Freitag, 25. Juni 2010

Haben sie gespielt oder gerumpelt?

Nach der Niederlage gegen Serbien in der Vorrunde der Fußball-WM:
Das Vuvu-Säule meint: Von diesem überirdisch guten deutschen Fußball sei aber nun wirklich gar nichts zu sehen gewesen.

Liebes Vuvu-Säule, es ist nichts geschehen. Nur Fußball. Große Freude, große Enttäuschung, große Spannung. Wie so oft nah beieinander. Gegen Australien hat fast alles funktioniert. So etwas gibt es. Es treibt an und verleiht zusätzlich Flügel. Und zeigt die Möglichkeiten. Gegen Serbien kippte das Spiel schon am Anfang und konnte nicht mehr ins Lot gebracht werden. Verengte Möglichkeiten. Gelbe Karten. Und die Erkenntnis: In dieser jungen Mannschaft gibt es meist junge Spieler.

Dann kam die Nervosität, die überspielt werden musste mit gut gelaunten Pressekonferenzen, mit Interviews, die immer in dem Satz gipfelten: Wir haben keine Angst! Wir wissen, welches Wort dann im Kopf hängen bleibt. "Gelbe Karten", "Skandalschiedsrichter", "Scheitern", "Nachhause fahren" kamen dazu.

Dann betrat Ghana, der Angstgegner, das Schlachtfeld. Ganz in weiß der böse Prinz, der Ballack-Niederstrecker, der Bushido des Fußballs, über und über tätowiert, er musste dem eigenen Bruder ins Auge blicken, der, ganz in schwarz, mit kaltem Herzen für Deutschland edel ins Endspiel ging. Anpfiff.

Was wurde aus dem Drama? Ein spannendes Fußballspiel. Haben sie schlecht gespielt? Wie der alte Satz schon sagt: Die Mannschaft kann nur so gut spielen, wie der Gegner es zulässt. Ghana griff früh an und störte, was zu stören war. Pässe konnten abgefangen werden, Zweikämpfe wurden gewonnen, zu Beginn Angriffe auf den Ballführenden, später wurden die Räume zugestellt, dazu kamen zu langsame und ungenaue Zuspiele der schwarzen Ritter. Die deutsche Elf aber spielte und kämpfte und wurde am Ende belohnt, durch den einen, tödlichen Hieb, durch ein Traumtor. Der Gruppensieg - verdient.

Die lustige WM geht also weiter. Die WM der Obszönitäten, Ausraster, Verräter, Ohrfeigen, Staatsaffairen, Schwuchtel-Beschimpfungen, verweigerten Handschlägen, Kuss-Orgien, Fausthieben im Tor, italienischen Tränen, die WM des mäßigen Fussballs, der wendigen Asiaten, vergebenen Torchancen, der vergebenen 100prozentigen Torchancen, danebengreifenden Torhütern, verschossenen Elfmetern. À propos Elfmeter. England erwartet uns.
Bear we go!

Dienstag, 15. Juni 2010

Wie immer aber ganz anders

Wo sind wir hier gelandet? Die Presse überschlägt sich mit Komplimenten an den deutschen Fußball. Mehr noch: Die Angst geht um. Ein Gespenst. Deutschland gewinnt, aber ohne Rumpelfußball, wie geht das? Australier, Engländer, Italiener (vor denen muss keiner Angst haben nach dem Spiel gegen Paraguay), sind einig im Urteil. Grazil, brasilianisch, "zu viel Tempo, zu viel Bewegung, zu groß, zu stark, zu fähig, zu verdammt gut".. Mein Gott, was ist los? Es sind doch nur Cacau, Khedira, Özil, Podolski, Gomes, Müller, Klose... Ein paar Jungs, die spielen wollen. Eine bunte Gesellschaft. Das war nicht immer so.
1998 hatte es Frankreich vorgemacht: Weltmeister mit einer Nationalmannschaft, deren Spieler aus unterschiedlichsten Ecken kamen - und in der Abwehrspieler Tore schossen (damals etwas Unerhörtes). Mittlerweile ist Henri älter geworden, Zidane eine Ikone und der Rest spielt ohne Anbindung und mit Differenz zum Trainer. Keine Chance. Deutschland dagegen ist angekommen im modernen Spiel, als moderne Nation mit entspannten Zügen.

Die deutsche Elf, nach dem Motivations-Coach Klinsmann, hat jetzt einen Trainer, einen Übungsleiter, einen Menschen, der an seine Spieler glaubt, der den Mannschaftsgedanken neu bestimmt. Mit Vertrauen und einem 'Näschen' für eine lustige, stimmige Truppe. "Ich habe keine Krise 'Podolski' oder 'Klose' gesehen, ich wusste was sie können". Ja, weg von der Bayern-Maschine, raus aus dem FC-Sumpf, die Spieler kommen zusammen, die Spieler lernen lesen, kombinieren, haben Spaß, üben Passspiel und freuen sich am Fußball. Was für eine Revolution. Eine junge Mannschaft, die keinen 'Kapitano' brauchen, die einfach einen Kapitän hat - Lahm, ein Vorbild, einer, der läuft, arbeitet, führt und Pässe schlägt, die Overath und Netzer nicht besser hätten schlagen können. Passgenauigkeit, Ballgefühl, Rhythmus, fast ein Tanz, den wir da zu sehen bekamen. Ich habe 2:0 getippt und wurde enttäuscht. Die Art und Weise - ja - es war Kunst, es war Fußball, endlich. Egal, wie es weiter geht, dafür hat es sich gelohnt.

Lahm hatte Recht, nein, er ist nicht arrogant: Es ist die beste Mannschaft, in der er bisher...
Ja, ich will verzaubert werden vom Fußball. Ich habe den 1.FC Köln gesehen, 1964, deutscher Meister war die natürliche Folge, das WM-Finale 1966, Brasilien, Maradona, Messi, das 'Sommermärchen' mit Abstrichen. Und jetzt? Die WM hat ein außerordentliches Fußballspiel gesehen - nicht von Maradona, nicht von Messi, von England oder Frankreich...

Am Anfang bemängelte der Reporter: Zu wenig Bewegung. Was für eine Taktik! Die Australier stehen kompakt. Den Ball solange kreisen lassen, bis sich der Verbund auflösen muss, dann - Tempowechsel, durchstoßen in die Spitze, aggressiv - das muss man können - lange Pässe in Hochgeschwindigkeit, die ankommen, weiter geleitet, Seitenwechsel, freie Räume, neben das Tor, über das Tor, ins Netz, dass es fast zerrissen wird. Ein großes Spiel.

Wir werden sehen: Englands Torwart hält, Frankreich und Italien werden durchdachter spielen, aber Deutschland wird sich ändern können. Weiter so.

Sonntag, 13. Juni 2010

Die Uweseelers

Uwe - Uwe, so sangen die Deutschen in den 60ern, die Uweseelers waren überall und machten einen Höllenlärm. Klang damals nur tiefer und lauter, weil die vielen schwarz-rot-blonden Mädchen noch nicht mitkreischen durften. Ganz früher wurde in den Stadien Europas höchstens geklatscht, wenn eine Aktion gefiel, sonst hörte man nur das Klatschen der Fußballschuhe (damals noch schwarz) gegen das runde Leder (damals noch Leder), dann erfanden die Engländer den Gesang, heute ist das Stadionpublikum ein bewegter Körper, der aufstöhnt, in Unruhe ist, peitscht, schreit, schimpft, singt, jubelt, skandiert.

Und jetzt bei der WM in Afrika, was hören wir? Nichts mehr. Alles wird überdeckt von einem ohrenbetäubenden Huuupen. Die Vuvuzeelas sind überall, 90 Minuten lang, ohne Pause. Wir sind genervt, aber die Afrikaner sind glücklich. Sollen sie. Alles besser als Bushidos "Fahne raus" oder das bierwerbungskompatible Quieken halbnackter Blondinen in Dauer-Party-Stimmung. Oder?

Sowieso alles egal, unsere Jungs spielen heute Abend Fußball. Vor dem Fernseher sitzen wir - singend, peitschend, schimpfend und jubelnd, oder?

Freitag, 11. Juni 2010

TsweiTsausendTsähn werden wir Nöhlmeister sein.

Jetzt singen sie alle wieder unsere Nationalmannschaft in Grund und Boden. Wie vor vier Jahren Xavier, der so lange nölte "dieser Weg ist steinig und schwer", bis es die eigentlich gut gelaunten Spieler das endlich begriffen hatten und gegen Italien untergingen.
Wer verdirbt uns also dieses Mal die Laune? Bushido, der vom 'Stolz auf Deutschland' labert, noch bevor der Ball rollt? Und der meint, die Deutschen hätten die Nase voll von Politik, jetzt sei Spaß angesagt. Dazu passend hat unser Party-Keller Deutschland viele lustige Party-Deppen, die Klassenclowns, die sich hier Comedians nennen und jede Talkshow versauen müssen (mir graut schon vor Waldis Weißbier-Geblubber mit den ganz ganz wichtig-witzigen 'Experten'). Aber zurück zum Thema. Die Comedy-Stimme Matze Knoop, schon als Schröder-Beckenbauer unerträglich, muss seine Stimme unbedingt noch elektronisch verzerrten lassen und in Ballermann-Pose durch sein Video hüpfen, desgleichen schwängert sein Comedy-Kollege Pocher die deutsche, biergetränkte Luft mit seinem Gegröle, der Dummbeutel. Vor allem aber darf natürlich die Klon-Version von Xavier nicht fehlen, der 'offizielle' DFB-Song, keine Ahnung wie die Gruppe heißt, aber sie singt den gleichen Mist und nölt auf die gleiche Weise "TsweiTsausendTsäähn" wie ihr Vorbild. So wird Deutschland garantiert kein Weltmeister.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.