Freitag, 29. August 2008

Ich werde es vergessen


Scholl-Latour nuschelt sich durch die Talk-Shows. Das heißt: In der Welt ist nicht alles zum Besten bestellt. Obama spricht im Stadion. Der FC spielt im Stadion. Alles 1:1. Russische Panzer rollen in fremden Ländern, Hilferufe kommen auf Befehl, die Armee zieht ab, verschwindet aber nicht, die Banken ziehen ab, das Geld aber versickert in schwarzen Kanälen, Protestanten werden ausgewiesen, Aktienpakete gehen auf Reisen, Daten kursieren.
Bei uns im Theater hat es angefangen. Zum zweiundzwanzigsten Mal. Zu Beginn keine gedopte Premiere, sondern eine gute, alte Komödie mit echten Schauspielern und echtem Spaß und einem beglückten Publikum. Ohne falsche Bescheidenheit: Es war eine glänzende Spielzeiteröfnung. Gong!

Freitag, 15. August 2008

Lifestyle


In Köln gibt es ein Hochglanzmagazin namens 'City-Magazin'. Der Chefredakteur, Herr Gross, schreibt ein Editorial. Die Zwischenüberschriften: Latin Lover mit Knack-Po.Ausschnitt: "Wichtig ist für Agrippinas Töchter, dass ihr Lover einen knackigen Po hat, auf die Größe seines 'besten Stücks' schielen sie zunächst mal weniger..." Das hat eine Untersuchung ergeben. Die Frage ist, braucht es eine Untersuchung, um zu wissen, ob der 'Chefredakteur' Tatoos, oder Sonnenbrille und Goldkettchen trägt, oder ist es einfach eins der Computerprogramme für das kleinste gemeinsame Dummschwätzen mit permanentem Augenzwinkern und Po-Zwicken?
Weiter gehts: Ist Claudia der Anti-Typ? Keine Frage: Boutique, blond, Oberweite, Sonnenbrille, City-Lage. Also: "Bei allen In-Treffs ist Claudia wie 4711 - immer dabei." Gemeint ist die Ex-Nervensäge von Howie Carpendale. Und hier die letzte Zwischenüberschrift: Shop till you drop. Es folgen Begriffe wie 'Fashion-Viertel', 'Boom-Region', 'Seh-Leute' und Sätze wie 'Die City erfindet sich mal wieder neu'. Kleinen Moment, ich schalt doch lieber den Fernseher ein.

Donnerstag, 14. August 2008

Casting

Als das kleine, süße, chinesische Mädchen bei der Eröffnungsfeier der Olympiade in Beijing vor einem Milliardenpublikum das süße Mäulchen so besonders weit aufriss, während dieses Lied über das Vaterland aus ihr hervorquoll, so hell und honigfarben, als sie sang, mit den fest an den Leib gepressten Ärmchen, mit dem herzförmigen Gesicht, mit dem schwingenden, schwarzen Zopf, da dachte ich für einen Moment, da stimmt doch etwas nicht. Und dann dachte ich: jetzt siehst du schon Gespenster. Es ist nur ein Kind, das schön singt. Anders als in den deutschen Fernsehshows mit Michael Schanze - wir erinnern uns - die Vorführung der von ihren Spießereltern geschickten kleinen Wesen, der ungeschickt quäkenden, stammelnden, gequälten Kinder, das ist lange her, auch die Mini-Playback-Show bei RTL, die Animationsshow für den nächsten Thailand-Besuch, die Show mit den geschminkten Kindern im Minirock, auch sie ist lange abgesetzt. Saubere Spiele und ein sauberes, kleines, süßes, singendes Kind in China. Schön.
die Stimme OlympiasUnd heute erfährt die Welt, wir haben tatsächlich ein Gespenst gesehen, wirklich: es stimmte etwas nicht. Das Kindermäulchen war doch zu weit aufgerissen und die Unregelmäßigkeiten der Lippenbewegungen waren keine Zeitverzögerung in der Übertragung. Das Kind, das sang (links im Bild), war nicht zu sehen, es war von Parteifunktionären gecastet worden, aber es war nicht hübsch genug. Also wurde noch ein herziges Gesichtchen gecastet. Und so entstand die neue Mini-Playback-Show.

Dieser Schwimmer, der Phelbs, dieser Muster-Ami, dieses Testosteron-Paket, der steigt aus dem Wasser, brüllt, reckt die Fäuste, nachdem er jeden Weltrekord einfach über den Haufen geschwommen hat, aber was schwimmt da im Wasser, welches Ding aus welcher Welt - Phelbs - was für eine Spezies ist das - wenn es vor den vielen Kameras und Mikrofonen auftaucht? Nein, das geht jetzt wirklich zu weit. Was hat das mit dem Kind zu tun? Nichts.

Montag, 11. August 2008

Telenovelas


Ich kann mich noch an Berichte erinnern, vor vielen Jahren, die amüsiert und entsetzt über ein Phänomen aus Brasilien berichteten. Dort, weit weit weg, saßen Hausfrauen auf Sofas und schauten Tag für Tag abgefilmte Fotoromane, die gute Blonde, der schnöselige Schönling aus gutem Hause, die böse Schwiegermutter und so weiter. Die Berichte rechneten dieses Billigfernsehen zu den Kuriositäten der dritten Welt (die Armen brauchen Trost in der Armut), oder zum fortschreitenden Verfall der Mediengesellschaft. Hier jedenfalls, in der zivilisierten Welt, undenkbar.
Gut, dass das öffentlich-rechtliche Fernsehen im Geiste von Qualitätsfernsehen in unseren Breiten standhaft geblieben ist. Hier. In Deutschland. In ARD und ZDF.

Sonntag, 10. August 2008

Profil? Nie wieder


Früher hieß die 12-Uhr-Sendung im Fernsehen noch Internationaler Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern, man trank Wein, rauchte und debattierte über Gott und die Welt.
Heutzutage heißt das Ganze 'Presseclub', alles ist kühl und sauber und es diskutieren fünf Journalisten aus einem Land über die SPD (siehe unten). Aber es geht nicht nur um die eine Partei. Einer sagt: es gibt keine Inhalte, eine andere: es wird gelogen, wieder eine andere: es gibt zu wenig Politiker mit Profil. - Zu wenige? Wie soll denn ein Mensch mit Profil, mit Haltung, mit einer lebendigen Sprache oder beweglichen Gesichtszügen jemals sauber und unverletzt durch die schlammigen Kanäle einer Partei schlüpfen, an den Spießen der Intriganten, an den Heckenschützen von Unfähigkeit und Dummheit vorbei? Niemals. Deshalb sieht die politische Klasse so aus wie sie aussieht, deshalb glaubt die Mehrheit der Deutschen nicht mehr an Demokratie, deshalb sind Menschen, die noch denken wollen, traurig und allein.
Politik ist einfach eine große Casting-Show geworden. Bis ein Krieg Hilfe braucht, bis wieder ein Konzern das Land verlässt, Traditionsbetriebe Konkurs anmelden, bis man plötzlich begreift, dass die meisten Schüler nicht mehr sprechen können. Dann staunen wir, dann biegen sich die Politiker hilflos im Sommerwind. Hin und her. Bis der Sommer zu Ende geht und sich Stürme ankündigen.

Freitag, 8. August 2008

Wie seht ihr aus?


Gestern und heute
Ach du lieber Gott, heute ist ja dieses Glücksdatum. Also gut, es regnet. Georgien und Russland fangen Krieg an. Und, ach ja, die Olympiade ist eröffnet worden, als Massenspektakel, wie die neue Kulturrevolution, in Peking, bloß ohne Mao. Massen und Computersimulation. Wäre doch schön gewesen, wenn Mao als Fackelträger in wehendem Mantel durch die Lüfte geschwebt wäre, mit weitausladenden Zeitlupenschritten, und über dem Stadion die große Flamme entzündet hätte. Aber die Weicheier von der Kommunistischen Partei lassen lieber Kinder und weiß gewandete Mädchen singen.
Brücken bauen
Kein Weichei ist Clement (immer noch SPD), der sich für eine Pressekonferenz braun gebrannt im offenen Hemd vom Rad schwingt und sich kurz entschuldigt. Um dann, peng-klatsch, Ohrfeigen zu verteilen an die blöden SPD-Weiber in Hessen und NRW. Und in die Mikrophone bellt, keine Energiepolitik ohne Atom und ohne Kohle, sonst tausende von Arbeitsplätzen weg... na ja, die ganzen Phrasen aus den 70er Jahren eben. Und alle Sozialdemokraten jubeln: Er macht einen Schritt auf uns zu! Dann sagt der Clement noch: Ich sehe zwar nicht so aus, aber ich bin Sozialdemokrat. Doch, Schnösel, du siehst genau so aus.
Wie seht ihr aus?
Und der Beck sieht auch genau so aus wie die alten, dicken, bärtigen Sozialdemokraten aus den 70ern, nur geschlagener, und unsere alten SPD-Wachsgesichter aus Köln, Heugel und Rüther, werden wegen Bestechlichkeit verurteilt, weil sie den Eindruck erweckt hätten, sie seien bestechlich. Ja den Eindruck haben sie gemacht. Immer schon.
Beliebt
Und der Steinmeier, der Schröder- und Clement-Freund, diese Amöbe im Anzug ist auf seltsame Weise eine Mischung aus Heugel, Beck, Schröder und Clement, so durchschnittlich gesichts- und rückratlos, so einen muss man einfach mögen, an den Stammtischen und beim Kaffeekränzchen und bei den Bonzen mit Stallgeruch auch, er ist die fleischgewordene SPD. Also wirklich ein guter Kandidat für die SPD, oder die CDU, oder die Linken, die so aussehen, als würden sich Heugel, Schröder und Steinmeier im Zerrspiegel betrachten.
Einer für alle
Nein, nicht für alle. Man sollte sich als einzelner Deutscher nicht nach Guantanamo verirren. Wenn die Amerikaner einen dann zurückschicken wollen, sagt der Steinmeier, wenn er Außenminister ist: nein. Und später, vor einem Untersuchungsausschuss, kann er sich an nichts erinnern. Und später, zur Erklärung, sagt er: Die Zeiten waren eben so. Es ging um den Terrorismus, nicht um den einzelnen Menschen. Gut gesagt. Dann wirst du eben noch ein paar Jahre länger gefoltert. Sorry.
Nochmal Vesper
Und dem Vesper, unserem Olympia-Kasper, geht um den Sport, nicht um ein paar gesperrte Internet-Seiten. In Deutschland würden auch Seiten gesperrt, von Rechtsextremisten. Dann sagt er, so habe er das nicht gemeint.
Die Beiden würde selbst der Clement wählen. Was das mit Kultur zu tun hat? Nichts.

Samstag, 2. August 2008

Wochenrückblick


Hau ab!
brüllt ein Fluggast am Schalter, mittlerweile wurde die Szene dreiundsechzig Mal im Fernsehen wiederholt. Und er brüllt weiter: "Ihr seid Gift, ihr seid Gift!" Endlich ist mal wieder was los, möchte man meinen. Aber, weit gefehlt. Er hätte lieber mitleidig lächeln und leise sagen sollen: "Ihr seid doof". Es ging um einen Streik des Personals gegen die Lufthansa. Wieder Gelegenheit für Gewerkschaftsbosse sehr sehr große Forderungen zu erheben, um dann mit einem winzig kleinen Kompromisschen in den Urlaub zu fliegen. Schließlich geht es um Medien-Präsenz und Macht für die ver.di Bosse, was sonst. Das arme Streik-Personal sieht in seinen beschrifteten Umhängerchen aus wie die Müllabfuhr an Karneval, und auch die ewig doofen Trillerpfeifen und Rasselchen dürfen mal wieder nicht fehlen. Klassenkampf sah früher mal anders aus.
Verwunderte Bewunderung für den an sonsten so bewegungsunfähigen 1.FC Köln. Der Club hat einen neuen Geißbock, einen echten (Gott sei Dank nicht eins der vielen Fluschel-Flausch-Riesenkopf-Lustig-Quietsch-Werbefiguren-Maskottchen wie Hertha oder Leverkusen), nein, Hennes den XIII. Gratulation zur Verpflichtung eines Weltstars, nicht Poldi, der wird von den Bayern gefesselt, sondern Petit, der Kapitän von Benfica Lissabon, Nationalspieler, Ballkünstler, offensives Mittelfeld, wow. Ich bin beeindruckt. Das Testspiel gegen den Zweitligisten Duisburg endete 1:1. Wow.
Paul Potts, nicht der kambodschanische Massenmörder, sondern der einfache Handy-Verkäufer aus England macht Werbung für Medien und ihre Anbieter. Es war mal Zeit für eine neue Tellerwäscher-Geschichte: Handy-Verkäufer singt die eine bekannte Opernschnulze, die alle kennen und alle singen, der blinde Bocelli, der Pavarotti und alle anderen, er nutzt seine Chance, das Publikum weint.
Dann wird der Loser ein Gewinner, die Medien berichten, nach dem dreiundsechzigsten Bericht auf allen Kanälen macht ein Handy-Anbieter einen Werbespot: Handy-Verkäufer singt die eine bekannte Opernschnulze vor einer überraschten Jury und einem weinenden Publikum und gewinnt das Casting und die Herzen. Der Spot wird sechzigtausenddreihundert Mal ausgestrahlt.
Millionen sehen den Handy-Verkäufer, der die eine bekannte Opernschnulze singt und das Casting gewinnt. Dann machen die Medien Berichte über den Erfolg eines Werbespots, der einen Handy-Verkäufer zeigt, der die eine bekannte Opernschnulze singt vor einer überraschten Jury und einem weinenden Publikum, das millionenfach vor den Displays und Bildschirmen der Welt sitzt und allen kommen die Tränen über den armen Handy-Verkäufer, der......


Übrigens, ein serbischer Psychiater, der sich zum Politiker verwandelte, dann zum Massenmörder wurde und schließlich als Heiler mit weißem Bart und Zopf Vorträge hielt, jahrelang gedeckt und geschützt vom Geheimdienst, ist nun doch verhaftet gelassen worden, weil Serbien nach Europa will.
Bergsteiger stürzen ab, Extremsportler erfrieren, Kameramänner werden gefoltert, Geiseln werden freigelassen.
China antwortet auf Fragen, die sich die Funktionäre selbst gestellt haben, sperrt unliebsame Internet-Seiten, verhaftet Journalisten, lässt Doping-Prüfer stehen, schlägt Kritiker zu Brei und will mit den Medien "One World - One Dream" feiern. Klingt nach Casting-Show und Auftritten von Paul Potts und Michael Vesper.
In Bayreuth ist eine Oper für das Internet und ein Public Viewing freigegeben worden. In Salzburg gibt es eine neue Buhlschaft. Dreiundsechzig Berichte über das Kleid, das zum ersten Mal blau ist.
Es lebe die Kultur!

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.