Dienstag, 31. Oktober 2006

Liebe ist alles


Und dann gehen wir zu einer Premiere nach Bochum und sehen "afterdark" von Murakami und wir haben gelesen den leichten, sanften Ton, die entspannnte Welt der Zwischentöne und Zwischenwelten, die erstaunlichen Räumlichkeiten, die fremde Luft. Wir sehen aus dem Dunkel auf der Bühne verkrampfte, tönenede, nervöse, theatralische Großstadtfiguren (verstörte), in einer inszenierten Großstadtkälte, natürlich Videoprojektionen (gibt es heute überhaupt noch Theater ohne Beamer?) Und wir trinken Bier und Wein danach, in der schönen, leisen Theater-Bar, weil es noch regnet in Bochum. Der VFL hat 1:1 gegen Dortmund gespielt und, wie ich erfahre, der FC nur 0:0, und wir essen Käse und Früchte, später, im lauten Hotelrestaurant, benutzt von lauten Menschen, läuft die Kellnerin hin und her und bringt Kölsch. Meine Liebste hat ein schönes Kostüm an und wir sehen uns in die Augen - und es bleibt Liebe, Liebe, die uns verbindet und es bleibt die andere Welt. Und die ist wirklich. Und später zieht meine Liebste die Vorhänge zu.
Gute Nacht

Mittwoch, 25. Oktober 2006

Im Bild


Oh Gott! Deutsche Soldaten haben in Afghanistan einen Totenschädel in die Kamera gehalten. Eine Sondersendung jagt den nächsten Brennpunkt. BILD hat der Wahrheit zum Durchbruch verholfen. "Widerlich, ekelerregend!" Wie bitte?
Wieso wundern wir uns eigentlich immer wieder, dass Soldaten saufen, pöbeln, Trophäen sammeln, Witze reißen (Deutsche), Gefangene demütigen (Engländer), foltern (Amerikaner), oder ganze Familien massakrieren (Russen)?
Soldaten tragen auch Waffen (Ach, du lieber Himmel), und erschießen Menschen (ist das so geplant?) um den Frieden zu sichern (ach so).
Schlaft recht schön.

Dienstag, 24. Oktober 2006

übrigens


Übrigens, der Stellenwert Kölns (Pro-Kopf-Ausgaben für die Kultur) ist mittlerweile Rang 27! Übrigens, Köln ist immer noch die viertgrößte Stadt Deutschlands.
Übrigens, die mangelnde Aufmerksamkeit, die mangelnde finanzielle Ausstattung ist schon seit vielen Jahren (Seufz!) das Thema der Kulturpolitik. Denn der Tabellenstand ist nicht neu. Die 'freien' Künstler und Kulturschaffenden, die Kölner Theaterkonferenz, der Initiativkreis Freie Musik, das KulturNetz Köln, um nur wenige zu nennen, predigen, fordern, bitten, analysieren, protestieren immer und immer wieder und - arbeiten weiter. Und sie hören: Ja, Sie haben Recht. Ja, es muss sich endlich etwas ändern. Ja, Kultur hält eine Stadt zusammen. Ja, sie ist ein entscheidender Standortfaktor. Ja, jetzt haben wir gelernt. Ja, wir arbeiten eng mit Ihnen, den Künstlern, den Kulturschaffenden, zusammen.
Übrigens, es ist nichts geschehen, übrigens, wir werden keine Kulturhauptstadt Europas. Übrigens, wir müssen endlich einmal etwas ändern, etwas tun.
Und jetzt geht's los! Es wird etwas geschehen. Nein, Moment, erst wird etwas geredet. Jetzt gab es ein 1. Symposium, das unser Thema behandelte. Überregionale (Hoppla!) Experten und Politiker sprachen und Vertreter von hiesigen Fördervereinen hörten gespannt zu. Sie hörten eindringliche Warnungen vor dem Abrutschen in die völlige Bedeutungslosigkeit. Die Experten äußerten ihr Erstaunen über so viel Unaufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Potential. So viel Ignoranz gegenüber einer starken, vielfältigen Szene ("die lebendigste in NRW"). Applaus. Ja, alles soll besser werden. Vieles soll anders werden.
Übrigens, die 'freie' Kultur und ihre Vertreterinnen und Vertreter blieben von dieser Veranstaltung ausgeschlossen. (Seufz!) Keine Einladung. Und Karten waren zu teuer. Aber, alles wird gut! Im nächsten Jahr schon soll der Kulturetat um 0,5% erhöht werden. Bei diesem rasanten Tempo werden wir 2010 das Niveau von Leipzig erreichen. Es sei denn Leipzig kommt auf die Idee, die Ausgaben für Kultur bis 2010 noch weiter zu erhöhen. Der Ehrgeiz der Ossis ist ja unkalkulierbar.
Dabei fällt mir auf, Leipzig ist auch eine schöne Stadt. Hat die einen Dom?
Auf Wiedersehen

Dienstag, 17. Oktober 2006

Gruscheln


Die neuste Sucht unserer kaugummikauenden Studis, die einsam, jenseits der Clubnächte, die Lippen zugetackert, auf ihre Tastatur hacken müssen, um sich Fotos aus dem Badeurlaub einer süßen Gruschel-Tante anzusehen, um sie, also die Tante, dann anzuschreiben, um sie zu fragen, welches denn ihr Lieblingsfilm ist, oder ihre Lieblingsfarbe, was man sonst schwer herausbekommt, um sie, also die Tante, dann zu fragen, ob sie ein Stückweit ein Bisschen mitessen möchte in der Mensa (wo ist die denn? lol). Gemeinsam einen Spaziergang durch die Orientierungslosigkeit, Poesie-Album und Freundschaftsbänder sind Vergangenheit. Aber wie soll man denn dann einem scheuen Studierchen richtig nahe kommen? Die Technik greift ein. ‚Gruscheln’. Ein Thema im Nachtmagazin der ARD. Gruscheln ist grüßen und kuscheln. Oder: aktives Kennenlernen, wie ein Befragter in die Kamera sprülzte (sprechen und sülzen). Oh Gott! Ich denke gerne an meine Zeit des passiven Kennenlernens zurück. So Angesicht zu Angesicht bei einem nicht-virtuellen Rotwein. Ach, ich hatte ja keine Ahnung.
Nach gruscheln kommt bestimmt der Abschluss der Studierkammer, der Aufstieg in die Unterschicht, Popcorn-Kino, Blümchensex, dann SPD wählen, oder so, und Familie grügeln (gründen und verprügeln). Fehlt was? Nachdem sich meine Gänsehaut gelegt hatte, dachte ich: bloß weiter hartes Theater machen, mit harten Menschen auf einer harten Bühne aus echtem Holz vor Zuschauern mit einem Hirn im Kopf.
Alles Recht und gute Nacht.

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.