Mittwoch, 18. März 2009

Zwischentöne


Komisches Wort. Vor langer Zeit, lange vor 'Bad Bank', 'Abwrackprämie' und 'Regietheater', gab es Zwischentöne. Es gab noch keine Promis-lesen-zwischen-zwei-Gängen-Events, gelesen wurde in Zwischenräumen. Die Zuschauenden, Zuhörenden, wussten wo sie im Leben stehen, ihr da oben, wir da unten, sie wussten wo es hin gehen soll, links, rechts, hinten, vorne, sie wollten also auf der Bühne was sie sonst nicht hatten: Zwischentöne. Damals. Auch in der Musik gab es Zwischentöne und im Kabarett und im Fernsehen, bevor die Zeit der Download- und Comedy-Stopfleber begann. Vor zwanzig Jahren haben wir das 'Festival der Zwischentöne' für unser Theater und unser Publikum erfunden.
Es gab gute Presse - aber zu wenig Publikum.
Liebes Publikum, im Theater schicken wir Dich auf eine geheimnisvolle, ja, durchaus unsichere Reise, auch in der Krise! Die 'Muminfamilie' (entdeckt zum ersten Mal den Schnee), der 'Horla' (die unsichtbare Bedrohung steigt von Bord), der 'Blade Runner' (Androiden sind unter uns), sie alle kommen aus einer fremd-bekannten Welt, sie wollen etwas sagen. Kopf hoch, Augen auf.
Hier im Theater werden fremde Welten nicht in ununterbrochenem Kugelhagel niedergemetzelt oder in die Wohlgefälligkeit des Fantasy-Kitsches aufgelöst. Hier werden keine computeranimierten höheren Wesen hochgeschraubt, die gegen böse Missgeburten kämpfen. Am Fantasy-Wesen soll die Welt... Theater geht anders.
Brauchen wir heute noch Zwischentöne? Den Menschen geht es doch schon schlecht genug. Sie wollen ein kleines bisschen Sicherheit, keine Zwischentöne, sie wollen Ratgeberbücher, keine Poesie, sie wollen Werbeclips keine zwei Stunden zuhören und zusehen. Knistern, quatschen, lutschen, glotzen, saufen - das reicht doch.
Immer mehr Ablenkung, immer mehr Event und Dinner-Lesung. Immer mehr Comedy-Stadl. Immer mehr Voll-Auf-Die-Zwölf. Wir haben uns darauf eingestellt. Und jetzt?
Wollt Ihr jetzt gar nicht mehr?
Wir freuen uns trotzdem, auf was auch immer.

Freitag, 13. März 2009

Bang


Blut am Ohr des Hasen. Im Netz rappen die Rapper mit Ballermann durch die Schule, saufen sich die Ballermänner am Ballermann die Birne weg, ballern sich die Fernsehhelden den Weg frei, ballern die Striker auf allen Levels Pixel in den Äther. Knallen sich Chatter ihre Wortstümpfe ins Vakuum. Ich hab alles satt. Ihr werdet noch von mir hören. Bang.
Und dann heißt es "Fassungslosigkeit" und alle Kommentare fragen "Warum". Und aufgeregte Erzieherinnen mit Pferdeschwanz und runden Augen wollen nicht wegsehen und wollen De-Eskalation und Anti-Aggressions-Training. Und am Abend werden die Kanäle geöffnet und alle ballern aufs Neue die um die Wette.
In den Kölner Trümmern ist noch ein Toter gefunden worden. Umfrage im Stadtanzeiger: Soll die U-Bahn weiter gebaut werden? Im Theater ist heute "Freitag, der 13."

Montag, 9. März 2009

schnell weiter


Zurück in Schwetzingen. Regen, Sonne, kühler Wind. Kaffee im Theater. Kekse. Eine schnelle, erfolgreiche Probe. Wir finden Figuren. Frische Frauen.
Meldungen. Köln: Es dröhnt. Vor meiner Haustür ist die Baustelle wieder eröffnet. Der zweite Vermisste in der Severinstraße wird nicht gefunden. Die Hunde schlagen nicht an. Die KVB glaubt nicht an Schuld.
Darüber hinaus: Opel hat schon wieder ein Konzept, die Regierung einen Rettungsplan, die Frisörin um die Ecke hat Visionen, das Nagelstudio eine 'Philosophie'. Ein Gigolo wird verurteilt, Barbie wird 50. Obama hat sich neue Feinde gemacht. Ich habe eine Zeichnung coloriert, das Fernsehen wünscht uns einen schönen Abend.
Unser Theater in der wunden Südstadt beginnt morgen vor dem großen- ein kleines Literaturfestival. Namhafte Schauspielerinnen und Schauspieler lesen unser Festival der Zwischentöne. Von Frauentexten bis zur Horrorgeschichte, hier schwankt der Boden. Und zwischen den Zeilen gibt es Musik.

Samstag, 7. März 2009

Stille


Bin zurück in meiner Kölner Südstadt. Zum Wochenende. Seltsam. Man sieht die Leute gehen, stehen, sie sprechen gedämpft miteinander. Manche schauen durch die Bauzäune in die ruhenden Erdlöcher, wie verwundert. Die Geschäfte in der Severinstraße sind offen, die Leute gehen ruhig, vereinzelt. Es hat aufgehört zu regnen. An der Bahn beginnt die Sperrung. Niemand drängt sich heran. In der Ferne ist ein Bagger zu erkennen, der vorsichtig zugreift. Alle wissen, dort wird hart gearbeitet um zu retten, was noch zu retten ist. Die Leserbriefseiten der Zeitungen sind jetzt schon voller Zorn, aber hier in der Straße, um den Chlodwigplatz herum, ist es ruhiger als sonst, man grüßt sich genauer, wissend, in stillschweigender Verbundenheit. Ein Unglück ist geschehen. Ich bleibe stehen und schaue nach oben. Ich sehe alte Häuser und ihre Dächer vor grauem Himmel. Ich denke: Hier ist tatsächlich alles auf Sand gebaut. Vor meinem Haus steht ein Kran und die stillen Zäune um die zukünftige Haltestelle der neuen U-Bahn.

Dienstag, 3. März 2009

verschwinden


Bin seit Montag in Schwetzingen, fremd-inszenieren, bin verschwunden. Heimlich still und leise in ein anderes Theater, in andere Straßen, ich höre einen anderen Singsang, eine andere Sprache. Ich atme auf und empfinde gleichzeitig die leise Wehmut über fehlendes Kölsch (obwohl ich sicher irgendwo eins finden werde wie jeder Kölner in der Fremde). Kein Dom, kein Jeck öm de Eck. Letzte Woche war noch Karneval, rund um die Baustellen ein bunter Zug, an den Seiten der Severinsstraße eine singende, rufende Menge. Jetzt, im verregneten Schwetzigen: andere Luft, ein Schloss, ein großer Park. Statt ins 'Filos' 'Zum grünen Baum'. Andere Kollegen in gespannter Erwartung, alte Bekannte. Nur der Regen fällt überall.
Ich habe die Sondermeldungen gesehen. Kaum bin ich fort, verschwindet ein ganzes Haus aus der Severinstraße. Es sackt weg, reißt ab, Hohlräume ziehen alles in die Tiefe, in den Sand. Arbeiter haben die Risse und das Grollen bemerkt und fast alle Menschen aus den Häusern getrieben. Daher kaum Opfer. Wieviele? Zwei? Man kommt nicht an sie heran. Da ragen Steine, Balken, Erde rutscht, darunter Bilder, Papiere, Dokumente, Schriften, Erinnerungen. Mein Gott, dass die Mahner und Warner diesmal auf so brutale Weise Recht behalten müssen. Die Kirche in der Nähe stand schon schief, vor vier Jahren. Der U-Bahn-Bau hinterließ schon Risse überall.
Sonst verschwindet nur Geld, sonst gibt es nur die normalen Risse in der politischen Moral. Doktortitel, Pläne, ja ganze Politiker verschwinden, wo sie hergekommen sind, in die Bedeutungslosigkeit. Das tägliche Verschwinden betrifft sonst nur den kurzen Witz, den klugen Satz, das Lächeln, die kleine Kultur, jetzt aber bricht unter einer Wolke von Staub die Kultur von Jahrhunderten ins Nichts. Das 'Gedächtnis der Stadt', des Rheinlandes, wer hat es aufs Spiel gesetzt? Zumindest entdecken wir die wohlbekannten Muster. Immer ist es dieselbe Art Bürokraten, die sich regelmäßig taub stellen, dieselben Politiker, die nichts gewusst haben wollen, die Verantwortlichen, die keine Antwort geben. Immer ist es das Abschieben, das Warten. Warten bis es zu spät ist. Bis nur Trümmer bleiben. Solche Bilder will ich nie wieder sehen.
Die Bilder aus Kriegs- oder Erdbebengebieten sehen ähnlich aus. Es sind ja überhaupt immer dieselben Bilder, im Fernsehen. Eine besorgte Frau vor stürzendem Dax, Anzug- und Gesichtsträger, die Rettung erwarten, noch ein paar Milliarden bitte, immerhin hängen Arbeitsplätze dran - die Arbeitsplätze wiederum hängen auf der Straße in Massen mit rotem Käppchen auf dem Kopf, im motzigen Mund die unvermeidlichen Plastiktrillerpfeife. Pfeifenlärm, während ein Politiker seine Stimme erhebt, die sich fast überschlägt und - wie immer - nichts sagt. Er hat gute Werte. So sieht unsere Kultur aus.
Welches Land, welche Stadt braucht ein 'Gedächtnis'?
Ein Blick zurück? Warum? Wer braucht Erinnerung an Sprache, Gespräche, gute Literatur, an Theater, an Eigenarten? Weg damit. Stadl, Soap, Blog, Twitter, Bild, sms, das genügt.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.