Mittwoch, 10. November 2010

Düsseldorf

Noch haben die Städte kein Geld, aber der Aufschwung kommt. Und eine Stadt wird erst attraktiv, wenn sie in richtige Kultur investiert, weicher Standort-Faktor. Wenn also unsere Lena mit dem nächsten Schlager aus der Raab-Fabrik ihren Titel verteidigt (im Eurovision Song Contest), dann ist das ein Kultur-Event mit Leuchtturm-Faktor. Also will die Stadt Düsseldorf über 9 Millionen Euro als Zuschuss dafür ausgeben. Gute Investition. Kultur muss sein. Zuschüsse für 'Musikantenstadl' oder 'Wetten Dass' (in der Schweiz hat es das schon gegeben), dann können wir uns alle anderen Theater sparen.

Aber Köln ist stolz auf seine kleinen Theater - nein, nur auf das eine: das Hänneschen Theater, das Stockpuppenspiel um Hänneschen und Bärbelchen. Das ist auch immer ausverkauft. Deswegen soll es jetzt noch mehr Zuschüsse von der Stadt bekommen, die ja bekanntlich kein Geld hat, weswegen es diesmal nur noch 165.000.- € zusätzlich sind, insgesamt 1 Million Zuschuss, fast soviel wie die gesamte freie Theaterszene. Vom Hänneschen lernen heißt siegen lernen.

Dienstag, 9. November 2010

Söhne des Äthers

Im Theater bezaubert zu werden ist wunderbar. Über Radio Ro hatte ich geschrieben. Über die erste Inszenierung in der Ära Beier, die ich sah. Natürlich war ich jetzt da. Zum neuen Sienknecht-Abend. Die "Söhne des Äthers" sind Söhne und Töchter von Radio Ro.

Sie tauchen auf in fast derselben Besetzung. Sie tauchen auf aus der dunklen Stille. Das alte Radio ist wieder da, der Plattenspieler und Gerätschaften mit Lampen und Schaltern. Neu sind die Fauteuils, 60er Jahre, im Halbrund, wie es im Inneren eines Raumschiffes üblich ist. Die Uhren sind keine Studio-Uhren, darüber steht Erde, Mond, Mars. Die Gesichter von Gestalten, unter Helmen von kleinen Stablampen angeleuchtet, tauchen auf. So sehen sie also aus, die Borg, nicht so wie bei 'Enterprise', so wie hier. Ein Höllentrip? Auf jeden Fall ernster als Radio Ro.

Aber wieder muss ich Tränen lachen. Odyssee 2001 - Also sprach Zarathustra - mit Cello, Violine und Flöten, schräg, die große Kunst der kleinen Form. Der Abend ist voller Musik, also Rhythmus. Innehalten, beschleunigen, unterlaufen. Präzise, klar, schön und abgefahren. Nach einer Reihe Abschiedslied-Fragmenten ist das Drehen des Zündschlüssels erfolgreich. Beschleunigung. Tanzen, singen, nichts weiter.

Aufstellung in Phantasie-Raum-Glitzer-Kostümen, Sendersuche im Röhrenradio, die ganz alten Hits im Original mit neuem Refrain: "Söhne des Äthers", der große, androidische Mann auf Plateausohlen wird von der kleinen Frau angetanzt, heftig, zaghaft, fragend, fordernd, sie springt in seine Arme, er hält sie, anschließend singt der Mann 'Bee Gees' ohne Kastratenpopstimme, volltönend: "Tragedy".

Schauspieler singen als Raumschiffcrew auf der Kommandobrücke unter dem blauen Licht eine mehrstimmige Hymne von der Liebe. Sie schweben mit der Musik. Ein Opern-Duett mündet in absurden Männertanz. Über einen Fernsehschirm sehen wir den berühmten hüpfenden, fallenden Astronauten auf dem Mond, im Hintergrund reicht eine Hand aus einer Luke eine Tasse Kaffee. Die leuchtet später zur Musik wie wir.

Es ist die eindringliche Genauigkeit, die gnadenlose Komik, die Enttäuschung der Erwartung, die erfüllte Emotion. Energie. Wir fliegen mit. Danke für eine tolle Reise.

Abschluss mit Lust

Eine Theaterinszenierung, die von Schauspielerinnen und Schauspielern beherrscht wird?

Die Abschlussinszenierung einer Schauspielschule: hier könnte sich das Bühnengeschehen schon naturgemäß um die Spielenden drehen. Erste Voraussetzung für Theater.

Und tatsächlich. Im Art Theater Ehrenfeld konnte ich mich freuen, erstaunen, hören, lachen, schauen. Die Abschlussarbeit der Theaterakademie Köln wurde zu einem guten, leichten, schwingenden Abend, der von der Spielfreude des Ensembles geprägt war. Hier wurde sichtbar, was immer seltener sichtbar wird oder werden darf - Energie, Rhythmus, Verwandlung, Komik. Lust.

Apropos: Lust und Schauspiel im Theater sind ganz schlecht für Chancen auf Förderung.
Das Art Theater - ich konnte mich an der Bar vor der Vorstellung mit dem Kollegen unterhalten, der das Ganze seit Jahren leitet - ist in Gefahr geraten durch die Auslöschungspolitik des Kulturamtes (Amtsdeutsch: Sparkurs). Der Kollege hat reagiert, musste reagieren. Im Art Theater, das sich immer schon mit einer guten Mischung an Veranstaltungen auch selbst finanzieren konnte, wird es in Zukunft kein Theater mehr geben können.

Ich betrat den Saal und es überkam mich die übliche Beklemmung, wenn ich vermuten darf, die laute Musik, die schrille Beleuchtung und die in Posen erstarrten und ruckweise sich bewegenden Figurinen, werden eine Fortsetzung finden, wenn alle Zuschauer Platz genommen haben.

Aber: Licht. Eine Clownin (Linda Simm) spricht über den “Alptraum vom Glück”. Klar in Sprache und Haltung. Die gelungene Inszenierung der Szenenfolge von Justine del Corte kommt ohne den üblichen Firlefanz zeitgenössischer Inszenierungen aus. Die verschiedenen Schicksale, die sich zu einem gemeinsamen zu verbinden scheinen, finden gefasste Figuren, die Besetzung gelungen, zweite Voraussetzung für gutes Theater. Die Gestalten gehen, laufen, liegen auf einer bunten, weichen Würfellandschaft, werden, eine nach der anderen, durch einen großen, roten Mund über eine Rutsche auf die Szene gespült. Eine Frau spricht über ihren Vater, der ihr erklärt, nach einem Kuss wachse eine Blume aus der Mundhöhle. Celina Engelbrecht leuchtet in Emotionen, klar und nuanciert. Die Regie (Bernhard Bötel) lässt viele Feinheiten zu, mit denen seine Protagonisten Energie und Timing ausloten können. Nur selten geben die jungen Darsteller zuviel des Guten, aber auch dann gerät das Ganze nie aus den Fugen. Auch Gesang und Choreografie sind schlüssig. Ein Reigen tragischer und komischer Vergeblichkeiten, ein Casting trauriger Gestalten. Manchmal taucht ein Regisseur auf (Energiegeladen: Harald Hauber), der die Auftretenden niedermacht und seine Assistentin (wunderbar in dieser Rolle: Acerina Zambrano) immer wieder in die Wüste schickt, bis er selbst seiner Rolle nicht mehr sicher sein kann.

Das Spiel von Celina Engelbrecht, Harald Hauber, Max Heller, Marylin Pardo, Linda Simm, Dorothea Toenges, Isabel Vollmer, Acerina Zambrano und Marlene Zilias ist intensiv, in Einzelfällen schon von erstaunlich entwickelter Geschmeidigkeit und Präzision (Engelbrecht, Simm, Hauber). Vor allem aber findet das Spiel Überzeugungskraft durch ein sehr homogenes Ensemble. Das macht Hoffnung auf Zukunft. Auf die Zukunft der Schauspielerei.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.