deine schwangere Frau (ah)
Danach fick' ich deine Ma, die Flüchtlingsschlampe"

Ach so.
So viel zum 'Echo'. Und noch etwas: Hat das Publikum diese Musik-Terroristen von der Bühne gejagt? Nein.
Wer von den Stars hat bei dieser 'Preisverleihung' das Maul aufgemacht? Der Preisträger Mark Forster, der so lange auf seinen Preis warten musste? Der wollte schön brav sein. Die Helene Fischer? Sicher nicht. Sie würde ihre ganzen AfD-Groupies verlieren. Alles in allem eine Schande. Soviel zu unserer Musikszene. Nur Campino hat protestiert. Das macht ihn fast sympathisch. Aber er stand auf verlorenem Posten. Soviel zu 'Gesicht zeigen'.

Fazit: Wenn in der Schule ein weiterer kleiner Kapuzenträger auf einen Scheiß Juden spuckt oder einen Schwulen verprügelt oder ein Mädchen ohne Kopftuch als Schlampe bezeichnet, wissen wir, dass ihre preisgekrönten Vorbilder ihre Arbeit getan haben. Gedeckt vom Schweigen der Anderen.

Montag, 9. April 2018

Und wieder: psychisch Gestörte

Ein psychisch gestörter Mann fährt in einem Campingwagen in eine Menschenmenge vor einem Restaurant. Münster trauert. Die Menschen halten inne. Die Trauer wird natürlich sofort von Tweets gestört. Die psychisch gestörte Bundestagsabgeordnete Frau von Hass twittert sofort. Alle Gestörten müssen immer sofort twittern.
'WIR SCHAFFEN DAS' twittert sie, garniert den Tweet mit einem Hass-Emotion, das ein dummes kleines Gesicht mit Hass-Grimasse zeigt. Unverkennbar das Profilbild der Frau von Hass, vom Blute derer von Storch.

Das dumme kleine Gesicht ist tatsächlich Mitglied des deutschen Bundestages geworden, weil viele dumme, kleine, verschreckte Gesichter aus einer Menge Gesichtsloser das Kreuz an der rechten Stelle machen mussten. Hat das Kreuz schon Haken? Wenn wir uns die Hackfressen ansehen, mit denen das kleine, dumme Gesicht im Parlament sitzt, dann heißt die Antwort: Ja. Wir müssen das Schlimmste befürchten.

Der psychisch gestörte Mann im Wagen ist offenbar ausnahmsweise kein psychisch gestörter Religiöser, sondern ein psychisch gestörter Gestörter, der andere mit in den Tod reißen wollte. Die psychisch gestörte Frau muss trotzdem zwanghaft twittern. Zwanghaft twittern ist eine Gewohnheit der psychisch Gestörten geworden. Egal was passiert, sie twittern 'WIR SCHAFFEN DAS' - also, den Hass zur Regel zu machen und ihn in handelsüblichen Simpelbotschaften in die Menge zu feuern.

Wer ist verantwortlich für das Böse? Sind es die Terroristen, die psychisch gestörten Religiösen oder die psychisch gestörten Gestörten... vor allem - wo ist der Unterschied? Frau von Hass kennt sich da aus, aber sie feuert nur dann auf die Gestörten, wenn sie aus einem anderen Land kommen oder von anderer Religion sind. Und wenn die jetzt noch nicht im Auto saßen, dann bald. Das ist eine Drohung. Sie kennt sich da aus.

Die psychisch gestörten Religiösen wollen andere mit in den Tod reißen, damit sie im Paradies der psychisch Gestörten als Helden gefeiert werden können. Die psychisch gestörte Hasspredigerin bleibt leider Abgeordnete, bis wir Gesicht zeigen und sie abwählen.

Mittwoch, 4. April 2018

Dann kam der Osterhase zu Besuch

Auch Ostern ist vorbei. Das war anstrengend. Der Papst musste mal wieder seine Brüder Urbi und Orbi wie jedes Jahr auf dem Balkon dem versammelten Volk zeigen, das entzückt jubelte. Das Fernsehen musste natürlich alles auch noch übertragen. Die große Urbi und Orbi Show im Carmen Nebel.

Und der Osterhase musste trotz dieses Events seine jährliche Performance mit Eiern absolvieren. Obwohl keiner an ihn glaubt, außer ein paar Kinder - musste er mit dieser Performance auf Tour gehen. Wie jedes Jahr.
Die meisten Nicht-Hasen glauben ja lieber an Gespinste und zornige Männer mit Bärten, der Osterhase aber musste den Osterhasen spielen. Wie jedes Jahr.
Der Osterhase war müde und wollte wohl mit jemandem sprechen. Aber warum ausgerechnet mit mir?

Als Kind habe ich ihn nie zu Gesicht bekommen, aber jetzt musste er ausgerechnet bei mir klingeln, die Kiepe abstellen und sich an meinen Tisch setzen, um sich einmal richtig auszusprechen.
Bei einer Tasse Kaffee geriet er ins Erzählen. Jedes Jahr die Performance mit den Eiern - und er wüsste nicht warum - und dann die blöden Hühner, die nur zuschauten und er allein müsste die ganzen Eier überall verstecken, ob große oder kleine Locations, damit das Publikum sie suchen könne - Überraschungseier, aber was bedeutete das, gesellschaftlich? Und dass sein Akku schon im roten Bereich sei...

Meiner auch, sagte ich und geriet auch ins Erzählen. Der Osterhase machte den Mund zu und spitzte die langen Ohren. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Ich redete und redete. Proben laufen für die MÖWE. MÖWE? Ja, MÖWE. Tschechow. Ein paar Tage frei und Durchatmen. Ohne Osterhase. Der Osterhase schaute traurig über den Rand seiner Tasse.
In den letzten Wochen, erzählte ich weiter, hätten wir nicht so viel Zuschauer gehabt, wegen Ostern - gerade mal zwanzig bei den KÄFERN - KÄFER? Ja, KÄFER. Die seien durchaus beeindruckt gewesen - inklusive drei aus Düsseldorf, die es gut fanden, mal da gewesen zu sein - und die Schauspieler wären ganz beseelt gewesen und vor ein paar Tagen hätte ich den Spielplan fertig gemacht und ein paar Entscheidungen gefällt. Zum Beispiel, dass ich im zweiten Halbjahr PÜDEL TAM TAM auf die Bühne bringen würde... PÜDEL TAM TAM? Ja, PÜDEL TAM TAM... Auf die Bühne? Ja, auf die Bühne.
Der Hase trank hastig aus, sah irritiert auf die Uhr, sagte: "Muss geh'n, muss geh'n, auf Wiedersehen", hoppelte davon und warf die Tür hinter sich zu. Ich dachte: So geht es also auch.
So bin ich den Hasen wieder los geworden. Aber erleichtert bin ich immer noch nicht.

Montag, 2. April 2018

Bomb Mom

Oh mein Gott!
Da kursiert mal wieder eine gaanz tolles Video auf FB. Wie immer unter dem Motto: „Ihr werdet es nicht für möglich halten“. Doch.

Es geht um eine Mutter. So eine richtige tolle Mutter mit diesem ernsthaften Tolle-Mutter-Gesicht und dem Ich-Nehme-Meinen-Sohn-Ernst-Gesicht. Und mit der Oh-Mein-Gott-Mimik und Sätzen wie „ich bin fast ausgeflippt“ während sie mit ihren Händen diese aufgeregten Kreisbewegungen macht. Dieses große, aufgeregte Kreisen, das sagen soll „Hört ihr mich? Ich habe meinen 10jährigen Sohn schon so gut abgerichtet, dass er die gleichen Sätze sagt wie ich. Zum Beispiel: ‚Wir müssen reden!‘“
„Was passiert hier?“ fragt sie sich, verzerrt ihr Gesicht, macht eine hochschwangere Pause, schaut aus den Augenwinkeln nach rechts und gestikuliert mit kreisenden Händen. „Normalerweise ist mein Sohn spontan“ - die Sache wird immer spannender. Sie flippt aus. Riesige Handkreisbewegungen. Verzerrte, angstvolle Gesichtszüge.

Diese Mutter gehört zu den Müttern, die ihre Söhne „Buddy“ nennen. Das Ganze müssen wir uns ohnehin in breitem Kaugummi-Amerikanisch vorstellen. Bis wir endlich wissen worum es geht: „I am straight“ Das bekennt ihr 10jähriger Sohn. Wie süß. Die Botschaft ist: Egal ob schwul oder straight - Menschen sind alle gleich! Das sind die Gespräche zwischen aufgeregten Müttern und ihren Söhnen. Heutzutage.
In solch einer Welt sollten wir alle leben, meint das amerikanische Muttertier. Kinder sollen ganz offen und ganz „straight“ sein.
Um dem noch die Krone aufzusetzen: Das Ganze gibt es als Serie und die heißt tatsächlich „Truth Bomb Mom“. Folge: Coming out. OMG.
Meine Mutter, vor vielen Jahren, sagte einfach: „Jetzt nichts Süßes mehr, gleich gibt es Essen“.
Das waren noch Gespräche.

Mittwoch, 28. März 2018

Frauen. Frauen und Bäume.

Frauen und Bäume und ein Beobachter. So wollte ich das schreiben, als ich noch jung und unschuldig war. Dann ist mir dieser Schweizer Dichter zuvorgekommen, Gomringer, der hat dann für ähnliche Zeilen einen Preis bekommen. Aber dafür muss er jetzt auch büßen. Denn so kann mann das ja nicht schreiben. Das hätte er wissen müssen. Ich hab das damals schon befürchtet.

Bewunderer – Beobachter. Das geht zu weit. Schon stehen Frauen auf den Barrikaden. Das muss verboten werden. Denn der Beobachter ist ein Sexist, weil er beobachtet. Und dann dachte ich: Nein, Frauen, ihr seid nicht so dumm. Eine böse Dystopie.

Alice Salomon Hochschule Berlin - in altem Zustand
Tut mir leid. Weit gefehlt. Es ist schon soweit. Das Gedicht stand an der Gebäudewand einer Uni. Aber Gott sein Dank gab es dort nicht nur Studenten, sondern auch Studentinnen, nein, Studierende, obwohl - Studentinnen sind nicht unbedingt Studierende - aber auf jeden Fall Frauen. Also sorgen sie für Säuberung. Das Gedicht musste übermalt werden, Gott sei Dank.
Entschuldigung. Göttin sei Dank. A propos:
„Wann haben Sie zum letzten Mal was gemalt?“ fragt die Moderatorin von ‚heute plus‘. Ah, eine Frau in den Medien.
„Also nicht die Kuli-Kritzeleien, die beim Telefonieren entstehen“, moderiert sie, sondern - malen nach Zahlen. Das unbewusste, kreative Gekritzel ist - was? Entartet?
Genial. Kichernde Frauen treffen sich zum Nachmalen. Sie malen einen Affen. So einen wie auf Hauswänden. Street Art. Was ist Nachmalen? Nachmalen ist für die Frauen Freiheit. Die Reporterin ist natürlich dabei, um alles zu beobachten. Auch sie kichert und quietscht, wie die anderen Teinehmerinnen.

In den Museen sorgen die besorgten Frauen dafür, dass Bilder abgehängt werden, aber hier machen die Frauen selbst Kunst, rufen, wenn sie fertig sind „Ta daa“ - und präsentieren ihre Bilder. Nachmalen ist schwierig, aber sozial. Das ist die Hauptsache. Das lernen die Frauen in diesen Workshops. Malen nach einer Vorlage. Was ist das Ziel in diesem Spiel? Ziel ist: Gute Laune. Was sonst. Kommt aus Amerika: „Social Painting Event“. Bewundernswert.
Die Männer telefonieren derweil, kritzeln sich was zusammen und hören Musik.
Aber die Frauen wissen: Auch Musik kann Frau selber machen. Auch dafür gibt es Events. Rudelsingen. Für die gute Laune. Rudelsingen von Schlagern, da singt Frau sich frei, denn Musik muss gute Laune machen. Vergesst Mozart. Oh Gott, ich habe gesungen, oh Gott, ich habe gemalt und es hat Spaß gemacht.
Das ist auch eine Kunstauffassung.

Danke, liebe Frauen. Danke für Rudelsingen, den ein oder anderen Hashtag. Danke für Fahrradhelm und Cappuccino bei der Totalüberwachung der Kinder. Danke für das gleichzeitige Verfassen einer Petition gegen Datenspeicherung, natürlich. Teilen, teilen, teilen. Und alles gewaltlos. Vegetarische Malerei, vegetarisches Singen, vegetarisches Übermalen.
Kein Sex in der Kunst. Bitte keine Nackten. Modelle sind Objekte.
Böse Schauspieler müssen aus Filmen herausgeschnitten werden. Böse Bücher müssen verboten werden.
Buddha Statuen sprengen. Ach nein, das waren die anderen.
Und auf jeden Fall müssen wir noch alle Lieder und Gedichte umtexten, die sexistisch sind von wegen Beobachter und so. Und erst wenn die Beobachter abgeschafft sind, kann es heißen: Alle Menschen werden Brüder – nein, auch nicht, das geht gar nicht. Besser Schwestern. Und dann: Bitte kein Vaterland. Besser Mutterkuchen. Gott sei Dank. Nein, Göttin sei Dank. Genau.
Und da Gott eine Dame ist, sollten wir auch anders beten: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Dämlichkeit in Ewigkeit. Amen.
Liebe Frauen, ich bewundere euch immer noch, aber ich bin nicht auf eurer Seite. Die Rache für Hexenverbrennung ist nicht die Bücherverbrennung.

Quellen: heute plus vom 17. März 2018; Alice Salomon Hochschule Berlin 2018; Gleichstellungsbeauftragte Kristin Rose-Möhring im SPD-geführten Bundesfamilienministerium 2018

Mittwoch, 14. März 2018

Alle vernunftbegabten Wesen denken...

Demokratie ist toll. Aber manchmal... Wahlen in Österreich, Wahlen in Italien. Klingt wie ein Witz, ist auch einer. Berlusconi, der bemalte Holzkopf, Grillo, der schreiende Lockenkopf, Nazi, Nazi! Der Sultan mit Tourette Syndrom, Nazi, Nazi!  Dazu die Gouvernante May, Hand in Hand mit Donald, die Säcke Strache und Blocher, dann das polnische Rumpelstilzchen, der Österreicher im Konfirmationsanzug, der ungarische Blödmann. Und dann noch: Der Riesenidiot mit dem Wortschatz eines Sechsjährigen. Trump droht mit Feuer und Zorn, denn sein roter Knopf ist der größte. Putin, der Popanz, droht nackt auf einem Pferd mit der längsten Rakete der Welt, der kleine Koreaner friert sein Lächeln ein und droht mit der dicksten Rakete der Welt, Xi, der Oberbonze droht mit der längsten Amtszeit der Welt - es nimmt kein Ende...

Und womit drohen wir? Wir drohen einfach zum wiederholten Mal mit Stabilität.
Ja, Deutschland scheint im Vergleich mit anderen Chaos-Clubs geradezu wie ein Zentrum von Vernunft und Seriosität.
Obwohl wir doch genug echte Komiker haben. Schulz und Scholz, der CSU-Comedy Club, das Lindner Baby, der grüne Hofreiter ohne Pferd - und so fort. Aber selbst die werden noch zur Vernunft gebracht. Von Angela. Ruhe! Anschließend Kartoffelsuppe.

Richtige Horror-Clowns gab es nur in früheren Zeiten. Das haben viele schon fast vergessen. Wie war das noch? Erbsensuppe, Schäferhund, dicke Hose, Stiefel, komischer Gang. Dieser Chaplin kam als Flüchtling von Österreich nach Deutschland, nannte sich Hitler, schaffte Presse und Parteien ab, um sich anschließend durch die Straßen zu prügeln, durch Europa zu metzeln und ganze Völker niederzumachen. Das ist eben das Problem mit richtigen Witzfiguren. Alle vernunftbegabten Wesen denken: Der Spuk ist bald vorbei. Und dann wundern sie sich. Denn diese Clowns werden nicht nur an die Macht geputscht, sondern sogar gewählt. Von wem? Von diesem erregten Publikum, das schon lacht, wenn sich Witzereißer über die Schwächeren hermachen. Bei jedem Kracher wird geklatscht und gejohlt, bis die Clowns plötzlich anfangen auf die ersten Reihen zu zielen und ins Publikum zu schießen. Dann aber ist es zu spät, dann ist die Show vorbei. Schreiben wir also lieber unser eigenes Stück, bevor es zu spät ist.

Freitag, 16. Februar 2018

Deniz Yücel ist frei

Der in der Türkei gefangengehaltene Journalist Deniz Yücel ist frei. Erdogan, Führer der türkischen Terrormiliz AKP, lässt die Geisel nach über einem Jahr ziehen.
Endlich!

Die Geisel wurde vor über einem Jahr ohne Grund entführt und eingekerkert, jetzt ließ man den Journalisten ebenso plötzlich und ebenso ohne Grund wieder frei.

Das Großmaul,  der alle als Nazis beschimpft, schrie noch ein Versprechen in die Mikrophone: "Solange ich Präsident bin, kommt dieser Terrorist nicht frei". Und wieder eine Lüge.

Donnerstag, 15. Februar 2018

Kinder erschießen - normal

Amoklauf an einer amerikanischen Schule. 17 Tote, mehrere Schwerverletzte. Überrascht?

Wie wir wissen, ist das Töten in Amerika normal. Auch Kinder dürfen regelmäßig erschossen werden. Zum anschließenden Ritual gehört: Beten, Bitten um Verschärfung der Waffengesetze, dann der erneute Beweis, dass die Abgeordneten von der Waffenlobby bezahlt werden - und - die nächsten Schüsse auf Kinder.

Die Kinder laufen mit Waffen durch die Gegend und posten das auf Instagram. Keine Sorge. Normal.
Vielleicht tragen auch die Eltern Kappen, wie der Amokschütze, mit der Aufschrift "Make Amerika Great Again". Ganz ruhig. Alles normal.

Jagen, verspotten, vergewaltigen, um sich schießen. Trump ist ihr Präsident.
Eine seiner Tweets ließ aufhorchen: Das Problem seien die psychisch Kranken.
Er schließt einen Rücktritt trotzdem aus.

Nachtrag: Kinder und Waffen - die dritthäufigste Todesursache bei amerikanischen Kindern (Quelle: Newsweek)

Nachtrag: Die Schülerinnen und Schüler wollen nicht mehr nur beten und schweigen. Sie demonstrieren, protestieren, schreien ihre Wut heraus. Ein Mädchen, außer sich, sagt auf einer Kundgebung, das Problem seien eben nicht die psychisch Kranken, ein psychisch Kranker hätte mit einem Messer nicht so viele Menschen töten können. Die Überlebenden haben die Nase voll.
Hut ab vor den zornigen jungen Menschen, die nun eine große Demonstration in Washington planen.


Sonntag, 11. Februar 2018

SPD - vorläufig letzter Akt der Tragödie?

"Wann wir schreiten Seit' an Seit' und die alten Lieder singen"...  das singen die Genossinnen und Genossen immer noch, obwohl sie offenbar nicht verstehen, was "Seit' an Seit'" überhaupt bedeuten soll. Mir fällt eher das Lied von Aznavour ein: "Du gute alte SPD, wie siehst du aus, ach das tut weh..." Wir haben es hier mit der Partei zu tun, die mit ihrer etwas schlampigen Figur in der bundesdeutschen Küche sitzt und sich immer wieder über Ungerechtigkeit beschwert, während ihre Frau, Frau Merkel, die praktische Arbeit macht. Na ja, Ehe für alle, sie wissen schon. Frustrierend.

So sitzt sie, die SPD, da wo sie immer sitzt, in besagter Küche, murmelt immer wieder "Erneuerung", singt traurige Küchenlieder und pflegt Selbstgespräche.
Draußen sitzen die Jusos im Sandkasten, nehmen Drogen und singen Erneuerungslieder. Sie leiden unter Dauerpubertät, toben sich aus, treten gegen die Rutsche und verbrennen das GroKoDil.
"In die Fresse", lacht Andrea Nahles, wirft mit Sand und will Badewannenkapitänin des sinkenden Schiffchens SPD werden.

"Ab in die Küche. Die Leute brauchen was zu essen", sagte die Kindergärtnerin, Frau Steinmeier. Schnell wird im Rezeptbuch geblättert und jedes Rezept bürgerlicher Küche in den Koalitionsvertrag eingebaut, das auch schon 2009 oder 2013 dort gestanden hat, ohne dass daraus jemals eine Suppe, geschweige denn ein Kuchen geworden wäre.

Egal. Die gute alte SPD - wird gebraucht. Bätschi.
Und was passiert in der Küche? Es wird gekocht. Hoffentlich dürfen wir die Rezepte auch in Zukunft noch selber schreiben und den Kochvorgang einigermaßen kontrollieren und werden nicht gezwungen nur noch Google- und Facebook-Fertiggerichte zu fressen. Darum sollten die Köche etwas von der Sache verstehen. Wir sind gespannt.

Donnerstag, 1. Februar 2018

Der Marsch hat begonnen

Nun sind sie schon Ausschussvorsitzende im Parlament. Die Herren mit der Nazi-Sprache.
Nicht irgendwelche, sondern exponierte Vertreter der Rechtsnationalen. Sie raunen von 'Umvolkung' und 'Neuer Weltordnung' - und wenn in Dresden der Mob brüllt "Merkel muss weg", drängt sich der Herr Abgeordnete vor eine Kamera und drückt sich gewählter aus: "diese Dirne der Fremdmächte" führe durch Nicht-Widerstand zum Bürgerkrieg.

"Eine Schande für Deutschland", sagt er noch und meint alle anderen außer sich selbst.
Der neue Vorsitzende des Tourismus-Ausschusses ist schon verurteilt wegen Beihilfe zu schwerer Körperverletzung.

Und natürlich werden die neuen Würdenträger von einer skandalgeilen Journaille  belagert, dürfen in deren Mikrophone bellen, alle bösen Zitate seinen aus dem Zusammenhang gerissen und sitzen am Abend wieder bei Sandra Will in der Talk-Show.

Samstag, 6. Januar 2018

CSU: Die Rechtsnationalen

Dobrindt passt gut in die Führung der CSU. Die Frage ist nur, wer um Gottes Willen hat ihn dazu gebracht Leitlinien zu formulieren, eine Art Manifest der neuen Rechten. Entweder ist er schon so dumm, dass er einfach ein paar Wörter aus dem Wortschatz der Nazis durcheinandergewürfelt hat, damit er im braunen Sumpf verstanden wird, oder es steckt ein Plan dahinter. Wer hat ihm da die Hausaufgaben gemacht? Frau Le Pen, Herr Strache, Herr Trump? Jedenfalls finden wir hier eine Leitkultur, die sich deutlich absetzt von konservativen Ideen des Bewahrens und Erhaltens, zum Beispiel der Demokratie.

Daher spricht aus Dobrindt auch der Satz von einer "konservativen Revolution", ein Begriff, der bewusst den direkten Vorlauf der nationalsozialistischen Bewegung bezeichnet, also alle Kräfte, die damals gegen die Demokratie zu Felde zogen. Nicht gewusst? Es ist ja üblich geworden, Formulierungen, wie auch "Lügenpresse" oder "völkisch" aus dem Nazi-Kontext zu lösen, um sie unverbraucht wieder aufbauen zu können. Bedeuten sie dann etwas anderes? Nein. Im Gegenteil. Alle sollen Bescheid wissen wohin die Reise geht. Sollte die Reise, wie schon in Österreich, auch in Deutschland wieder dahin gehen, es 'normal' zu finden, dass Rechtsnationale mit engen Verbindung zum braunen Sumpf, mit Querverbindungen zu Schlägertrupps und Terroristen, in Talk-Shows sitzen, im Parlament, oder gar in Regierungen? Wir sind auf dem Weg. Die AfD sitzt schon im Parlament, die CSU in der Regierung und ihre Propagandisten in jeder Show.

Wie, um unter Beweis zu stellen, wie rechtsnational die Partei schon ist, die folgerichtige Einladung der CSU an den rechtsnationalen Ungarn Orban, Präsident des neuen Heimatlandes der internationalen Faschisten, die Klausurtagung der CSU-Landesgruppe im Kloster Seeon zu besuchen. Auf einer CSU-Pressekonferenz darf dieser Orban in genau der Terminologie der neuen Bewegung sagen, das kommende Jahr werde "das Jahr der Wiederherstellung des Volkswillens in Europa". Das europäische Volk werde erzwingen, dass auch in Sachen Migration sein Wille erreicht werde. Genau. So reden sie. Volkswillen! Der Mob wird zum 'Volk' stilisiert, das die Eliten, die Juden, die Ausländer hinwegfegen soll. Und die CSU bescheinigt umgehend ihrem Freund, ein lupenreiner Demokrat zu sein und lässt seine Ausfälle umkommentiert. Allerdings - von Presse und Medien werden sie noch nicht verschont.

Typisch. Immer sind die Intellektuellen, die Journalisten, überhaupt sind alle Vertreterinnen des "versifften links-rot-grünen 68er Deutschlands" - immer dagegen. Daher ist auch in dem Papier von „linker Meinungsvorherrschaft“ ist die Rede, gegen die das Bürgertum aufstehen soll. Diese Verbreiter von Fake News, sollen, wie auch Frau Merkel, verschwinden. "Wir werden sie jagen!" Das sagt Dobrindt natürlich nicht, aber er meint es und lässt es andere sagen. Und die, die das sagen, lassen wieder andere für sie prügeln. So sehen die Abstufungen aus. Aber zurück zu denen, die 'nur' reden. Wenn Dobrindt etwas sagt, muss er sich tatsächlich auch noch vor böswilligen Journalisten rechtfertigen. Das muss ein Ende haben.
Eine wie Frau Slomka darf nicht noch einmal im 'heute journal' einen wie ihn als dummen Jungen entlarven. Erdogan wirft solche Leute einfach ins Gefängnis. So soll es sein. So wird es sein. Sperrt sie ein!

Aber eins sollte ihm klar sein: Auch unter einem CSU/ AfD-Kanzler wird Dobrindt nur Verkehrsminister werden.


Samstag, 9. Dezember 2017

An Nahles kommt keiner vorbei...

Es war einmal eine Kanzlerin, die war eben nicht wie Erdogan oder Orban oder Trump, die versuchte die Welt mit Vernunft zu sehen. Wenigstens das. Und die führte sich nicht auf wie Ochs und Esel.
Das konnten nicht alle verstehen. Nahles, zum Beispiel, ein Wesen, das durch eine Art Märchenwald tobte, lief laut singend durch das Unterholz, so, dass alle Tiere in Panik flüchteten. Manchmal stieg sie auch auf einen Baumstumpf und hielt Reden. Sie machte die Kanzlerin für das Chaos verantwortlich. Nahles, muss man wissen, lebte in einem Paralleluniversum, in dem Vernunft Irrsinn war und umgekehrt. In dieser Ver-Stimmung schmetterte sie der Kanzlerin ein Lied entgegen. Ein einfaches Lied zwar, aber die Töne wollten ihr nicht so recht gelingen, nur der Text stolperte heraus. Alle hielten sich die Ohren zu als es erklang "ich mach mir die Welt - wie die wie die wie sie mir gefällt". Es schallte durch den Wald und dieses Lied war noch nicht einmal, wie alle dachten, auf sie selbst gemünzt. Na ja.

Nach dieser wundersamen Begebenheit suchte sich Nahles ein Herrchen. Schulz, so hieß Herrchen, lebte auch in einem komisch verdrehten Universum. Also lief Nahles dem Schulz hinterher. Herrchen Schulz war, wie das Wesen Nahles, immer gut für einen Ausrutscher oder Schläge auf den Hinterkopf. Und Herrchen führte die EsPeDeh, eine ganz alte Partei, zu einer historischen Niederlage. Toll.

"Die Kanzlerin hat eine krachende Niederlage erlitten. Sie sollte zurücktreten." sagte Nahles, das Wesen, deutete aber offenbar die Fakten irgendwie nicht so ganz richtig, denn Frau Merkel hatte die Wahl nicht verloren, sondern gewonnen, mit Verlusten, aber gewonnen.
Der mit der krachenden Niederlage war Herrchen Schulz. Der aber trat nicht zurück, sondern sagte: Jetzt ist endlich Schluss mit regieren! Folgt mir. Ich führe euch in die Opposition, da ist es toll! Und alle jubelten. Also im Paralleluniversum EsPeDeh. Und Nahles trippelte hinterdrein und kicherte: "Ab morgen gibt's in die Fresse."

Dann aber wurde Herrchen Schulz zum Präsidenten des Waldes gerufen. Der war auch mal EsPeDeh aber der musste dem Schulz erklären, dass es auch eine Verantwortung gibt. Nach dem Gespräch sagte Herrchen: Vielleicht sollten wir doch regieren. In der EsPeDeh jubelte jetzt kaum noch jemand, aber Schulz wurde wiedergewählt. Wegen der krachenden... nein, wegen der Prinzipienfestigkeit... nein, ach, keine Ahnung.
Und Nahles hüpfte und krähte:
"Die SPD wird gebraucht. Bätschi, sage ich dazu nur. Und das wird ganz schön teuer. Bätschi, sage ich dazu nur."
Und alle jubelten. Und die Tiere im Wald liefen davon.

Montag, 20. November 2017

Lindner Baby auf dem Nonstop Flug über den Ozean der Regierungsbeteiligung abgestürzt

Ein Nonstop-Flug über den großen Ozean der Regierungsbeteiligung - das gab's schon lange nicht mehr. Die FDP-Maschinen am Boden. Defekt. Keine Starterlaubnis. Also auf ein Neues. Die Mechaniker haben sich auf Frisur, Hemd, Dreitagebart und Auftreten des Lindner-Babys, also des Piloten, konzentriert. Dazu der neue Trend: Digitalisierung. So fliegt sich's besser. Auch ohne Flugzeug.

Die Zeitungen und Plakate zeigen das Baby beim Jacke anziehen, Smartphone betrachten, Am-Türrahmen-Stehen. In Turnschuhen. Kann es fliegen? Nein. Hauptsache die Performance stimmt. Alles in Schwarz-Weiß mit Schlagschatten. Das Lindner-Baby will sein Fläschchen, das heißt Spontaneität und Digitalisierung, Flexibilität, Startups, Innovation. Was das heißen soll? Nichts. Kann das fliegen? Nein. Das Lindner-Baby bleibt am Boden und behauptet es sei von der Konkurrenz zum Absturz gezwungen worden.

Dann der entscheidende Satz: "Lieber nicht fliegen als falsch fliegen." Toll. Ein spontan formulierter Satz des Lindner-Babys. Es kann nicht nur sprechen, sondern lernt diesen Satz auswendig - in 50 Tagen - und der wird veröffentlicht. Überall. Große Schrift. Eine Sekunde nachdem der Satz ausgesprochen ist, hat er schon eine Werbeplattform.

Das Lindner-Baby muss allerdings noch von den Überfliegern der SPD lernen. Da stand der Satz: "Schulz landet in der Regierung" im Netz noch bevor er ausgetauscht wurde durch den Satz "Wir fliegen erst gar nicht", bevor auch der sich als falsch erweisen sollte und ausgetauscht wurde durch: "Wir landen doch, aber ohne zu fliegen", bevor der ersetzt wurde durch "Wir sind gegen das Fliegen. Aber alle brauchen unser Flugzeug, Bätschi!"

Samstag, 18. November 2017

Wir werden dümmer

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Die Menschheit wird von Jahr zu Jahr dümmer. Der durchschnittliche Intelligenzquotient sinkt. Weltweit. Auf arte zeigt eine Dokumentation unter dem Titel: "Verlieren wir den Verstand?" welche Ursachen diese Entwicklung hat. Wenn wir uns in der Welt umschauen, erübrigt sich die Frage.

Mir kam so ein Verdacht spätestens seit Menschen in meinem Umfeld immer mehr Sprechschablonen aneinander reihen mussten, statt zu sprechen (ich sag mal so - sozusagen - am Ende des Tages - ein Stückweit - sag ich mal), und seit der Genitiv der Ersatz vom Dativ wurde und seit es heißt "isch geh Kino", oder seit immer mehr Götter angerufen werden, bevor Schüsse fallen, oder ein Präsident meint, wenn so viel geschossen wird, brauchen wir mehr Waffen, oder er behaupten darf, auf einem Bild, auf dem weniger Menschen zu sehen sind als auf einem anderen, seien mehr Menschen zu sehen als jemals zuvor, oder er sagt, er könne jeder Frau an die Pussy greifen weil er berühmt sei und kurz darauf behauptet, niemand respektiere Frauen so sehr wie er...

Ein anderer Staatslenker behauptet, Deutschland sei faschistisch, und auch Holland. Dessen Anhänger glauben das auch und rufen "Gott ist groß". Ein paar andere Leute hinter ihren Gartenzäunen glauben, die BRD existiere gar nicht und glauben auch, ihr Haus sei ein Königreich. Andere glauben wieder, die AfD sei nicht faschistisch, aber sie wählen die Partei, weil sie ihr Land zurück haben wollen und den Hitler und sie rufen auf dem Marktplatz "Merkel muss weg" und "Putin hilf uns".

Und Leute, die chemische Ersatzstoffe essen, weil sie gesund leben wollen und am Fahrrad vorne mit einer grell blinkenden Lampe den entgegenkommenden Fahrzeugen jede Möglichkeit nehmen, den Abstand einschätzen zu können, damit man sie umfahren kann um zu beweisen, dass der Helm hält was er verspricht, nämlich den Kopf und nicht das Hirn.

Mittwoch, 15. November 2017

Künste der Welt - gescheitert in Köln

Die Akademie für die Künste der Welt in Köln – auch so eine Geschichte fehlgeleiteter Kulturpolitik.

Die Welt in Köln. Keine lokale Bindung, aber großer Anspruch. Und wieder meint die Stadt Köln, hier möge ein Leuchtturm entstehen. Interkulturell. Klingt gut. Und schon gibt es eine Million. Eine Million, für die die gesamte freie Theaterszene seit Jahren vergeblich gestritten hat.

Die freien Theater sind einfach zu klein, haben keinen globalen Anspruch, nur diese überflüssige lokale Bindung und die Bedeutung für das Publikum, dazu noch eine Verankerung in der Heimat-Stadt. Die erste Theaternacht Deutschlands entstand hier. Köln hat eine besondere Vielfalt. Also weg damit. Es gibt sogar Theater, die spielen noch Theater. Etwa „Mutter Courage“ und nicht „Digging.the.fucking.brecht.mother - reloaded“. Keine Sorge, ist in Arbeit.
Aber die Sache mit den dotcom-Titeln führt eben nicht immer zum Erfolg, zum Image des Global Players in Sachen Kultur. Die Stadt Köln ist enttäuscht.
Die erste Konsequenz. Kein Leuchtturm, also Kürzung des Etats von einer Million auf € 600.000.-

Was geschieht überhaupt in dieser fast unsichtbaren Institution. Auf der Internetseite ist das übliche Kraut-Und-Rüben-Themen-Hopping zu sehen - in schrägem Design natürlich. Jung und dynamisch. Und farbig.
Natürlich sind die Performer gegen PEGIDA und natürlich wird in einer ‚Streitschrift‘ gegen ihre Urheber zu Felde gezogen, zu denen folgende Intellektuelle zählen sollen: Hans Magnus Enzensberger, Ralph Giordano, Monika Maron, Günter Wallraff, Necla Kelek, Henryk M. Broder, Hamed Abdel-Samad. Als intelligente Menschen haben die letztgenannten den gewaltverherrlichenden Charakter einer mittelalterlichen Religion kritisiert.
Die neue Kultur-Toleranz will das nicht zulassen.

Dass Dummheit und religiöse Verzückung, auch ohne in Gewalt münden zu müssen, der Vernunft und der Menschlichkeit entgegenstehen - diese Erkenntnis ist für jeden Humanisten eine Selbstverständlichkeit. Aber Aufklärung ist in der Akademie offenbar in Vergessenheit geraten. Vergessen ist überhaupt ein wichtiger Faktor der Kultur-Elite geworden. Alles heutig, gegenwärtig, kompatibel, alles wird im großen Topf verrührt.

Deshalb liest sich das Mantra der Akademie wie eine kabarettistische Überhöhung des stereotypen Wortgeklingels der Internet-Multikultur. „Digging the Global South“. Toll.
Oder „Pluriversale“ - das ist ein Fest. Da darf natürlich Milo Rau und seine Performance nicht fehlen.

Multikultur ist gut. Identität ist schlecht. Schemata. Das Geschwätz der neuen Kultur-Elite wird nicht mehr lange darüber hinwegtäuschen können, dass besonders diese Elite rechtes Gedankengut salonfähig macht und eine Kultur predigt, die von Populismus nur so starrt. Alles zum Event, alles zur Performance zu machen ist nichts anderes als Populismus. Der Feind: Die Erzählung, das Theater-Theater, Tradition, Ensemble. All das muss abgeschafft werden. Zu kompliziert, zu sprachlastig, zu sozial, zu sehr ‚Kunst‘.
Dafür werden Religion, Schamanismus, Tanz, Fakten-Check und Video durcheinandergewürfelt um als Cross-Over-Kultur auferstehen zu können. Mediale Zersplitterung wird gedanklichen Zusammenhängen entgegengestellt. Bislang war Identität immer ein Projekt vernunftbegabter Menschen. Auf der Seite der Akademie aber finden wir den Satz:  „Wie dekonstruiert sie (die Kunst) nationale Identität?“ Seit langem nicht mehr so einen reaktionären Satz gelesen. Reaktionär, links, Mann Frau, egal.

Als fortschrittlich galt noch vor Jahren, sich der Geschichte zu stellen, sich ihrer bewusst zu sein, Traditionen zu kennen, eine Bindung zur Geschichte herzustellen, um eben gerade denen entgegenzutreten, die immer schon Debatten beenden wollten, mit Sätzen wie „Ich hab nichts mit Nazis oder Krieg zu tun, ich war noch gar nicht geboren.“ Diejenigen, die so versuchen, sich und uns mit solchen Sätzen aus der Geschichte zu verabschieden - sie wollen, dass wir nur noch ohnmächtig im Hier und Jetzt trudeln. Dieses bedeutungsverlorene Trudeln wird natürlich gefördert von der ‚innovativen’ internetbesessenen Kultur und ihrer zwanghaften Gegenwärtigkeit. Und siehe da: Die dazugehörigen starren Bürokratien fördern natürlich genau diese Kultur, nur noch diese Kultur, weil das so modern klingt und sich niemand mehr Gedanken machen muss um Qualitätskriterien. Und schau an: Auch die Medien verbraten nur noch Beiträge über Erregungskultur. Sonst laufen die Leute weg. Oder schalten ab. Sie sind das Volk.

Als es noch um Kultur und Debatte ging, als die Kunst noch eine eigene Sprache pflegte, haben wir entgegnet: Wir müssen entdecken, was uns durch unsere Vorfahren, unsere Geschichte und Erziehung zu denen gemacht hat, die wir sind. Was macht unsere Kultur aus? Wir können erforschen wer wir sind, um danach auch besser wissen zu können, wohin wir gehen. Nur durch die Kenntnis der Verbrechen und das Verständnis ihrer Wurzeln konnten wir uns gegen die Verbrecher wenden.

Das sehen nicht alle so. Vor kurzem trat eine Frau im Magazin ‚aspekte’ auf, Sasha Marianna Salzmann, sie arbeitet im Gorki Theater in Berlin, um auf die begeisterte Feststellung der Kultur-Moderatoren, sie sei Jüdin, Russin, Theaterfrau, Queer... unter nervösem Gestikulieren klar zu machen, dass Identität keine Rolle spiele, dass Identität flexibel sei. Jüdin oder auch nicht, Frau oder nicht... Russin? Sie könne alles sein. Alles flexibel, alles beliebig, jedes Geschlecht, keine Sprache...
„Man kann natürlich sagen ich bin das das das das“, sagt sie in einem Einspieler, „Ob das etwas über mich aussagt, das bezweifele ich.“
Das ist der Irrsinn eines Kultur-Geplappers, das in eben solchen Worten einen reaktionären Kern enthüllt, der aber offenbar nicht als reaktionär wahrgenommen wird.
Ich habe spontan gedacht: Die hat sie nicht mehr alle. Und der Moderator schwieg. Natürlich. Immerhin macht sie experimentelles Theater.

Niemand wagt auszusprechen, dass hier eine gefährliche, verantwortungslose, rechte Gesinnung zu Markte getragen wird. Hier hätte ein Mensch, eine Frau, Profil schärfen können, stolz sein können auf ihre Wurzeln, auf ihre Identität. Frau, Russin, Jüdin. Aber nein.
Es stimmt schon: Gesichtslosigkeit, Gesinnungslosigkeit und Geschichtslosigkeit, sind Markenzeichen des zeitgenössischen Kulturbetriebes geworden.
Keine Geschichte, kein Theater, keine Sprache. Stattdessen performative Austauschbarkeit.
Das Gorki Theater erhält folgerichtig einen Theaterpreis wegen seines „performativen und diskursiven“ Programms, seine Schauspieler aus allen Teilen der Welt, spielten sich heraus „aus Schubladen, Zuschreibungen und (Gender-)Eindeutigkeiten“. So heißt es tatsächlich in der Begründung der Jury. „Identität ist für sie keine fixe Kategorie, sondern die Möglichkeit, sich immer wieder neu zu betrachten und zu hinterfragen.“ Immer neu hinterfragen.
Der Kulturbegriff dieser Leute hört sich schon seit Jahren an wie die Therapiestunde gescheiterter Sozialarbeiter.

Dafür steht auch die Akademie. Künste der Welt? Nein. Deutsch-pubertierende Künstler mit Migrationshintergrund sind nicht 'die Welt'. Postkolonial? Nein.
Ein Sammelsurium medienkompatibler Veranstaltungen, die Kulturschaffende aus der eigenen Stadt ausgrenzt, ignoriert, eine solche Mixtur setzt eher Maßstäbe der Kolonisierung des gesamten Kulturbetriebes unter korrekte Überschriften. Debatte? Nein. Ausstrahlung? Null.
Und jetzt? Kolleginnen und Kollegen, die sich selbst so gerne als Leuchttürme sehen, mindestens aber die Zuschüsse dafür einstreichen wollen, erklären sich solidarisch und wenden sich gegen die Kürzung. Haben sie Sorge, dass auch sie betroffen werden könnten. Ich habe eher Sorge, dass es bald keine Kunst mehr gibt.

Ein klares: Geld für die Kunst.

Dienstag, 7. November 2017

Aufschrei - zum wievielten Mal?

Früher, in den 50ern hatten die Frisuren der Frauen festen Sitz, in den 60ern ihre Haltung, in den 70ern gab's dann auch festen Sitz für ihre Stimmen.
Heute flattert, zumindest in den Medien, ein Chor von Entenstimmen in luftige Höhen – ein einziges Quaken und Zwitschern. Vöglein, Mäuse, Bärlis und Enten. Erinnert ein wenig an die Sendung mit der Maus, wobei Erklärungen in der Sendung mit der Maus nicht so infantil daherkommen wie der ganze Hashtag-Zirkus. Das Hashtag-Gezwitscher erweist der Sache der Emanzipation einen Bärendienst, einen Bärchi-Dienst. Emanzipation. Allein das Wort.
Früher war der Kampf um die Emanzipation eher unverständlich, es musste außerdem auch immer umständlich formuliert werden: Nieder mit der Unterdrückung und Ausbeutung der Frau. Schluss mit Gewalt gegen Frauen. Das versteht doch sowieso keiner mehr. Und wenn doch: eins in die Fresse.

Früher war auch nicht alles besser. Ich kann mich noch erinnern, in den späten 60er Jahren wurde alles faschistisch genannt, was nicht bei drei unter einer roten Fahne stand. Jeder war Faschist, der zum Beispiel Schlager hörte und jede war Faschistin, die Kitschfilme sah. Stellen Sie sich das mal heute vor. Wir hätten ein ganzes Land voller Faschisten. Kurze Pause zum Nachdenken.

Aber schon damals allerdings mahnte manch kluger Kopf, in Wahrheit würden die Opfer faschistischer Gewalt so denunziert und die Verbrechen klein geredet. Wenn dieses Etikett überall auftauche, wenn jeder Faschist sei, könne niemand mehr den Unterschied erkennen. Lange her. Wir sollten gelernt haben.
Aber nein. Den Skandal-Tweets fällt alles zum Opfer.

Ein Aufschrei. Ein Hashtag. Ein Hashtag jagt den nächsten. Eine Welt voller Hashtags. Hashtag Aufschrei, Hashtag MeToo. Ist die Welle durch, kommt der nächste Aufschrei. Ändern wird sich (natürlich) nichts. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben.

Und dass wir wieder einen Pranger haben. Alle Sexisten, vom Kussräuber bis zum Kniehandaufleger, vom Minister bis zum Hollywood-Schauspieler, stehen am Pranger – der berühmte amerikanische Schauspieler will dem noch entgehen und outet sich als homosexuell, als ob das eine Entschuldigung wäre. Es gibt eine Anklage, aber noch keine Beweise und auch kein Urteil. Trotzdem werden Dreharbeiten beendet, Verträge gelöst, Filme aus dem Programm genommen, Szenen mit ihm herausgeschnitten. Die Schriftstellerin Thea Dorn sagt in einem Interview: „Das ist ein neuer Totalitarismus, der da heraufzieht, ein moralischer."

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon tritt zurück, weil er einer BBC-Journalistin bei einem Dinner ans Knie gefasst haben soll – vor 15 Jahren. Ja. Ob er vielleicht auch vor wenigen Jahren Kriegseinsätze befahl oder Waffengeschäfte einfädelte? Wen interessiert's? Das steht auf einem andern Blatt. Deswegen tritt man nicht zurück.
Wie schon in Amerika: Nixon trat damals nicht wegen der Massaker in Vietnam zurück, sondern wegen eines Einbruchs. Und heute? Jede Berührung kann zum kriminellen Akt werden, zum Gewaltakt. Durch einen Artikel, oder einen Tweet. Erst dann: Rücktritt.

Alles schlimm, alles Hashtag, kein Unterschied. Vergewaltigung, Witz, Knie – egal. Das Netz kriegt alles klein.
Bald nach der Hashtag-Flut kommt die Hashtag-Übersättigung und dann – die Zeit des Schweigens – #schweigen. Komisch: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln gab es auch so komische Hashtags. #einearmlänge. Und #Rassismus.
Und dann? Gehen alle nach Hause. Und dann geht es im Netz und auf dem Boulevard wieder nur um Brustvergrößerungen und Mode-Tipps. Normal. Die Kids hören Schlager und die Frauen schauen Kitschfilme. Ohne Faschisten zu sein. Und im Dunkeln wird weiter gegrapscht. So ist das Leben.

Der Hashtag verhallt in leerer Luft und die psychisch kranken Einzeltäter, wie Donald Trump, die alle antasten, von der Journalistin bis zur Pornodarstellerin, bleiben weiter unangetastet. Wie immer. Es bleiben: Skandale. Wie immer.  Irgendwann weiß keiner mehr, wo Wahrheit und wo Lüge stecken. Wie immer. Ergebnis? Ein paar Karrieren gehen zu Ende. Das war's. Was bleibt? Der Hashtag.

Dienstag, 17. Oktober 2017

Tod auf Malta

Die bekannteste maltesische Bloggerin Daphne Caruana Galizia ist durch eine Autobombe getötet worden.

Die "Panama Papers" bestätigten 2016 Enthüllungen, die von Daphne Caruana Galizia, einer kritischen Bloggerin, über umfangreiche dunkle Finanzoperationen, über Malta als Paradies für Steuerhinterzieher, beschrieben worden waren. Auch die Verwicklungen zweier zentraler Mitarbeiter von Maltas Premier Joseph Muscat hatte sie aufgedeckt.

Der letzte Eintrag am 16. Oktober 2017 auf ihrem Blog endet: "Da sind Gauner, wo du auch hinschaust. Die Lage ist verzweifelt." Um 14.35 Uhr gepostet. Um 15:00 Uhr war sie tot.

Die "Süddeutsche" schreibt: "Konrad Mizzi, damals Energie- und Gesundheitsminister sowie Vorsitzender der Labour Party, und Keith Schembri, Muscats Kabinettschef, sollen Offshore-Konten in Panama und Trusts in Neuseeland eröffnet haben.

Den Steuerbehörden daheim meldeten sie nichts davon. Fragwürdig war das auch, weil beide Politiker ihre Konten und Trusts einrichteten, kaum waren sie an die Macht gelangt. Zunächst beklagten sich Schembri und Mizzi über die Vorwürfe der Bloggerin und taten sie als parteiische Fantasterei ab. Als dann die "Panama Papers" veröffentlicht wurden und ein internationales Publikum von den Anschuldigungen erfuhr, wuchs der Druck auf die Regierung."
Über den Auftritt Schembris vor dem Richter schreibt Daphne Caruana Galizia in ihrem letzten Blogeintrag: "Dieser Gauner Schembri war heute im Gericht und plädierte, dass er kein Gauner sei."

Dienstag, 3. Oktober 2017

Kultur - ich bin optimistisch

Tag der deutschen Einheit. Nach der Wahl. Das wäre doch eine Gelegenheit für Kultur. ODER?
Mal schauen. Eine Show. Moderiert von Kiwi, der weiblichen Hüpfburg und unerträglichen Quasseltante, die sonst Volksmusikanten durch den ZDF-Garten scheucht. Das ZDF will aber an diesem Tag auch die jungen Scheintoten erreichen. Also sind die Gäste der Show natürlich hippe Hütchenträger, deren werbekompatibler Nöhl- und Nuschel-Pop so austauschbar klingt, dass alle zufrieden sind und niemand mehr unterscheiden kann, ob Max Giesinger oder Max Giesinger auf tanzenden Frauen herumreitet.
Und der Osten? Was servieren wir dem Osten? Jan-Josef Liefers, weil der eben aus dem Osten kommt und im Tatort spielt. Er darf zeigen, dass er auch ein Hütchen tragen und nicht singen kann, seine Frau röhrt derweil in einer Kult-Ost-Band. Himmel. Schnell zurück in den Westen. Mary Roos und Thomas Anders führen in einer Art modern talking durch ihre Heimat. In Einspielern. Dann das nächste Hütchen, ein als Lockenkopf getarntes Hütchen namens Wincent Weiss - Wahnsinn - Wincent mit W - Wincent darf unter Beweis stellen, dass seine Allgemein-Kitsch-Texte noch blöder sind als die von Giesinger mit seiner Sonne-Mond-Und-Sternchen-Poesie. Hauptsache Oh oh oh ohhh zum Mitgrölen. Das ist Kultur.
Nein. Stopp. Ich bin optimistisch.

Und sie bewegt sich doch. Die Kultur. Auch wenn das niemand mehr glauben kann. Auch wenn sie nicht mehr auftaucht, nicht mehr zu sehen ist, als Thema nicht mehr vorkommt. Sie kommt im Netz nicht vor, sie kommt in den Nachrichten nicht vor. Und wenn wir allein den Medien glauben wollen, dann befinden wir uns im Krieg und die Kultur liefert die Geräuschkulisse zum Kampf. An der Kulturfront taucht Kultur auf, als Kampfbegriff, als 'Leitkultur', oder wenn sich die Frage stellt, was deutsche Kultur überhaupt sei. Na? Mal überlegen. Keine Burka und keine Steinigungen. Das ist doch mal was. Da wissen wir zumindest Bescheid, was sie nicht ist.

Was ist mit dem Journalismus? Wo bleibt der kritische Kulturjournalismus? Doch. Es gibt ihn noch. Im Feuilleton der 'ZEIT' und der FAZ taucht Kultur unter den Rubriken Bücher und Film noch auf, dagegen beim Fußvolk, also in Provinzblättern, nur noch unter Event und Performance, oder in meiner Heimatstadt unter 'Köln'. In den Online-Ausgaben finden wir sie getarnt unter 'Party', 'Ausgehen' und 'Lifestyle'. Und die Rubrik Theater kommt in den Medien nur noch vor, wenn sich die Moderatoren verkleiden dürfen, um in einer performativen Performance aufzugehen (so gesehen bei 'aspekte'), oder auch wenn es wieder einmal um Skandale geht (Fördergelder für internationale Festivals verschwinden in dunklen Kanälen, Sanierungskosten explodieren oder eine performative Gruppe besetzt die Berliner Volksbühne).

Die ZEIT schreibt am 20. September: "Weshalb muss die Kunst verschwiegen werden?
'Alles Wichtige vom Sport ...Werbung und Wetter folgen. Die Werbung sagt uns, was wir jetzt noch zum Wohlfühlen brauchen, und die Wetterprognose verrät uns einigermaßen treffsicher die Zukunft. Und ausgerechnet die Kultur soll keiner täglichen Meldung wert sein?" Genau.

Und politisch? In den Parteiprogrammen ist Kultur schon gar kein Thema, keine Frage dazu im Wahl-O-Mat, kein Politiker wagt von Kultur zu sprechen im Land der Dichter und Denker. Er würde sich ja lächerlich machen. Flüchtlinge, Steuern, Digitalisierung, das reicht.
Den Rest übernehmen andere. Gewalttäter im Dunstkreis der AfD haben schon einmal angefangen, den Intendanten der Schaubühne zu jagen, ihm die Scheiben einzuschlagen. Wen interessiert's?
Kleiner Hinweis: So beginnt Machtergreifung, nicht durch Wahlergebnisse... Sie wollen ausmisten, sie wollen niederbrüllen, sie wollen erst das Flüchtlingsheim, dann den Reichstag anzünden.

Trotzdem:Ich bin optimistisch.
Bei uns im Theater, im TAS Köln, spielen drei Frauen drei Insekten, die die Apokalypse überlebt haben und Menschen spielen. "Lasst uns also Menschen spielen - und wie sie das Herzchen fühlen". Die Käfer - Das rote Album. Ein melancholisch- skurriles Endzeitstück mit Musik, eine Uraufführung. Das Neue: Zum ersten Mal erschien überhaupt kein Pressevertreter zur Premiere.

Trotzdem bin ich optimistisch. Die ZEIT liefert Fakten: "Es gibt in Deutschland jährlich ungefähr 35 Millionen Besucher in 126.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerten. Es gibt rund 140 öffentlich getragene Theater, 220 Privatbühnen, 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester, 70 Festspiele, 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble, 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus plus eine unübersehbare Vielzahl freier Gruppen. Und es gibt gut 110 Millionen Besucher in 6.358 Museen. Es gibt Kinos, Popkonzerte, Literaturhäuser, Galerien, Chöre, Laienorchester, Musikschulen, Malkurse, Kunstvereine, es gibt Bibliotheken mit Myriaden von Nutzern, Freunden, Förderern, Sponsoren und, und, und."

Ja, ich bleibe optimistisch. Ja.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.