Dienstag, 26. Dezember 2006

Weihnachten


Die Nacht wird dunkler wenn die Kerzen scheinen. Es wird auch kälter. Draußen. Und der Kaffee schmeckt süßer weil der Schinken duftet. Gespräche wandern in die Vergangenheit und der Bauch ins Bett. Das Fernsehen tut so, als könnte es kein Wässerchen trüben. Und die Kirche tut so, als könnte sie Weihwässerchen in Geschichten verwandeln. Im Hausflur mischt sich Chorgesang mit gebratenem Fisch. Schnell weg. Der Himmel blickt trübe ins Leere und friert.

Gute Nacht

Sonntag, 24. Dezember 2006

friedliche Tage


und außerdem sind wir jetzt wieder lieb und entspannt und ausgeglichen. Die Familie ist beieinander, der Streit ist beigelegt, die Geschenke sind ausgepackt. Es ist heiß und kalt zugleich. Keine Überraschungen. Friedliche Tage. Süß und fett.

Samstag, 23. Dezember 2006

Kaufen kaufen


auf der Rolltreppe: heute noch mal richtig einkaufen, Pfropfen bilden, hupen, fluchen, stoßen, feilschen, fragen, saufen, wünschen: Schöne Tage, oder: Frohes Fest! Schon alle Grüße verschickt? Können Sie mir das als Geschenk einpacken? Was? Eine Etage höher? Ich war aber zuerst da. Na, die da hinten, die kenn ich doch. Hallo, lange nicht gesehen. Schöne Weihnachten. Ja, danke, Ihnen auch. Tchöö.

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Hoffentlich ist bald Karneval


Das Wetter bleibt windelweich. Es gibt keinen Schnee. Klimaerwärmung. Der Moderator des heute-journals sagt am Ende Tschüs-tschüs! Au weia. Die folgende Dokumentation über das russische Geheimdienst-Spektakel mit Todesfolge ist mit viel Schatten, Zeitlupen, verwaschenen Nahaufnahmen und dramatischer Musik verrührt und sagt - gar nichts. Die Dokumentation davor über den deutschen Sommer ist windelweich und mit viel Zeitlupen, Nahaufnahmen, schnellen Schnitten und dramatisch-dämlicher Musik verrührt und sagt - gar nichts. Jetzt kommen noch Jahresrückblicke mit viel Zeitlupen, Ansprachen mit viel Worten, Weihnachten mit viel Essen und dann gibt es bald wieder Tempo, Theater und Karneval. Hoffentlich!

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Sommerfilm


Na also. Das ZDF hat eine großartige Dokumentation über die Sommer-WM gesendet, die alles hatte, was Sönke offenbar nicht zeigen konnte. Dramatik, viel zu lachen, aus der Sicht der Fans, von den Straßen Kölns, von fiebernden Menschen, völlig emotionalisierten italienischen Restaurantbesitzern von der Aachener Straße, mit Texten von Thomas Reis, witzig und klug, kritisch. Mitreißende Bilder, ich dachte schon, die bekommen wir gar nicht mehr zu sehen. Sönke Wortmann war einfach zu "unsichtbar", "combatted", ein Teil der bekannten, langweiligen Größen. Wie sehr Fußball Menschen in Bewegung bringen kann, das war schön eingefangen, hatte einen guten Rhythmus. Tränen, Spannung, Pulverfass: Danke an das Team Dehnhardt/ Oldenburg.

Mittwoch, 13. Dezember 2006

Technische Probleme


Jelena Tregubowa, eine Journalistin, sagt ihre Lesereise ab. Der Kontakt zur westlichen Öffentlichkeit sei "im Moment ein lebensbedrohliches Risiko", sagt sie.
Ex-Schachweltmeister Kasparow wird kurzfristig aus der Sendung "Christiansen" ausgeladen. "Technische Probleme" heißt es. Dafür talkt Gabriele Krone-Schmalz. Wenn sie spricht gibt es keine "technischen Probleme". Wenig später werden Räume Kasparows in Moskau von der Polizei durchsucht und Material beschlagnahmt. Flugblätter, Ant-Putin-Plakate. Kasparow gehört zur demokratischen Opposition. Ein technisches Problem.
"Geschlossen aus technischen Gründen." Das Restaurant "Kolchis" im Zentrum von Moskau ist ein georgisches Restaurant das aufgegeben hat, Polizei, Prüfungen, Überfälle, Drohungen. Georgier sind Freiwild, Tschetschenen sowieso.
Skins prügeln in St. Petersburg alle Schwarzhaarigen zusammen. Sie kommen aus guten Häusern und werden nicht verurteilt. Technische Probleme?
Viele Menschen verstecken sich einfach in ihren Küchen wie in alten Zeiten. Die, die noch sprechen, brauchen gute Freunde und Mut. Geschäfte werden geschlossen, Sender werden abgeschaltet. Technische Probleme haben auch die Russen, die genug Geld haben um zu reisen, sie hinterlassen eine Spur Radioaktivität und eine Spur von Lügen.
Schon hundert Journalisten sind in den letzten Jahren ermordet worden. Anna Politkowskaja hat sich in Tschetschenien umgesehen. Sie wurde in einem Fahrstuhl hingerichtet.
Auch Besitz wird wieder umverteilt. Wenige Tage später wird ein Filialleiter der staatlichen russischen Außenhandelsbank VTB mit Kopfschüssen ermordet. Wieder einige Tage später, Anfang Dezember, wird der Generaldirektor der Gasfirma Itera-Samara erschossen.
Gazprom kauft Schalke 04 - oder besser - kauft sich ein mit 12 Millionen.
Putin ist ein "lupenreiner Demokrat" (Schröder, Angestellter). Putin behebt nur technische Probleme. Er will Stabilität, saubere Energie für Europa. Neben Bush ist Putin die Speerspitze im Kampf gegen Islamismus, im Krieg gegen den Terror. Ein starker Staat, das tut Not, das sagt doch auch der Schröder, der Freund. Russland braucht eine harte Hand. Alles hat seinen Preis. Übrigens, Schröder, der suboptimale Ex-Kanzler, ist Schalke-Fan.

Montag, 11. Dezember 2006

meinen


Wir leben in einer Meinungsgesellschaft. Alle meinen etwas meinen zu müssen. Nach dem so genannten gesunden Menschenverstand wird gemeint was in der letzten Brisant- oder Sondersendung zu sehen war, bestenfalls. Alle meinen, Kunst kommt von können, meinen der Islamismus ist die größte Gefahr, meinen Schröder war gegen den Krieg, meinen die Politiker sind korrupt und meinen wir brauchen geistige Führung und überhaupt. Die meisten meinen zur Demokratie gäbe es keine Alternative, aber plötzlich und unerwartet fallen alle Meinungen wie Dominosteine. Plötzlich ist die Mehrheit anderer Meinung. Der Wind hat sich gedreht. Und wenn alle meinen, dann meinen alle anderen auch. Jemand meint im Fernsehen wir sollten nicht einknicken und schon meinen alle wir sollten nicht einknicken. "Einknicken" wird Lieblingswort. Zusammen mit "ein Stückweit" - der Begriff hält sich schon sehr lange - und "nachhaltig".
Wir sollten ein Stückweit nachdenken ob das alles so nachhaltig ist. Aber dann wird schnell ein Stückweit eingeknickt. Also in die Hocke gegangen, eine anstrengende Haltung. Ja, Haltung, das wäre etwas. Gerade Haltung. Ein klarer Blick. Aber Meinung ist schneller. Meinung ist relativ. Alles ist relativ.

Sonntag, 10. Dezember 2006

müde


Ich bin müde. Die Premiere ist vorbei. Alle sitzen im Filos, meiner Stammkneipe. Naxos auf englisch? Das ist für manchen kölschen Griechen etwas zuviel. Ich bin zu hause. Um halb zwei. Endlich Multi-Media auf unsere Bühne! Tony Dunham hat über Computer und Beamer Bilder projiziert über Naxos, die griechische Insel, über seine Familie, seine Bären. Er zeigt Figuren, also, na ja, eben doch keine Media-Show, Geschichten werden erzählt, komisch, melancholisch, also doch Geschichten, Sketche für eine kleine Bühne, mit kleinen Stühlen für die Bären, die nur im Film erscheinen. Es erscheint was fehlt, es wird komisch, was traurig ist. Alte Bekannte sind auch erschienen, schönes Wiedersehen an der Theke des Theaters. Am Ende haben wir zu viert über die Super Nanny gesprochen, die immer dünner wird und uns in eine Wirklichkeit führt, die wirklich ist, zu Menschen, die überfordert sind, die wegschieben wollen, denen ihre Kinder schon zuviel sind. In den Gerichts-Shows sind zwar die Richter echt, aber die Fälle haben nichts tatsächliches, sie spiegeln nur Projektionen von Unterschicht und am Ende erscheint ein Zeuge und klärt alles auf. Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht. Und was kommt ins Türchen?

Keine Ahnung.

Samstag, 9. Dezember 2006

neun


Und wenn die erste Kerze raucht
Dann hat sich etwas aufgebraucht.
Und wenn die nächste Kerze zündet,
Dann wird ein Königreich gegründet.
Und hat die nächste Kerz' gebrannt
Dann kommt der Hofnarr angerannt.
Und hat gebrannt die letzte Kerz'
Dann schenkt der König Dir sein Herz.

Moers

Im Schlosstheater Moers (Studio) gibt es zur Zeit eine gute Inszenierung zu sehen. Anja Schoene hat "Jugend ohne Gott" (Ödön von Horvath) dramatisiert und inszeniert, ein guter Text in gutem Rhythmus mit drei guten Schauspielern, witzig, klar, temporeich, nachdenklich. Sowas gibt's.

Guten Morgen

Freitag, 8. Dezember 2006

Appollo 13

Ein Sauerstofftank ist explodiert und eine Seite des Schiffes ist zerstört. Der schwere Körper trudelt im Raum um die eigene Achse und ist kaum mehr zu kontrollieren. Und jemand sagt: wir haben ein Problem. Ich habe mir immer schon gewünscht, fremde Welten zu entdecken und dann wieder nach hause zu kommen. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt nach hause komme, ob die Spannung reicht. Meine Instrumente haben aufgehört zu leuchten. Die überflüssigen Geräte werden ausgeschaltet, es wird dunkel und kalt. Kondenswasser bildet sich zwischen der Elektronik. Die Schwerkraft des alten Mondes, der fremden Welt, zieht das Schiff auf die Rückseite des Trabanten, in den Schatten, Dort bricht der Funkkontakt ab.

Erinnerung an Nichts

Donnerstag, 7. Dezember 2006

Sönkes Film

Eine Bemerkung doch noch. Mein Gott, Sönke! Es war eine schöne WM, es waren gute Spiele, aber sehen zu müssen, dass Frings eine Rede auswendig lernen kann, dass viele Spieler tatsächlich so dumm sind wie wir schon ahnten, dass Klinsmann alle Positiv-Verstärken-Psycho-Tricks drauf hat, dass ein ganzer Film zum verlängerten Video-Clip für den unsäglichen Xavier Naidoo wird, das war nicht nötig. Ich will den Sommer schön in Erinnerung behalten.

Gute Nacht

Dienstag, 5. Dezember 2006

Magie

Es war noch nicht abgepfiffen, als die Zuschauer schon scharenweise das Stadion verließen. Mein Freund Reis saß noch bis zum bitteren Ende. "Der Abend war so schön bis zum Anpfiff", sagte er. Die Magie des Daum-Empfangs löste sich auf in eine Gleichung mit elf Bekannten.

Was ist das mit der Magie? Stadion, Flutlicht, zweite Liga, den Anschluss nicht verpassen. Daum ist Trainer, er steht für eine magische Vergangenheit, aber Hässler, Litbarski, Kohler, Povlsen sind entschwunden. Eine Zukunft ist noch nicht angebrochen. Also die Mühen der Ebene, ein grauenhaftes Spiel, verloren, wieder einmal. Das Personal ist real in Unordnung und Angst gefangen, geistig nicht auf der Höhe. Es verweigert sich der Magie. Das große Theater bleibt aus, das Happy-End fehlt.

Ich bin nicht zur Theaterpreisverleihung, obwohl, Andreas Robertz hätte ich gerne zum Preis gratuliert. Aber zurück zur Magie. Ich fiebere also im Stadion auf den Augenblick hin, der nicht kommt.
Wie war das, wie wird das sein?

Warum überhaupt Fußball? Fußball ist an sich die Magie des Augenblicks, die Magie einer Entscheidung, die nicht entschieden wird, die einfach geschieht, beobachtet und beschrieen von Tausenden, der Spieler wird mit einem kollektiven Stöhnen in die Hölle gestoßen oder mit einem Schrei des Entzückens, einer Eruption, gen Himmel geschickt, je nachdem, ob der Augenblick Glück oder Unglück bedeutet, je nachdem ob die Waage sich nach der einen oder anderen Seite neigt, der Ausführende wird zum Helden oder muss jahrelang in Therapie.

Nicht nur der Torwart hält den Atem an vor dem Elfmeter. Immerhin kann er den Augenblick dehnen, zelebrieren, mit einem Zaubertanz auf der Linie. Er legt die Maske an, er winkt mit den Armen. Er bekommt einen magischen Zettel zugesteckt, er hat einen magischen Stoffbär oder Schal im göttlichen Tor hängen oder einfach einen Geißbock im Rücken.

Hat der Ball die Linie berührt? Was the ball behind the line? Niemand hat es gesehen. Dieser Augenblick 1966 hat Magie bewahrt, weil es noch nicht einmal eine Wiederholung, geschweige denn eine Zeitlupe oder Super-Zeitlupe gab. Die Stimme des Reporters hat sich in unsere Erinnerung eingebrannt: Achtung! Hui! Kein Tor! Lange Pause. Eine zu lange Pause. Und die Spieler fügen sich in ihr Schicksal. Die Götter haben gesprochen. Wie ein Jahr zuvor, als in Rotterdam nach drei hart umkämpften Spielen im Europapokal der Landesmeister, der 1.FC Köln gegen den FC Liverpool ausschied, nachdem der reguläre Siegtreffer der Kölner nicht anerkannt worden war, ein Kölner Spieler mit gebrochenem Schienbein weiter spielen musste, weil noch keine Auswechslung möglich war und die Münze, die zur Entscheidung vom belgischen Schiedsrichter hinauf ins Flutlicht geworfen wurde, zwar wieder herab fiel, aber hochkant im Rasen stecken blieb. Die Kölner Spieler standen erschöpft in ihren beschmutzten, weißen Trikots abgewandt vom Geschehen und erwarteten ihr Urteil. Die Wiederholung des Münzwurfes, dieser Augenblick, nach all den schon empfangenen Strafen, schlug die Kölner endgültig zu Boden. Geschlagen, aber unbesiegt. Das waren magische Zeiten. Gestern abend: geschlagen und besiegt. Ganz einfach.

Gute Nacht

Mittwoch, 29. November 2006

Investivlöhne


Nach dem CDU-Parteitag gibt es ein neues Zauberwort: "Investivlöhne". Ich fand, es hat sowieso schon viel zu lange gedauert, dass die Arbeiterschaft (-klasse kommt mir nicht mehr über die Tasten) in das schon nicht mehr ganz taufrische System des globalen Kapitalismus (das Wort geht) besser zu integrieren, auf dass diese Arbeiterschaft, die ja schon ununterbrochen protestiert, den Eindruck hat, doch dazu zu gehören. Nicht nur zum Hartz-System, sondern zum System! Arbeiter und Protest, fragen Sie? Achten Sie einmal auf die Bilder mit den Menschen mit den Trillerpfeifen im Mund, in jeder zweiten Tagesschau. Das ist protestierende Arbeiterschaft. Auch jenseits dieser Bilder wurde in der letzten Zeit die Kritik immer lauter an der Logik der Ausplünderung, des Lohnverzichts bei gleichzeitiger Anhebung der Gehälter von Spitzen-Managern, die zum Dank dann doch die Entlassungen der Massen verfügen, die sich dann bald darauf Trillerpfeifen in den Mund stecken. Allein um das in Zukunft zu verhindern, bitte ich doch sehr darum, dieses System endlich aufzugeben. Eine Beteiligung der übrig gebliebenen Arbeiterschaft an der weltweiten Ausplünderung fördert die Identifikation (das Wort versteht sowieso keiner mehr) nicht nur mit dem Betrieb, sondern mit der Welt und ihrem Oben und Unten. Endlich würde manch gefühlter Unterschichtler dann wieder zum 'Oben' gehören können. Psycho-Hygiene oder Schweigegeld - oder, wie der Stadt-Anzeiger so elegant schreibt: "eine elegante Möglichkeit, die Arbeitnehmer besser an der Globalisierungsdividende des Kapitals zu beteiligen."

Na dann, gut Holz!

Dienstag, 28. November 2006

Dunkelheit

Der Hinterhof ist feucht wie ein Sumpf nach diesem ungewöhlich warmen Novemberregen. Mücken haben sich versammelt. Sie haben durch das Fenster gesehen, dann haben sie sich abgesprochen, sind eingedrungen, denn das Licht scheint so gemütlich. Ich höre meine persönliche Unruhestifterin erst, wenn ich gerade eingeschlafen bin, wenn sie ganz dicht an mein Ohr geflogen kommt, mutig mit ihrem Mückensopran ganz leise in die Hörmuschel singt. Dann aber hat sie schon zugestochen. Ganz langsam schwirrt sie ins Dunkle um den Staffelstab der nächsten Unruhestifterin zu überreichen. Eine nach der anderen naht heran. Wenn ich sie erblicke, sind sie auch schon wieder verschwunden. Ich mache Licht, ich schlage ins Leere, ich nehme ein Buch und lese ungeduldig.

Morgen weiter?

Montag, 27. November 2006

Es geht mit gut!!!


"Ich wünsch Euch einen grandiosen Tag, genießt ihn!" - "Lebe Deinen Traum" - "Es geht mir gut! Es geht mir guut!!!!!!!"
Nein, das sind nicht meine Morgenwünsche. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Werbung und Show, der schon in aller Kürze die Hysterie andeutet, welche sich in irrem Lachen, in Befreiungsschreien und zum Himmel gereckten Armen zeigt. In der Wirklichkeit fetzt das noch krasser. Schnösel aller Art, immer einen Kaipi vor dem Milchgesicht, beherrschen alle Schablonen der guten Laune, vom Kurz-Zuprosten, Augenzwinkern und permanentem Abklatschen bis zu Daumen-Hoch-Gesten. Sie wachen über die gute Laune, den ganzen Tag lang. Früher hieß das noch: "Prost, prost, Kameraden..." bedeutet aber das Gleiche. Die Stimmung war blut- und bodenständiger. Der Kongress tanzte. Heute ist das Positiv-Denken-Gekreische allgegenwärtiger und totalitärer. Es ist längst wie eine bunte Suppe über die ganze Gesellschaft und in alle Ritzen geflossen. Auf allen Kanälen 'Kuckst Du waita!' die Komedy-Serien und Komedy-Shows, bald wird jeder Tag zur Samstag Nacht. Was lachs Du? Eins in die Fresse?

Guten Morgen

Freitag, 24. November 2006

Kartoffeln


Die Bundes-CDU will sich "breit aufstellen." Manche sind schon "gut unterwegs". Viele auch sind "ein Stückweit" der Meinung, es solle sich bald einmal etwas ändern, so mit der Kulturförderung und ein Stückweit auch mit der Bildung und dem Klima und so. Sonst sei bald alles vorbei.
Wie richtig, wie schön. Und wir sollten nicht immer schimpfen. Auch mal loben, loben, loben.
Ich glaub, ich lese noch etwas. Das selbe Buch wie gestern?
"Ich träumte, dass ich versuchte einzuschlafen, um mich von der Furcht auszuruhen. Ich wollte nicht träumen. Ich wachte auf, duschte, trank einen Schluck kalten Kaffee, setzte mich an die Schreibmaschine und schrieb.

Jemand stieß mit der Gabel zu. Die Kartoffeln waren erschüttert und lagen erschrocken und blass in der Ecke des Tellers. Sie zogen sich in die Anonymität zurück, in eine gesichtslose Menge blasser Kartoffeln.
Sie wurden mehlig, kippten vom Tellerrand, rollten in die dünne Soße, verlacht und verlassen. Der Rest hielt einfach die ohnehin winzigen Münder. Schließlich verloren die Kartoffeln alle Hoffnung sich noch unter dem Gemüse verstecken zu können. Die Sauce ihrerseits dampfte gleichgültig vor sich hin und bildete gelangweilt eine Haut. Keine Lust auf Kartoffeln, wie immer.
Ich hörte auf zu schreiben. "
Ich hörte auf zu lesen.

Bis dann

Donnerstag, 23. November 2006

Stimmen

In China ist ein altes englisches Küstenstädtchen nachgebaut worden, bis in den letzten Winkel, ohne den Schmutz, ohne den Wind, ohne abgeblätterte Farbe. Die Schilder an den Pubs sind falsch geschrieben, das Churchill-Denkmal ist neu und glänzt sehr dick. Chinesen lassen sich davor fotografieren. Stimmen aus England sprechen von Disneyland und klingen traurig oder gleichgültig.

Ich habe noch gelesen:

"Ich wollte träumen, ich sei nicht eingeschlafen.
Ich hörte Geschirr klappern, gegenüber, auf der anderen Straßenseite, hinter einem geöffneten Fenster. Das Klappern schlug von der Wand zurück, wurde leiser und machte müde. Ich träumte von Stimmen. Ich hörte Stimmen, die vom Essen sprechen, hinter den Fenstern, Stimmen, die von Gegenständen sprechen. Alles lebt durch Stimmen, dachte ich. Stimmen machen sogar Tote wieder lebendig. Darum bin ich zum Theater gekommen. Aber der kleine, rote Vorhang hatte sich wieder geschlossen. Die falschen Leute hatten gelacht für die falschen Leute."

Ich hörte auf zu lesen.

Montag, 20. November 2006

Broken Dreams Club Band

Zurück zu den Beatles. Die Platte ist wirklich phantastisch. "Love" ist ein Experiment, das zeigt wie ein Universum geöffnet werden kann, wie alte Musik neu klingen kann, ohne 'hip' werden zu müssen. George Martin, der 'Fünfte Beatle' aus den Abbey Road Studios hat die Songs der 'Fab Four' noch einmal gelesen, erspürt, mit Möglichkeiten gespielt, neue Zusammenhänge gefunden, witzige Fußnoten angefügt, eben ohne den Geist der Musik zu beschädigen oder umzubauen. Ein reines Vergnügen. Wenn wir doch im Theater auch wieder so weit kommen könnten.

Stichwort Theater: Daum kommt tatsächlich. Kaum zu fassen. Hoffnung auf Erlösung, Enttäuschung, Absage, harter Fall, Nachdenken, Gerüchte, Zittern, Zusage. In der Kultur ist die Reihenfolge meist umgekehrt. Aber im Fußball? Der Retter kommt. Ab Morgen 'Lucy in the sky with diamonds'. Die große Zukunft vor Augen hat der FC prompt gegen 60 München verloren (um den Kontrast deutlich zu machen?) Es war aber auch ein verregneter Tag.

"A day in the life"

Mittwoch, 15. November 2006

Saudämlich - und noch viel mehr

Aus der Reihe: Ich bin doch saublöd! Muss ich diese Krach und Knallwerbung eines Billig-Marktes immer und immer wieder anhören? Ja, wenn ich König von Deutschland wär'... aber so schnell kann niemand umschalten, vor allem weil diese Musik im Kopf weiter arbeitet, weil sie geläufig ist und weil sie erinnert an Anarchie, an Widerstand, an "Bild macht dumm", an eine erregende Zeit. Und jetzt verbindet sie sich mit "Unterschicht", "hol mir mal ne Flasche Bier", an T-Shirts mit "Zicke"-Aufdruck, an saudämlich... Stimmt. Ich kauf mich dumm. Aber wehe, wer anfängt die Musik weiter zu hören: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"

Gute Nacht

Dienstag, 14. November 2006

Ach, hätte

Übrigens, jetzt ist es offiziell, Essen wird Kulturhauptstadt Europas. Der Bürgermeister redet von einer wahnsinnigen Palette, von Grönemeier bis Avantgarde-Kultur. Oh, das hätten wir nicht hinbekommen. Ich glaub, ich gehe lieber zum FC und anschließend ins Früh bis Kölsch. Dann den Kopf heißreden. Später vor dem Fernseher noch die Spielberichte und ein Seufzer: Ach, hätte der Daum doch damals zugesagt.

Donnerstag, 9. November 2006

Die Stadt, das Geld und die Kultur


Unter Druck gibt die Stadt viel Geld - Geld, das nötig ist. Zum Beispiel € 2.200.000.- für eine zusätzliche Großleinwand zur Fußballweltmeisterschaft am Rhein, ungedeckt vom Haushalt der Stadt.
Für den nächsten Haushalt sollen € 3.000.000.- mehr für die Sauberkeit in unserer Stadt ausgegeben werden. Das ist nötig, findet auch die grüne Fraktion.

Das ständige Gerede über eine 'Kulturstadt' Köln hatte bis heute, auch nach der kläglich gescheiterten Bewerbung zur 'Kulturhauptstadt Europas' (das wird Essen) natürlich keine Konsequenzen. Auch nicht im Haushalt. Für den normalen Kölner Unterschichtler genügen zusätzliche Mülleimer, um seine Flasche Bier und den Express getrennt wegwerfen zu können. Ein Blick aus dem Mallorca-Flieger auf das blaue Zelt des Musical-Doms, ja, hurra! Dort liegt die 'Kulturstadt'.

SPD und Grüne meinen: Kein Geld zusätzlich für Kultur (immerhin liegen wir ja bundesweit noch an 27. Stelle), der Hauhalt sei nicht gedeckt. Der Kulturdezernent erwartet eine Erhöhung des Haushaltes, damit Köln vielleicht irgendwann einmal doch das Niveau von Leipzig, oder einfach das Niveau von 6% am Gesamtvolumen erreichen kann. Eine Erwartung, die vom KulturNetz Köln, von den Kulturschaffenden, geteilt wird.
Statt uns zu unterstützen, will die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Frau Moritz, eine Strukturdebatte, wieder einmal. Statt endlich mehr Mittel zu bewilligen zur Entwicklung der Kulturlandschaft, soll das Problem 'Kultur' mit mehr Bürokratie gelöst werden: Fusionen im städtischen Bereich, Abschaffung der 'kleinen' Theater, weil die sich nicht rechnen. Der erneute Versuch, die einzige Stärke Kölns, eine weit verflochtene Kultur vieler Häuser, vieler Gesichter, vieler Profile, zu einer verklumpten, verbilligten Zentralkultur zusammenzustreichen.

Aber, sagen die Neunmalklugen, die Stadt muss doch sorgsam mit öffentlichen Geldern umgehen. Übrigens:
Gerade dieser Tage hat Regierungspräsident Hans Peter Lindlar (CDU) entdeckt, dass der Messe-Skandal (viel höhere Ausgaben für die Stadt als nötig), gar kein Skandal ist. Der Deal mit Esch-Oppenheim sei für die Stadt im "zulässigen Rahmen ihres Ermessens" "Zur Vermeidung von finanziellen Risiken" "folgerichtig" gewesen. Schön zu wissen. Vorhang!
Übrigens: ein Drittel der Gesamtsumme, € 56 Millionen, sind bei diesem Deal für den Posten "Projektentwicklung" ausgegeben worden. Übrigens: Wegen Auftragsvergabe ohne Ausschreibung könnten durch die EU noch Strafzahlungen in Millionenhöhe auf Köln zukommen.

Wenn die Kulturschaffenden keine Macht und nur selten eine Lobby haben, ist unsere einzige Möglichkeit: Druck aufbauen. Nach ununterbrochenen Protesten der Theaterszene wurden 2001 (angekündigt als erster Schritt von vielen), im Haushalt € 400.000.- mehr für die freien Theater aufgebracht, weil "die freien Theater die Trumpfkarte der Kultur sind". Und: "Weil wir den Druck und die Proteste nicht länger aushalten wollten", so ein Politiker.
Die Theater wurden beneidet, weil sie durch die Theaterkonferenz eine organisierte Kraft hatten. Diese Kraft ist mittlerweile geschwunden, seit eine handvoll Theater ausgetreten sind, um ausschließlich die eigenen Interessen zu wahren. Unter zunehmendem Separatismus leidet die ganze Szene. Dieser Weg ist eine Sackgasse und macht uns zum Spielball einer Politik, die lieber einfache Lösungen intern abspricht. In diese Falle sollten wir nicht gehen.
Wir können nur für die Kultur gewinnen, wenn wir die Kräfte sammeln, sonst...
Gute Nacht

Dienstag, 7. November 2006

Lesen? Spielen?


Wochenende in Ehrenfeld. Im 'Goldmund' eine Diskussion über den türkischen Autor und Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Die hatte Windungen und Wendungen: interessant! Pamuk sitzt zwischen allen Stühlen. Für die Nationalisten ist er zu wenig patriotisch, für die Linken zu unkritisch, für die Religiösen zu wenig religiös. Und für die Leser? Er kreiert Bilder, was er schreibt ist reine Poesie, sagt jemand, ein Mann bestätigt, der Schnee sei genau so, wie er ihn schildere, genau so. Jemand sagt, einfache Menschen lesen seine Bücher nicht, seine Sätze seien zu kompliziert.
Thomas Mann, Kafka, würden sie sich heute verkaufen können, wenn sie nicht schon längst zum Kanon gezählt würden? Wären ihre Bilder, ihre Sätze heute nicht auch viel zu kompliziert? Jeder Schreiber braucht einen Leser. Dieser Leser, diese Leserin also, muss ihn (sie) aber auch verstehen können. Wir müssen wieder 'lesen' lernen. Wer versteht denn noch die Filmsprache eines Truffaut (wo bleibt die Action?), wer versteht noch die Sprache des Theaters (nein, nicht Musical, wo der Sänger mit dem amerikanischen Akzent ganz viel Text in ganz wenig aufgepumpte Musik pressen muss)?
"This is my life" säuselt eine Band im Fernsehen. Nein, es ist eine deutsche Tele-Novela mit Rosen im Titel, es sind Schauspieler, bei denen das 'spieler' gestrichen werden muss. Eine Aneinanderreihung von Klischees, aufgepumpter, durchsichtiger Mist. Das verstehen fast alle, deshalb wird auch immer mehr Mist produziert. Clips, Gericht, Volksmusik.
Also, Fernsehen aus. Lesen! Das Lesen jenseits von Dan Brown, Rosamunde Soundsoviel und Harry Potter, ist aber offensichtlich, zumindest öffentlich, nur noch als augenzwinkerndes, schmunzelkompatibles, von Dreigang-Menus umspieltes Pointensuchen erwünscht. Also, zu hause bleiben und Kafka lesen. Oder in ein richtiges Theater gehen und ein richtiges Theaterstück ansehen, zum Beispiel Brecht im TAS. Jaja.
Guten Abend

Zusatz:
Birgitt Schippers im Dom Radio 7. 11. 06:
"Regisseur und Theaterleiter Joe Knipp schafft es, ein an sich sprödes Stück, witzig und unterhaltsam zu inszenieren, ohne dass die Tiefgründigkeit verloren ginge. So verblüffend einfach und unwiderstehlich wie die Mechanismen des Lebens, so ist auch das Bühnenbild. Quer durch das Publikum geht ein Laufsteg, auf dem die Soldateska marschiert. Die Pagode auf der Bühne ist ein Bretterverschlag, der durch ein kleines Schild als Tempel markiert wird. Und der Elefant ist ein Leinentuch, das von einem der Soldaten wie eine Marionette mit Stöcken bewegt wird. Ein menschliches Puppentheater wird vorgeführt – mit erschreckenden Folgen.

Tief beeindruckend in ihrer Intensität und Wandlungsfähigkeit ist Marietta Bürger, die sowohl in die Rolle der Frau des Packers, wie Fischweib oder Marketenderin schlüpft und die Unerbittlichkeit des Daseins mit einem feinen, disziplinierten Augenzwinkern vermittelt. „Mann ist Mann“ ist ein unbedingt sehenswertes Theatererlebnis am Theater am Sachsenring, das dieses Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum feiert und sein Publikum auch mit seiner jüngsten Produktion begeistern konnte."

Montag, 6. November 2006

Krimi


Heute schweigen und fernsehen. Krimi. "Für Jugendliche nicht geeignet!" Guter Witz. Martialische Synthi-Basstöne begleiten die Rede eines alten, harten Mannes, der bei Europol gegen organisierte Kriminalität zu Felde ziehen will. Schnitt auf einen Kriminellen im Anzug, der seine Frau würgt, weil sie ihn verlassen will, weil sie etwas weiß und deshalb würgt er sie. Synthi-Bässe sind selbstredend wieder mit von der Partie. Schnitt. Jetzt kommen Zupfinstrumente und Synthi-Geigen dazu. Später Hörner. Die Blondine des Gangsters ist entweder bald tot oder verliebt sich in einen jungen Polizisten. Ich tippe auf Letzteres. Aus!
Gestern bei 'Christiansen': auch Männer in Anzügen. Schröder war dabei. Ach ja, der hat ein Buch geschrieben und meinte auch hier wieder sagen zu müssen, sein Freund Putin sei ein Demokrat und der Staat müsse stark sein und in Russland gäbe es keine Todesstrafe.
Ach, der Mann von Europol ist übrigens gerade niedergeschossen worden. Im Fernsehen. Und die Blondine hat einen jungen Polizisten getroffen.
Wie schön, dass Vieles so durchsichtig und voraussehbar bleibt.
Gute Nacht

Donnerstag, 2. November 2006

Business Theater

Heute Mittag im Radiofeuilleton. Ein Beitrag über Business-Theater. Da erzählen freie Theatermacher aus Frankfurt über die wenigen Möglichkeiten, freies Theater noch zu finanzieren. Wir spielen einfach für die, die zahlen. Da fragt der Konzern: Wieviel kostet denn die halbe Stunde? Da wächst der Zorn, aber wir brauchen das Geld, sagt jemand. Wir produzieren für die Wirtschaft, oder für den Publikumsgeschmack. Zum Beispiel 'Caveman'. Das wird gut besucht. - Ein Stück über warum Frauen immer Schuhe kaufen müssen. Die Inszenierung hat Esther Schweins konzipiert. - So ähnlich erzählt eine Theatermacherin. Sie hat verstanden, dass Inszenierungen nur noch konzipiert, statt gemacht werden. Und dass Stücke keinen Autor mehr haben. Und Esther Schweins, die Gutaussehende, hat ihren Namen schon unter so viele Cavemen gesetzt, dass kaum zu fassen ist, in wieviel Paralleluniversen sie inszenieren, moderieren, konzipieren und repräsentieren kann. Wir finden 'Esther' auf dem Datenträger 'Theater' als Bonus-Material.

In Köln wird uns geraten zu fusionieren. Wegen der Ökonomie. Kleine Theater rechnen sich nicht. Daher sind sie unbrauchbar geworden. Auch wir haben verstanden. Zahlen Sie im Voraus für die nächste halbe Stunde! Der Haushalt ist nicht gedeckt.

Mittwoch, 1. November 2006

Razz-Fazz! Oder: Die unerträgliche Schwere des Bewusstseins

Die Sonne hängt tief und leuchtet grimmig auf die freie Szene. Still und hell. Gleichzeitig stürmt ein geradezu konventioneller Wind über die Dächer der Theater Kölns und bewegt so manches tote Blatt, so sehr dieses sich auch zu wehren versucht. Der ganze Tag hängt in den Seilen. Im katholischen Köln wird Allerheiligen gefeiert, also nicht wie Karneval, sondern im Gegenteil, bei diesem Event wird inne gehalten.

Auch die andere Sonne, die Sonne der Kultur hält still und steht so tief, dass, wie das schöne Sprichwort sagt, selbst Zwerge lange Schatten werfen. Wir warten, dass zumindest ein Wind etwas bewegt, umsonst.

Meine Inszenierung von „Mann ist Mann“ ist gelungen und läuft. Sie macht „Lust auf Theater“, wie der Stadtanzeiger schreibt, und das Publikum ist sehr amüsiert und auch beeindruckt von der Geschichte des Mannes Galy Gay, der um jede Ecke mitgeht, um seinen Spaß zu haben oder seinen Schnitt zu machen. Irgendwann, während einer Scheinerschießung durch die Soldaten, denen er sich angeschlossen hat, spätestens dann, stürzt diese heitere Geschichte ab in Beklemmung, der Mann steckt in der Falle, das Publikum auch.

Das Stück von Brecht, mit dem die Kritik schon vor achtzig Jahren Schwierigkeiten hatte, gerät wegen des vordergründigen Soldaten-Themas oft in Gefahr überinterpretiert zu werden. Entweder es wird zur Kabarett-Nummer, wie gegenwärtig am BE (das Theater hinter dem Brecht-Denkmal, neben der „Ständigen Vertretung“, wo der Rheinländer Kölsch trinkt), oder das Stück wird zur Polit-Parabel, zum Gleichnis gegen den Krieg, der gerade vorgesehen ist. 1969 hatte das BE in Ost-Berlin die wunderbare Idee, die Inszenierung mit dem Vietnam-Krieg zu verbinden. Ich habe die Versuchungen auch gesehen, Bilder von Abu Ghoreib und Ähnliches in der Inszenierung unterzubringen. Ich habe es gelassen.

In dieser Inszenierung ist das Thema nicht in erster Linie Militarismus, sondern: Wieviel ICH ist nötig, wieviel Individuum ist möglich? Wohin führt Anpassung, freiwillige Aufgabe von Identität? In unserem Theater öffnet sich ein Spielraum, der von der Bühne ins Publikum führt, von einem Zaun begrenzt, der uns in das ‚Überall’ von Camp, Pagode und „Kilkoa“ führt. Die Soldateneinheit, immer von vier jungen Männern gespielt, ist in dieser Inszenierung eine abgerissene Truppe, darunter eine Frau, wie so viele Frauen in den Armeen dieser Welt – und ein Inder, eingepasst in die Kolonialarmee.
Was Brecht wollte, schildert er so: erstens: Klamauk, zweitens: die Schrauben werden angezogen!
Die Szenenfolge erinnert an eine lebendig gewordene ‚Puppenkiste’, Songs von Paul Dessau, melancholische Einschübe in das temporeiche Treiben, arrangiert für Gitarre vom Komponisten Albrecht Zummach…
Während ich das beschreibe, fällt mir auf, dass schon diese Elemente der Inszenierung in mancher Rezension weder gesehen noch beurteilt worden sind, es gibt überhaupt kein Beschreiben des Gesehenen, es gibt nur Kommentare zu Gelerntem und Gelesenem. Vorurteile und Dogmen, die mit dem Bühnengeschehen nichts mehr zu tun haben. Genau so, wie viele Inszenierungen des zeitgenössischen Theaters mit Textvorlagen nichts mehr zu tun haben. Manche ‚Kritiker’ finden einfach durch die eigenen, verstopften Hirnwindungen den Weg ins Theater nicht mehr.

Allein das Theaterspielen scheint Einige schon so zum Schäumen zu bringen, dass sie nur noch um sich schlagen, unter dem Motto: Wer wagt es, diesen unmodernen, anti-multi-medialen Brecht immer noch zu spielen? Das äußert sich dann in Sätzen wie: "Zwischendurch wird auch gesungen. Brecht eben." (Frau N.)
Noch schlimmer treibt es aber ein Kritiker des Kino-Magazins ‚Choices’, Herr Z., der wie von Sinnen auf die Inszenierung einprügelt, weil ihm die ‚Aktualisierung’ fehlt.

Ja! Auf unserer Bühne gab es noch nie Multimedia-Projektionen von explodierenden Häusern oder rollenden Panzern, oder Fotos aus dem Irak, um das Thema „Krieg“ zu bebildern.

Dass Soldaten, die in „Mann ist Mann“ saufen, plündern und ein bisschen quälen, etwas mit unserer Zeit zu tun haben könnten, darauf kann natürlich niemand kommen. Dass eine ‚Aktualisierung’ im Kopf entsteht, ist neunmalklugen Theaterhassern fremd.
Aber darüber wird schon gar nicht mehr diskutiert, die meisten Bühnen stehen heute mehr und mehr unter einer Diktatur der Experimentier-Fanatiker und ihrer Propagandisten. Trostloser geht es kaum.

Ich glaube, ich sollte ganz schnell einen Hamlet inszenieren, der natürlich in Afghanistan spielt – und in der Totengräber-Szene müssten alle in Bundeswehruniformen stecken. Herr Z. würde jubeln über so viel Aktualität und Frau N. würde auch etwas verstehen, aber erst, wenn die Zahlen der Opfer in Afghanistan plus die Aktienkurse des Tages auf einer Laufschrift leuchten würden. Toll! Multimedia!

Wir sollten uns umbenennen in eine Gruppe mit einem lustigem Namen, oder mit punkt.com und natürlichalleskleingeschriebenundineinemwort und ich sollte unendliche Textflächen gleichzeitig sprechen lassen und dann… nein, lieber doch nicht.

Gute Nacht

Dienstag, 31. Oktober 2006

Liebe ist alles


Und dann gehen wir zu einer Premiere nach Bochum und sehen "afterdark" von Murakami und wir haben gelesen den leichten, sanften Ton, die entspannnte Welt der Zwischentöne und Zwischenwelten, die erstaunlichen Räumlichkeiten, die fremde Luft. Wir sehen aus dem Dunkel auf der Bühne verkrampfte, tönenede, nervöse, theatralische Großstadtfiguren (verstörte), in einer inszenierten Großstadtkälte, natürlich Videoprojektionen (gibt es heute überhaupt noch Theater ohne Beamer?) Und wir trinken Bier und Wein danach, in der schönen, leisen Theater-Bar, weil es noch regnet in Bochum. Der VFL hat 1:1 gegen Dortmund gespielt und, wie ich erfahre, der FC nur 0:0, und wir essen Käse und Früchte, später, im lauten Hotelrestaurant, benutzt von lauten Menschen, läuft die Kellnerin hin und her und bringt Kölsch. Meine Liebste hat ein schönes Kostüm an und wir sehen uns in die Augen - und es bleibt Liebe, Liebe, die uns verbindet und es bleibt die andere Welt. Und die ist wirklich. Und später zieht meine Liebste die Vorhänge zu.
Gute Nacht

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Im Bild


Oh Gott! Deutsche Soldaten haben in Afghanistan einen Totenschädel in die Kamera gehalten. Eine Sondersendung jagt den nächsten Brennpunkt. BILD hat der Wahrheit zum Durchbruch verholfen. "Widerlich, ekelerregend!" Wie bitte?
Wieso wundern wir uns eigentlich immer wieder, dass Soldaten saufen, pöbeln, Trophäen sammeln, Witze reißen (Deutsche), Gefangene demütigen (Engländer), foltern (Amerikaner), oder ganze Familien massakrieren (Russen)?
Soldaten tragen auch Waffen (Ach, du lieber Himmel), und erschießen Menschen (ist das so geplant?) um den Frieden zu sichern (ach so).
Schlaft recht schön.

Dienstag, 24. Oktober 2006

übrigens


Übrigens, der Stellenwert Kölns (Pro-Kopf-Ausgaben für die Kultur) ist mittlerweile Rang 27! Übrigens, Köln ist immer noch die viertgrößte Stadt Deutschlands.
Übrigens, die mangelnde Aufmerksamkeit, die mangelnde finanzielle Ausstattung ist schon seit vielen Jahren (Seufz!) das Thema der Kulturpolitik. Denn der Tabellenstand ist nicht neu. Die 'freien' Künstler und Kulturschaffenden, die Kölner Theaterkonferenz, der Initiativkreis Freie Musik, das KulturNetz Köln, um nur wenige zu nennen, predigen, fordern, bitten, analysieren, protestieren immer und immer wieder und - arbeiten weiter. Und sie hören: Ja, Sie haben Recht. Ja, es muss sich endlich etwas ändern. Ja, Kultur hält eine Stadt zusammen. Ja, sie ist ein entscheidender Standortfaktor. Ja, jetzt haben wir gelernt. Ja, wir arbeiten eng mit Ihnen, den Künstlern, den Kulturschaffenden, zusammen.
Übrigens, es ist nichts geschehen, übrigens, wir werden keine Kulturhauptstadt Europas. Übrigens, wir müssen endlich einmal etwas ändern, etwas tun.
Und jetzt geht's los! Es wird etwas geschehen. Nein, Moment, erst wird etwas geredet. Jetzt gab es ein 1. Symposium, das unser Thema behandelte. Überregionale (Hoppla!) Experten und Politiker sprachen und Vertreter von hiesigen Fördervereinen hörten gespannt zu. Sie hörten eindringliche Warnungen vor dem Abrutschen in die völlige Bedeutungslosigkeit. Die Experten äußerten ihr Erstaunen über so viel Unaufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Potential. So viel Ignoranz gegenüber einer starken, vielfältigen Szene ("die lebendigste in NRW"). Applaus. Ja, alles soll besser werden. Vieles soll anders werden.
Übrigens, die 'freie' Kultur und ihre Vertreterinnen und Vertreter blieben von dieser Veranstaltung ausgeschlossen. (Seufz!) Keine Einladung. Und Karten waren zu teuer. Aber, alles wird gut! Im nächsten Jahr schon soll der Kulturetat um 0,5% erhöht werden. Bei diesem rasanten Tempo werden wir 2010 das Niveau von Leipzig erreichen. Es sei denn Leipzig kommt auf die Idee, die Ausgaben für Kultur bis 2010 noch weiter zu erhöhen. Der Ehrgeiz der Ossis ist ja unkalkulierbar.
Dabei fällt mir auf, Leipzig ist auch eine schöne Stadt. Hat die einen Dom?
Auf Wiedersehen

Dienstag, 17. Oktober 2006

Gruscheln


Die neuste Sucht unserer kaugummikauenden Studis, die einsam, jenseits der Clubnächte, die Lippen zugetackert, auf ihre Tastatur hacken müssen, um sich Fotos aus dem Badeurlaub einer süßen Gruschel-Tante anzusehen, um sie, also die Tante, dann anzuschreiben, um sie zu fragen, welches denn ihr Lieblingsfilm ist, oder ihre Lieblingsfarbe, was man sonst schwer herausbekommt, um sie, also die Tante, dann zu fragen, ob sie ein Stückweit ein Bisschen mitessen möchte in der Mensa (wo ist die denn? lol). Gemeinsam einen Spaziergang durch die Orientierungslosigkeit, Poesie-Album und Freundschaftsbänder sind Vergangenheit. Aber wie soll man denn dann einem scheuen Studierchen richtig nahe kommen? Die Technik greift ein. ‚Gruscheln’. Ein Thema im Nachtmagazin der ARD. Gruscheln ist grüßen und kuscheln. Oder: aktives Kennenlernen, wie ein Befragter in die Kamera sprülzte (sprechen und sülzen). Oh Gott! Ich denke gerne an meine Zeit des passiven Kennenlernens zurück. So Angesicht zu Angesicht bei einem nicht-virtuellen Rotwein. Ach, ich hatte ja keine Ahnung.
Nach gruscheln kommt bestimmt der Abschluss der Studierkammer, der Aufstieg in die Unterschicht, Popcorn-Kino, Blümchensex, dann SPD wählen, oder so, und Familie grügeln (gründen und verprügeln). Fehlt was? Nachdem sich meine Gänsehaut gelegt hatte, dachte ich: bloß weiter hartes Theater machen, mit harten Menschen auf einer harten Bühne aus echtem Holz vor Zuschauern mit einem Hirn im Kopf.
Alles Recht und gute Nacht.

Samstag, 30. September 2006

Ich wollte einen Fisch kaufen, jetzt ziehe ich in den Krieg.


Absetzung einer Oper wegen Terrorgefahr. Sieg der Angst? Wir diskutieren über vorauseilenden Gehorsam, über Selbstzensur. Jetzt wollen alle die Freiheit der Kunst behaupten, die wir doch schon lange preisgegeben haben im Sumpf des pompösen Kitsches, der Verlogenheit von Tele-Novelas, der Mega-Top-Events, der Monumental-Opern, der Eichinger-Filme, der Verkaufs-Shows, der Effenberg-, Bohlen- und Eva-Herrmann-Bücher. Heißt das Fernsehen, Theater, Lesen? Wer sagt nein zu denen, die tatsächlich und ununterbrochen Kultur aus der Öffentlichkeit verbannen, weil Bücher, Filme, Musicals nur noch nach ihrem Verkaufswert gemessen werden. Von der Traumfabrik zum Block-Buster, von der Phantasie zur Fantasy, vom Theater zur Performance. Von der Förderung freier Kultur zum Abschied von freier Kultur.

Da sich das deutsche Theater immer erfolgloser um sich selbst dreht, bestimmt es seinen Marktwert über leichte Kost (für die Abonnenten) und, auf der anderen Seite, über Skandalisierung, Provokation (für Medien und Feuilleton). Jesus und Skandal ist allerdings schon langweilig geworden, höchstens noch gut für leichte Proteste aus der gewohnten Ecke. Aber Mohammed? Das gibt mindestens brennende Fahnen, Morddrohungen und eine fette Schlagzeile. Doch Vorsicht: einen Schritt zu weit und der kurzfristige Ruhm endet im Leichenschauhaus. Deshalb hat die Intendantin der Deutschen Oper auch ein bisschen Angst bekommen.

Bisher hat sich noch nie jemand beschwert, wenn für Quote und Auflage täglich Menschen gejagt, Persönlichkeitsrechte verletzt und Gefühle missachtet werden. Das ist normal. Was also ist anders? Dogmatiker und Eiferer schlagen zurück. Markt, Einfältigkeit und Hass gehen aufeinander los. Was guckst du? Ich schlag dir die Fresse ein, denn Mann ist Mann.

Der Mann der nicht nein sagen kann will einen Fisch kaufen, erhält eine Gurke, macht einen Soldatenspaß mit, ändert seinen Namen, wird nach einer Scheinerschießung ein anderer und zieht in den Krieg, der vorgesehen war.
Soweit die zufällige Geschichte in einem Stück von Bertolt Brecht, das im Theater am Sachsenring zur Premiere kommt.

Freitag, 24. Februar 2006

Being Lawinky

Ein Schauspieler (nennen wir ihn Lawinky), hatte dem Kritiker (nennen wir ihn Stadelmaier) in Frankfurt ein totes Huhn auf den Schoß geworfen, ihm den Schreibblock entrissen und ihn beschimpft. Der Kritiker verließ die Premiere.

Einen Tag danach war auch in Köln, nach der Premiere der 'Galotti', in Gesprächen eine kaum verhohlene  Freude zu entdecken, dass endlich ein Schauspieler auf einen kritiksüchtigen Kritiker losgegangen war, um es ihm heimzuzahlen.
Für Köln schien der Übergriff eine Art Ersatzhandlung zu sein, denn mancher Kulturschaffende dieser Stadt fühlt sich von einem provinziellen Kulturteil und einer schlecht gelaunten Kritikerin ebenso geschlagen, wie mit einem vollständig gestörten Verhältnis zu Kritik und Kulturdebatte überhaupt.

Der Fall 'Lawinky' ist aber ein Exempel, eine ernste Zuspitzung. Ich wäre vorsichtig mit dem Begriff: Angriff auf die Pressefreiheit, aber man muss Herrn Stadelmaier zustimmen, diese Art von Enthemmtheit ist die Konsequenz eines Theaters, das seine eigenen Mittel abschafft, zugunsten marktgerechter Provokationen.
Der Verleger des Ionesco-Stücks 'Das große Massakerspiel' – darin spielte Lawinky – entdeckte in Frankfurt nur noch 10% Ionesco und untersagte die Aufführung. Da Stücke oder Autoren sowieso keine Bedeutung mehr haben, wurde die Mogelpackung tatsächlich einfach umbenannt in das, was sie schon von Anfang an war: 'Being Lawinky'. Jetzt mit 90% weniger Text.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.