Sonntag, 21. Februar 2010

Pullunderträger, Kabarettgänger, SPD-Wähler, Rotweintrinker,

Seid modern, aufgeschlossen, schreibt Leserbriefe und sitzt im Theater, lasst euch langweilen und findet das normal. Ihr wollt schließlich nicht als Rotweintrinkende Spießer gelten, deshalb findet ihr jedes Herumbrüllen auf der Bühne, jede Projektion und jeden Spritzer 'interessant'. Ihr lasst euch gerne quälen, das gehört zum Deal. Kunst muss unbequem sein, so habt ihr es im Feuilleton gelesen. Wer Kunst will, muss leiden können.

Arme Verstörte. Die Miniatur-Bewegungsübungen in Endlosschleife, das ewige Vor und Zurück, das unverständliche Gemurmel, das war nur eine neue Wahrnehmung, so findet ihr, von "Dantons Tod". Ein neues Konzept. Im Kölner Schauspielhaus war es gar nicht langweilig, nein, die dummen Zuschauer, die immer noch glauben, im Theater könne man ein Stück sehen, haben ihre Langeweile bloß "mitgebracht". So wird unter 'Kommentare' auf der Website fleißig geschrieben. Zum Beispiel von einer Tante, die ich mir so vorstelle: Am Computer ins Facebook eingeloggt, hat sie zunächst eine virtuelle Glücksnuss geöffnet, hat neue 'Freunde' 'geaddet', hat sich als Fan von Volksbühnen-Casdorf und Söhnke Wortmann eingetragen und schreibt nun auf die Schauspiel Köln-Seite: "das Textbuch aber ist gar nicht das Stück". Ganz, ganz frische Erkenntnis. Alles ist Fragment, alles ist relativ. Toll.

In der Literatur geht's jetzt auch schon los. Die kleine Hegemann, diese 17jährige Schriftstellerin mit der wilden Haarsträhne, die diesen wahnsinnig zeitgenössischen, jungen Sound hat, schreibt auch in Fragmenten, geklaut aus einem Internet-Blog. Und schon ist sie Bestsellerin. Was ist daran schlimm? Brecht hat auch geklaut. Allerdings wurden aus den Anleihen neue Stücke. Das macht die Sache so unmodern. Wir brauchen keine 'Werke', ihr Jazz-Liebhaber, Bücherleser. Technik und Lärm sind das Prinzip. Downloaden, uploaden, zwischen zwei Buchdeckel, dann auf die Bühne, nochmal gesplittet und garniert mit Videoclips, das ist 'modern'. Ein Stückweit nackt, ein bisschen Feuchtgebiete, fertig ist der Sound. Echte, verstörte Menschen im Zuschauerraum und auf der Bühne, in Talkshows und in Büchern. Und den Rotweintrinker schauert's.

Trotzdem wird die Hegemann plötzlich kritisiert. Hat da wieder jemand etwas nicht verstanden? Keine Sorge. Schon erscheint ein Artikel über das ungerechtfertigte Niedermachen der Hegemann, nur weil sie in die Männer-Domäne einbricht. Moment, wo ist der Zusammenhang? Ach stimmt, der spielt ja keine Rolle. Beinahe hätte ich mich als Pullunderträger geoutet.

Gute Nacht

Dienstag, 16. Februar 2010

Mut zu Kultur - Welcher Inhalt hinter welcher Fassade?

Vor einem Jahr ahnte am Rosenmontag noch niemand, dass die Jecken und die Zuschauer einem großen Unglück nur knapp entkommen würden. Auf der Severinstraße brach das große Haus, in dem das Archiv der Stadt untergebracht war, ein und versank in einer Baugrube für die Nord-Süd-U-Bahn. Nach dieser Katastrophe wirkten die Südstädter eher leise, nachdenklich, traurig in ihrer Empörung über den Einsturz und den Tod zweier Menschen. Das habe ich gesehen. In diesem Jahr gab es zu den Gesängen, dem Schwung und der Farbe im Rosenmontagszug auch eine Politisierung, die über den Zug hinaus ging. 

Nach einem Jahr wissen wir, dass Eisenbügel zur Stabilisierung gestohlen, Protokolle gefälscht wurden, die Aufsicht untätig blieb, sich eine Lüge auf die andere türmte. Die Liste an Schlamperei, Lüge, Korruption, Diebstahl und Betrug ist so lang geworden, dass sie selbst für Kölner Verhältnisse ein unglaubliches Maß erreicht hat.
Nun ist die Wut über Verwaltung und Politik laut und hörbar, die Wut über die kriminelle Energie mit der eine ganze Stadt beschädigt wird - die Menschen haben die Nase voll!
Der Einsturz des Stadtarchivs bedeutete die bisher tiefste Zäsur im städtischen Leben der letzten Jahrzehnte.

Die Kölnerinnen und Kölner wollen sich nicht länger gefallen lassen, dass eine Versammlung von Ahnungslosen, Bestechlichen und Bürokraten uns weiter diktieren dürfen, welche U-Bahn wir brauchen, welches Schauspielhaus gebaut wird, welche Kultur finanziert werden soll. Dass uns das Sparen gepredigt wird, während sich Ratsherren die eigenen Taschen füllen, oder die ihrer Freunde.
Daher ist die Stimmung gut ausgedrückt in der selbstironischen Wendung "Ihr seid Künstler und wir nicht", die Schals mit dieser Parole von Pappkünstlern in den Himmel gereckt wie von Fußballfans, das Lied dazu fast anarchisch, der Karnevalswagen mit den Köpfen Kölner Künstler begleitet von vielen Helfern, die Unterschriften sammelten, um einen Volksentscheid zur Rettung des alten Schauspielhauses zu erreichen. All das ist ein überfälliger Impuls, ein guter Impuls im verschlafenen Köln, das habe ich gesehen. Die Leute, die nicht unterschreiben durften, weil sie keine Kölner sind, waren enttäuscht.
Wir können uns einmischen. Mit Witz und Biss, das habe ich gesehen.

Mut zu Kultur allerdings braucht Mut, die Frage differenziert zu betrachten. Ein neues Schauspielhaus - ja oder nein - das ist zu wenig.
Der ursprüngliche Entwurf sah einen Neubau des Schauspielhauses vor, endlich, im Zentrum der Stadt, mit Lichthof, unterirdischen Werkstätten, sehr charmant, ein neuer Platz im Blick des Doms. Nach 34 Jahren war eine Entscheidung gefallen. Alle waren dafür.

Aber: siehe da, der Kostenplan hatte leider keine Technik vorgesehen. Also wurde der Bau teurer. Doppelt so teuer. Der Beschluss zum Neubau wurde ausgesetzt. Dazu kam pünktlich die Wirtschaftskrise.
Es sollte also gespart werden. Die neue Computeranimation zeigte nun einen uncharmanten Glasklotz. Genehmigt. Eine wache Kulturszene hätte spätestens jetzt eingreifen müssen mit Aufforderungen wie: Mut zum neuen Haus. Form für Inhalt. Nicht wieder alles klein sparen. Ein paar Beraterverträge, ein paar illegale Bauten weniger, dann könnte das Geld reichen. Aber:

Die Intendantin spricht sich plötzlich dafür aus, nicht neu zu bauen, sondern das alte Haus zu sanieren, weil sie das Geld für die Kunst aufsparen will. Als wenn schon jemals Geld für die Kunst übrig geblieben wäre, wenn sich die Künstler an anderer Stelle bescheiden.

Die Stadt wird verplant und verkauft. Der Zusammenhang von Lebensraum, Stadtplanung und der Platzierung von Kultur, von künstlerischer Arbeit und wirtschaftlichem Aufschwung ist hier, und nicht nur hier, noch nie gesehen worden. Deshalb ist auch eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas so kläglich gescheitert. Eindimensionales und verwaltungstechnisches Denken führt zu immer den gleichen folgenschweren Fehlentscheidungen. Die freie Kultur wird zu Grunde gespart und mit ihr die Kultur der vielen Stimmen.
Ohne diese Stimmen aber wird das Projekt 'Theater' ein bloßer Streit um Baukosten. Aber:

Eine in komplettem Chaos verharrende freie Kulturszene, die klaglos fast alles hinnimmt, von Kürzungen bis Theaterschließungen, versammelt sich jetzt im 'Kölner Komment', einer Art Bürgerversammlung mit langen Bürgerreden, die nach einer langen Zeit des Schweigens plötzlich ein Bürgerbegehren initiiert: "Inhalt vor Fassade". Eine Initiative, die genau die oben genannten Zusammenhänge ignoriert. Rettet das Schauspielhaus? Und alles andere geht unter und alle schweigen weiter?
Nehmen wir uns noch einmal 10 Jahre Zeit über Pläne, Inhalt und Form, Computeranimationen und Experimente zu debattieren? Für was oder wen? Es wird gespart. Am Haus und an der Kunst. Die freie Szene wird in den letzten Zügen liegen - und wir waren dabei. Herzlichen Glückwunsch.
Sind wir eingeschlafen, verblödet oder nur kampagnenblind?

Immerhin hat die Initiative "Mut zu Kultur" einen besonders prominenten Unterstützer. Er hat in seiner Zeitung immer schon den Stellenwert der Kultur abgebildet: Alfred Neven DuMont, der sich persönlich zu Wort meldet (wie sonst zur Wahl eines OBs oder FC-Präsidenten):

"Es ist vor diesem Hintergrund nicht unerheblich, ob sich die Kölner Bürger mit ihrem Engagement durchsetzen werden. Ich persönlich möchte den Initiatoren Erfolg wünschen und anmelden, dass ich mich in meiner Eigenschaft als Ehrenbürger dieser Stadt gerne hinter die grundsätzliche Überlegung der Initiatoren stelle." Na dann...
Sollten wir uns nicht doch noch die Frage stellen, welche Interessen am Offenbachplatz hier aus dem Hintergrund ragen? Was machen eigentlich Neven DuMonts Freunde Oppenheim und Esch?

Gute Nacht

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.