Donnerstag, 24. Dezember 2009

Geistesleben


Große Aufregung im Geistesleben unseres Landes: Nikolaus Brender, Chefredakteur des ZDF ist von der Mehrheit des ZDF-Verwaltungsrates, mit dem CDU-Koch an der Spitze, nicht in seinem Amt bestätigt worden. Hilfe! Feuer! Zeter und Mordio! So weit, so gut.

Abgesehen vom Geistesleben, also Journalisten, die befürchten, es könnte auch ihnen jetzt an den Kragen gehen, melden sich natürlich auch prompt die zu Wort, die sich immer zu Wort melden, wenn es gilt "Haltet den Dieb" zu rufen, oder Sätze zu formulieren, die Herr Westernhagen auch schon versucht hat zu formulieren: "Freeeeiiiiheit" inklusive Wunderkerzen.
Also da stehen (hoppla da ist er ja wieder), Kurt Beck, der unrasierte Siegmar Gabriel für Arme, und der rasierte Berliner Bär Wowi vor den Kameras und schmieren markige Sätze in die Mikrofone: "Skandal! Die Demokratie ist in Gefahr... blabla". Das typische, windige, großmäulige Gewinsel sozialdemokratischer Hunde. Doch, ist wahr. Denn es ist immer ganz einfach, Großmäulchen zum einknicken zu bringen. Entweder wir setzen sie in die Regierung, aber davon hat das Volk vorerst Abstand genommen, denn da sind diese Sozialdemokraten dann Neoliberaler als die schwarzgelbeste Gefahr, oder man fragt einfach nach Konsequenzen, nach den nächsten Schritten. Es gibt auch wirklich gemeine Journalisten, die sich mit Verlautbarungen nicht zufrieden geben wollen und die z.B. fragen, wenn denn die Demokratie in Gefahr sei, ob sie dann klagen wollten? Kurze Pause. Dem rasierten und dem unrasierten Bär rutscht das Gesicht in die Hose, dann fassen sie sich und fangen an zu formulieren: Das müsse man prüfen, man wolle das prüfen, das sei keine Systemkritik, man müsse jetzt weiter sehen und weiter gehen, blabla...
Nein keine Systemkritik, immerhin sitzt man ja selber in dem Rat, der über Personal bestimmen kann, wer weiß, wann man sich rächen kann... Wie gesagt, es ist so einfach. Und ZDF: Danke für Volle Kanne, Küchenschlacht, Tierisch Kölsch, Alisa - Folge deinem Herzen, Leute heute, und den großen Abend-Kitsch-Kwatsch. Meist steht irgend ein Blondchen vor der Hochzeit, da taucht die große Liebe auf, ein Sohn von Carpendale, Hardy Krüger, Cindy und Bert, Roy Black. Oder ein Immobilienhai will ein idyllisches Dorf aufkaufen, aber Blondchen und der Meeresbiologe... Oder ein Vater ist totkrank, oder eine Schwester, oder ein Wal, aber Blondchen will helfen. Das ganze heißt dann: Das Geheimnis der Möpse - ach nein - der Wale. Einen Tag später: Der Bergdoktor, am nächsten Tag: Der Bergdoktor... Dann Musikantenstadl und Traumschiff. Ach nein, das ist das Erste. Danke für journalistisch-hochwertiges öffentlich-rechtliches Fernsehen.



Dienstag, 15. Dezember 2009

Blattschuss


Das Theater am Sachsenring, Köln, hatte auf Hilfe gehofft. Das Kulturamt hatte es systematisch abgewiesen. Der Kulturausschuss der Stadt Köln beschloss schließlich gegen den Widerstand der eigenen Verwaltung eine kleine Liquiditätshilfe zuzusagen, wenn das Theater die Deckungslücke nachweise. Das geschah. Zum vierten Mal im Jahr wurden Zahlen vorgelegt, Bilanzen, als wenn ein Theater nichts besseres zu tun hätte.
Und es hatte besseres tun gehabt. Das Theater machte gutes Theater.
Also schrieb die Verwaltung vor ein paar Tagen: Kein Anspruch auf Hilfe. Ein fast gleich lautender Brief wie der vier Monate zuvor, nachdem die Politik dann eine Hilfe beschloss, wenn das Theater...
Das TAS muss nicht, es soll kaputt gespart werden. Ende.
Es ist kalt. Das Theater ist geschlossen. Wir schreiben das Jahr 2010. Köln ist keine Kulturhauptstadt.

Gute Nacht

Mittwoch, 9. Dezember 2009

Nach der Theaterpreisverleihung


"Kafkas Welten" ist es nicht geworden. Heiß gehandelt, aber keine freie Produktion hat eine Chance, wenn die Stadtsparkassenstiftung ihre eigenen Regeln über Bord wirft um - warum auch immer - ein experimental-verstörendes Doku-Performance-Theater mit Laien (na ja, eben Doku mit echten Menschen), auf die Bühne gestellt von einem Regieduo, das glücklicherweise eine Wohnung in Köln hat, eine Koproduktion mit dem Kölner Schauspielhaus, prämiert und damit einer Produktion das Preisgeld gibt, die schon von den städtischen Bühnen mit allen Mitteln ausgestattet, einen Zuschuss zur Verfügung hatte, mit dem ganze Theaterhäuser im ganzen Jahr leben müssen. Diese Produktion bekam also den Theaterpreis und keiner hat's verstanden.
Können Sie folgen? Noch einmal. Die, wie immer, zahlreichen Regeln besagen: Vom Theaterpreis ausgeschlossen sind Produktionen von Regisseuren, die ihren Arbeitsschwerpunkt nicht in Köln haben, die mit Laien arbeiten, außerdem Koproduktionen mit städtischen Bühnen. Sonst noch was? Herr Nellessen schreibt zurecht an die SK-Stiftung, man solle keine Tanker gegen Ruderboote antreten lassen.
Persönliche Schlussbemerkung: vor allem dann nicht, wenn die wendigen Ruderboote Publikum und Kritik verzücken, als erste durchs Ziel laufen - und dann disqualifiziert werden, weil heutzutage Rennen nur noch mit den großen Tankern stattfinden, auf denen Kapitänsmützenträger mit Theaterblut übergossen, betrunken brüllend den verstörenden Kurs Richtung Eisberg anweisen.

Montag, 9. November 2009

20 Jahre Mauerfall


Der Tag der Ton- und Bild-EndlosschleifenEndlosschleifen.
Nach meiner Kenntnis ist das - sofort - unverzüglich...
Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn!
Nach meiner Kenntnis ist das - sofort - unverzüglich...
Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn!
Nach meiner Kenntnis ist das - sofort - unverzüglich...
Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn!
Es war nicht alles schlecht. Gute Nacht!

Sonntag, 1. November 2009

Ratgebers Rat


Jetzt schreibe ich wieder über Fernsehen. Habe ich keine anderen Sorgen?
Doch. Deswegen brauche ich ja Hilfe. Ich schaue "Kölner Treff", da ist Köln mit dabei, da sitzen Menschen, die ich kenne und die lustig sind, wie Mark Britton, der ManU-Fan, da sitzen Menschen, die natürlich mal wieder Bücher geschrieben haben müssen. Wer sich wundert, warum immer weniger gelesen wird, könnte hier klüger werden, aber es ist genau umgekehrt, gerade diese Bücher werden gelesen. Hey, da sitzt wieder eine Ratgeberin - übergewichtig, modische Brille, Dauerlächeln und jeder Satz beginnt mit "hey", oder mit einem "hallo", von unten nach oben gezogen, sehr amerikanisch, sehr dumm. Dass die Dummen Ratgeber schreiben, gehört zum Geschäft. Sie habe, lächelt die Übergewichtige, irgendwann schon vor der Wirtschaftskrise gemerkt (!), irgendwas läuft hier ganz dumm. "Da passiert etwas, das sieht nicht gut aus". Die französische Revolution, Vietnam, Afghanistan? Auf jeden Fall wussten sie und ihr Mann, da muss man ein Buch schreiben: "Zurück zur Kartoffel" oder "Gürtel enger schnallen", zurück zur Einfachheit, was die Großmutter noch wusste, papperlapapp. Interessanter Ansatz: Männer träumen, haben eher Visionen - ganz schlecht. Frau Asgodom, so heißt die Tante, ist eher für den weiblichen Blick: Können wir uns das leisten, geht das überhaupt? Da haben wir doch die "weibliche" Politik. Frauen haben das "Machbare" im Blick. Auf dem Teppich bleiben, Kassensturz.
Finden wir heutzutage überall: Wer soll das bezahlen? Kultur und Bildung? Ja natürlich. Aber wie soll das "gegenfinanziert" werden? Von den Grünen bis zur CSU: Alle wissen ohne Gegenfinanzierung geht nichts. Ach so. Dann geht's natürlich nicht.
Und dann die Pappsätze: Man muss sich auf sich selbst verlassen, nicht auf die hören, die alles besser wissen, keine Ratgeber von außen (keine Ratgeber?). Hey, Selbstbewusstsein tanken. An alle übergewichtigen Hartz IV Empfänger: abnehmen, nicht länger Austern fressen, auch mal eine Kartoffel und - Buch kaufen. Guten Morgen!

Samstag, 1. August 2009

Zadeks Theater


Er hat es gemacht. Lebendiges Theater. Wir haben gestaunt, wie es tanzte, wie es flüsterte, wie es sich verkleidete und änderte und wie es krachte. Wir haben ihm und seiner Schauspielerfamilie gerne zugeschaut - bis der Vorhang fiel.
Jetzt lässt Peter Zadek in Gottes Burgtheater den Wildgruber ein paar nackte Engel über die Wolkenbühne jagen und lacht und ruft: Komm nochmal!

Donnerstag, 30. Juli 2009

Kehlmanns Kritik


Der Autor Kehlmann, der den wunderbaren Erzählband 'Ruhm' schrieb, hat eine Rede gehalten in Salzburg gegen das Spagetti-Spritz-Kreisch-Theater. Jeder kennt es, jeden langweilt es, aber wer es kritisiert, der wird niedergemacht.
Schon seit Jahren. Damals, als das anfing mit dem Schreien und den ununterbrochenen Zappeleien, blieb noch ein Lächeln, wenn wieder einmal ein Jungregisseur auf die 'Idee' kam, ein klassisches Drama mit Eigentexten anzureichern und auf Leinwänden Bilder von Panzern oder Explosionen laufen zu lassen, um zu verdeutlichen, dass der König in dem verstaubten Stück eigentlich ein Kriegstreiber ist und so redet wie George Bush.
Mittlerweile ist das alles nur noch ärgerlich.
Es handelt sich in diesem Streit nicht um einen Widerspruch, etwa zwischen modern oder antiquiert, links oder rechts (da irrt Kehlmann), zwischen provokant oder sonstwas, sondern um einen Befund: Das deutsche Theater, frei oder städtisch, ist flächendeckend beherrscht von den Clowns der Drittklassigkeit. Das so genannte Regietheater ist in Wirklichkeit einfach nur schlechtes Theater. Es verwechselt Technik mit Spiel, Lautstärke mit Spannung, es schreit und spritzt und schlägt um sich.
Herr Kehlmann hat Recht, ein Regisseur sollte den Autor verstehen wollen, den Text verstehen wollen, einer Geschichte zum Leben auf der Bühne verhelfen. Ja, auch dienen.
Die Kunst muss provozieren, höre ich. Allerdings. Kunst ist und bleibt subversiv, das ist ihr Wesen. Sie macht das Unausgesprochene hörbar, das Unsichtbare sichtbar.
Und schon haben wir das nächste Problem. Die 'Experimentierer' wollen nichts sichtbar machen, sie ignorieren Sprache, Sinn, Geschichte. Alles muss fragmentiert und zerfetzt werden. Was ist daran revolutionär? Gar nichts. Diese Kollegen sind so subversiv wie Angestellte einer Werbeagentur, die schnelle Schnitte und den Weichzeichner schon für 'innovativ' halten. Der einzige Unterschied: Im Gegensatz zu Werbeclips sind die Inszenierungen der Provokateure angestrengt, witzlos und dauern mindestens drei Stunden. Aber alle meinen das muss so sein. Im Theater muss das Publikum leiden. Das fördert den Verkauf: Nackt, besudelt, schreiend, schon ist die Inszenierung skandalisiert, also medienkompatibel. Der Regisseur verstört sein Publikum, so heißt es dann auf den Kulturseiten und in Fernsehmagazinen. Und schon wird seine Regie-‚Marke’ weiter gehandelt.
Unter dem Muff von tausend Jahren einen Nackten auf die Bühne zu bringen, das war in den 60ern schockierend. Heute: Gähnende Langeweile. In unserer Zeit von Satzstümpfen und zerplatzenden Bilderblasen, in einer Zeit eines riesigen, brüllenden Marktplatzes voller Nacktheit braucht das Theater eine andere Belebung, eine Revolution. Revolutionäre, die das Theater lieben und uns helfen die Marketing-Schnösel zum Teufel zu jagen. Damit das Theater wieder ein Ort geistvoller Verzauberung wird.
Das sieht nicht jeder so. Herr Kehlmann sei doch nur ein Autor gehobener Unterhalter und habe keine Ahnung vom Theater, schreibt der Stadtanzeiger.
"Daniel Kehlmanns Kritik am 'Regietheater' ist die des Kretins, der vor einem abstrakten Gemälde steht, 'kann ich auch' sagt und das für eine erfrischend mutige Meinung hält. Doch man möge es ihm verzeihen, denn niemand kann Fachmann für alles sein."
Ich denke: Die Kritik des Stadtanzeigers an Daniel Kehlmann ist die des Besserwissers, der vor einem Michelangelo steht, „zu traditionalistisch“ sagt und das für eine erfrischend mutige Meinung hält.

Dienstag, 28. Juli 2009

Tussi Armee

Das ZDF wird immer mehr zum Goldenen Blatt in Fernsehformat.
Im Mittagsmagazin Berichte über Königskinder als Bericht über einen Bericht über Königskinder im ZDF. Es gibt ja sonst nichts Wichtiges.
Und dann den ganzen Nachmittag Fotoromane mit Nahaufnahmen von stundenlang ins Leere glotzenden Weibern, die Blumenläden oder Hotels leiten müssen, um romantischen Quark abzusondern. Oder Kuhaugen machen, weil Männer sie enttäuscht haben. Dann aber konsequent am selben Fleck kleben, um Kuhaugen zu machen weil sie damit die Männer unter Druck setzen können, weil sie unbedingt nochmal enttäuscht werden wollen.

Kultur: Aida in Bregenz. Es gab Zeiten, da hat man sich über die Inszenierung oder die Sänger unterhalten. Lieschen Müller aber aus dem Publikum mit glänzendem Gesicht und Promi XY mit freigelegten Zähnen werden vor die Kamera gestellt und meinen meinen zu müssen: Die Bühne war gigantisch, die Kostüme waren toll.
In Theaterkreisen galt das einmal als vernichtendes Urteil. Jetzt geht es sowieso nur noch um eins: Die Ausstattung. Die Technik, gigantische Bauten, Theater online oder public viewing, oder Video, oder Special Effekts. Ach ja, die Wagner-Töchter-Festspiele sind auch eröffnet.
Um Ausstattung geht es auch bei den tausenden von Casting-Shows, wo Beine, Po und auch Face beurteilt werden. Wo Asi-Kids von der Barbie-und-Ken-Rolle in die Mama-und-Papa-Rolle gestoßen werden und vor RTL-Kameras Babys hin und her tragen, bis diese ihre erste Psychose bekommen. Wo dünne Tussis für die Model Karriere für zu dick gehalten werden, bis sie krank werden. Die Tussi meint sie würde ganz doll wollen. "Ich war ganz aufgeregt, wo ich hier her kam".
Ein Jüngelchen meint zur Tussi sie solle sich straight halten. Warum nicht gerade? Und Spannung halten. Warum nicht tension? Keine Ahnung. Dann stakst sie mit ihren dünnen Beinen, oder besser gesagt, sie hackt ihre Beinchen in den Boden, als würde sie eine Tussi-Armee anführen in den heiligen Krieg der Heidi-Klumpen gegen Vernunft und Zivilisation. Und die Agenten-Schnösel wollen in sie investieren dann kommt irgendwann, wenn alle nur noch Haut und Knochen sind, der Werbevertrag mit McDonalds. Damit man weiß warum man kotzen muss. Wir wissen es schon kurz nach dem einschalten.
Dummbeutelfernsehen. Da hilft auch keine Kochshow mehr. Die Prolls sitzen vor ihrem Pizza-Carton und lassen ihre Kids verhungern. Und die Überlebenden machen den Computer aus, greifen sich die Waffe aus der Schublade und ziehen ihre Wollmütze ins Gesicht.
Ja! Macht es unter euch aus.

Gute Nacht

Sonntag, 19. Juli 2009

Avignon


"Jungen zeitgenössischer Zugang", vermisst die Chefin unserer Theaterzeitung 'akt'. Hat sie mir das gesagt um zu erklären warum ich sie oder ihre Redakteure noch nie in meinem Theater gesehen habe? Nein, ich sehe sie auf 'arte' im sommerlichen Avignon sitzen, wo über Theater gesprochen wird, wo auf den Straßen von Clowns lustige Flugzettel verteilt werden und auf den großen Bühnen das große, verstörende Multi-Media-Spektakel stattfindet. Und an Bistro-Tischen wird geredet, es wird über alles geredet. Darüber, nicht vor 'großen Texten' in die Knie zu gehen, Türen aufzustoßen, zu experimentieren. Auch dieses Festival geht nicht ohne „Slowmotion-Rituale“ (Zadek), bedeutungsschwangeres Hundegebell, Fassadenkletterei, aus Fenstern stürzende, aufschlagende Fernsehgeräte, Schauspieler, die aufstehen, hinfallen, aufstehen, hinfallen - und natürlich Video-Projektionen auf allen Wänden und Leinwänden. Alles wie immer, alles in der Hand von ‚Experimentierern’, Koproduzenten und Schwätzern. Mit Ausnahmen. Toll gespielt aber zu sehr ‚Boulevard’ findet unsere Kritikerin mit einem mokanten Zug um den Mund. Dagegen: Das Publikum blieb aus aber die Kritik fand es toll, also diejenigen, die immer reden müssen, über Konzepte, die fanden es toll. Das ist der erwünschte, herbeigesehnte Zustand.
Ich habe Frau Marcus auf einer Versammlung erlebt, wo sie ihr 'Konzept' vorstellte für die Theaterzeitung in Köln. Konzept ist das Zauberwort. Alles Leben wird von Konzepten erstickt. Ich habe es geahnt, als sie von ihren ersten Erfahrungen mit dem Theater erzählte. Freie Theatergruppe, experimentell natürlich - und man hat zusammen gesessen und nächtelang geredet.

Dienstag, 14. Juli 2009

Rentner Ost


Noch ein Rentner im Morgenmagazin. Original Rentner 'DDR'. Für den 20-Jahre-Mauerfall-Kalender-der-Gefühle im Morgenmagazin. Da sitzt er nun, der Anglerwesten-Laubenpiper-Kleinbürger-Rentner stocksteif für die großen DDR-Gefühle im Fernsehen, neben ihm sein Sohngewordenes Sperma, auch stocksteif. Das schweigt. Und unser Rentner hat Sätze gelernt. Sätze von früher: Man hatte eine gesunde Einstellung, findet der Laubenpiper und nuschelt Berlinisch: Jeder hatte Arbeit, es gab keine Arbeitslosigkeit (Umkehrschluss ist was?) und wer mitheulte, hatte ein schönes Leben. Nein, er war unpolitisch. Ja.
Straßenumfrage: Wozu ist Europa gut? Eine dicke Frau: Europa? Wozu das gut ist? Lange Pause - Keine Ahnung.
Eine dicke Frau auf weißem Sofa sagt: Mir fehlt das wooken schoon (wahrscheinlich: walken). Isch muss die Bewegung haben. Meine Freundin und isch: wir werden uns gegenseitisch ankurbeln.
Gute Nacht

Montag, 13. Juli 2009

Tütensuppe SPD


Die Kamera wird mal wieder draufgehalten. Anlass: Die SPD auf der Suche nach Wählern. Interessantes Thema, zerrissene Splitterpartei. Wo ist das Wahlvolk? Ein paar Sozialdemokraten suchen nach jungen, manch andere nach alten Wählern. Rente in der Krise. Rentner in der Krise. Rente schützen, Rente nicht schützen, an die Jungen denken, an die Alten denken. Mal so, mal so. Einen Plan hat keiner. Steinbrück: Junge zahlen die Zeche. Scholz: Alte zahlen schon länger die Zeche, Steinmeier weiß nicht so recht und krempelt die Ärmel hoch. Dann versucht er so heiser zu sprechen wie Schröder damals. Das ist Programm. Traurig.
Und dann wird mal wieder die Kamera draufgehalten. Das ist lustig. Meinungen sind gefragt in der Meinungsgesellschaft. Ob es um Unterwäsche geht oder Afghanistan-Einsatz. Aber zurück zur Rente: Ein Rentner in Berlin. Das kann ja nur schief gehen. Und es geht schief. Der sagt: Ich finde, alle sollten bluten, die Reichen, die Armen, wir sitzen doch alle in einem Boot.
Kein Thema, das nicht garniert wird mit 'Volkes Stimme', mit verblödeten, verfetteten Gestalten, die einkaufen und auf Einkaufsstraßen, von Kameras belagert, Meinungen absondern müssen.
Alle sollen bluten. Wir sitzen alle in einem Boot. Die Armen, die Reichen. Die mit Hartz IV und die Manager, die Immobilien-Besitzer, die Obdachlosen.
Das senden die Tagesthemen. Ohne Kommentar. Die Wahrheit ist, wenn wir ein bisschen Zeit hätten nachzudenken, was da gesagt wird, dann wüssten wir mehr. Der Rentner hat uns Vergesslichen gezeigt aus welcher Zeit er kommt und wo er die Sätze gelernt hat. Hitler meinte auch, alle sollten bluten und wir säßen alle in einem Boot, die Reichen, die Armen, die Arbeiter der Faust und die Arbeiter der Stirn, die Alten und die Jungen, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl. Volksgemeinschaft hieß das damals. Danke lieber Rentner. Das konnten die Tagesthemen natürlich nicht wissen.
Aus einer Tütensuppe wird mit dem Aufdruck von Kochsendungs-Schuhbeck eine Gourmet-Suppe. Daraus hat die SPD gelernt.
Katharina Saalfrank ist Promi-Super-Nanny bei RTL. Eigentlich eine kompetente, nette, attraktive, eloquente, patente Frau, trotz RTL. Jetzt ist sie Aufdruck bei der SPD.
Als Promi, als RTL-Ikone, als Abziehbild für sozial, kompetent, attraktiv. Aber Tütensuppe bleibt Tütensuppe. Wir erfahren, sie ist schon lange in der SPD.Gut, das kann vorkommen, auch heute noch. Aber: Steinmeier, Scholz, die reden über ihr Volk hinweg wie über kleine Kinder, windelweich, interesselos, mal so, mal so, ohne feste Regeln, ohne klare Ansage, ohne Liebe. Und die Supernanny? Sie schweigt dazu. Auf einmal.
Von Rentnern lernen heißt siegen lernen: Alle in einem Boot. Die Ausgewogenheit, die Mitte, die Volksgemeinschaft. Ein bisschen Hilfe für die Banken, ein bisschen für die Kinder, ein bisschen für die Autos, ein bisschen für die Rentner. So gewinnt die SPD die Wahl. Und Steinmeier röhrt dazu. Und die Banken lachen, und die Armen ächzen.
Und die Tagesthemen holen sich dazu eine Meinung.
Gute Nacht.

Samstag, 11. Juli 2009

Kölner Lichter


Nachmittag: 'Kölner Lichter' und es regnet. Das wäre traurig. Die Kölner Lichter dürfen nicht ins Wasser fallen. Sie sind die einzigen Lichter der Kultur, die im Augenblick zu sehen sein werden, würden. Von Profis gezündet und nicht etwa schon in der Planungsphase versenkt.
À propos: Quander, geh nach Stuttgart, aber geh schnell. Und wenn sie Dich da auch nicht mehr wollen, geh trotzdem.

Raus aus dem Kölner Sumpf, zurück zu den Kölner Lichtern. Ich finde es sinnvoller, wenn ein paar Zehntausend Euro in den Abendhimmel geblasen werden, als wenn Millionen in der Bürokratie versickern, oder immer auf den selben Misthaufen geworfen werden, oder als Kostenfaktor wachsen oder in dunklen Kanälen ganz verschwinden oder sich auf einem digitalen Konto in Nullen und Einsen auflösen.

Lasst endlich ein Feuerwerk sehen, ein ganz reales, geplantes aber auch gemachtes, abgefeuertes, bezauberndes, gigantisches Feuerwerk vor den Spitzen des Domes in der Nacht am Kölner Himmel. Mit Filmmusik. Richtiges Theater, an dem wir uns eine halbe Stunde lang berauschen können.

Donnerstag, 9. Juli 2009

Formel 1: Kein Kommentar


Formel 1: Menschen, die aussehen wie vermummte, bunte Zigarettenschachteln ohne Warnhinweis, rasen mit ihren Autos so lange im Kreis herum bis sie den Verstand verlieren, oder tot bleiben - aber das ist schon lange her, oder hirntot sind, was ein Dauerzustand zu sein scheint.
Insofern muss der Leiter einer solchen Renn-Veranstaltung eigentlich ein vegreister Idiot sein. Komisch, er ist einer.
Bernie Eclestone heißt er. Gerade hat er das letzte Gerangel überstanden: wegen ein paar Millionen wollten sich wichtige Spitzenmarken verabschieden und drohten einen eigenen Rennzirkus zu gründen - kaum ist das also vorbei, da ergibt sich schon die nächste Herausforderung. Er muss ein Interview geben.
Auf die provokanten Fragen notorischer Querulanten und Demokraten (Journalistenpack eben), antwortet Eclestone unter anderem: Nein, Hitler hätte auch Gutes geleistet, er habe führen - und Dinge erledigen können.
Ja, wissen wir. Krieg, Massenmord. Ach, bitte nicht das schon wieder. Das muss doch nicht immer wieder auf den Tisch kommen. Er hat doch die Autobahn gebaut. Und die Arbeitslosigkeit abgeschafft, und er hatte ein Herz für Kinder und Hunde und....
Ja, wissen wir. So denken sie, die vielen Gartenzwerge, Hundebesitzer, vergreisten Idioten und Autofahrer auch und Autobauer sowieso. Deswegen gibt es Abwrackprämien, Milliardenhilfen an genau die verfetteten Konzerne, die erst Panzer und dann die dicken Dreckschleudern gebaut haben. Solidarität ist also deutsche Pflicht.
Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass selbst auf Nachfrage von Journalisten, seitens Mercedes und BMW, zwei Spitzenmarken des Milliardenzirkus, nichts zu hören war. Aber auch gar nichts. Zu der Hitler-Lobeshymne hieß es: Kein Kommentar. Ja, haben wir geahnt. Was hätten die auch zu kommentieren. Böser Engländer? Ausländer? Zum Kotzen?
Wahrscheinlich wird irgendwann, aber nur wenn das Journalistenpack nicht aufhört zu fragen, gewartet, gelesen, recherchiert und verhandelt. Und nach ein paar Tagen, oder Wochen heißt es dann, das seien unglückliche Formulierungen gewesen.
Ein Procedere, wie es die Pius-Bruderschaft vorgemacht hat, die nach päpstlichem Flehen, man möge doch den Holocaust bitte nicht mehr länger leugnen, tatsächlich reagierte und vermelden ließ, man müsse noch einige Bücher lesen und dann zu einer Entscheidung kommen. Die Brüder sind übrigens auch immer noch dabei. Bei den Gartenzwergen, Autobauern, Neonazis und Stammtischen. Und in der katholischen Kirche.
Kein Kommentar. Doch: Zum Kotzen!

Mittwoch, 1. Juli 2009

aufgelöst



Gelandet. Und verabschiedet. Ein letztes Foto. Viele Papiere, Eintrittskarten, Bücher, Blöcke, Fetzen, Blätter von Geschriebenem, Gezeichnetem sind aufgehoben. In Mappen ruhen Theaterplakate, die an bewegte Zeiten erinnern. Collagen, Comix, blutig-bunt, Bilder, düster-kratzig. Das anschwellende schwarz-weiß, hat es eine Zukunft? Werden solche Bilder woanders aufgehängt? Auf dem Markt werden sie nicht gehandelt werden.
In den Müll gewandert sind unfreiwilliger- aber notwendigerweise: Kinderbücher, Mao Tse Tung, Stadt-Anzeiger, Kicker Spezial: Bundesliga 1993/94, Theaterprogramme, Presseerklärungen, Protokolle, Kritz-Kratz. Schön war die Zeit. Eins ist sicher: Die Zeichnung an der Wand, sie wird verloren gehen.

Donnerstag, 25. Juni 2009

Freitag, 19. Juni 2009

Ich kann Kanzler


Hallo, hier meldet sich nach einer kleinen Pause Euer Kulturpessimist. Ich kann nicht anders. Über Theater will ich gar nicht reden, aber über das Theater im Fernsehen. Das ZDF. Oh Gott, ich glaub es nicht. Normalerweise klatschen sich da doch nur die Omas den Stadl aus dem Hirn, aber jetzt kommt Jugend. Die muss sich wieder lächerlich machen, so will es die neue ZDF-Casting-Show. Tanzen, Jodeln goes classic, dünn sein, doof sein, gibt's alles schon. Aber Kanzler kaasten - das ist neu.
Worum geht's? Wer bewirbt sich für den Ober-Job? Ich könnte mir vorstellen, genug Fähigkeiten mitzubringen, eine Kanzlerschaft ernsthaft in Erwägung zu ziehen. Ich möchte Kanzler werden. Ich will Kanzler sein, nein. Ich habe das Zeug Kanzler zu sein. Nein. Ich kann Kanzler. So heißt der ganze Satz, die ganze Sendung. Nein, kein Zitat von einem der Sprachstumpf-Absonderer, oh nein. Ich kann Kanzler. Kommt von Quote. Alles Show. Ich kann Fernsehen, du Primat.
Blabla - rüttel, rüttel, Wirtschaft retten, ich kann Kanzler. So weit Kandidat Steinmeier.
Gute Nacht.

Montag, 1. Juni 2009

Mittwoch, 18. März 2009

Zwischentöne


Komisches Wort. Vor langer Zeit, lange vor 'Bad Bank', 'Abwrackprämie' und 'Regietheater', gab es Zwischentöne. Es gab noch keine Promis-lesen-zwischen-zwei-Gängen-Events, gelesen wurde in Zwischenräumen. Die Zuschauenden, Zuhörenden, wussten wo sie im Leben stehen, ihr da oben, wir da unten, sie wussten wo es hin gehen soll, links, rechts, hinten, vorne, sie wollten also auf der Bühne was sie sonst nicht hatten: Zwischentöne. Damals. Auch in der Musik gab es Zwischentöne und im Kabarett und im Fernsehen, bevor die Zeit der Download- und Comedy-Stopfleber begann. Vor zwanzig Jahren haben wir das 'Festival der Zwischentöne' für unser Theater und unser Publikum erfunden.
Es gab gute Presse - aber zu wenig Publikum.
Liebes Publikum, im Theater schicken wir Dich auf eine geheimnisvolle, ja, durchaus unsichere Reise, auch in der Krise! Die 'Muminfamilie' (entdeckt zum ersten Mal den Schnee), der 'Horla' (die unsichtbare Bedrohung steigt von Bord), der 'Blade Runner' (Androiden sind unter uns), sie alle kommen aus einer fremd-bekannten Welt, sie wollen etwas sagen. Kopf hoch, Augen auf.
Hier im Theater werden fremde Welten nicht in ununterbrochenem Kugelhagel niedergemetzelt oder in die Wohlgefälligkeit des Fantasy-Kitsches aufgelöst. Hier werden keine computeranimierten höheren Wesen hochgeschraubt, die gegen böse Missgeburten kämpfen. Am Fantasy-Wesen soll die Welt... Theater geht anders.
Brauchen wir heute noch Zwischentöne? Den Menschen geht es doch schon schlecht genug. Sie wollen ein kleines bisschen Sicherheit, keine Zwischentöne, sie wollen Ratgeberbücher, keine Poesie, sie wollen Werbeclips keine zwei Stunden zuhören und zusehen. Knistern, quatschen, lutschen, glotzen, saufen - das reicht doch.
Immer mehr Ablenkung, immer mehr Event und Dinner-Lesung. Immer mehr Comedy-Stadl. Immer mehr Voll-Auf-Die-Zwölf. Wir haben uns darauf eingestellt. Und jetzt?
Wollt Ihr jetzt gar nicht mehr?
Wir freuen uns trotzdem, auf was auch immer.

Freitag, 13. März 2009

Bang


Blut am Ohr des Hasen. Im Netz rappen die Rapper mit Ballermann durch die Schule, saufen sich die Ballermänner am Ballermann die Birne weg, ballern sich die Fernsehhelden den Weg frei, ballern die Striker auf allen Levels Pixel in den Äther. Knallen sich Chatter ihre Wortstümpfe ins Vakuum. Ich hab alles satt. Ihr werdet noch von mir hören. Bang.
Und dann heißt es "Fassungslosigkeit" und alle Kommentare fragen "Warum". Und aufgeregte Erzieherinnen mit Pferdeschwanz und runden Augen wollen nicht wegsehen und wollen De-Eskalation und Anti-Aggressions-Training. Und am Abend werden die Kanäle geöffnet und alle ballern aufs Neue die um die Wette.
In den Kölner Trümmern ist noch ein Toter gefunden worden. Umfrage im Stadtanzeiger: Soll die U-Bahn weiter gebaut werden? Im Theater ist heute "Freitag, der 13."

Montag, 9. März 2009

schnell weiter


Zurück in Schwetzingen. Regen, Sonne, kühler Wind. Kaffee im Theater. Kekse. Eine schnelle, erfolgreiche Probe. Wir finden Figuren. Frische Frauen.
Meldungen. Köln: Es dröhnt. Vor meiner Haustür ist die Baustelle wieder eröffnet. Der zweite Vermisste in der Severinstraße wird nicht gefunden. Die Hunde schlagen nicht an. Die KVB glaubt nicht an Schuld.
Darüber hinaus: Opel hat schon wieder ein Konzept, die Regierung einen Rettungsplan, die Frisörin um die Ecke hat Visionen, das Nagelstudio eine 'Philosophie'. Ein Gigolo wird verurteilt, Barbie wird 50. Obama hat sich neue Feinde gemacht. Ich habe eine Zeichnung coloriert, das Fernsehen wünscht uns einen schönen Abend.
Unser Theater in der wunden Südstadt beginnt morgen vor dem großen- ein kleines Literaturfestival. Namhafte Schauspielerinnen und Schauspieler lesen unser Festival der Zwischentöne. Von Frauentexten bis zur Horrorgeschichte, hier schwankt der Boden. Und zwischen den Zeilen gibt es Musik.

Samstag, 7. März 2009

Stille


Bin zurück in meiner Kölner Südstadt. Zum Wochenende. Seltsam. Man sieht die Leute gehen, stehen, sie sprechen gedämpft miteinander. Manche schauen durch die Bauzäune in die ruhenden Erdlöcher, wie verwundert. Die Geschäfte in der Severinstraße sind offen, die Leute gehen ruhig, vereinzelt. Es hat aufgehört zu regnen. An der Bahn beginnt die Sperrung. Niemand drängt sich heran. In der Ferne ist ein Bagger zu erkennen, der vorsichtig zugreift. Alle wissen, dort wird hart gearbeitet um zu retten, was noch zu retten ist. Die Leserbriefseiten der Zeitungen sind jetzt schon voller Zorn, aber hier in der Straße, um den Chlodwigplatz herum, ist es ruhiger als sonst, man grüßt sich genauer, wissend, in stillschweigender Verbundenheit. Ein Unglück ist geschehen. Ich bleibe stehen und schaue nach oben. Ich sehe alte Häuser und ihre Dächer vor grauem Himmel. Ich denke: Hier ist tatsächlich alles auf Sand gebaut. Vor meinem Haus steht ein Kran und die stillen Zäune um die zukünftige Haltestelle der neuen U-Bahn.

Dienstag, 3. März 2009

verschwinden


Bin seit Montag in Schwetzingen, fremd-inszenieren, bin verschwunden. Heimlich still und leise in ein anderes Theater, in andere Straßen, ich höre einen anderen Singsang, eine andere Sprache. Ich atme auf und empfinde gleichzeitig die leise Wehmut über fehlendes Kölsch (obwohl ich sicher irgendwo eins finden werde wie jeder Kölner in der Fremde). Kein Dom, kein Jeck öm de Eck. Letzte Woche war noch Karneval, rund um die Baustellen ein bunter Zug, an den Seiten der Severinsstraße eine singende, rufende Menge. Jetzt, im verregneten Schwetzigen: andere Luft, ein Schloss, ein großer Park. Statt ins 'Filos' 'Zum grünen Baum'. Andere Kollegen in gespannter Erwartung, alte Bekannte. Nur der Regen fällt überall.
Ich habe die Sondermeldungen gesehen. Kaum bin ich fort, verschwindet ein ganzes Haus aus der Severinstraße. Es sackt weg, reißt ab, Hohlräume ziehen alles in die Tiefe, in den Sand. Arbeiter haben die Risse und das Grollen bemerkt und fast alle Menschen aus den Häusern getrieben. Daher kaum Opfer. Wieviele? Zwei? Man kommt nicht an sie heran. Da ragen Steine, Balken, Erde rutscht, darunter Bilder, Papiere, Dokumente, Schriften, Erinnerungen. Mein Gott, dass die Mahner und Warner diesmal auf so brutale Weise Recht behalten müssen. Die Kirche in der Nähe stand schon schief, vor vier Jahren. Der U-Bahn-Bau hinterließ schon Risse überall.
Sonst verschwindet nur Geld, sonst gibt es nur die normalen Risse in der politischen Moral. Doktortitel, Pläne, ja ganze Politiker verschwinden, wo sie hergekommen sind, in die Bedeutungslosigkeit. Das tägliche Verschwinden betrifft sonst nur den kurzen Witz, den klugen Satz, das Lächeln, die kleine Kultur, jetzt aber bricht unter einer Wolke von Staub die Kultur von Jahrhunderten ins Nichts. Das 'Gedächtnis der Stadt', des Rheinlandes, wer hat es aufs Spiel gesetzt? Zumindest entdecken wir die wohlbekannten Muster. Immer ist es dieselbe Art Bürokraten, die sich regelmäßig taub stellen, dieselben Politiker, die nichts gewusst haben wollen, die Verantwortlichen, die keine Antwort geben. Immer ist es das Abschieben, das Warten. Warten bis es zu spät ist. Bis nur Trümmer bleiben. Solche Bilder will ich nie wieder sehen.
Die Bilder aus Kriegs- oder Erdbebengebieten sehen ähnlich aus. Es sind ja überhaupt immer dieselben Bilder, im Fernsehen. Eine besorgte Frau vor stürzendem Dax, Anzug- und Gesichtsträger, die Rettung erwarten, noch ein paar Milliarden bitte, immerhin hängen Arbeitsplätze dran - die Arbeitsplätze wiederum hängen auf der Straße in Massen mit rotem Käppchen auf dem Kopf, im motzigen Mund die unvermeidlichen Plastiktrillerpfeife. Pfeifenlärm, während ein Politiker seine Stimme erhebt, die sich fast überschlägt und - wie immer - nichts sagt. Er hat gute Werte. So sieht unsere Kultur aus.
Welches Land, welche Stadt braucht ein 'Gedächtnis'?
Ein Blick zurück? Warum? Wer braucht Erinnerung an Sprache, Gespräche, gute Literatur, an Theater, an Eigenarten? Weg damit. Stadl, Soap, Blog, Twitter, Bild, sms, das genügt.

Sonntag, 22. Februar 2009

Echo


Die Verleihung des Echo in Berlin. Hallo Berlin! Jubel! Krankameras schwenken und zoomen in die Menge, aus der Menge, in die Menge, die ist doch nicht echt, oder? Alles zoomt und jubelt. Pocher labert, Silbereisen, der 'Volks'musikant öffnet einen Umschlag und - hallo Berlin - hat wieder ein geklonter Idiot die Trophäe in der Hand. Sascha singt, zoom, leuchtende Aura aus der Werkstatt der Computeranimation, zoom, Jubel! Hallo Berlin!
Ein künstlicher Ministerpräsident zieht die Lederjacke an, Udo ist auch da, Pocher redet von den deutschen Charts, vom klassischen Markt, ja, Pop goes Classic. Tenöre knödeln Schlager, Paul Potts kriegt den Echo, der ist wenigstens echt und hat eine schöne Frau, die nicht aussieht wie next Kotz-Model Marke Klump.
"Virtuoses Geigenspiel gepaart mit blendendem Aussehen" sagt der Moderator, und wir sehen den 'wilden' Blondschopf David Garrett oder so ähnlich, den Popstar mit Mikroport, Geigensimulation und Schlagzeug-Knalleffekten. Dann diese dummen 'Adoro'- Tenöre, sie sperren ihre Schnäuzchen auf und tun so, als wenn Schlager wie Arien gesungen werden müssen. "Sie interpretieren deutsche Erfolgshits auf vollkommen neue Weise" sagt der Moderatorenclown und schämt sich nicht. Der ist bezahlt, wie alle. "Klassik für die Allgemeinbevölkerung zugänglich zu machen" sagt der 'Adoro'-Dummbeutel. Alles wird ein Stückweit zerschlagen, zersplittert, niedergerungen, damit die Dummen glauben können, sie bekommen mit der gekauften CD die Hochklassik-Aura. Die 'Silbermond-Sinfonie' wird von einer Tussi im roten Walle-Kleid gesungen. "Noch eine Casting-Boy-Band mit klassischem Anspruch" ist zu sehen. Wieder werden Mäulchen aufgerissen und im Hintergrund explodieren Knallkörper, Feuerwerk, ist das echt? Orchester zucken, Möpse wippen. Classic goes Erotic. Alles wird aufgeblasen und aufgespritzt. Hallo Berlin, hallo Mutti!
Erst wird die Volksmusik tümlich, dann wird die Klassik in Splitterbomben abgeworfen. Erlogen, verbogen, verkauft. "Ausnahmepianist Lang Lang" und Schiller (Klangkünstler), "Begegnung von Classik und elektronischer Musik". Jaja, jetzt fehlen nur der wahre Kleist und unsere Klein-Erna (Performerin), Theater goes Köln. Alles billig. Alles aus der Dose, Kultur goes in die Hose. Ich fass es nicht! Das einzig echte an diesem Samstag Nachmittag war der 2:1 Sieg des 1.FC Köln in München gegen die Bayern. Hallo Köln!!!

Sonntag, 8. Februar 2009

abwracken


Die Kulturkrise erfordert neue Regeln. Die Stadt Köln zahlt Prämien und Zuschüsse an die Theater, die alle alten, überholten Formen verschrotten, wie Schauspielerei, Sprache, Emotion, Rollenspiel, um nur einige zu nennen. Die Theater bekommen eine Prämie, die sich ausschließlich den neuen Formen widmen, Matsch, Mischpulte, Halbnackte, Blut, Video-Projektionen, Bedeutungstanz und Performance, um nur einige zu nennen.
Spitzenzuschüsse gehen darüber hinaus an die Theater, die klassische Stücke auf der Bühne in Holzschnitte verwandeln können oder dem Publikum eine Einschlafhilfe bieten. Ein einfaches 'Gut gemeint' ist ebenso Ausweis genug, nicht zu vergessen die städtischen Sonderprämien für Migration und Jugend oder herumwandernde Kinder, oder so.

Dann: Gute Nacht

Sonntag, 18. Januar 2009

Zinnober


Roter Planet
Gestern haben drei Herren ein Universum bereist, in dem sie sich lange nicht aufgehalten hatten. Ziel: Zinnober. Der rote Planet. Menschen sind mitgeflogen. Kurs: 0:10, Vorbei an derDame in RotDrunter und Drüber mit dem Kind im Manne zwischen Kugel und runddurch den Schnee von gestern. Im Alten Pfandhaus wurde ein ausverkaufter Saal in den Kosmos geschickt. Zuckerlos schwarz. Ein Konzert, das unaufhaltsam wurde. Und schön für die drei Astronauten, die in eine funkelnde Stille blicken durften.
Wir kamen davon und zu uns. Das Vibraphon vibrierte, die Gitarre verzupfte die Zeit, Durch die Kälte wurde gesungen bis der rote Planet glühte. Eine gute Konstellation mit dem Publikum. Ein schöner Abend. Danke.
Wir denken wir machen das nochmal und melden uns dann wieder.
Clemens Dreyer, Albrecht Zummach, Joe Knipp
Zinnober forever.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Auto Kultur


Atom, Auto, Pharma. Immer weiter. Exportweltmeister. Es ging immer weiter. Ein paar Windkrafträder, zugegeben, gab es auch, wir hatten ja rotgrün. Aber keine Panik. Es ging weiter. Holzmann, Gazprom, Opel. Milliardenpakete, in denen nichts drin war. Überweisungen, die ins Leere gingen.
Die Finanzkrise ist dann ausgebrochen wie eine Naturkatastrophe. Seitdem heißt es, wir brauchen mehr Kontrolle. Und Milliardenbürgschaften. Aber: Keine Panik, die Wirtschaft wirtschaftet weiter.
Die Wirtschaftskrise ist dann ausgebrochen wie eine Naturkatastrophe. Seitdem heißt es, wir müssen steuern. Der Staat muss helfen, Milliarden für die Autoindustrie, Hilfe für die Anschaffung von Neuwagen. Aber: Keine Panik, wird schon wieder. Geht schon weiter.
Die Rezession ist dann ausgebrochen wie eine Naturkatastrophe. Aber: Keine Panik. Der Arbeitslose muss sich nur einen Neuwagen kaufen. Dann kann er 2500 € sparen. Und er muss weniger zahlen für Steuern. Aber mehr für Strom, Gas, Abfall. Für das, was übrig bleibt, geht man eine Currywurst mehr essen.
Unsere Schüler schneiden auch nicht so gut ab. Vielleicht noch eine Scheibe von der Currywurst. Die Dummheit ist einfach ausgebrochen wie eine Naturkatastrophe. Aber jetzt wird alles gut. Mit Investitionen für die Bildung. Die Schulgebäude werden saniert. Die Betonklötze bekommen neue Heizungen. So viel zur Bildung.
Von Kultur ist im deutschen Konjunktur-Milliardenpaket übrigens nicht die Rede. Nicht mit einem Wort. Mit keiner Silbe. Was steht da? Nichts, null. Absolute Dunkelheit. Kultur und Bildung? Wir haben Krise. Und Autos. Soviel zur Kultur.
Es geht weiter.

Donnerstag, 8. Januar 2009

neues Jahr


Da ist es ja schon, das neue Jahr! Etwas gewachsen und schon erkaltet. Klimawandel, sagt es und lächelt. Weltfrieden? Ein kurzes Lachen und es schlägt den Nahen Osten blutig. Wir sind noch lange nicht am Ende. In der Zwischenzeit: Geht ins Theater.
Oder zu ZINNOBER. Liebeslieder ohne Wunderkerzen.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.