Mittwoch, 29. November 2006

Investivlöhne


Nach dem CDU-Parteitag gibt es ein neues Zauberwort: "Investivlöhne". Ich fand, es hat sowieso schon viel zu lange gedauert, dass die Arbeiterschaft (-klasse kommt mir nicht mehr über die Tasten) in das schon nicht mehr ganz taufrische System des globalen Kapitalismus (das Wort geht) besser zu integrieren, auf dass diese Arbeiterschaft, die ja schon ununterbrochen protestiert, den Eindruck hat, doch dazu zu gehören. Nicht nur zum Hartz-System, sondern zum System! Arbeiter und Protest, fragen Sie? Achten Sie einmal auf die Bilder mit den Menschen mit den Trillerpfeifen im Mund, in jeder zweiten Tagesschau. Das ist protestierende Arbeiterschaft. Auch jenseits dieser Bilder wurde in der letzten Zeit die Kritik immer lauter an der Logik der Ausplünderung, des Lohnverzichts bei gleichzeitiger Anhebung der Gehälter von Spitzen-Managern, die zum Dank dann doch die Entlassungen der Massen verfügen, die sich dann bald darauf Trillerpfeifen in den Mund stecken. Allein um das in Zukunft zu verhindern, bitte ich doch sehr darum, dieses System endlich aufzugeben. Eine Beteiligung der übrig gebliebenen Arbeiterschaft an der weltweiten Ausplünderung fördert die Identifikation (das Wort versteht sowieso keiner mehr) nicht nur mit dem Betrieb, sondern mit der Welt und ihrem Oben und Unten. Endlich würde manch gefühlter Unterschichtler dann wieder zum 'Oben' gehören können. Psycho-Hygiene oder Schweigegeld - oder, wie der Stadt-Anzeiger so elegant schreibt: "eine elegante Möglichkeit, die Arbeitnehmer besser an der Globalisierungsdividende des Kapitals zu beteiligen."

Na dann, gut Holz!

Dienstag, 28. November 2006

Dunkelheit

Der Hinterhof ist feucht wie ein Sumpf nach diesem ungewöhlich warmen Novemberregen. Mücken haben sich versammelt. Sie haben durch das Fenster gesehen, dann haben sie sich abgesprochen, sind eingedrungen, denn das Licht scheint so gemütlich. Ich höre meine persönliche Unruhestifterin erst, wenn ich gerade eingeschlafen bin, wenn sie ganz dicht an mein Ohr geflogen kommt, mutig mit ihrem Mückensopran ganz leise in die Hörmuschel singt. Dann aber hat sie schon zugestochen. Ganz langsam schwirrt sie ins Dunkle um den Staffelstab der nächsten Unruhestifterin zu überreichen. Eine nach der anderen naht heran. Wenn ich sie erblicke, sind sie auch schon wieder verschwunden. Ich mache Licht, ich schlage ins Leere, ich nehme ein Buch und lese ungeduldig.

Morgen weiter?

Montag, 27. November 2006

Es geht mit gut!!!


"Ich wünsch Euch einen grandiosen Tag, genießt ihn!" - "Lebe Deinen Traum" - "Es geht mir gut! Es geht mir guut!!!!!!!"
Nein, das sind nicht meine Morgenwünsche. Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus Werbung und Show, der schon in aller Kürze die Hysterie andeutet, welche sich in irrem Lachen, in Befreiungsschreien und zum Himmel gereckten Armen zeigt. In der Wirklichkeit fetzt das noch krasser. Schnösel aller Art, immer einen Kaipi vor dem Milchgesicht, beherrschen alle Schablonen der guten Laune, vom Kurz-Zuprosten, Augenzwinkern und permanentem Abklatschen bis zu Daumen-Hoch-Gesten. Sie wachen über die gute Laune, den ganzen Tag lang. Früher hieß das noch: "Prost, prost, Kameraden..." bedeutet aber das Gleiche. Die Stimmung war blut- und bodenständiger. Der Kongress tanzte. Heute ist das Positiv-Denken-Gekreische allgegenwärtiger und totalitärer. Es ist längst wie eine bunte Suppe über die ganze Gesellschaft und in alle Ritzen geflossen. Auf allen Kanälen 'Kuckst Du waita!' die Komedy-Serien und Komedy-Shows, bald wird jeder Tag zur Samstag Nacht. Was lachs Du? Eins in die Fresse?

Guten Morgen

Freitag, 24. November 2006

Kartoffeln


Die Bundes-CDU will sich "breit aufstellen." Manche sind schon "gut unterwegs". Viele auch sind "ein Stückweit" der Meinung, es solle sich bald einmal etwas ändern, so mit der Kulturförderung und ein Stückweit auch mit der Bildung und dem Klima und so. Sonst sei bald alles vorbei.
Wie richtig, wie schön. Und wir sollten nicht immer schimpfen. Auch mal loben, loben, loben.
Ich glaub, ich lese noch etwas. Das selbe Buch wie gestern?
"Ich träumte, dass ich versuchte einzuschlafen, um mich von der Furcht auszuruhen. Ich wollte nicht träumen. Ich wachte auf, duschte, trank einen Schluck kalten Kaffee, setzte mich an die Schreibmaschine und schrieb.

Jemand stieß mit der Gabel zu. Die Kartoffeln waren erschüttert und lagen erschrocken und blass in der Ecke des Tellers. Sie zogen sich in die Anonymität zurück, in eine gesichtslose Menge blasser Kartoffeln.
Sie wurden mehlig, kippten vom Tellerrand, rollten in die dünne Soße, verlacht und verlassen. Der Rest hielt einfach die ohnehin winzigen Münder. Schließlich verloren die Kartoffeln alle Hoffnung sich noch unter dem Gemüse verstecken zu können. Die Sauce ihrerseits dampfte gleichgültig vor sich hin und bildete gelangweilt eine Haut. Keine Lust auf Kartoffeln, wie immer.
Ich hörte auf zu schreiben. "
Ich hörte auf zu lesen.

Bis dann

Donnerstag, 23. November 2006

Stimmen

In China ist ein altes englisches Küstenstädtchen nachgebaut worden, bis in den letzten Winkel, ohne den Schmutz, ohne den Wind, ohne abgeblätterte Farbe. Die Schilder an den Pubs sind falsch geschrieben, das Churchill-Denkmal ist neu und glänzt sehr dick. Chinesen lassen sich davor fotografieren. Stimmen aus England sprechen von Disneyland und klingen traurig oder gleichgültig.

Ich habe noch gelesen:

"Ich wollte träumen, ich sei nicht eingeschlafen.
Ich hörte Geschirr klappern, gegenüber, auf der anderen Straßenseite, hinter einem geöffneten Fenster. Das Klappern schlug von der Wand zurück, wurde leiser und machte müde. Ich träumte von Stimmen. Ich hörte Stimmen, die vom Essen sprechen, hinter den Fenstern, Stimmen, die von Gegenständen sprechen. Alles lebt durch Stimmen, dachte ich. Stimmen machen sogar Tote wieder lebendig. Darum bin ich zum Theater gekommen. Aber der kleine, rote Vorhang hatte sich wieder geschlossen. Die falschen Leute hatten gelacht für die falschen Leute."

Ich hörte auf zu lesen.

Montag, 20. November 2006

Broken Dreams Club Band

Zurück zu den Beatles. Die Platte ist wirklich phantastisch. "Love" ist ein Experiment, das zeigt wie ein Universum geöffnet werden kann, wie alte Musik neu klingen kann, ohne 'hip' werden zu müssen. George Martin, der 'Fünfte Beatle' aus den Abbey Road Studios hat die Songs der 'Fab Four' noch einmal gelesen, erspürt, mit Möglichkeiten gespielt, neue Zusammenhänge gefunden, witzige Fußnoten angefügt, eben ohne den Geist der Musik zu beschädigen oder umzubauen. Ein reines Vergnügen. Wenn wir doch im Theater auch wieder so weit kommen könnten.

Stichwort Theater: Daum kommt tatsächlich. Kaum zu fassen. Hoffnung auf Erlösung, Enttäuschung, Absage, harter Fall, Nachdenken, Gerüchte, Zittern, Zusage. In der Kultur ist die Reihenfolge meist umgekehrt. Aber im Fußball? Der Retter kommt. Ab Morgen 'Lucy in the sky with diamonds'. Die große Zukunft vor Augen hat der FC prompt gegen 60 München verloren (um den Kontrast deutlich zu machen?) Es war aber auch ein verregneter Tag.

"A day in the life"

Mittwoch, 15. November 2006

Saudämlich - und noch viel mehr

Aus der Reihe: Ich bin doch saublöd! Muss ich diese Krach und Knallwerbung eines Billig-Marktes immer und immer wieder anhören? Ja, wenn ich König von Deutschland wär'... aber so schnell kann niemand umschalten, vor allem weil diese Musik im Kopf weiter arbeitet, weil sie geläufig ist und weil sie erinnert an Anarchie, an Widerstand, an "Bild macht dumm", an eine erregende Zeit. Und jetzt verbindet sie sich mit "Unterschicht", "hol mir mal ne Flasche Bier", an T-Shirts mit "Zicke"-Aufdruck, an saudämlich... Stimmt. Ich kauf mich dumm. Aber wehe, wer anfängt die Musik weiter zu hören: "Macht kaputt, was Euch kaputt macht!"

Gute Nacht

Dienstag, 14. November 2006

Ach, hätte

Übrigens, jetzt ist es offiziell, Essen wird Kulturhauptstadt Europas. Der Bürgermeister redet von einer wahnsinnigen Palette, von Grönemeier bis Avantgarde-Kultur. Oh, das hätten wir nicht hinbekommen. Ich glaub, ich gehe lieber zum FC und anschließend ins Früh bis Kölsch. Dann den Kopf heißreden. Später vor dem Fernseher noch die Spielberichte und ein Seufzer: Ach, hätte der Daum doch damals zugesagt.

Donnerstag, 9. November 2006

Die Stadt, das Geld und die Kultur


Unter Druck gibt die Stadt viel Geld - Geld, das nötig ist. Zum Beispiel € 2.200.000.- für eine zusätzliche Großleinwand zur Fußballweltmeisterschaft am Rhein, ungedeckt vom Haushalt der Stadt.
Für den nächsten Haushalt sollen € 3.000.000.- mehr für die Sauberkeit in unserer Stadt ausgegeben werden. Das ist nötig, findet auch die grüne Fraktion.

Das ständige Gerede über eine 'Kulturstadt' Köln hatte bis heute, auch nach der kläglich gescheiterten Bewerbung zur 'Kulturhauptstadt Europas' (das wird Essen) natürlich keine Konsequenzen. Auch nicht im Haushalt. Für den normalen Kölner Unterschichtler genügen zusätzliche Mülleimer, um seine Flasche Bier und den Express getrennt wegwerfen zu können. Ein Blick aus dem Mallorca-Flieger auf das blaue Zelt des Musical-Doms, ja, hurra! Dort liegt die 'Kulturstadt'.

SPD und Grüne meinen: Kein Geld zusätzlich für Kultur (immerhin liegen wir ja bundesweit noch an 27. Stelle), der Hauhalt sei nicht gedeckt. Der Kulturdezernent erwartet eine Erhöhung des Haushaltes, damit Köln vielleicht irgendwann einmal doch das Niveau von Leipzig, oder einfach das Niveau von 6% am Gesamtvolumen erreichen kann. Eine Erwartung, die vom KulturNetz Köln, von den Kulturschaffenden, geteilt wird.
Statt uns zu unterstützen, will die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Frau Moritz, eine Strukturdebatte, wieder einmal. Statt endlich mehr Mittel zu bewilligen zur Entwicklung der Kulturlandschaft, soll das Problem 'Kultur' mit mehr Bürokratie gelöst werden: Fusionen im städtischen Bereich, Abschaffung der 'kleinen' Theater, weil die sich nicht rechnen. Der erneute Versuch, die einzige Stärke Kölns, eine weit verflochtene Kultur vieler Häuser, vieler Gesichter, vieler Profile, zu einer verklumpten, verbilligten Zentralkultur zusammenzustreichen.

Aber, sagen die Neunmalklugen, die Stadt muss doch sorgsam mit öffentlichen Geldern umgehen. Übrigens:
Gerade dieser Tage hat Regierungspräsident Hans Peter Lindlar (CDU) entdeckt, dass der Messe-Skandal (viel höhere Ausgaben für die Stadt als nötig), gar kein Skandal ist. Der Deal mit Esch-Oppenheim sei für die Stadt im "zulässigen Rahmen ihres Ermessens" "Zur Vermeidung von finanziellen Risiken" "folgerichtig" gewesen. Schön zu wissen. Vorhang!
Übrigens: ein Drittel der Gesamtsumme, € 56 Millionen, sind bei diesem Deal für den Posten "Projektentwicklung" ausgegeben worden. Übrigens: Wegen Auftragsvergabe ohne Ausschreibung könnten durch die EU noch Strafzahlungen in Millionenhöhe auf Köln zukommen.

Wenn die Kulturschaffenden keine Macht und nur selten eine Lobby haben, ist unsere einzige Möglichkeit: Druck aufbauen. Nach ununterbrochenen Protesten der Theaterszene wurden 2001 (angekündigt als erster Schritt von vielen), im Haushalt € 400.000.- mehr für die freien Theater aufgebracht, weil "die freien Theater die Trumpfkarte der Kultur sind". Und: "Weil wir den Druck und die Proteste nicht länger aushalten wollten", so ein Politiker.
Die Theater wurden beneidet, weil sie durch die Theaterkonferenz eine organisierte Kraft hatten. Diese Kraft ist mittlerweile geschwunden, seit eine handvoll Theater ausgetreten sind, um ausschließlich die eigenen Interessen zu wahren. Unter zunehmendem Separatismus leidet die ganze Szene. Dieser Weg ist eine Sackgasse und macht uns zum Spielball einer Politik, die lieber einfache Lösungen intern abspricht. In diese Falle sollten wir nicht gehen.
Wir können nur für die Kultur gewinnen, wenn wir die Kräfte sammeln, sonst...
Gute Nacht

Dienstag, 7. November 2006

Lesen? Spielen?


Wochenende in Ehrenfeld. Im 'Goldmund' eine Diskussion über den türkischen Autor und Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Die hatte Windungen und Wendungen: interessant! Pamuk sitzt zwischen allen Stühlen. Für die Nationalisten ist er zu wenig patriotisch, für die Linken zu unkritisch, für die Religiösen zu wenig religiös. Und für die Leser? Er kreiert Bilder, was er schreibt ist reine Poesie, sagt jemand, ein Mann bestätigt, der Schnee sei genau so, wie er ihn schildere, genau so. Jemand sagt, einfache Menschen lesen seine Bücher nicht, seine Sätze seien zu kompliziert.
Thomas Mann, Kafka, würden sie sich heute verkaufen können, wenn sie nicht schon längst zum Kanon gezählt würden? Wären ihre Bilder, ihre Sätze heute nicht auch viel zu kompliziert? Jeder Schreiber braucht einen Leser. Dieser Leser, diese Leserin also, muss ihn (sie) aber auch verstehen können. Wir müssen wieder 'lesen' lernen. Wer versteht denn noch die Filmsprache eines Truffaut (wo bleibt die Action?), wer versteht noch die Sprache des Theaters (nein, nicht Musical, wo der Sänger mit dem amerikanischen Akzent ganz viel Text in ganz wenig aufgepumpte Musik pressen muss)?
"This is my life" säuselt eine Band im Fernsehen. Nein, es ist eine deutsche Tele-Novela mit Rosen im Titel, es sind Schauspieler, bei denen das 'spieler' gestrichen werden muss. Eine Aneinanderreihung von Klischees, aufgepumpter, durchsichtiger Mist. Das verstehen fast alle, deshalb wird auch immer mehr Mist produziert. Clips, Gericht, Volksmusik.
Also, Fernsehen aus. Lesen! Das Lesen jenseits von Dan Brown, Rosamunde Soundsoviel und Harry Potter, ist aber offensichtlich, zumindest öffentlich, nur noch als augenzwinkerndes, schmunzelkompatibles, von Dreigang-Menus umspieltes Pointensuchen erwünscht. Also, zu hause bleiben und Kafka lesen. Oder in ein richtiges Theater gehen und ein richtiges Theaterstück ansehen, zum Beispiel Brecht im TAS. Jaja.
Guten Abend

Zusatz:
Birgitt Schippers im Dom Radio 7. 11. 06:
"Regisseur und Theaterleiter Joe Knipp schafft es, ein an sich sprödes Stück, witzig und unterhaltsam zu inszenieren, ohne dass die Tiefgründigkeit verloren ginge. So verblüffend einfach und unwiderstehlich wie die Mechanismen des Lebens, so ist auch das Bühnenbild. Quer durch das Publikum geht ein Laufsteg, auf dem die Soldateska marschiert. Die Pagode auf der Bühne ist ein Bretterverschlag, der durch ein kleines Schild als Tempel markiert wird. Und der Elefant ist ein Leinentuch, das von einem der Soldaten wie eine Marionette mit Stöcken bewegt wird. Ein menschliches Puppentheater wird vorgeführt – mit erschreckenden Folgen.

Tief beeindruckend in ihrer Intensität und Wandlungsfähigkeit ist Marietta Bürger, die sowohl in die Rolle der Frau des Packers, wie Fischweib oder Marketenderin schlüpft und die Unerbittlichkeit des Daseins mit einem feinen, disziplinierten Augenzwinkern vermittelt. „Mann ist Mann“ ist ein unbedingt sehenswertes Theatererlebnis am Theater am Sachsenring, das dieses Jahr sein zwanzigjähriges Jubiläum feiert und sein Publikum auch mit seiner jüngsten Produktion begeistern konnte."

Montag, 6. November 2006

Krimi


Heute schweigen und fernsehen. Krimi. "Für Jugendliche nicht geeignet!" Guter Witz. Martialische Synthi-Basstöne begleiten die Rede eines alten, harten Mannes, der bei Europol gegen organisierte Kriminalität zu Felde ziehen will. Schnitt auf einen Kriminellen im Anzug, der seine Frau würgt, weil sie ihn verlassen will, weil sie etwas weiß und deshalb würgt er sie. Synthi-Bässe sind selbstredend wieder mit von der Partie. Schnitt. Jetzt kommen Zupfinstrumente und Synthi-Geigen dazu. Später Hörner. Die Blondine des Gangsters ist entweder bald tot oder verliebt sich in einen jungen Polizisten. Ich tippe auf Letzteres. Aus!
Gestern bei 'Christiansen': auch Männer in Anzügen. Schröder war dabei. Ach ja, der hat ein Buch geschrieben und meinte auch hier wieder sagen zu müssen, sein Freund Putin sei ein Demokrat und der Staat müsse stark sein und in Russland gäbe es keine Todesstrafe.
Ach, der Mann von Europol ist übrigens gerade niedergeschossen worden. Im Fernsehen. Und die Blondine hat einen jungen Polizisten getroffen.
Wie schön, dass Vieles so durchsichtig und voraussehbar bleibt.
Gute Nacht

Donnerstag, 2. November 2006

Business Theater

Heute Mittag im Radiofeuilleton. Ein Beitrag über Business-Theater. Da erzählen freie Theatermacher aus Frankfurt über die wenigen Möglichkeiten, freies Theater noch zu finanzieren. Wir spielen einfach für die, die zahlen. Da fragt der Konzern: Wieviel kostet denn die halbe Stunde? Da wächst der Zorn, aber wir brauchen das Geld, sagt jemand. Wir produzieren für die Wirtschaft, oder für den Publikumsgeschmack. Zum Beispiel 'Caveman'. Das wird gut besucht. - Ein Stück über warum Frauen immer Schuhe kaufen müssen. Die Inszenierung hat Esther Schweins konzipiert. - So ähnlich erzählt eine Theatermacherin. Sie hat verstanden, dass Inszenierungen nur noch konzipiert, statt gemacht werden. Und dass Stücke keinen Autor mehr haben. Und Esther Schweins, die Gutaussehende, hat ihren Namen schon unter so viele Cavemen gesetzt, dass kaum zu fassen ist, in wieviel Paralleluniversen sie inszenieren, moderieren, konzipieren und repräsentieren kann. Wir finden 'Esther' auf dem Datenträger 'Theater' als Bonus-Material.

In Köln wird uns geraten zu fusionieren. Wegen der Ökonomie. Kleine Theater rechnen sich nicht. Daher sind sie unbrauchbar geworden. Auch wir haben verstanden. Zahlen Sie im Voraus für die nächste halbe Stunde! Der Haushalt ist nicht gedeckt.

Mittwoch, 1. November 2006

Razz-Fazz! Oder: Die unerträgliche Schwere des Bewusstseins

Die Sonne hängt tief und leuchtet grimmig auf die freie Szene. Still und hell. Gleichzeitig stürmt ein geradezu konventioneller Wind über die Dächer der Theater Kölns und bewegt so manches tote Blatt, so sehr dieses sich auch zu wehren versucht. Der ganze Tag hängt in den Seilen. Im katholischen Köln wird Allerheiligen gefeiert, also nicht wie Karneval, sondern im Gegenteil, bei diesem Event wird inne gehalten.

Auch die andere Sonne, die Sonne der Kultur hält still und steht so tief, dass, wie das schöne Sprichwort sagt, selbst Zwerge lange Schatten werfen. Wir warten, dass zumindest ein Wind etwas bewegt, umsonst.

Meine Inszenierung von „Mann ist Mann“ ist gelungen und läuft. Sie macht „Lust auf Theater“, wie der Stadtanzeiger schreibt, und das Publikum ist sehr amüsiert und auch beeindruckt von der Geschichte des Mannes Galy Gay, der um jede Ecke mitgeht, um seinen Spaß zu haben oder seinen Schnitt zu machen. Irgendwann, während einer Scheinerschießung durch die Soldaten, denen er sich angeschlossen hat, spätestens dann, stürzt diese heitere Geschichte ab in Beklemmung, der Mann steckt in der Falle, das Publikum auch.

Das Stück von Brecht, mit dem die Kritik schon vor achtzig Jahren Schwierigkeiten hatte, gerät wegen des vordergründigen Soldaten-Themas oft in Gefahr überinterpretiert zu werden. Entweder es wird zur Kabarett-Nummer, wie gegenwärtig am BE (das Theater hinter dem Brecht-Denkmal, neben der „Ständigen Vertretung“, wo der Rheinländer Kölsch trinkt), oder das Stück wird zur Polit-Parabel, zum Gleichnis gegen den Krieg, der gerade vorgesehen ist. 1969 hatte das BE in Ost-Berlin die wunderbare Idee, die Inszenierung mit dem Vietnam-Krieg zu verbinden. Ich habe die Versuchungen auch gesehen, Bilder von Abu Ghoreib und Ähnliches in der Inszenierung unterzubringen. Ich habe es gelassen.

In dieser Inszenierung ist das Thema nicht in erster Linie Militarismus, sondern: Wieviel ICH ist nötig, wieviel Individuum ist möglich? Wohin führt Anpassung, freiwillige Aufgabe von Identität? In unserem Theater öffnet sich ein Spielraum, der von der Bühne ins Publikum führt, von einem Zaun begrenzt, der uns in das ‚Überall’ von Camp, Pagode und „Kilkoa“ führt. Die Soldateneinheit, immer von vier jungen Männern gespielt, ist in dieser Inszenierung eine abgerissene Truppe, darunter eine Frau, wie so viele Frauen in den Armeen dieser Welt – und ein Inder, eingepasst in die Kolonialarmee.
Was Brecht wollte, schildert er so: erstens: Klamauk, zweitens: die Schrauben werden angezogen!
Die Szenenfolge erinnert an eine lebendig gewordene ‚Puppenkiste’, Songs von Paul Dessau, melancholische Einschübe in das temporeiche Treiben, arrangiert für Gitarre vom Komponisten Albrecht Zummach…
Während ich das beschreibe, fällt mir auf, dass schon diese Elemente der Inszenierung in mancher Rezension weder gesehen noch beurteilt worden sind, es gibt überhaupt kein Beschreiben des Gesehenen, es gibt nur Kommentare zu Gelerntem und Gelesenem. Vorurteile und Dogmen, die mit dem Bühnengeschehen nichts mehr zu tun haben. Genau so, wie viele Inszenierungen des zeitgenössischen Theaters mit Textvorlagen nichts mehr zu tun haben. Manche ‚Kritiker’ finden einfach durch die eigenen, verstopften Hirnwindungen den Weg ins Theater nicht mehr.

Allein das Theaterspielen scheint Einige schon so zum Schäumen zu bringen, dass sie nur noch um sich schlagen, unter dem Motto: Wer wagt es, diesen unmodernen, anti-multi-medialen Brecht immer noch zu spielen? Das äußert sich dann in Sätzen wie: "Zwischendurch wird auch gesungen. Brecht eben." (Frau N.)
Noch schlimmer treibt es aber ein Kritiker des Kino-Magazins ‚Choices’, Herr Z., der wie von Sinnen auf die Inszenierung einprügelt, weil ihm die ‚Aktualisierung’ fehlt.

Ja! Auf unserer Bühne gab es noch nie Multimedia-Projektionen von explodierenden Häusern oder rollenden Panzern, oder Fotos aus dem Irak, um das Thema „Krieg“ zu bebildern.

Dass Soldaten, die in „Mann ist Mann“ saufen, plündern und ein bisschen quälen, etwas mit unserer Zeit zu tun haben könnten, darauf kann natürlich niemand kommen. Dass eine ‚Aktualisierung’ im Kopf entsteht, ist neunmalklugen Theaterhassern fremd.
Aber darüber wird schon gar nicht mehr diskutiert, die meisten Bühnen stehen heute mehr und mehr unter einer Diktatur der Experimentier-Fanatiker und ihrer Propagandisten. Trostloser geht es kaum.

Ich glaube, ich sollte ganz schnell einen Hamlet inszenieren, der natürlich in Afghanistan spielt – und in der Totengräber-Szene müssten alle in Bundeswehruniformen stecken. Herr Z. würde jubeln über so viel Aktualität und Frau N. würde auch etwas verstehen, aber erst, wenn die Zahlen der Opfer in Afghanistan plus die Aktienkurse des Tages auf einer Laufschrift leuchten würden. Toll! Multimedia!

Wir sollten uns umbenennen in eine Gruppe mit einem lustigem Namen, oder mit punkt.com und natürlichalleskleingeschriebenundineinemwort und ich sollte unendliche Textflächen gleichzeitig sprechen lassen und dann… nein, lieber doch nicht.

Gute Nacht

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.