Montag, 31. Mai 2010

Das habe ich nicht gewollt!

Lieber Horst Köhler, das war ein Witz! 'Lena for President' war ein Witz! Zu spät. Horst Köhler hat eine Pressekonferenz gegeben. Er vermisst den 'Respekt vor seinem Amt' und tritt zurück. Mit sofortiger Wirkung. Was haben wir da angerichtet.

Vorwärts im Geiste des Raabismus - Lenanismus!

Wir sind Lena! Eine neue Ära deutscher Geschichte. Nach 'Wir sind Meister der Herzen' (Fußball), 'Wir sind Hartz IV' (Pro7), 'Wir sind blöd' (Baumarkt), wird in Deutschland fast alles zu einer geilen 'Wir'-Party - aber seit 'Wir sind Papst' wissen wir auch, dass der Schuss nach hinten losgehen kann. Doch bei Lena spielt Kindesmissbrauch nur eine untergeordnete Rolle.

Der Vorschlag, Lena das Bundesverdienstkreuz oder den Nobelpreis zu verleihen - wirklich eine gute Idee und eine realistische Einschätzung, denn mehr an (zumindest künstlerischer) Intelligenz ist in Deutschland nicht zu erwarten. Bedenken wir doch, wer bei uns Super-Mega-Star werden kann: MMM (Freeeiiiheit!) oder Quetschstimme Grönemeier.

In keinem Land der Erde hätte solche Musik eine Chance, geschweige denn ein Siegel oder Raab. Wieso also dieser 'Erfolg'? Ganz einfach. Hier wird abgestimmt zwischen zwei Frauen-Typen. Lena ist kein aufgeblasenes Titten-Monster in Glitter und Blond, die Puppen-Ästhetik ermüdet zusehends - sie ist 'unsere' Abiturientin, Schwiegertochter, trägt ein süßes, frisches Gesicht, ist gläubig und 'spontan'. Neue Natürlichkeit.

Noch nie ist ein unverbrauchtes Gesicht so schnell verbraucht worden. Dank der Medienschlacht von Rote-Rosen- im Bund mit TV-Total-Fernsehen. Der totale Schlager-Krieg, die totale Hysterie, der totale Werbe-Feldzug ließ niemanden mehr entkommen. Kein Zapping ohne das Lena-Gesicht, das frische, auf allen Kanälen, jeden Tag, alle 5 Minuten. Irgendwann tauchten dann doch ihre Titten auf den Titelseiten auf und am nächsten Tag wieder ihr Gesicht, das sagen darf, das sei doch alles ganz natürlich. Natürlich. Irgendwann schnellten die Hits (Zugriffe) auf You-Tube in astronomische Höhen - der Sieg wurde unausweichlich.

"Es ist nur Musik" sagt Lena auf einer Pressekonferenz und glaubt wahrscheinlich daran (das ist das einzig Gute), aber sie hat unrecht. Musik?
Das auf einen kleinen Rhythmus geschüttete, seichte Tonsüppchen, das dünne Stimmchen, der schottische Phantasie-Akzent. Traurig wenig. Ein einfältiger, schwacher Song, eine der typischen Musikflächen, die außer harmloser Glätte und Tanzbarkeit nichts zu bieten haben. Warum nicht der Mann mit Stimme und Gitarre aus Belgien? Dem fehlten wohl die alles überrollenden Medien-Panzer. Lena ist nur ein Beispiel für Musik aus Deutschland: Classic goes Pop, Pop goes Schlager, Schlager goes Piep. Und alle kreisen wie Satelliten um die große Geldmaschine.
Hier schreibt der Kulturpessimist, dessen Mäkeleien unerwünscht sind, angesichts des Spaßes, den Lena uns und Europa gebracht hat.

Schon im Vorfeld werden Spaß-Verderber, Kritiker, in die Ecke gestellt. In FAZ-NET ist zu lesen: "Dieses Mädchen hat es aber eben gar nicht nötig, jeden Ton zu treffen. Ihr unbefangener Auftritt, der schräge Charme und der kauzige Humor lassen Mäkeleien gestrig wirken." Meine Mäkeleien sind gestrig, ja, ich gebe es zu. Wie auch meine Hoffnungen auf ein spielerisches Theater, oder Solidarität, oder Kunst, oder gutes Fernsehen... Und ich gebe zu, wenn ich ihr gegenüber sitzen würde, vielleicht wäre ich auch bezaubert, ganz im Stillen, ohne Bühne, ohne Raab, ohne Kamera. Aber für heute bleibe ich Euer Spaß-Verderber und fürchte mich bereits jetzt vor der hysterischen Public-Party für den 'Weltmeister der Herzen'. Hier wird der Fußball auf der Strecke bleiben, wie die Musik beim Grand-Prix, der im nächsten Jahr nach dem Karneval, der Love-Parade und dem CSD zum zentralen Party-Event werden wird.

P.S.: Lena for President!

Dienstag, 18. Mai 2010

Botho Strauß hat über Jutta Lampe und über das Theater gesprochen

Letztes Jahr hielt der Autor Kehlmann eine Rede zum 'Aktualisierungs-Theater' unserer Tage und bezog Prügel von den Theaterhysterikern, die um sich schlagen, wenn tatsächlich jemand ruft: die sind ja nackt! Lapidares Fazit damals: Tilman Krause schrieb in Welt-online "Das Theater ist inzwischen kein Muss mehr. Es hat seine Zeit gehabt". Dem widerspricht jetzt Botho Strauß, der Theaterautor und denkende Mensch, der in einer Laudatio auf die Schauspielerin Jutta Lampe an die Möglichkeiten und den Zauber des Theaters erinnert. Er kritisiert die Schausteller des "wunderlosen Theaters", das sich "zum Reservat von Dummheit und Bildungsferne entwickelt" habe. Und schon geht es wieder los. Wenn es nach Herrn Khuon (Intendant) gehen würde, sollte man "so ein Gerede" so schnell wie möglich vergessen: es "disqualifiziert sich selbst".

Strauß hatte gewagt, das Theater durch sein Zentrum zu würdigen: die Schauspieler, hier die Schauspielerin Jutta Lampe, die Medium ist, im Spiel, die sucht und entdeckt, die unfertig und klar, verwirrend und stark, leuchtend und zart, Rollen zu Figuren und Figuren zum Leben bringt. Das war und bleibt der Sinn des Theaters, er wird verkörpert von solchen Schauspielerinnen. Die Hunde aber wollen das nicht hören, sie fühlen sich getroffen und bellen. Diejenigen, die das Theater und seine Kraft zu Tode bringen, die auf ihren Marktplätzen grellbunte Bühnenspektakel feil bieten müssen, wie im Zwang, immer und immer wieder, als Fans der Entgrenzung, von jeder Geschichte, jedem Sinn befreit.

Und immer dann, wenn doch ein paar kluge Theaterleute daran erinnern wollen, dass Theater mehr sein kann, mehr sein muss, als eine Benutzeroberfläche, die Schauspieler zu Statisten von Installationen macht, wird die Keule geschwungen. Hilfe bekommen die Hysteriker von der versammelten Mannschaft der Dummbeutel, die das Theater wie einen Zirkus betrachten wollen, der sich um sich und um sie selbst drehen soll.

Ja, dieses Theater ist jung und tot, verstörend und langweilig, eitel und ohne Impuls, es gebiert höchstens die immer gleichen Skandale, die immer die gleichen Reflexe auslösen. So beherrschen Regisseure und Dramaturgen mit ihren Medien-Events die Kulturmagazine, die Zuschuss-Töpfe und die politische Debatte wie die Sternchen aus Soaps die Regenbogenblätter.

Ende nicht absehbar. Und übrigens - ich finde, Theater ist ein Muss.

hier die ganze Rede
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Samstag, 15. Mai 2010

Theatertreffen

3Sat, der Kultursender, überträgt Theater. "Die Kontrakte des Kaufmanns", Jelinek, Berliner Theatertreffen. Ich wollte das Stück schon in Köln sehen. Einige sagten: "Das ist witzig, sehr kritisch, ein toll gespieltes Experiment", "spannend", sagte jemand, obwohl der sowieso immer alles "spannend" findet. Wie dem auch sei - das Stück soll sein: Textverarbeitungsmaschine, Performance. Also das Übliche, denke ich. Also mal reinschauen, denke ich. Also schaue ich in die Röhre und staune.

Es ist ein einziger Kindergarten. Warum, warum? Warum diese Textflächen voll von Allgemeinplätzen, voll von kabarettistischen Witzeleien? Elfriede Jelinek hat geschrieben und geschrieben und schreibt weiter. Warum vier Stunden? Warum müssen wieder echte Menschen an echten Reglern von echten Mischpulten sitzen um alles echt regeln zu können, auf der Bühne? Warum müssen junge Schauspielerinnen immer als junge Schauspielerinnen erscheinen und ihren Text verkichern, verzappeln, verkreischen? Warum muss die gute Maria Schrader im rosa Seidenkleid über Kleinanleger und Geld vom Blatt lesen, lesen, lesen? Es zappelt und zuckt, es kichert, ein Kindergarten mit Zetteln und Dreck auf dem Boden, verklebt, an der Rampe eine Laufschrift und im Hintergrund - na - was? Genau. Eine riesige Projektionswand! "Was er verdient", heult ein junger Schauspieler, dann wird wieder geröchelt, gehechelt, gelallt. Die gute Dürrenberger spricht klar, aber man hängt ihr dabei Papp-Euros um den Hals - Mühlsteine? Ja. Die Symbolik ist platt, platter geht's nicht. Dämliche Textflächen-Lieder werden möglichst schief gesungen. - Lustig? Ja. Wahnsinnig lustig. Parodie auf Niedecken. "Dat System - dat krisde wirklisch nit mieh hin"... Allerdings. Das System Theater, das ohne diesen Kindergarten kein Theater mehr spielen kann, darf.

Das Fernsehen braucht keine Fernsehregie mehr, es kann alles von der Video-Wand nehmen. Diese verwischten, unruhigen, verwackelten Handkamera-Bilder, möglichst nah heran an die Schauspielerin - deren Mund ist blutverschmiert. Natürlich. Die kichert und blutet und labert. Mikroport an die Backe geklebt. Westerwelle-Papiermasken, toller Regieeinfall. Der Kapitalismus - na? Genau. Wolfsmasken. Die Wölfe zerfleischen das Mädchen, das dann den Mund blutig hat und schreit, Mikroport an der Backe, Text auf dem Zettel, Wolfsmaske am Hals, Nahaufnahme, sie windet sich. Toll.
Der junge Schauspieler hat ein Mikro zusätzlich in der Hand und mimt den Entertainer und versucht das echte Publikum zu animieren: Minutenlang skandiert er: "Wir sind alle individuell!" Das Ensemble ruft mit, das echte Publikum, junge Leute, sie machen zaghaft mit und mimen ein bisschen Pop-Konzert. Muss sein. "Wir sind alle individuell" - wow - total witzig. Das ist Kölner Schauspiel beim Theatertreffen. Ja. Seid stolz, mehr gibt es nicht.

Donnerstag, 13. Mai 2010

Das Amt

berichtet dem Kulturausschuss, es würde schon durchaus eng werden, durch die Haushaltslage, die Krise, aber, so heißt es, trotz aller Beschränkungen seien zurzeit "noch keine irreparablen Einbrüche zu erkennen". Und weiter: Bei der Umsetzung der Sparvorgaben werde das Kulturamt "bemüht" sein, vor allem "bestehende Strukturen so gut wie möglich zu sichern".

Die freie Kultur trocknet aus. Kunstprojekten und Veranstaltern, die in langjähriger Arbeit Kultur in Köln prägen, werden lächerliche Summen gestrichen und damit wird deren Arbeit existentiell gefährdet. Das Theater am Sachsenring musste bereits den Betrieb ganz einstellen, weil selbst eine (vom Kulturausschuss bewilligte) Liquiditätshilfe vom Kulturamt nicht ausgezahlt wurde. Soviel zu den "Bemühungen".

Montag, 3. Mai 2010

zum Tag der Pressefreiheit:

Letzte Woche bat mich die Bild-Zeitung um ein Statement, ungefähr so: kleine Theater bekommen kein Geld, Griechenland Milliarden. Man schickte einen Fotografen, ich setzte mich auf die Bühne - ich sollte traurig schauen - dann schrieb ich fröhlich mein Statement:

"Ja doch. Hilfe für Griechenland. Stellt Europa auf die Füße! Geld für die Menschen, Geld für die Kultur. Kein Geld für Häfen ohne Schiffe, Bauten ohne Bewohner, Spekulanten ohne Moral.

Geld ist da, es fließt nur in die falschen Kanäle, während das soziale Leben trockengelegt wird.
In Köln wird das Theater am Sachsenring geschlossen, 60.000.- € Zuschuss sind zuviel. Aber ein paar Meter U-Bahn müssen gebaut werden, Löcher und explodiere Kosten, für die KölnMesse werden ca. 350 Mio. zuviel ausgegeben - plus zusätzlich einige hundert Millionen Strafe an die EU (Bau ohne Ausschreibung).

Das Pokerspiel um Geldblasen führt zum Kollaps. Und der Staat spannen den Rettungsschirm auf über dieser Pokerrunde.
Drink doch eine mit, stell disch nit esu aan, häs de och kein Jeld, dat is janz ejaal..."

Dieses Statement wurde (natürlich) nicht gedruckt. Passte nicht zur Kampagne "Griechen wollen unser Geld".

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.