Dienstag, 26. Dezember 2006

Weihnachten


Die Nacht wird dunkler wenn die Kerzen scheinen. Es wird auch kälter. Draußen. Und der Kaffee schmeckt süßer weil der Schinken duftet. Gespräche wandern in die Vergangenheit und der Bauch ins Bett. Das Fernsehen tut so, als könnte es kein Wässerchen trüben. Und die Kirche tut so, als könnte sie Weihwässerchen in Geschichten verwandeln. Im Hausflur mischt sich Chorgesang mit gebratenem Fisch. Schnell weg. Der Himmel blickt trübe ins Leere und friert.

Gute Nacht

Sonntag, 24. Dezember 2006

friedliche Tage


und außerdem sind wir jetzt wieder lieb und entspannt und ausgeglichen. Die Familie ist beieinander, der Streit ist beigelegt, die Geschenke sind ausgepackt. Es ist heiß und kalt zugleich. Keine Überraschungen. Friedliche Tage. Süß und fett.

Samstag, 23. Dezember 2006

Kaufen kaufen


auf der Rolltreppe: heute noch mal richtig einkaufen, Pfropfen bilden, hupen, fluchen, stoßen, feilschen, fragen, saufen, wünschen: Schöne Tage, oder: Frohes Fest! Schon alle Grüße verschickt? Können Sie mir das als Geschenk einpacken? Was? Eine Etage höher? Ich war aber zuerst da. Na, die da hinten, die kenn ich doch. Hallo, lange nicht gesehen. Schöne Weihnachten. Ja, danke, Ihnen auch. Tchöö.

Donnerstag, 21. Dezember 2006

Hoffentlich ist bald Karneval


Das Wetter bleibt windelweich. Es gibt keinen Schnee. Klimaerwärmung. Der Moderator des heute-journals sagt am Ende Tschüs-tschüs! Au weia. Die folgende Dokumentation über das russische Geheimdienst-Spektakel mit Todesfolge ist mit viel Schatten, Zeitlupen, verwaschenen Nahaufnahmen und dramatischer Musik verrührt und sagt - gar nichts. Die Dokumentation davor über den deutschen Sommer ist windelweich und mit viel Zeitlupen, Nahaufnahmen, schnellen Schnitten und dramatisch-dämlicher Musik verrührt und sagt - gar nichts. Jetzt kommen noch Jahresrückblicke mit viel Zeitlupen, Ansprachen mit viel Worten, Weihnachten mit viel Essen und dann gibt es bald wieder Tempo, Theater und Karneval. Hoffentlich!

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Sommerfilm


Na also. Das ZDF hat eine großartige Dokumentation über die Sommer-WM gesendet, die alles hatte, was Sönke offenbar nicht zeigen konnte. Dramatik, viel zu lachen, aus der Sicht der Fans, von den Straßen Kölns, von fiebernden Menschen, völlig emotionalisierten italienischen Restaurantbesitzern von der Aachener Straße, mit Texten von Thomas Reis, witzig und klug, kritisch. Mitreißende Bilder, ich dachte schon, die bekommen wir gar nicht mehr zu sehen. Sönke Wortmann war einfach zu "unsichtbar", "combatted", ein Teil der bekannten, langweiligen Größen. Wie sehr Fußball Menschen in Bewegung bringen kann, das war schön eingefangen, hatte einen guten Rhythmus. Tränen, Spannung, Pulverfass: Danke an das Team Dehnhardt/ Oldenburg.

Mittwoch, 13. Dezember 2006

Technische Probleme


Jelena Tregubowa, eine Journalistin, sagt ihre Lesereise ab. Der Kontakt zur westlichen Öffentlichkeit sei "im Moment ein lebensbedrohliches Risiko", sagt sie.
Ex-Schachweltmeister Kasparow wird kurzfristig aus der Sendung "Christiansen" ausgeladen. "Technische Probleme" heißt es. Dafür talkt Gabriele Krone-Schmalz. Wenn sie spricht gibt es keine "technischen Probleme". Wenig später werden Räume Kasparows in Moskau von der Polizei durchsucht und Material beschlagnahmt. Flugblätter, Ant-Putin-Plakate. Kasparow gehört zur demokratischen Opposition. Ein technisches Problem.
"Geschlossen aus technischen Gründen." Das Restaurant "Kolchis" im Zentrum von Moskau ist ein georgisches Restaurant das aufgegeben hat, Polizei, Prüfungen, Überfälle, Drohungen. Georgier sind Freiwild, Tschetschenen sowieso.
Skins prügeln in St. Petersburg alle Schwarzhaarigen zusammen. Sie kommen aus guten Häusern und werden nicht verurteilt. Technische Probleme?
Viele Menschen verstecken sich einfach in ihren Küchen wie in alten Zeiten. Die, die noch sprechen, brauchen gute Freunde und Mut. Geschäfte werden geschlossen, Sender werden abgeschaltet. Technische Probleme haben auch die Russen, die genug Geld haben um zu reisen, sie hinterlassen eine Spur Radioaktivität und eine Spur von Lügen.
Schon hundert Journalisten sind in den letzten Jahren ermordet worden. Anna Politkowskaja hat sich in Tschetschenien umgesehen. Sie wurde in einem Fahrstuhl hingerichtet.
Auch Besitz wird wieder umverteilt. Wenige Tage später wird ein Filialleiter der staatlichen russischen Außenhandelsbank VTB mit Kopfschüssen ermordet. Wieder einige Tage später, Anfang Dezember, wird der Generaldirektor der Gasfirma Itera-Samara erschossen.
Gazprom kauft Schalke 04 - oder besser - kauft sich ein mit 12 Millionen.
Putin ist ein "lupenreiner Demokrat" (Schröder, Angestellter). Putin behebt nur technische Probleme. Er will Stabilität, saubere Energie für Europa. Neben Bush ist Putin die Speerspitze im Kampf gegen Islamismus, im Krieg gegen den Terror. Ein starker Staat, das tut Not, das sagt doch auch der Schröder, der Freund. Russland braucht eine harte Hand. Alles hat seinen Preis. Übrigens, Schröder, der suboptimale Ex-Kanzler, ist Schalke-Fan.

Montag, 11. Dezember 2006

meinen


Wir leben in einer Meinungsgesellschaft. Alle meinen etwas meinen zu müssen. Nach dem so genannten gesunden Menschenverstand wird gemeint was in der letzten Brisant- oder Sondersendung zu sehen war, bestenfalls. Alle meinen, Kunst kommt von können, meinen der Islamismus ist die größte Gefahr, meinen Schröder war gegen den Krieg, meinen die Politiker sind korrupt und meinen wir brauchen geistige Führung und überhaupt. Die meisten meinen zur Demokratie gäbe es keine Alternative, aber plötzlich und unerwartet fallen alle Meinungen wie Dominosteine. Plötzlich ist die Mehrheit anderer Meinung. Der Wind hat sich gedreht. Und wenn alle meinen, dann meinen alle anderen auch. Jemand meint im Fernsehen wir sollten nicht einknicken und schon meinen alle wir sollten nicht einknicken. "Einknicken" wird Lieblingswort. Zusammen mit "ein Stückweit" - der Begriff hält sich schon sehr lange - und "nachhaltig".
Wir sollten ein Stückweit nachdenken ob das alles so nachhaltig ist. Aber dann wird schnell ein Stückweit eingeknickt. Also in die Hocke gegangen, eine anstrengende Haltung. Ja, Haltung, das wäre etwas. Gerade Haltung. Ein klarer Blick. Aber Meinung ist schneller. Meinung ist relativ. Alles ist relativ.

Sonntag, 10. Dezember 2006

müde


Ich bin müde. Die Premiere ist vorbei. Alle sitzen im Filos, meiner Stammkneipe. Naxos auf englisch? Das ist für manchen kölschen Griechen etwas zuviel. Ich bin zu hause. Um halb zwei. Endlich Multi-Media auf unsere Bühne! Tony Dunham hat über Computer und Beamer Bilder projiziert über Naxos, die griechische Insel, über seine Familie, seine Bären. Er zeigt Figuren, also, na ja, eben doch keine Media-Show, Geschichten werden erzählt, komisch, melancholisch, also doch Geschichten, Sketche für eine kleine Bühne, mit kleinen Stühlen für die Bären, die nur im Film erscheinen. Es erscheint was fehlt, es wird komisch, was traurig ist. Alte Bekannte sind auch erschienen, schönes Wiedersehen an der Theke des Theaters. Am Ende haben wir zu viert über die Super Nanny gesprochen, die immer dünner wird und uns in eine Wirklichkeit führt, die wirklich ist, zu Menschen, die überfordert sind, die wegschieben wollen, denen ihre Kinder schon zuviel sind. In den Gerichts-Shows sind zwar die Richter echt, aber die Fälle haben nichts tatsächliches, sie spiegeln nur Projektionen von Unterschicht und am Ende erscheint ein Zeuge und klärt alles auf. Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht. Und was kommt ins Türchen?

Keine Ahnung.

Samstag, 9. Dezember 2006

neun


Und wenn die erste Kerze raucht
Dann hat sich etwas aufgebraucht.
Und wenn die nächste Kerze zündet,
Dann wird ein Königreich gegründet.
Und hat die nächste Kerz' gebrannt
Dann kommt der Hofnarr angerannt.
Und hat gebrannt die letzte Kerz'
Dann schenkt der König Dir sein Herz.

Moers

Im Schlosstheater Moers (Studio) gibt es zur Zeit eine gute Inszenierung zu sehen. Anja Schoene hat "Jugend ohne Gott" (Ödön von Horvath) dramatisiert und inszeniert, ein guter Text in gutem Rhythmus mit drei guten Schauspielern, witzig, klar, temporeich, nachdenklich. Sowas gibt's.

Guten Morgen

Freitag, 8. Dezember 2006

Appollo 13

Ein Sauerstofftank ist explodiert und eine Seite des Schiffes ist zerstört. Der schwere Körper trudelt im Raum um die eigene Achse und ist kaum mehr zu kontrollieren. Und jemand sagt: wir haben ein Problem. Ich habe mir immer schon gewünscht, fremde Welten zu entdecken und dann wieder nach hause zu kommen. Und jetzt weiß ich nicht mehr, wie ich überhaupt nach hause komme, ob die Spannung reicht. Meine Instrumente haben aufgehört zu leuchten. Die überflüssigen Geräte werden ausgeschaltet, es wird dunkel und kalt. Kondenswasser bildet sich zwischen der Elektronik. Die Schwerkraft des alten Mondes, der fremden Welt, zieht das Schiff auf die Rückseite des Trabanten, in den Schatten, Dort bricht der Funkkontakt ab.

Erinnerung an Nichts

Donnerstag, 7. Dezember 2006

Sönkes Film

Eine Bemerkung doch noch. Mein Gott, Sönke! Es war eine schöne WM, es waren gute Spiele, aber sehen zu müssen, dass Frings eine Rede auswendig lernen kann, dass viele Spieler tatsächlich so dumm sind wie wir schon ahnten, dass Klinsmann alle Positiv-Verstärken-Psycho-Tricks drauf hat, dass ein ganzer Film zum verlängerten Video-Clip für den unsäglichen Xavier Naidoo wird, das war nicht nötig. Ich will den Sommer schön in Erinnerung behalten.

Gute Nacht

Dienstag, 5. Dezember 2006

Magie

Es war noch nicht abgepfiffen, als die Zuschauer schon scharenweise das Stadion verließen. Mein Freund Reis saß noch bis zum bitteren Ende. "Der Abend war so schön bis zum Anpfiff", sagte er. Die Magie des Daum-Empfangs löste sich auf in eine Gleichung mit elf Bekannten.

Was ist das mit der Magie? Stadion, Flutlicht, zweite Liga, den Anschluss nicht verpassen. Daum ist Trainer, er steht für eine magische Vergangenheit, aber Hässler, Litbarski, Kohler, Povlsen sind entschwunden. Eine Zukunft ist noch nicht angebrochen. Also die Mühen der Ebene, ein grauenhaftes Spiel, verloren, wieder einmal. Das Personal ist real in Unordnung und Angst gefangen, geistig nicht auf der Höhe. Es verweigert sich der Magie. Das große Theater bleibt aus, das Happy-End fehlt.

Ich bin nicht zur Theaterpreisverleihung, obwohl, Andreas Robertz hätte ich gerne zum Preis gratuliert. Aber zurück zur Magie. Ich fiebere also im Stadion auf den Augenblick hin, der nicht kommt.
Wie war das, wie wird das sein?

Warum überhaupt Fußball? Fußball ist an sich die Magie des Augenblicks, die Magie einer Entscheidung, die nicht entschieden wird, die einfach geschieht, beobachtet und beschrieen von Tausenden, der Spieler wird mit einem kollektiven Stöhnen in die Hölle gestoßen oder mit einem Schrei des Entzückens, einer Eruption, gen Himmel geschickt, je nachdem, ob der Augenblick Glück oder Unglück bedeutet, je nachdem ob die Waage sich nach der einen oder anderen Seite neigt, der Ausführende wird zum Helden oder muss jahrelang in Therapie.

Nicht nur der Torwart hält den Atem an vor dem Elfmeter. Immerhin kann er den Augenblick dehnen, zelebrieren, mit einem Zaubertanz auf der Linie. Er legt die Maske an, er winkt mit den Armen. Er bekommt einen magischen Zettel zugesteckt, er hat einen magischen Stoffbär oder Schal im göttlichen Tor hängen oder einfach einen Geißbock im Rücken.

Hat der Ball die Linie berührt? Was the ball behind the line? Niemand hat es gesehen. Dieser Augenblick 1966 hat Magie bewahrt, weil es noch nicht einmal eine Wiederholung, geschweige denn eine Zeitlupe oder Super-Zeitlupe gab. Die Stimme des Reporters hat sich in unsere Erinnerung eingebrannt: Achtung! Hui! Kein Tor! Lange Pause. Eine zu lange Pause. Und die Spieler fügen sich in ihr Schicksal. Die Götter haben gesprochen. Wie ein Jahr zuvor, als in Rotterdam nach drei hart umkämpften Spielen im Europapokal der Landesmeister, der 1.FC Köln gegen den FC Liverpool ausschied, nachdem der reguläre Siegtreffer der Kölner nicht anerkannt worden war, ein Kölner Spieler mit gebrochenem Schienbein weiter spielen musste, weil noch keine Auswechslung möglich war und die Münze, die zur Entscheidung vom belgischen Schiedsrichter hinauf ins Flutlicht geworfen wurde, zwar wieder herab fiel, aber hochkant im Rasen stecken blieb. Die Kölner Spieler standen erschöpft in ihren beschmutzten, weißen Trikots abgewandt vom Geschehen und erwarteten ihr Urteil. Die Wiederholung des Münzwurfes, dieser Augenblick, nach all den schon empfangenen Strafen, schlug die Kölner endgültig zu Boden. Geschlagen, aber unbesiegt. Das waren magische Zeiten. Gestern abend: geschlagen und besiegt. Ganz einfach.

Gute Nacht

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.