Sonntag, 28. Januar 2007

Idee: Kulturliste


Hoppla: Der Stadtanzeiger wird immer schneller. Nicht immer, aber immer öfter. Die Großveranstaltung vom letzten Montag von und mit Kulturschaffenden und Künstlern (siehe: "Was können die Künste") bleibt bis heute unerwähnt, trotz Beiträgen von Karin Beier, Gunther Demnig oder Maldoom, aber über ein SPD-Hearing am Freitag ist schon am nächsten Tag groß zu lesen. Warum? Bögner erfindet neue Sprüche, Dr. Bach ist sauer, der Dezernent ist verwundert, Schramma steht im Weg, die Grünen sind gegen alles in allem, und die Verwaltung gibt uns den Rest. Aber wer gibt wem das Geld? Und überhaupt: Kommt es, kommt es nicht? Darüber muss geschrieben werden.
Dagegen die Künstler, die sich einmal mehr beklagen nicht nur in Plänen und Konzepten vorkommen zu wollen. Schade. Das hatten wir doch schon. Wie schön wäre ein Kulturpolitik ohne Künstler. Ohne Störfaktoren könnten so schöne Kulturentwicklungspläne geschrieben werden. Stattdessen muss man sich immer wieder anhören, die freie Kultur sei so zu fördern, wie sie sich entwickelt hat. Nein! Konzepte werden gefördert. Basta. Und Stärken gestärkt.
Jetzt wollen sich die Künstler selber helfen, wenn es kein anderer tut. Das ist das Allerneuste. Das KulturNetz Köln überlegt eine freie Kulturliste zu gründen. Denn Theaterpublikum, Museumsbesucher, Musikliebhaber, sie alle seien auch Wähler. Stimmt. Und sie sollten eine Wahl haben. Oh Gott.
Frühzeitig zurückschlagen. Neven DuMont hat noch nie eine zweite Meinung, eine zweite Zeitung oder einen zweiten Kandidaten zugelassen. Also bemerkt der Stadtanzeiger: "Ob für eine solche Liste großes Potenzial aus den eigenen Reihen besteht, darf angesichts eines Kommentars von Friederike van Duiven (Kölner Kulturnetz) bezweifelt werden: Die 2000 Künstler und 80 freien Ausstellungsräume, mit denen die Stadt zu rechnen pflege, leben ihrer Meinung nach schon lange nicht mehr in Köln. Ihre Forderung: 'Voraussetzungen dafür schaffen, dass die Abwanderung nach Berlin aufhört.'"
Dass die Abwanderung aufhört! Nicht zu früh freuen. Noch sitzen nicht alle auf gepackten Koffern, obwohl solche Artikel, ein solcher 'Kulturteil' so manchen Koffer zusätzlich auf die Reise schicken mag. Und wenn unsere Zeitung es nicht schafft, die Verwaltung arbeitet schon lange daran, die Daheimgebliebenen einfach abzuschaffen.
Der Nachteil: Heute gibt es das Internet, freie Diskussionen oder Aktionsmöglichkeiten im öffentlichen Raum. Kunst war schon immer subversiv und das lässt sich sogar in Köln wiederentdecken. Obwohl... Und noch ein Nachteil: Rechnerisch braucht eine Liste, um in den Rat einziehen zu können, ungefähr sieben- bis achttausend Stimmen. Die werden auch in Köln zu finden sein.
Also: Obacht!

Freitag, 26. Januar 2007

Was können die Künste?


Die Veranstaltung mit diesem sperrigen Titel wurde zum Glücksfall. Am Montagabend, den 22. Januar war das Alte Pfandhaus in der Kölner Südstadt voll besetzt. Viele wollten alleine schon die designierte Intendantin des Kölner Schauspiels, Karin Beier, sehen und hören. Diese erzählte von der Kraft des Theaters, ihrer ersten Erfahrung mit Theater als Fünfzehnjährige im Schauspielhaus, über einen Konflikt zwischen Vater und Sohn auf der Bühne, der sie so in Aufruhr versetzte, dass sie beinahe eingreifen wollte, das Gesehene blieb noch lange Gesprächsstoff. Aufgewühlt vom Spiel auf der Bühne. Das kann Theater.

Albrecht Zummach von der Kölner Gesellschaft für Neue Musik, sprach von 'Neuer Musik', die für viele Zuhörer neu sei, weil sie kaum zu hören ist und kaum gekannt wird und stellte den Lautenisten Konrad Junghänel vor, Vertreter der 'Alten Musik', die für viele Zuhörer neu sei, weil sie... Junghänel sprach auch von einem Trend, der in Amerika nur noch unter Druck der Sponsoren auf 'Highlights' in der Aufführungspraxis ziele und somit immer mehr Werke ausblende. Ein Trend der nicht nur für die Musik gilt.

Friederike van Duiven stellte für die Bildende Kunst und für das KulturNetz Köln den Künstler Gunther Demnig vor, der schilderte, wie sich die 'Stolpersteine', die eingelassen in den Bürgersteig an die Menschen erinnern, die aus ihren Straßen 'verschwanden' und schließlich deportiert oder ermordet wurden, wie sich diese Steine von einer provokanten Kunstaktion zu einem direkten Eingreifen von Kunst in die Gesellschaft entwickelte. Höchst beeindruckend erzählte er, wie Familien zu diesen Stein-Einlassungen nach über sechzig Jahren wieder zusammen gefunden haben, um einen Kreis zu schließen.
Der Choreograph Royston Maldoom (im Film „Ryth’m is it“ ist sein Unterricht mit Schülerinnen und Schülern zu sehen), sprach frei und in englisch über die Sprache der Kunst, über den Rhythmus im Menschen, der allzu oft von Verschüttungen befreit werden muss, über Kunst, die etwas damit zu tun hat, wie Menschen ihre Energie finden und nutzen lernen.
Heftiger, lang anhaltender Applaus dankte ihm. Überhaupt standen sich an diesem Abend nicht, wie so oft, Bürokraten, Intriganten oder Selbstdarsteller gegenüber, sondern die Hauptpersonen waren die Hauptpersonen. Künstler sprachen von ihrer Kunst, die Wellen auslöst, die sich fortpflanzen und eine Gesellschaft in Bewegung bringen können. Kunst hat mit Haltung zu tun. Alle schienen am Ende den Kopf etwas höher zu tragen.


Mittwoch, 17. Januar 2007

Köpfe verkopfen


Auch wenn sich nichts ändert, da gibt es ja noch das Wort zum neuen Jahr. Kulturpolitiker antworten im Stadtanzeiger. Die meisten ganz vernünftig. Sie meinen: So geht es nicht weiter. Es braucht mehr Förderung. Ja, so was! Das hätte auch früher einmal jemand sagen sollen. Mit einer Geldspritze soll jetzt eine erste Belebung versucht werden. Oder doch nicht?
Da ist doch noch der kulturpolitische Sprecher der SPD. H.-G. Bögner. Der antwortet auch. Der wählt immer so schöne Worte: Spitzenförderung, Kulturentwicklungsplan, Leuchtturmpolitik, Clusterbildung und natürlich 'Stärken stärken'. Toll. Das hat zwar mit der Wirklichkeit nichts zu tun, aber sei's drum.
Mehr Geld für Struktur, für Qualität und Vielfalt in Köln? Nein. Da muss Bögner sich schütteln. Das ist nicht der Plan. Es ist ja nicht so, dass er schon seit Jahren dafür wäre, nur noch drei Theater fördern zu lassen, weil die Mittel nicht reichen. Wenn jetzt mehr Mittel fließen, kann das nicht heißen, dass Andere auch etwas vom Kuchen bekommen. Da braucht es eine Idee. Da braucht es neue Worte. Starke Worte. Wie sagt man das jetzt? Welche Könner können? Wie soll man Worte werten? Er sagt Sagenhaftes: es gehe nicht nur um Stärken stärken, man müsse Mut haben: "Schwächen schwächen". Das ist das Gebot der Stunde. Pause. Nachdenken. Kopf kratzen. Aus dem Fenster schauen. Noch einmal lesen. Toll! Da muss man erst drauf kommen.
Schwächen schwächen - wie wäre es mit Kleine verkleinern, Schaffende abschaffen, oder einfach Köpfe köpfen. Das ist es! Das bringt Köln nach vorne.
Gute Nacht

Montag, 15. Januar 2007

Afrika mon amour


Der Weihnachtsfilme sind gerade geschafft, da drängt sich schon die nächste Film-Blase in Zeitlupe in unser Gemüt. Viereinhalb Stunden ZDF-Afrika. Riesenhimmel und Riesen-Synthi-Musik, die bombastisch über das Land ausgegossen wird, um Erhabenheit zu suggerieren. Das ist kein Kitsch, denn Iris Berben spielt! Die Kritische, die Couragierte! Von der Riefenstahl über die weiße Massai bis zur Berben sind es drei große Schritte. Wer ist der ihr Regisseur? Ihr Sohn. Und der lässt die Mutter laufen und laufen. Sie haucht und flüstert, keucht und weint sich durch den ganzen Film, durch den ganzen ersten Weltkrieg. Sie schreit kurz, wenn ihr Mann - Atzorn wieder einmal als der harte Lehrer Specht - wenn dieser Mann sie schlagen will, sie schaut bitter, weil Frauen rechtlos sind, sie schreit in Zeitlupe, wenn Soldaten durch die Luft fliegen, Blut spritzt, Feuerbälle aufgehen (Dank an eine Stunde Effekte, Pyrotechnik, Animation und Stunts), sie tränt, wenn sie Abschied nehmen muss vom Sohn, von Freunden, von Fremden, sie schreit und heult, wenn sie gehängt werden soll, wenn ihr eigener Sohn erschossen wird, der Sohn eines Freundes, der Sohn eines Fremden, ein Bankier, ihr Boy, ihr Mann... und so weiter und so weiter. Ihr Geliebter erleidet auch noch einen Kopfschuss, wird blind und sie flüstert ihm wie nah der afrikanische Himmel ist. Oh Himmel. Dazwischen dann die gehauchten Dialoge, nach dem Motto: die Menschheit ahnte immer schon, dass etwas gesagt werden muss, wenn ein Engländer eine Deutsche liebt, wenn sinnloses Töten um sich greift, wenn der Krieg brutal wird, wenn der Hass regiert, wenn guter Rat teuer ist. Nahaufnahmen von tränenden Gesichtern, zerschossenen Häusern, hängenden Schwarzen, blutigen Jacken und blauen Riesenhimmeln in 16:9. Ja das ist Africa, mon amour.
Eine Frau mit traurigem Gesicht, ein Mann im Bilderrahmen, der fällt, der Rahmen zerbricht, die Frau schaut sich um und lächelt: da kommt schon der nächste Typ in Zeitlupe: This is my life. Der Vorspann von "Rote Rosen" sagt fast dasselbe und ist viel kürzer.
Gute Nacht

Mittwoch, 3. Januar 2007

Hängt ihn höher


Jetzt sind sie also vorbei, die Feiertage. Die Sonne ist müde, der Winter schläft immer noch seinen Winterschlaf. Die Gesellschaft rasiert sich und schneidet sich die Haare, aber es bleiben Apathie und Furcht (vor einem Satz warmer Ohren, Arbeit, der Mehrwertssteuer, Klimaerwärmung, einem Satz neuer Reifen). Weit weit weg im nahen Osten ist ein Massenmörder gehenkt worden. Wir sind zwar gegen die Todesstrafe, aber in diesem Fall... nur etwas stört: Da bricht bei den Henkern im Irak offen aus, was bei Amerikanern oder Chinesen sonst unter einem Schwall von Worten über Gerechtigkeit oder Zivilisation begraben wird: Hinrichtung ist Rache, nicht mehr und nicht weniger. Hängt ihn höher! Ob Giftspritze oder Steinigung: Auf ins Mittelalter! Und das Foto-Handy nicht vergessen. Ein Opferfest jagt das nächste.
Huhn oder Ei?
Zugegeben, an Weihnachten ist Fernsehen am schwersten zu ertragen, da trübt sich der Blick bei so vielen verschwitzten Kitschfilmen. Die Hinrichtung des letzten Restes unseres Verstandes. Also lesen. Schau an, im Stadtanzeiger gibt es interessante Berichte und Analysen. Dort steht: Die politischen Magazine im Fernsehen verlieren dramatisch an Einschaltquote. Kein Wunder, denke ich. Apathie. Aber nicht nur. Scharfsinnig wird im Blatt analysiert, dass die verschobenen Anfangszeiten und die Selbstbeschneidungen die gefühlte Bedeutungslosigkeit vorgeben. Spielshow und Stadl sind eben wichtiger. Wer braucht noch Enthüllungen - außer wenn es um Dessous geht? Und das quittiert der Zuschauer. Der ist also doch nicht so dumm? Oder wie?
Nachdem die Kulturseite im Stadtanzeiger nur noch Kurzkritiken druckt, in denen es fast gar nichts mehr zu lesen gibt, fällt mir ein, dass auf jede Kritik an den Unzulänglichkeiten der Kulturseite von der Redaktion immer zu hören ist, die Leserquote sei eben dramatisch niedrig. Die Bedeutung der Kultur sei den Lesern nicht zu vermitteln, man müsse froh sein, dass es überhaupt noch eine Kulturseite gäbe. Die wenigen Leser begründen also die Selbstbeschneidung, die zu noch weniger Lesern führen, die zu Beschneidungen führen, die....
Da fällt mir die Kölner Kulturpolitik ein, so ganz im Allgemeinen...
Gute Nacht

Montag, 1. Januar 2007

2007

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.