Donnerstag, 25. Dezember 2008

Schöner Tag


Einpacken, auspacken. Die Kinder laufen herum, reden und freuen sich. Der Familienhund seufzt und schläft. Der Großvater schenkt Sekt ein und lächelt, die Großmutter will in der Küche in Ruhe arbeiten und serviert Kartoffeln, Sauce, Fleisch, es schmeckt. Pause. Der Vater liest, die Tochter liegt, der Hund schläft. Der Großvater macht Tee und lächelt. Alle trinken Tee nur einer trinkt Kaffee, der ist noch neu. Kuchen und reden. Der Hund wedelt mit dem Schwanz. Aufbruch. Ein schöner Tag ohne Probe, ohne Termine, ohne Fernsehen mit einer Familie, die zusammen ist.

Mittwoch, 24. Dezember 2008

Die Bibel


Zu Weihnachten laufen im Fernsehen die Filme die immer laufen und die Filme, die dem mit Gans, Schwein, Kuchen und Alkohol vollgestopften Zeitgenossen noch zusätzlichen Schweiß auf die Stirn treiben. Pferde, lachende Räuber, singende Kostüme, sinkende Riesenschiffe mit Frauenchor, Geigen, Bläser, das volle Lärmprogramm von Schüssen bis Explosionen und schließlich die Blicke und Blicke und das Ringetauschen und die Tränen und die Intrigen vor wilden Meeren und Landhäusern im Grünen. Nichts zu machen.
Der Gipfel aber zu später Stunde auf RTL. Wo sonst. Die Bibel, weniger geht nicht. Und die ganze Bibel rollt nicht mit Zwanzigtausend Komparsen und einem Sandalenträger auf uns zu, das ginge ja noch, sondern in Gestalt von Ben Becker.
Ben Becker, der Durchgeknallte, liest mit zitternder, von Rauch und Alkohol verwöhnter, bedeutungsschwangerer Stimme, mit Schweiß auf der Stirn, unter Videospielereien und begleitet von einem riesigen, bedeutungsschwangeren Orchester mit Geigen, Bläsern und vollem Programm - die Bibel. Das Orchester schwillt an wenn Becker eine bedeutungsschwangere Pause macht und es raunt wenn Becker wieder anschwillt, heiser weiter dräut und malt und auf alle Tuben drückt. Also, Ben Becker ist kein guter Schauspieler und auch kein Kinski, nur ein Schmierenkomödiant, der den wilden Mann markiert.

Donnerstag, 18. Dezember 2008

glauben und wissen


Am Abend vor den Fernseher sinken. Gleich werfe ich mit Mandarinen. Thema Wunderheiler. Heute Morgen wiederholt. Gaanz ruhig, ich nehme ein Placebo, zünde eine Kerze an und schaue zu. Ein Versuch ist zu sehen: Ein Mann steckt einer Blondine so genannte Ohrenkerzen in die Ohren. Der Mann trägt auf seinem Shirt Reebock, Geißbock, taxofit. Die Blondine trägt nur eine Bluse und ist ganz auf Empfindung ausgerichtet. Der Mann zündet die Ohrenkerzen in der Blondine an und die richtet ihren Oberkörper auf und meint es fühle sich an, als ginge ein Luftzug durch ihren Kopf. Oh ja.

Eine witzelt: Wenn die Ärzte streiken, wird weniger gestorben. Vielleicht kann diese Selbst-Hypnose, dieses Glauben tatsächlich Selbstheilung in Gang setzen. In der Runde sitzt auch ein Wissenschaftler, der auf gar keinen Fall an Handauflegen glauben will, es gehe um Wissen und Wissenschaft. Jawoll! Aber natürlich glaubt er an die Wunder Jesu. Das sei etwas anderes. Moment mal...

Dann sagt einer aus der Runde zum Thema "Glauben und wissen", der Liebe seiner Frau könne er sich nie gewiss sein. Schön gesagt. Warum er das nicht wissen könne, spottet sein Nachbar, weil, sagt der erste, eine bestimmte Region seines Gehirns nicht mit dem Gift der Religion verseucht sei. Das sei doch ein Argument aus dem 19. Jahrhundert, giftet der Nachbar. Moment mal...

Ach, ich will nichts mehr wissen. Jetzt geh's loos! Weihnachtsbaum, Geschenke, Kaffee trinken, weiter gehen. Grüße versenden, ins Theater, Leute treffen, hinsetzen, quatschen, umarmen, sich freuen, aufpassen, zusehen, planen, besuchen, sich besuchen lassen, irgendwo hingehen und abends erschöpft vor den Fernseher sinken. Einen Film sehen. Der kleine Lord. Festtage eben.

Montag, 15. Dezember 2008

Entschuldigung


Der Regisseur entschuldigt sich in einem Interview, dass sein Film nicht experimentell sei. Er habe sich einfach bemüht, so nah wie möglich an der Vorlage zu bleiben.
Müssen sich heute schon diejenigen entschuldigen, die das Selbstverständliche tun? Auch im Theater herrscht schon lange die theaterblutige Diktatur der 'Experimentierer'. Wie immer - diese Herrschaft wird von Einfältigen und Zwergen ausgeübt und von ihren medialen Erfüllungsgehilfen. Und wir müssen uns entschuldigen, wenn wir einfach versuchen Theater spielen.
Theater ist immer ein Versuch, immer ein Experiment, das ist das Wesen des Theaterspielens. Wie war das mit dem weißen Schimmel? Ein 'Experimentierer' versteht das nicht. Der versteht auch kein Stück. Das muss erst zerlegt und mit Eigentexten angereichert werden. Für die 'Experimentierer' ist das Experiment Selbstzweck, Selbstbefriedigung. Ein bisschen Video, ein bisschen Blut, Schleim, Farbe, ausziehen, schreien, kriechen - fertig ist das Experiment. Und das Feuilleton darf jede Zuckung mit großen Worten in Grund und Boden interpretieren und die Zwerge in den Jurys und Ämtern können sich endlich in Verzückung verstört zeigen und kaum verbergen, dass sie von nichts eine Ahnung haben. Einfach ein Stück spielen, einfach einen Film drehen, eine Geschichte verstehen und erzählen, nicht so einfach heutzutage.

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Spuren


Himmel aus Blei. Kopf nicht gerade aufgeräumt. Aber immer noch ein Nachklang von unserem Fest und der wunderbar geschriebenen Kritik zu "Kafkas Welten". Menschen hinterlassen Spuren, Erinnerungen. Theater hinterlässt Spuren. Gestern Abend hat eine sehr netten Theatergruppe in einer Schulaula einige Szenen des "eingebildeten Kranken" auf französisch versucht. Mit Freude beim Spiel, manchmal schüchtern, manchmal unbändig. Und nach ein paar Handgriffen stehn und gehen die Schülerinnen und Schüler anders auf der Bühne. Schön zu sehen.

Montag, 8. Dezember 2008

Das Fest


Das letzte Fest lag schon 10 Jahre zurück und dann gab es am Sonntag - nach der umjubelten, „fulminanten Uraufführung“ von Kafkas Welten - noch einen großen Tag.
Zugegeben, schon lange nicht mehr gab es einen solchen Augenblick des Durchatmens und der Freude. Einen Moment zurücklehnen und betrachten, was geleistet worden ist. Und sehen, dass wir gesehen worden sind, unsere Künstler, unsere Stücke, unser Haus.
Eine große Anzahl geladener und Überraschungs-Gäste feierte mit uns. Durch das Programm der Matinée führte Patricia Wolf, die mit Charme und Eleganz die verschiedenen Seiten der Geschichte des Theaters aufblätterte.

Es wurde gesungen und gespielt. Zuerst gab es ZINNOBER. Das Trio präsentierte nach langer Pause mit der „Poesie der leisen Töne“ den Auftakt zu einem Reigen kleiner Szenen aus einer Geschichte des Spiels, der Sprache und des Vergnügens. Einer Geschichte besonderer und viel beachteter Inszenierungen von „Das Fest“ über „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ bis zu „Lieblingsmenschen“, sowie den Uraufführungen „Fritz“ und „Kafkas Welten“.

Bürgermeisterin Angela Spizig hielt für die Stadt Köln ein sehr persönliches und warmherziges Grußwort, sie gehörte von Beginn an zu den Stammgästen des „Sachsenring“. Frau Spizig wünschte dem Theater Kraft und Mut.

Oliver Durek (Theater am Dom) vom Vorstand der Kölner Theaterkonferenz, blickte zurück. In bewegender Weise erinnerte er an die gemeinsamen Kämpfe für die Kultur in Köln. In den viereinhalb Jahren gemeinsamer Vorstandsarbeit wurde unter anderem die Kölner Theaternacht ins Leben gerufen. Er würdigte die kulturpolitische wie auch die künstlerische Arbeit und wandte sich schließlich an seinen Freund und Kollegen mit den Worten: "Hinter Dir liegen die Mühen der Gebirge, vor Dir liegen die Mühen der Ebene".
Ja, so ist es.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Doch


Heute Kafka im Theater. Uraufführung von Kafkas Welten! Uns schon wird's absurd. Der WDR macht keinen Tipp mit der Begründung, Kafka sei zu schwer, es gebe nur Tipps für das breite Publikum. Herr Reich-Ranicki, wie war das noch? Und eine Jury ruft an und sagt, das sei doch sicher kein Theaterstück. Oder?
Tja, tut mir ja leid. Es ist ein Theaterstück, es gibt viel zu sehen, es ist witzig, es gibt viel zu lachen, vielleicht etwas zu fürchten? Der Text ist tatsächlich von Kafka, Wort für Wort, ohne Bush-Rede, aber mit Überraschungen. Es wird gespielt. Ein Zuschauer braucht seine fünf Sinne und sollte Vorurteile, Schubladen und die allgemeine germanistische Interpretationssucht an der Gardrobe abgeben. Ist Ihnen das klar? Na, dann viel Vergnügen.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.