Montag, 26. Juli 2010

Wachsgesichter nach der Katastrophe

Der erste Reflex Entsetzen. Sehr bald kommt Zorn dazu. In Duisburg steht ein Zerrspiegel und zeigt ein absurdes, grauenhaftes Bild, das sich zusammensetzt aus scheinbaren Gegensätzen.

Wir sehen eine Autobahn, auf der Massen von Menschen feiern und spazieren - Tage später wieder eine Autobahn, diesmal als Stützpunkt für Rettungskräfte, die um das Leben hunderter Verletzter ringen.
Das Gewummer der Techno-Party, ein paar Meter weiter weinende Verzweifelte. Kreideumrisse, hier lagen die Toten. Ein paar dumpf-lustige Party-Gänger, denen es nicht peinlich ist, vor Kameras von DJs zu sprechen, die gut aufgelegt hätten, von der Party, die durch die Toten leider einen ‘Knick’ bekommen habe.

Heute hören wir Aussagen, eine Stadt wie Duisburg sei viel zu klein, eine solche Masse von Menschen aufzunehmen, geschweige denn zu steuern. Die Erkenntnis, eine Million Menschen könne nicht durch einen einzigen Tunnel geschleust werden. Warnungen und Bedenken wurden im Vorfeld vom Tisch gewischt. Wie immer.

Ich habe mich an Köln erinnert gefühlt, Dementis zu jedem Skandal, Vertuschungen und Schweigen. Beim Einsturz des Stadt-Archives waren es ‘nur’ zwei Tote. Warum stürzte ein Haus in die U-Bahn-Baustelle? Niemand war verantwortlich.
In Duisburg sind es bis jetzt fast zwanzig Tote. Und hunderte von schwer Verletzten. Erklärungen?

Am Mittag sitzen Männer auf einem Podium, halten eine Pressekonferenz ab, zeigen ihre Wachsgesichter und sagen - nichts. Nach wohlgesetzten Trauerformulierungen löst jede Frage Unverständnis aus, keine wird beantwortet werden. Man will nicht vorgreifen, man will, man muss abwarten, man bittet um Verständnis, man kann dazu keine Erklärungen mehr geben, man könne nicht zu ‘Details’ Stellung nehmen. Das Detail zum Beispiel, wer genehmigt habe, auf einem Gelände, genehmigt für 250.000 Menschen, über eine Million Raver zu erwarten.

Die Stimmung wird gereizter, die Krisenstäbler, Bürgermeister, Dezernenten sitzen die Pressekonferenz aus, keiner ist es gewesen, keiner hat etwas gewusst, keiner kann nichts genaues sagen…
Ich schreie den Fernseher an.

Auf Papptafeln hinter den Kerzen steht: “Warum?”
Warum? Das große Geschäft, das große Image für die kleine Stadt, das große Geld. Die Gier, da ist sie wieder. Duisburg ist Kulturhauptstadt. Ein Massen-Event muss her. Koste es was es wolle. Kritik unerwünscht. Wenn Bochum absagt, weil es sich nicht überfordern will, umso besser. Duisburg ist cool. Das Fernsehen ist auch dabei. Bummbummbumm und die Moderatorin ist blond und ihr Top ist auf einer Seite heruntergezogen, damit Schulter und Oberarm frei liegen. Geil. Als sie später von den Toten spricht, ist die Schulter bedeckt. Nur das Bummbummbumm bleibt.

Man sollte nicht nur die Loveparade absagen. Diese Art von Kulturhauptstadt, von Hysterie, Fernsehübertragung - weg damit. Schweigende Verwaltungsangestellte, dumme Politiker - weg damit. Das wäre ein erster Schritt.

Falsch verstandene Stadt. Falsch verstandene Kulturhauptstadt, falsch verstandene Parade, kein Begriff von Verantwortung, von Sicherheit, von Möglichkeiten. Keine Idee.
Ist ‘Love’ nicht mehr als die Hände zum Himmel, Bummbummbumm, zucken, saufen, zudröhnen? Ist Kultur nicht mehr als eine Massenveranstaltung?
Auch diese Fragen werden von den Wachsgesichtern auf den Podien unserer Städte nicht beantwortet werden.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Nur Mut (Deutschland scheidet aus)!

Die deutsche Mannschaft war eine andere gegen Spanien. Sie wollte nur spielen, spielen wie die Spanier, das war immer das Ziel und dann waren sie da, die Spanier, zurück in der Zukunft, wie vor zwei Jahren - und standen der deutschen Mannschaft gegenüber.

Und die deutsche Mannschaft dachte, das brauche noch Zeit mit der Zukunft. Sie wären noch nicht soweit, dachten sie, wie vor zwei Jahren. So wurde es ein Spiel, das aus der Zeit fiel, kein Spiel im hier und jetzt, kein bedingungsloses Spiel, sondern ein fiktives. Gefangen in der Zeitschleife. Eine Mannschaft von heute gegen eine von morgen. Aber die von morgen hatte doch gestern schon so gespielt wie die Mannschaft von heute. Gegen Australien, England, Argentinien. Wo war sie geblieben, in welchem schwarzen Loch gefangen? Das eigene Spiel spielen, das Spiel beherrschen? Das Finale in Sichtweite standen die Spanier im Blick.

Die Mannschaft beherrscht von Respekt vor dem Halbfinale und Angst vor dem Gegner, vor der Mannschaft von morgen, vor der eigenen Courage. Der Glaube an das 'jetzt' ging verloren, war schon verloren vor Spielbeginn. Das Spiel ging verloren, weil in der Parallelwelt plötzlich die Bälle in Superzeitlupe flogen, die Pässe nicht mehr ankamen, jede Balleroberung Kraft kostete. Die Wege waren versperrt, die Spieler liefen den Spaniern und sich selbst hinterher, es gab keine Tempowechsel, keine Überraschungen, die Fehler häuften sich. So ging das Spiel verloren.
Und morgen? Werden sie morgen wieder von heute sein? Oder in vier Jahren? Wir werden den Spaniern nicht zum letzten Mal begegnet sein. Nur Mut.

Dienstag, 6. Juli 2010

Gastkommentar von Thomas Reis

Ein Gastbeitrag: Die neuste Kolumne meines Freundes Thomas Reis in der Frankfurter Rundschau
beschäftigt sich - na, mit was? - mit Fußball (vor dem Argentinien-Spiel geschrieben). Wunderbar.
Link: Reis' Parteitag: Heul doch, Argentinia!
Was ist das Leben? Fußball natürlich...





Thomas Reis

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.