Freitag, 23. Dezember 2011

"Wir Kinder aus Theben" in der Schlosserei des Schauspiels Köln


Freitag, 23. Dezember 2011

War schön in der Schlosserei. Noch ist sie nicht abgerissen. Gute Erinnerungen habe ich an ausverkaufte Vorstellungen meiner Musikgruppe ZINNOBER Mitte der 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, oder an das Gastspiel des Theaters am Sachsenring mit unserer Inszenierung von “Das Fest” 2005, ebenso ausverkauft und bewegt aufgenommen vom Publikum. Jetzt bin ich also wieder Gast im Zuschauerraum des ‘kleinen’ Hauses: “Die Phönizierinnen” in aktueller Inszenierung: “Wir Kinder aus Theben”.

Warm, eng, Vorfreude. Ich kenne viele Premierengäste, situierte Bürgerinnen und Bürger, Journalisten, Förderer, Träger, Amtsleute, Lehrer. Küsschen, man wünscht sich frohe Festtage. Das Programmheft bereitet auf Körperflüssigkeiten und Schlachten vor.
Das erste Bild: Die Wand im Vordergrund wird eingeschlagen, eingetreten, die Einzelteile zerschmettert. Es staubt. Kommt jetzt das Übliche? Nein. Der junge Regisseur Robert Borgmann (Dramaturgie: Sybille Meyer) findet einfache, klare und sehr beeindruckende Bilder und Szenen für die Unausweichlichkeit des Untergangs, des Verderbens, wenn der Gewalt nicht Einhalt geboten wird. Zeitbezug ohne die Zeit zu leugnen. Die Söhne streiten sich um das Erbe Thebens (Carlo Ljubek als Eteokles, Renato Schuch als Polyneikes). Keiner der Beiden will weichen.

Das zieht in Bann. Denn wir sehen die Söhne, wie sie aneinander vorbeischauen, lächeln, sich konfrontieren, ausweichen, schmeicheln und zustoßen. Wir spüren die Spannung im Gefecht der Worte, der Sätze, der Bewegungen, wir spüren jede Regung, jede Täuschung, alle Feindseligkeit. Wunderbar - eine Ouvertüre zu einer sehr musikalischen Inszenierung, die gutes Timing hat und den gesamten Konflikt über die Figuren aufbaut - mit exzellenten Schauspielern.

Die Mutter Iokaste (Julia Wieninger), ihr gelingt es nicht die Söhne zu besänftigen, sie fleht, sie zürnt. Der Vater Kreon (Yorck Dippe), der feige Repräsentant, kalt, überfordert, weiß nicht wohin mit sich, wenn er seinen Sohn Menoikeus (Orlando Klaus) opfern soll. Höchst beeindruckend die retardierende Verzweiflung, schließlich die stumme Kälte. Das Suchen und nicht Finden wollen, am Ende nur noch das Warten auf die Erfüllung der Prophezeihung. Sie wir erzählt. Alle tot, alles zerstört. Antigone (Marina Frenk) sucht den Vater. Sie sucht, sie irrt, sie ruft ihn - und Ende. Die Schauspieler fassen sich an den Händen, ein stiller, guter Schluss, sie suchen die Hand der Antigone-Schauspielerin, die noch suchend nach dem Vater ruft. Sie fassen sie nicht. Ich bin sowieso tot, sagt die Wieninger und geht ab, die anderen folgen, Kreon muss bleiben. Antigone ruft weiter, leise. Da hören wir hinter den Säulen Schreie, wie das Kreischen von Krähen. Junge Mädchen in weißen Gewändern (Chor?) setzen sich in eine Reihe, in gekrümmter Haltung, die Köpfe abgeknickt, aus ihren Mündern fließt Blut. Das erste Mal auf der Bühne, dass Blut fließt.

Es ist still. Das beeindruckende Finale eines großen Schauspielabends, in dem sogar einen Sinn hat, während eines dramatischen Monologs den Satz fallen zu lassen: Was macht man mit einem Hund – der keine Beine hat? Pause - Um die Häuser ziehen. Oder das Kind, das die Prophezeihung der alten Seherin ausspricht. Die Schauspieler, zur Wand gewandt, sprechen den Text, das kleine Kind, blondes, langes Haar, tropfnass, wandelt über die Bühne und macht synchron die Mundbewegungen. Schön-grausam, sehr präsent, verwirrend. Freud und Marx treten auf, zelebrieren komponierten Text am Klavier, laufen mit riesigen, schwebenden Schritten rund um die Bühne – wie Marx-Brothers im Ministerium für komische Gänge. Alle diese Intermezzi haben die richtige Stelle, die Leertaste bekommt Bedeutung, wie jede Geste, jedes Wort. So fallen wenige überflüssige ‘Tricks’ eben nicht ins Gewicht. Das unterscheidet die Inszenierung von manchem Ärgernis. Schade, dass es keine Bravos gab. Hatten die Premierengäste anderes im Kopf, oder saßen sie schon unter dem Weihnachtsbaum. Die Inszenierung, die Schauspieler, sie trafen Emotion und Geist.

Ein guter Abend.

Samstag, 25. Juni 2011

Nackt und feucht

Ich gehe gerne ins Theater. Aber was heißt schon Theater heutzutage? Es ist mehr als Theater. Es ist Halle, Werkstatt, Studio, Fabrik, Raum... eine nackte Fläche. Auf der nackten Fläche sind Mikrophone zu sehen. Ach ja, Mikrophone. Kein Schauspieler ohne Mikrophon. Alles erinnert jetzt an ein Pop-Konzert. Die Grenze zwischen Zuschauerraum und Bühne ist gefallen. Die Ebenen überlappen sich. Theater ist Pop, Event. Eins ist allerdings im Theater noch anders: Mitklatschen und Wunderkerzen werden ersetzt durch:

Flüssigkeiten. Schauspieler sind immer nass, feucht, stecken in kurzen Höschen, Unterhemden, Unterröcken, fallen hin, stehen auf – nackt und feucht. Und sie sind immer bei der Arbeit. Auf den großen Bühnen gibt es immer etwas zu laufen, zu springen, zu turnen, bis zur Verausgabung. Toll. Und schon sind alle verschwitzt, feucht, nass. Früher bewunderte der einfache Zuschauer, die simple Zuschauerin, wie ein Schauspieler, eine Schauspielerin sich so viel Text merken konnte, heute sind alle schwer beeindruckt, wie erschöpft, verausgabt, nass und schmutzig die Darsteller nach vorne treten, um sich vom befeuchteten Publikum Johlen und Klatschen abzuholen. Eben ein Event.

Die Flüssigkeiten werden getrunken, verschüttet, gespuckt, der Boden wird angefeuchtet, um später, wir ahnen es schon, ganz unter Wasser zu stehen. Nichts gegen Flüssiges, wenn es ins Stück passt, nichts gegen Schreie, wenn sie eine Emotion ausdrücken – ohne Dauerzustand zu werden. Aber all diese Maßnahmen sind nur noch Bausteine für die eine, einzige Theater-Performance-Rezeptur, die fast überall angewendet wird, auf freien und städtischen Bühnen. Immer geht es um Entgrenzung und Bewegung, Bewegung, die ein Text oder ein Schauspieler nicht mehr leisten können, nicht mehr leisten sollen – denn es soll ja Pop sein, Performance – oder einfach Regie-Selbsterfahrung. Spätestens dann frage ich mich warum es dafür noch ein Publikum braucht. Und das fragt sich der performative Theatermacher auch.

Kein Stück ohne Text-Flächen, keine Inszenierung ohne Video-Projektionen, keine Inszenierung in der nicht geschwitzt, gewitzelt, geschlachtet, fragmentiert wird, wir schauen hin und sehen nichts, wir schauen in ein Programmheft, in dem sich Dramaturgen ausgetobt haben. Jetzt verstehen wir.

In Köln wurde die Katastrophe um den Einsturz des Stadtarchives im Schauspielhaus durch den Kakao, oder besser auch durch Wasser gezogen. Wasser und Erde sind persönlich aufgetreten, nackt, und fickten. Es war richtig was los. Ich hörte: Das Regietheater ist so toll mit den Textmassen fertig geworden - und so respektlos. Ja. Meine Kölner Freunde und Kollegen waren glücklich. Dabei erfahren die Elemente nur dasselbe, was Othello und Desdemona oder Faust und Gretchen auf den Bühnen des deutschen Theaters immer erfahren. Irgendwann sind alle nass. Es wäre doch eine schöne Idee, einmal eine gespielte Szene zu zeigen. Othello wird eifersüchtig wegen eines Tuches und nicht weil im Hintergrund Desdemona gefickt wird und gleichzeitig ein Nackter an der Rampe ein Lied in ein Mikrophon singt. Später wird Desdemona dann ins Wasser gesteckt - plitschplatsch und tot (Habe ich tatsächlich in Köln gesehen, fanden alle ganz toll). Keine Missverständnisse: Die Jelinek-Inszenierung mit dem Wasser von Köln, in Köln von Karin Beier inszeniert, war faszinierend, sie hat eine Textfläche mit allen Mitteln des Theaters sinnlich, komisch, durchdringend gemacht - und ich fand es großartig. Bis zur Pause. Danach das große Platschen und Klatschen, es war eine reine Freude, aber nichts weiter.

Und noch etwas können wir beobachten: Je mehr geschrieen, gespritzt und gefickt wird, desto glücklicher sind die Rezensentinnen. Ich habe nachgeschlagen. Alle Kritiken sind immer euphorisch wenn es um ein Experiment, um Dokumentarisches, Migration, wenn es um Wasser, um echte, authentische, verstörte Menschen geht. Manche Regisseurin spricht davon, die Aufgabe des Theaters sei es nicht, zu unterhalten oder es gar dem Publikum leicht zu machen. Ist der Umkehrschluss richtig? Und ist es nicht eine besondere Art des Rassismus immer echte Flüchtlinge auf der Bühne hinter die Mikrophone zu stellen – und sie damit auszustellen wie ehemals die Schausteller auf dem Jahrmarkt? Der leise Grusel des Bürgertums im Parkett ist sicher. Echte Menschen. Die Schauspieler kellnern derweil in Kneipen bis sie arbeitslos sind um dann als echte Arbeitslose wieder auf der Bühne stehen zu dürfen.

Das Regisseur/innen-Theater rechtfertigt jede Reizüberflutung gerne mit der Ausrede, das Publikum provozieren zu wollen. Dieses müsse das schon aushalten. Muss es? Auf der Bühne arbeitet der Schauspieler, im Parkett arbeitet der Zuschauer. Beide werden gequält. Botschaften, für die ein Kabarettist eine kurze Pointe braucht, werden im Theater zu fünfeinhalb Stunden (ohne Pause) zerdehnt. Ist das Theater ohne Sinn und Verstand, auf benetzten Flächen, in hermetischen Räumen, das Theater der Zukunft?

In einem immer ärmeren Leben von rasendem Stillstand, führt zwar ein atemlos-spritziges Theater zumindest zu einer Reizung der Sinne, aber diese Reizung kommt höchstens bis zur Wasser-Oberfläche. Es sei denn, man gehört zu den Leuten, die Wasseroberflächen ein Stückweit 'spannend' finden, weil sie sich als Teil des zeitgenössischen Publikums fühlen, die diesen Reiz, dieses Wasserkräuseln brauchen, um klug über Theater reden zu können.

Theater ist anders. Es war immer anders und wird immer anders bleiben. Ein stiller Moment, eine Geste, ein Blick, ein leicht angezogener Satz, ein entblößtes Wort. Und ein Zuschauer, der das hört und sieht und erkennt, ganz still im Dunkeln. Das Lärmen, die Performance, das quälend überfrachtete Experiment - all das wird landen wo es hin gehört.

Es lebe das Theater!

Donnerstag, 26. Mai 2011

Gefühle


26. Mai 2011

Seit längerer Zeit kein Blog-Eintrag mehr. Warum schreibst du nicht mehr, fragt mich ein Freund, warum gerade jetzt nicht einfach die Gefühle schildern - nach der Wiedereröffnung des Theaters, fragte er mich weiter, nach einem Blick in den ‘Spiegel’ der neuen Internetseite des Theaters am Sachsenring. Letzter Eintrag Jelinek? Gefühle?

Es ist so schwer für uns Männer, über Gefühle zu reden. Was soll ich da schreiben? Im Dezember 2009 musste ich mein Theater schließen. Finanzielle Probleme. Was hatte ich für Gefühle? Enttäuschung, Wut? Ich habe so viel über die unsäglichen Dummheiten von Politik und Verwaltung geschrieben, über das Zu-Tode-Sparen. Freunde rieten mir schon bald, es um Gottes Willen endlich ruhen zu lassen.

Da ist etwas dran. Sich nicht verbeißen. Abstand gewinnen. Im März 2011 konnte ich das Theater wieder öffnen, mit englischsprachigen Gastspielen. Es bleibt schwierig, aber es macht wieder Spaß. Gefühle? Arbeit, Anstrengungen. Vorsprechen, erste Proben, Hoffnungen, Erwartungen. Die nächsten Steine, die in den Weg gelegt werden, die freudigen Erwartungen von Schauspielern, die ersten Abstimmungsschwierigkeiten. Gefühle?

Ich sitze nicht mehr abends am Computer und denke und schreibe, ich rege mich nicht mehr auf, setze mich anschließend hin und schreibe darüber. Laue Sommerabende, Meer und Sand. Das sind Gefühle. Am Eingang des Theaters sind Platten lose. Die bisherigen Reparaturen haben den Zustand verschlimmert. Vor zwei Jahren ahnte ich den Abschied von vertrauten Abläufen und Räumen. Ich fing an, Theke, Bilder, Stühle, Krimskrams, den Blick auf die Bühne, zu fotografieren und zu verabschieden. Gefühle? Ja.

Dann entschlossen wir uns, die Räumlichkeiten dem Theater der Keller zu überlassen. An einem glühend heißen, staubigen Sommertag saßen wir im Büro einer Anwaltskanzlei mit trockenem Mund und unterschrieben den Vorvertrag. Kein Zurück mehr. Blass, erhitzt und erleichtert kehrten wir zurück. Die Entscheidung war gefallen. Platz für ein neues Leben?

Die letzten Vorstellungen, gut besucht, begeistert gefeiert, die Schauspieler verstehen noch nicht ganz, sie werden unterkommen, sie werden spielen. Es halten sich Gerüchte, das Keller würde doch nicht bei uns einziehen. Gefühle? Alle wissen etwas, lächeln mitleidig, wir erfahren es als letzte. Ich muss hinterher telefonieren. Ja. Der Anwalt und sein Anhang, sie bleiben im alten Keller. Wir stehen da und wundern uns und beschweren unsere Herzen. Gefühle? Enttäuschung, Wut. Und Hoffnung - natürlich.

Andere Interessenten wollen uns einen Apfel und ein Ei geben für das Theater, für ein Theater, das betriebsbereit am Sachsenring steht. Ein letzter Abend, Fotos, eine Schauspielerin nimmt noch ein Kleid mit, ein Schauspieler den Hasen aus “Liebe, Sex und Therapie”. Wir schließen und verschwinden. Die Laufschrift über dem Eingang läuft weiter. Warum, fragen Freunde. Eine Freundin mietet das Theater. Preisnachlass? Klar. Es ist aber dann doch nur für eine Freundin der Freundin. Nach dem Fest sieht das Theater befleckt und ramponiert aus. Gefühle? Enttäuschung. In der Zwischenzeit will uns die Politik mit einer Liquiditätshilfe unter die Arme greifen. Die SPD und ein Grüner sind dagegen. Warum haben wir Feinde? Warum diese offensive Ablehnung? Der Beschluss zur Hilfe wird gefasst. Die Freunde der SPD und des Grünen aber sitzen auch im Amt und nehmen den Beschluss übel. Das Amt schreibt uns einen Brief. Sie werden das Geld nicht überweisen. Gefühle? Typisch. Ich fange wieder an mich zu verbeißen in die eigenen Denkschleifen. Hat das kein Ende?

Es gibt Freunde, die helfen wollen, sie finden aber wir sollten uns ändern, wir sollten klüger werden, wir sollten ökonomischer planen, ein anderer Spielplan? Ein Steuerberater will uns beraten. Er schließt die Augen, wenn er einfache Wahrheiten ausspricht. Traumfrau? Ja. Kafka? Nein. Ich versuche zu widersprechen. Irgendwann kommt er nicht mehr. Freunde helfen uns den Haushalt zu planen. Noch einmal die Zahlen. Die Schulden bleiben. Die Planung und die Altlasten muss man trennen. Wir trennen und tragen die Altlasten. Freunde wollen uns helfen. Es braucht eine neue Struktur. Eine GmbH. Eine gemeinnützige. Dann kann man helfen.

Wir reden über Stücke, die keine Kosten verursachen, Publikum ziehen und Einnahmen bringen. Nächste Spielzeit mit neuen, jungen Schauspielern neue Inszenierungen, große Stücke, flotte Komödien, griffige Titel. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen… Gefühle? Spannung, Erwartung. Die Journalisten schreiben über die Eröffnung und die Wiedergeburt nach dem ‘Liebesentzug’ durch das Kulturamt. Witzig. Das Kulturamt findet das gar nicht witzig. Sie rufen in der Redaktion an und ‘intervenieren’. Warum haben wir Feinde? Was ist los? Es nimmt kein Ende.

Eine Freundin sagt mir, ich würde nicht verstehen. Ich müsse einfach einmal den Mund halten. Sonst brächte mich das wieder in Schwierigkeiten. Ich verstehe nicht. Ich plane den Spielplan. Mit Kafka und Traumfrau. Und Hamlet und einem Stück über Spengler/ Walser/ Benjamin. Das bekommt einen kleinen Zuschuss. Es gibt neues Personal, das auf Augen verdrehen und zischeln seitens bestimmter Amtspersonen nicht so viel gibt. Hoffnung. Natürlich.

Das englischsprachige Theater hinterlässt begeistertes Publikum, dessen Umfang allerdings zu wünschen übrig lässt. Nicht genug Schülergruppen. Einige letzte Vorstellungen sind voll und es knistert. Der Raum ist klein, die Atmosphäre dicht. Das Theater atmet wieder. Schön. Gefühle? Erschöpfung und Gespanntheit. Und Vorfreude. Besser geht’s nicht.

Mittwoch, 30. März 2011

Karin Beier bringt die Jelinek im Schauspielhaus zum Tanzen

Auch diesmal (wie schon bei den ‘Nibelungen’) habe ich eine der umjubelten Inszenierungen von Karin Beier erst mit zeitlichem Abstand sehen können. Fern vom Jubel oder der Theater-des-Jahres-Hysterie sehe ich neue und alte Textflächen der Jelinek - und - dieser Abend reißt mich wirklich hin. Fasziniert, in Bann gezogen bin ich. Dieser Abend bestätigt im besten Sinne den Satz: Theater ist Kontext. Vermutlich hat der Abstand den Abend noch schärfer gemacht. Noch deutlicher werden uns Zusammenhänge zwischen Staudamm-Bau, U-Bahn-Bau, Wasser, Beton, Atomkraftwerk, Tsunami, Tod und Schuld. Das Wasser. Es soll bleiben wo es ist. Das Wasser kommt. Ein Thema in Variationen.

Die Assoziationsketten zwischen den Satzketten der Jelinek lösen durch das Spiel Worte, Bilder, Emotionen aus, Überlegungen, Verstrebungen, die immer wieder mit Wasser, mit Gewalt, Natur, Mensch, Beherrschbarkeit, Überwältigung oder Tod zu tun haben. Dieser Abend reizt die Sinne und das Hirn. Er bietet das, was Theater ausmacht, ich sehe wie diese Inszenierung einen Text, selbst einen so überbordenden, lebendig machen kann. Viele zeitgenössische Inszenierungen, wie wir wissen, bedienen einen Ton, walzen ein Konzept zu Tode und bemühen die ganze Rezeptur des Multi-Media-Spektakels. Auch hier sind Video, Farbe, Wasser im Spiel, aber sie lösen sich auf in Text und Spiel, sie machen Sinn. Karin Beier hat ein wunderbares Gespür für Rhythmus, sie wechselt die Tempi, sie zieht an, lässt los, alles hat eine geradezu knisternde Energie, große Kraft, immer eine Form, eine Fassung, auch in der Fassungslosigkeit. Großartig.

Der Beginn ist ein klarer, gut gestaffelter Anlauf. Vor dem roten Vorhang spricht ein Mann (Thomas Loibl), ein Ingenieur ins Mikrofon, er spricht über die großen Pläne, sich Erde und Wasser untertan zu machen. Über die Toten wird gesprochen, während des ganzen Abends. Mal sind es 150, oder doch mehr? Mal 2 Stück Personen. Im Hauptteil - “Das Werk” - geht es um eines der größten Speicherkraftwerke der Welt, in den Kapruner Alpen in Österreich, das in den zwanziger Jahren mit Freiwilligen, in der Nazizeit auch mit Zwangsarbeitern gebaut wurde. Wie viele Arbeiter starben hier im Kampf mit Erde und Wasser, im Ringen um den Bau dieses Großprojektes? Der Schauspieler ringt auch. Die schwierige Besteigung des Wortberges ist nicht sein letztes Glanzstück, wie auch das gesamte Ensemble ein außerordentlich agierendes, Lust machendes Schauspieler-Ensemble ist. Hier sehen wir zu und staunen und lassen uns überraschen. Dann öffnet sich die Bühne. Eine Putzfrau wischt, redet ein bisschen und singt einen traurigen Gesang (Rosemary Hardy), der Sprecher wird zurückgezogen, eingebunden, in der Tiefe der Bühne tauchen Figuren auf, Frauen zunächst (Caroline Peters, Laura Sundermann, Julia Wieninger, Kathrin Wehlisch und die unglaubliche Lina Beckmann).

Die Spielenden bewegen sich im Pulk, vereinzeln sich, explodieren, singen, schweigen. Später: Eine lange Strecke steht ein Chor, der summt, ruft, singt, schreit, Sprache im Stakkato, in Melodie gefangen, wütend, traurig, ruhig (Leitung: Carsten Wüster). Kein Augenblick ist ohne Spannung. Der Text fließt, atmet und hämmert, nicht alles dringt ins Bewusstsein, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, das der Kern immer hindurch scheint, dass wir sehen und hören können und - verstehen. Die Einzelteile blinken in verschiedenen Farben, tauchen auf, verschwinden. Eine Stimme ertönt, sie kann nicht zum schweigen gebracht werden. Immer wieder taucht sie im Raum auf. Wo ist das Radio? Im Zuschauerraum? Dann mischt sich noch Frau Jelinek persönlich ein. Eine feine Sprachwanderung mit Susanne Barth (die Große) als Jelinek. Die Schauspieler versuchen ihr auszuweichen auf die andere Seite der Bühne. “Im Bus”, an der Tür im Parkett tauchen Krätzchensänger auf (Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka), ein heidnisches Dreigestirn, wahnsinnige Clowns, böse Onkels. Dann liegen Tote, eine Frau erkennt und beweint, schreit, heult und sagt unvermittelt zu einer Frau: “Du rauchst? Kannst Du bitte die Zigarette ausmachen?” Ein Mikrokosmos des Witzes der gesamten Inszenierung.

Nach der Pause, ich wurde bereits gewarnt, jetzt gehe es erst richtig los, werde ich doch ernüchtert. Wir Kölner sind schon beglückt, wenn die Katastrophe um das Stadtarchiv durch den Kakao, oder das Wasser gezogen wird. Schuld? Wasser und Erde treten höchstpersönlich auf, nackt, fast nackt, und ficken. Aber im Gegensatz zum ersten Teil, zu den beiden ersten Stücken, wechselt der Ton nicht mehr, die Ebenen des Erzählens, die Komik bleiben in Kalauern hängen, die Dynamik wird nur noch bestimmt von spritzendem Wasser, von schwimmenden Blättern, die Mittel - dann doch - fangen an, sich selbst zu genügen. Die ‘echten’ Zitate Kölner Politiker unterstreichen zwar noch einmal die Einfältigkeit oder Unverschämtheit, mit denen diese Politiker unsere Stadt der Korruption, der Erde, der Gewalt ausliefern, aber diese kabarettistischen Aktionen im Wasserschlamm bleiben flach.

Ich persönlich habe auch über Köln im ersten Teil alles erfahren. Im zweiten wird das noch einmal unterstrichen, bewässert, Ebene auf Ebene geschichtet. Aber gut. Und gut bleibt der Abend so oder so.

Dienstag, 29. März 2011

Grün, grün, grün


Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Zeitenwende, historischer Tag, Sensation! Leute! Habt ihr die letzten Jahre verschlafen?

Es kam wie es kommen musste. Schon lange zeichnete sich ab, dass die neue bürgerliche Mitte – sauber, nachhaltig und gesund, gut situiert und ausgebildet – eine Partei braucht. In Baden-Württemberg hat der Lehrer Kretschmann – nett, seriös, väterlich – das schwäbische Herz mit schwäbischen Sprüchen erobert. Was ist daran besonders, oder gar revolutionär? Jetzt wird er Landesvater.

Auf der grünen Wahlparty: Mädchen mit grünen Perücken, kreischende, hüpfende Frauen, die begeistert in die Hände klatschen, grüne Männer, die heulen, junge Grüne die trommeln (Samba) und die grünen Mädchen zum wippen bringen. Revolutionär? Die neue Kultur. Lange her: Die rauchenden, alten Männer mit Bier und Stiernacken. Der Mittelstand in Deutschland hat nichts mehr übrig für verkniffene Säcke, die Bahnhöfe, Atom und Demokratie mit Schlagstock und Wasserwerfer durchpeitschen. Sie wissen: Das weiche Wasser, das frei laufende Huhn, die Trillerpfeife im Mund – das ist das neue Deutschland.

Der Ordnungspolitiker, der kleinbürgerliche Wachstumshysteriker, oder gar der alte Nazi – die Zeiten sind vorbei. Die "Wählerinnen und Wähler" sitzen vor den Fernsehschirmen und sehen explodierende Atomreaktoren, Betreiber, die ständig lügen, verschleiern und sich dabei permanent entschuldigen. Gut, Japan ist weit weg, aber die Bilder brennen in den Köpfen. Seit Jahrzehnten heißt es: Die Technik ist sicher, zumindest im Westen. Alles Lüge. Zum wiederholten Male werden große Teile der Erde nachhaltig atomar verseucht mit unabsehbaren Folgen. Jetzt drückt sich die Erkenntnis auch im Wahlergebnis aus.

Die "ZEIT" hatte getitelt: "Keine Lügen mehr". Und alle nicken. Zeitenwende. Der Typus des verknöcherten Politikers, des Lügners, sollte abgewählt werden. Das wäre ein gutes Signal gewesen. Hat nicht ganz geklappt. Beck in Rheinland-Pfalz bleibt. Blass, fast wie seine eigene Wachsfigur, kann er sich doch noch halten, mit Hilfe der Grünen, die ihn leider stützen. Leider. Sie stützen eine dieser alten Figuren. Die CDU in Rheinland-Pfalz hat eine Neue, eine strahlende Siegerin, Julia Klöckner, die nicht nur als ehemalige Weinkönigin den Eindruck macht, auf der Sonnenseite zu stehen und ohne Schlagstock auszukommen. Diese Frau zeigt der CDU: Es ght auch anders. Sie hätte auch mit den Grünen gehen können, denn sie ist durchaus für die dauerhafte Stilllegung von Atommeilern. Nach der atomaren Laufzeitverlängerung ist nun allerdings jedes schwarz-grüne Vernunftprojekt vorerst unmöglich geworden. Ein schwerer Fehler von Frau Merkel, die sich mit diesem Kuhhandel zugunsten der Atom-Lobby den eigenen Weg, die CDU zu einer modernen Partei zu machen, vorerst verbaut hat. Außerdem: Sie hat die Zeitenwende nicht erkannt.

Frau Merkel hätte besser fernsehen sollen, dann wäre ihr aufgefallen: Wenn die modernen Heimatfilme mit schwedischem oder irischem Hintergrund ein Weltbild malen, dann ist es das grüne Weltbild, das Weltbild der frei laufenden Hühner, der Besserverdienenden, der bürgerlichen Mitte. Alle paar Tage zeigen uns die klebrigen Kitschfilme immer dieselben Geschichten: Da ist der Schnösel, der es natürlich übertreiben muss, der für GoldInvest zu Felde zieht, ein skrupelloser Immobilienhai, dieser Schnösel hat immer ein Blondie an der Seite, die sich vernachlässigt fühlt. Blondie hat sich folgerichtig bald schon in einen Wuschelkopf vom Öko-Institut verliebt, der sie auf sein Boot trägt, um mit ihr Kartoffeln zu schälen und Wein zu trinken. Er raubt ihr einen Kuss. Sie wehrt sich nicht. Sie werden beobachtet. Ihr Mann stellt sie. Er will eine Immobilie für sie kaufen. Aber Blondie sagt zum Noch-Ehemann, zum Anzugträger mit dem geldgierigen Blick, mitten am Strand, mitten in die Kamera hinein: Das mache ich nicht mit. Da werden doch tiefe Löcher in den Strand gegraben und dann ist doch die nachhaltige Geologie in Gefahr!

Ja, so reden sie, die Frauen, die ihren Ehemann los werden wollen, um flugs den neuen Wuschelkopf romantisch bemuttern zu können. Und den Strand retten zu können. Und die Romantik. Und die gehen dann los und wählen grün. Und ihre Zuschauerinnen und Zuschauer auch. So geht das. So sind die Grünen Volkspartei geworden. Also Frau Merkel, aufpassen. Sie haben doch schon viele 'alte' Männer in die Wüste geschickt, jetzt mussten Ihnen die Wählerinnen und Wähler zum ersten Mal helfen und den Mappus hinterher schicken.

Schießen Sie den Westerwelle ab, machen sie einen Wuschelkopf zum Minister (Guttenberg war auch kein 'neuer' Mann) und drehen sie den nächsten Film: "Angela Merkel: Das Glück ist grün!" Das wäre wahrhaft revolutionär. Übrigens: Wer in dieser Glosse die Smilies vermisst, muss selber schauen, wo der Ernst bleibt. Oder sollte der Ernst…

Gute Nacht.

Donnerstag, 24. März 2011

Mahagonny in der Kölner Oper

Es begann vielversprechend. Ein kleiner weißer Vorhang öffnet sich (die Brecht-Gardine), eine karge, tiefe, öde Landschaft mit einem halb aufragenden Schiffswrack wird sichtbar. Ein altes Auto mit Anhang rattert auf die Bühne und bleibt mit einem Knall in der Mitte liegen. Zwei Schreckgespenster, Fatty und der Dreieinigkeitsmoses (Martin Koch, Dennis Wilgenhof), absurde Figuren, wie dem Kabinett des surrealen Expressionismus entsprungen, finden, bis zur Küste ist es zu weit, zurück ist es zu weit, die Witwe Begbick (Dalia Schaechter: düster, schön, mit Kraft), steigt in den grauen Himmel, auf der angehängten Maschine tritt Technik in Form einer Hebebühne in Aktion, sie findet, man werde also bleiben und die 'Netzestadt' gründen: Mahagonny.

Und dann? Dann kommen die Frauen, die Haifische, die Jungens. Wenn Jim Mahony (Matthias Klink) sich langweilt, ist das sehr komisch, wenn Jenny (Regina Richter) singt "Denn wie man sich bettet so liegt man" dann ziehen mich Stimme und Präsenz, die Bedeutung des Gesungenen in den Bann. Seltene Sternminuten in einer Inszenierung (Katharina Thalbach), die Kapitel für Kapitel so dahin erzählt wird. Dynamik, Steigerungen: Fehlanzeige. Man steht in der Gegend herum. Im zweiten Teil, wir blicken in das schräge Schiff, in verrostete Kabinen, stehen die Männer an der Reling, tanzen die Frauen (Beinchen hier, Beinchen da), statische Bilder, die das Warten auf den Taifun nicht verkürzen und auch nicht spannender machen.

Der Inszenierung fehlt Kraft und eine Idee jenseits der 'Auftritt links - Abgang rechts'-Choreografie. Und dann links und rechts der Bühne - na, was? Genau. Projektionswände. Hier laufen die Bilder, denen die Bühne hinterher zu trauern scheint. Sollen wir nicht lieber einen Film sehen? Über die Arbeiter mit Koffern, während man beinahe verpasst, das auf der Bühne auch Arbeiter mit Koffern dem Ruf der Paradiesstadt folgen wollen. Hören wir, was sie singen? Tafeln, Bilder, das hätte dem Brecht gefallen, meint ein Kritiker. Dann flimmern noch die sattsam bekannten, schrecklichen Bilder des Tsunamis in Japan und zuckender halbtoter Tiere der Fleischverarbeitung über die Wände. Zum Thema Liebe sieht man Schattenrisse von Geschlechtsverkehr in wechselnden Positionen. In einer Kabine hockt düster die Frau mit Kind (Anne Simmering, schön sie wieder zu sehen), ständig wird unser Blick gelenkt und abgelenkt.

Dem Brecht hätten die Projektionen sicher NICHT gefallen, denn zwischen dem 'Verfremdungs-Effekt' und einer billigen Bebilderung (Massentierhaltung, Tsunami) liegen eben Welten. Warum glaubt die Regie des zeitgenössischen Theaters immer wieder dem Publikum das Zuhören, das Schauen und die Entdeckung der Bilder im Kopf unbedingt abnehmen zu müssen. Als Theaterschaffender sage ich: Mehr Vertrauen in die Kraft der Musik und in die Geschichte. Es gab mäßigen Applaus, der sich steigerte für die Sänger (zurecht) und für Frau Thalbach (schön sie wieder in Köln zu sehen).

Aus Szene X Jimmy: "Und gerade so ist der Mensch,/ Er will zerstören was da ist./ Wozu braucht es da einen Hurrikan?/ Was ist der Taifun an Schrecken/ Gegen den Menschen,/ wenn er seinen Spaß will?"

Und es bleibt die Essenz: Die Bedeutung des Geldes in unserer Zeit. Du darfst alles, aber wer kein Geld hat, wird zum Tode verurteilt. Genau.

Samstag, 19. Februar 2011

Karin Beier wechselt nach Hamburg

Ein Stadttheater braucht andere Mittel, als ein freies Theater. Ich weiß. Karin Beier glaubte, Sanierung von Schauspiel und Oper ist billiger als Neubau und rettet Geld für die Kunst - und irrte in beiden Punkten. Jetzt geht sie nach Hamburg. Ich weiß. Kölner Kulturpolitik bleibt Pappnasentheater. Eine ganze Bühne für das Schauspiel wird gestrichen, gegen alle Zusagen und das "weniger" bei der freien Kultur wird ganz eingespart. Ich weiß. So droht die kulturelle Wüste auf der einen Seite und die ewige Baustelle (daran haben wir uns ja fast schon gewöhnt) auf der anderen Seite. Bis das ganze schiefe Gebäude in das Kölner Loch rutscht.

Montag, 14. Februar 2011

Berlin - warum nicht?

Mein Freund Thomas Reis spielt seinen “Reisparteitag” in Berlin, im Mehringhoftheater. Also auf nach Berlin. Ist Jahre her. Hier sind die Leute noch lustiger. Sie stehen mitten im Programm des Kabarettisten auf. Weil sie in der ersten Reihe sitzen? Sie kommen auch wieder. Sie reden auch mit dem Künstler. Der wird nervös und geht mit einer Geste des Halsumdrehens auf die erste Reihe zu. Das Publikum applaudiert.
Ein Taxifahrer zeigt uns ungefragt das Geburtshaus von Marlene Dietrich und redet vom Verfall der Moral, weil die jungen Leute nicht mehr getauft sind.

In der Ständigen Vertretung (Kölsch in Berlin) ist Touristenauflauf. Ich habe mich hier mit Peter Raddatz (ehemals Hamburg, ehemals Köln, jetzt Opernstiftung Berlin) verabredet, endlich ein Wiedersehen. An die Wand gequetscht essen wir ‘Altkanzler-Menu’ und Matjes mit Bratkartoffeln. Alles lärmt und klappert. Peter ist hier in Berlin Ratgeber für Ehemalige und Zukünftige. Er spricht mit Menschen, die von der Kulturpolitik in Köln die Nase voll haben, er hört bis ins ferne Berlin, dass Kollegen auf mich sauer sind (es werden immer mehr), weil ich über das Kölner Theater schreibe wie ich schreibe. Bin ich ein Ehemaliger oder Zukünftiger? Nach einer Kopfschmerzattacke raus aus der drängenden Enge in den Regen. Mit Thomas noch eine heiße Suppe in einem Thailand Imbiss, hinter dessen Theke drei kleine Generationen Frauen kochen, kichern und schnattern.

Gegenüber der Gästewohnung in den verglasten Raucherraum einer kleinen Teppich-und-Holz-Kneipe wie aus den 80ern. Eine alte Frau mit grauem Pferdeschwanz bringt Bier und Tabak zum drehen an einen Tisch mit einem Jungen (rote, abstehende Haare) und einem Mädchen in Jeans mit vollen Lippen und müdem Blick, die auch aus den 80ern entsprungen scheinen. Schön ist das nicht. Also rüber in die Künstlerwohnung mit grün gestrichenen Türen und Nicaragua-Aufklebern. Die wird bald abgerissen für Eigentumswohnungen.
Der Fernseher zeigt auf allen Kanälen: einen schlechten Film (Clark Gable als Agent), also doch ins Bett.


Am nächsten Morgen Sonne. Berlin Mitte ist düster und kalt. Ich will Kaffee trinken im Café Einstein. Unter den Linden zieht eine kleine Demonstration mit roten Fahnen. Wie in den 80ern.
Der Potsdamer Platz ist ein unsäglicher Klotz mit überlebensgroßer Werbung. Die Berlinale ist eröffnet. Gerade hat mich Uwe Ochsenknecht beinahe umgerannt. Weg hier.

Demonstranten? Jetzt weiß ich warum. Mubarak ist endlich zurück getreten.
Die roten Fahnen sind von der “Linken” und der MLPD. Sonst nur ägyptische Fahnen. Vor dem Brandenburger Tor werden Reden gehalten. Auf arabisch. Der Redner schreit, schreit jeden Satz mit sich überschlagender Stimme. Am Schluss bricht die Menge in Allah-Rufe aus. Eine Frau mit schwäbischem Akzent ruft in höchsten Tönen ihre Solidarität in den Himmel. Ein paar Pfiffe. Sie ist Abgeordnete der “Linken” und fordert etwas von der Bundesregierung. Männer sprechen aufgeregt in Handys. Ich verstehe nur noch Mubarak.
In Ägypten hat sich das Militär vom Militär die Macht geholt.
Ich geh gleich ins Theater. Heute Mittag hat Thomas noch eine Pointe entworfen: Der Unterschied zwischen Mubarak und Westerwelle? Ich sage: Beide weigern sich zurück zu treten. Er sagt: Dem Mubarak hört man noch zu. Blöd und - Schnee von gestern. Auf der Bühne heißt es dann: Mubarak hatte ein Einsehen mit uns. Die Vorstellung ist gut. Sie atmet. Thomas ist charmant, beweglich, scharf. Bestes politisches Kabarett. Wo gibt es das noch?

Berlin Hauptbahnhof, Gleis 13. Der Zug wird in Hamm geteilt. Düsseldorf oder Köln? Keine Frage. Abschnitt E. Ich erwische den Speisewagen, nein - das Bord Bistro und versuche meinen Mantel aufzuhängen. Hinter mir ein schmaler Herr sagt: Kleine Leute wollen auch leben. Der Herr bestellt Bio Hähnchen und telefoniert mit der Chefredaktion. Es ist Rafael Seligmann, der spricht. Er möchte einen Artikel schreiben über die arabischen Länder: Wer fällt als nächstes, oder so ähnlich. Er findet, sie (er und andere) haben Recht gehabt mit Ägypten und dem Militär. Eine ältere Frau am Nebentisch hat ein Pappschild auf dem Tisch entdeckt. “Bitte verzichten Sie auf den Gebrauch von Handy und Laptop. Die Gäste werden es Ihnen danken.”. Aufgeregt zeigt sie dem Tischnachbarn von Seligmann die Pappe und wippt mit dem Kopf: Bitte zeigen Sie dem Herren dieses Schild, sagt sie, während Seligmann aus dem Fenster schaut und leise mit der Chefredaktion redet: Wieviel Zeilen? Der Tischnachbar fragt, was die Frau wolle. Er versteht nicht oder will nicht glauben, was sie da sagt. Die Frau winkt immer heftiger mit der Pappe. Sie trägt eine braune Wetterweste, oder wie immer das Teil heißt, darunter einen hellbraunen Pullover aus dessen Ausschnitt ein Unterhemd heraus schaut. Langes braunes Haar, ein mächtiger, faltiger Hals und ein schnabelartiger Mund. Unter den hochgezogenen Augenbrauen sitzt eine rotgerandete Lesebrille.
Der Tischnachbar meint: Der Herr spricht doch nur. NEIN! Der telefoniert! Die Frau wird hysterisch. Der Tischnachbar sagt leise: Das ist hier kein Schweigewagen.
Empört wendet sich die Frau ab. Der Kopf wackelt hinterher. Sie schlägt ein dickes Buch auf. “Das Buch des Teufels”. Die Brauen steigen noch höher. Stirnfalten bis zum niedrigen Haaransatz. Sie liest angestrengt. “Das Buch des Teufels” ist von einem gewissen C. J. Sansom, ein Dicke-Bücher-Autor für Frauen, die sich aufregen wollen.

Der Schaffner kontrolliert. Ein Herr hat zwar eine Fahrkarte, aber die falsche Legitimation. Andere Dokumente beweisen seine Identität, aber das angegebene liegt nicht vor. Der Schaffner hat seine Vorschriften und lässt sich nicht umstimmen. Er muss Meldung machen.
Am Nebentisch höre ich den Satz: Ich habe nur Anweisungen befolgt, während Seligmann lächelt und den Kopf schüttelt.

Das sonnige Berlin liegt hinter uns. Ich schaue aus dem Fenster. Es schneit.
Seligmann ist ausgestiegen. Die Frau mit dem dicken Hals ist verschwunden. Nach einer Weile taucht sie wieder auf, verfolgt vom Schaffner. Sie dreht sich abrupt um und sagt: lassen Sie mich doch endlich in Ruhe. Der Schaffner murmelt etwas, sie lacht laut auf, dann läuft sie hinaus. Sofort kommt sie wieder, wirft unwillig ihre Sachen, Rucksack, Jacken auf einen Sitz und - telefoniert.
Ich habe das Recht meine Rechte durchzusetzen, scheint sie zu denken. Ihr Gesicht ist blass, fast gelb.
Ich schaue aus dem Fenster. Der Schnee ist verschwunden. Wir nähern uns Köln.

Sonntag, 6. Februar 2011

Sonntag, 16. Januar 2011

"Kirschgarten" im 'Theater des Jahres'

Nach der Premiere im Kölner Schauspielhaus konnte ich mich noch nicht sofort entscheiden, was ich schrecklicher fand: wieder einmal ansehen zu müssen, wie ein gutes Stück zugrunde gerichtet werden muss, diesmal von der Regisseurin Karin Henkel, oder das jubelnde, johlende Publikum, das sich als Publikum des Theaters des Jahres offenbar selbst zu feiern scheint und das auch zwischendurch meinte etwas zu lachen zu haben.

Die Inszenierung ist albern, langweilig, langatmig, ohne Pause. Meist wird gehüpft, getanzt, es reiht sich eine Clownsnummer an die andere, manche für sich genommen, durchaus komisch, es werden lebendige Puppen durch die Gegend getragen, Diener umgeworfen, Frauen geschubst, man läuft ununterbrochen um eine kleine Drehbühne, auf der Musiker Posaune und Schlagzeug bearbeiten.

Dazwischen wird Tschechowscher Text abgesondert, weggeschleudert, in den Alltag gezerrt, geschrieen oder in Endlosschleifen wiederholt (irgendwann einmal muss mir jemand erklären, wieso im zeitgenössischen Theater dieser Zwang zu Endlosschleifen herrscht). Die Schauspielerinnen schütteln ihr Haar, spielen Gitarre auf einem Gewehr (lustig), die Schauspieler kriechen, rutschen oder fallen im schwarzen Sand (akrobatisch, symbolisch). Die ganze Welt ein Zirkus, eine Manege (tolle Idee!). In dieser Arena also wird der Kirschgarten über zwei Stunden lang totgeritten, jede Zäsur füllt sich automatisch mit: "Lasst uns tanzen", dann erklingen wieder Posaune und Schagzeug, die Darsteller hüpfen und traben wieder minutenlang um die Drehbühne, oder posieren darauf.

Die Ranjewskaja sagt: Hier ist mein Sohn ertrunken und die Schauspielerin macht "uuä!" und steckt die Zunge heraus. Das sieht nicht nur nach der Reaktion einer Figur aus, die außer hypernervös zu rauchen, nicht viel zu bieten hat und sich nun vor diesem Gedanken ekelt, sondern diese Geste scheint programmatisch: Bloß keine Emotion. Und in der Tat, das gelingt. Keine der Figuren hat auch nur ein Mindestmaß an Tiefe.

Lasst uns tanzen. Das Publikum in der ersten Reihe muss die Augen schließen, wegen des umherfliegenden Sandes und dem spritzenden Wasser aus Plasikbechern (Wodka?). Was ist den jungen Frauen durch den Kopf gegangen bei einer Flasche Wein, in der Nacht, als das Konzept 'Kirschgarten' entstand? Die Gesellschaft feiert sich zu Tode, oberflächlich, blind, kalt, hysterisch? (Tolle Idee!). Und so wird die Inszenierung oberflächlich, kalt und hysterisch (Toll!).

Ausnahme: Charly Hübner als Lopachin ist wach, stark, differenziert. Er erzählt die Geschichte, eine Geschichte, die das Leben verändern wird, eine Geschichte, der auf der Bühne keiner zuhören will. Er könnte das Stück alleine tragen. Das ewige feiern, durcheinandersprechen und übereinander fallen könnte man sich sparen oder (zeitgenössisches Theater), über Leinwände einflimmern lassen. Überschreien, fragmentieren, austoben - warum hat das Team ausgerechnet die Videoprojektionen vergessen?

Tschechow meinte eine Komödie geschrieben zu haben, aber die Kölner Clownerie zeigt uns mit großem Ernst, dass er es anders gemeint haben muss. Von der Leichtigkeit des Kirschgartens, von der zarten Naivität, der Lust am Niedergang, von der Sehnsucht nach der verlorenen Zeit, nichts davon ist zu sehen. Auch Tschechow kann irren, also: Lasst uns tanzen.

Nach einem solchen Abend fehlt mir am Ende die Kraft 'Buh' zu rufen, oder mit Kollegen noch einen Wein zu trinken. Von einem Kirschgarten in Köln auf Planken, von Figuren, die mit suchenden, unsicheren Schritten sich über Zwischenräume bewegen, vom leisen Zauber einer Inszenierung, die ich vor sehr vielen Jahren gesehen habe, davon werden die Bilder bleiben. Gott sei Dank. Den gestrigen Abend werde ich vergessen.

Sonntag, 9. Januar 2011

"Wutbürger" - Die Kultur des Reflexes

Der Wutbürger ist wütend wenn er nicht wütend sein darf. Der Wutbürger ist wütend, wenn er so genannt wird oder wenn er nicht verstanden wird, oder seine allzu berechtigte Wut Kritik erfährt. Ich bin auch schon wütend. Der Begriff 'Wutbürger' ist nun auch noch Wort des Jahres 2010 geworden ist. Das verleidet mir fast, dieses Wort überhaupt noch zu verwenden, denn es kennzeichnet einen allgemeinen Trend, die Welt besteht nur noch aus Trends, Äußerungen einer aktiven Minderheit aus der Mitte der schweigenden Mehrheit, die sich so direkt einbringen kann. Durch Entsetzen, Betroffenheit, Tränen, Wut. Wut ist zum Ersatz geworden. Zum Ersatz für eine geordnete Spielart der Demokratie. Die repräsentative Demokratie scheint nicht mehr zu funktionieren. Der Wutbürger sieht sie nur noch als korruptes Anhängsel der Finanz- und Großprojekte-Industrie, einer Politik, die Menschlichkeit und 'Nachhaltigkeit' (Wort des Jahres für grüne Wutbürger) mit Füßen treten. Eine neue Erkenntnis?

Bewegung. Die neue Bürgerbewegung ist heilig. Sie bewegt sich. Neue Montagsdemos, Mahnwachen, Blockaden, Straßenproteste. Der Wutbürger bewegt sich. Das allein gibt ihm Recht.

Wer hat denn Recht? In der Tat kann nicht alles in Stein gemeißelt bleiben, was ein Parlament einmal beschlossen hat. Fragen sind berechtigt. Ein Umdenken ist möglich. Der Diskurs muss öffentlich und gründlich geführt werden. Auseinandersetzung braucht Differenzierung und Differenzierung braucht Polemik, Zuspitzung, Satire, um Widerspruch zu wecken, um eine Auseinandersetzung in Gang zu bringen, um die Verhältnisse zum Tanzen zu bringen. Satire? Witz? Schwierig, wenn es um Moral geht.

Moral, Sparzwang, das Gute an sich - siehe da, wir leben schon wieder in einer Welt, in der das 'Gute' gegen das 'Böse' kämpft, der Ungläubige um sein Leben fürchten muss, eine Karikatur Brände und Mordanschläge auslöst, wenigstens aber, wie hier bei uns, sitzt ganz Deutschland "auf dem Sofa und nimmt übel", wie schon Tucholsky treffend beobachtete. Ausnahme: Der Comedy-Dummbeutel, der über Frauen und Schuhe lallt, erfreut sich allseits Beliebtheit. Ich bin ja blöd.


Wer ist nun aber dieser Wutbürger, oder besser: die kultivierte Dame, die noch nie gegen Krieg protestiert hat, aber jetzt gegen einen Bahnhof auf die Straße geht? Wer ist der Rentner, der den Bauzaun niederreißen will, sich aber sein Leben lang hinter seinem Gartenzaun verschanzt? Der Wutbürger ist der in Wut geratene Leisetreter. Genau derjenige, der sich immer auf den Gang der Dinge verlassen hat und sich jetzt verlassen fühlt. Der sich nie einmischen wollte und jetzt um sich schlägt. Der nur einen neuen Sinn im Leben findet, wenn er Geld spart, Energie spart, sich selbst erneuerbar und nachhaltig fühlt. Es geht um seine Sicherheit, seine Bäume und seine alten Bahnhöfe. Und die Freiheit. Was aber ist Freiheit? Er hält ja schon jeden Info-Müll für Journalismus, Veröffentlichung für Aufklärung und Wut für Rebellion. Wenn die Begriffe verschwimmen, bleibt ein Begriff übrig: Moral. Darüber darf es keine zwei Meinungen geben. Wer also für einen teuren Neubau ist, kann nur unmoralisch sein, denn er will Altbewährtes zerstören und Geld zum Fernster hinaus werfen.

Den Begriff “Wutbürger” hat als erstes Magazin der “Spiegel” öffentlich gemacht zur Beschreibung eben des Bürgers, der sich nur noch ohnmächtig-wütend fühlen kann, weil er nie etwas anderes gelernt hat. In der Mehrheit, aber ohne dass jemand auf ihn hört. Das macht unlustig. Die Politik ist korrupt, die Banken verzocken das Geld und der Bürger zahlt die Zeche. Deshalb, soweit ist die Beobachtung richtig, liegen Wut auf Griechenland, Wut auf Banken, Wut gegen Kopftücher und Wut gegen Großprojekte so nah beieinander. In einem “Zeit”-Kommentar wird dem “Wutbürger” reaktionäre Gesinnung bescheinigt.

In regelmäßigen Abständen lesen wir in großen Buchstaben: Bürger-Wut gegen zu hohe Benzinpreise. Wut ist leicht herzustellen und leicht zu lenken. Für welche Zwecke, gegen was oder wen? Solange Wut ein Reflex bleibt, weil Unzufriedenheit ein Ventil braucht, solange bleiben solche Emotionen eine Gefahrenquelle. Von Simplifizierung zu Dummheit ist es dann oft nur noch ein kleiner Schritt zu Verachtung und Gewalt. Die Einfalt der Wut treibt schon jetzt merkwürdige Blüten: Am Bauzaun in Stuttgart hing tatsächlich ein Transparent mit der Aufschrift: “Platz des himmlischen Friedens”. Wir leben nicht in China, Gott sei Dank. Auch nicht in Russland oder Italien. Eine Debatte ist möglich.

Ein wohltuender Prozess war in diesem Zusammenhang die Schlichtung zu Stuttgart 21, die Heiner Geißler wirklich klug zu einem Forum gemacht hat, in dem tatsächlich Konzepte und Argumente bis ins Kleinste erklärt werden mussten. Schon sank die Wut gegen Null, das Verständnis und das Interesse am Gegenstand nahm zu. Das ist Demokratie. Das heißt nicht, dass Wut nicht legitim sein kann, als Ergebnis einer Empörung etwa gegen Gewalt oder Ungerechtigkeit. ‘Bild macht dumm’ wäre nach wie vor ein richtiger Satz, ein richtiger Anlass für Aufruhr. Aber davon sind wir weit entfernt. Ein Sturm auf das Springer-Hochhaus ist nicht geplant. Schauspieler, Intellektuelle, Feministinnen machen heute Werbung FÜR Bild.

Ich selbst bin auch ein Wutbürger, mich macht Einfalt wütend, die Gleichgültigkeit, der Fernseh-Kitsch, gewaltbereite Angehörige aus so genannten bildungsfernen Haushalten, quiekende Tussis, deutscher Pop, Trantüten-Theater und so weiter und so fort. Die nassforschen Gäste in Talkshows haben es mir besonders angetan. Da gibt es den FDP-Abgeordneten, der bei Maybritt Illner im ZDF süffig anmerkt, wenn der Bürger gegen den Ausbau von Infrastruktur sei, dann müsse er auch konsequent sein und ganz aussteigen, mit ein paar Zotteltieren auf der Alm und mit Holz die Hütte heizen. Da bekomme ich die Wut und denke an die dämlichen Sprüche der Atomindustrie aus den frühen Jahren: “Atomkraftgegner überwintern bei Kerzenlicht und kaltem Hintern” kurz bevor der für absolut unmöglich gehaltene Super-Gau eintrat und eine undenkbare Kernschmelze Radioaktivität über ganz Europa trug. Wenn die von mir durchaus geschätzte Bundeskanzlerin vor diesem Hintergrund die Laufzeitverlängerung zulässt, dann denke ich an den guten Satz: “Wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht”. Der Widerstand damals war massenhaft, er war das Ergebnis langer Prozesse, umfassender Analysen. Er hatte Perspektiven und die Idee eines neuen Denkens jenseits von Mauern und Gartenzäunen und dieser Widerstand hat selbst die Politik beeinflusst, weil auch Politiker noch denken konnten. Dass es Politiker trotz Erkenntnis an Vernunft fehlen lassen, macht in der Tat wütend.

Das Problem aber ist vor allem - nicht nur Politiker, alle Mitglieder sozialer Gruppen: Bürgertum und Hartz IV, Bild-Leser und Muslime, Christen und Atheisten, Bauern und Studenten, Mitglieder multipler Parallelwelten, die sich nicht einmal mehr im Unendlichen treffen, reagieren nur noch per Reflex auf jede Meldung, jede Mail, jedes Projekt, jedes Gerücht, jeden Daten-Kick. Diese Reflexe werden dann gemessen und danach richten sich dann Politik, TV, Industrie und Netz.

Deshalb funktioniert unser Wutbürger-Staat ganz im Sinne ihrer Erfinder. Russland oder der Iran sollten sich ein Beispiel nehmen. Dann brauchen sie keine Journalisten mehr tot zu schlagen, keine Oppositionellen einzusperren.

Noch etwas. Freunde haben mich gewarnt: Weiter auf einem Blog zu schreiben, zum Thema Köln, zum Thema Schauspielhaus, sei nicht klug. Ich solle mich nicht wundern, wenn es Schwierigkeiten gäbe, wenn ich Leute wütend machen würde. Ich wundere mich nicht mehr. Ich schreibe einfach was ich denke. Und werde hier noch nicht dafür verhaftet. Wissen Sie übrigens, welche Blogs die meisten Zugriffe haben? Die, in denen Schauspielerinnen schreiben: Hier meine neusten Fotos. Gute Nacht, liebe Leserin, lieber Leser. Und nichts für Ungut.

Rose Theegarten spielt Andy Warhol

Wer ist Andy Warhol? Ein Künstler. Einige wissen das. Noch. Auch das Ensemble “Rose Theegarten”, einer freien Theatergruppe von sehr verschiedenen, guten, witzigen und netten Schauspielerinnen und Schauspielern. (Claudia Holzapfel, Bettina Muckenhaupt, Charles Ripley, Thomas Wenzel, Andreas Debatin an der E-Gitarre).

Das soll Kunst sein? Das soll Theater sein? Das wird Theater. Die Gruppe, jeder Einzelne, nähern sich der Figur Warhol - und sich selbst. Es wird gespielt. Miteinander, Warhol wird kopiert, geht in Serie, verwandelt sich. Von seinem Charakter, seinen Schritten, seinen Schablonen wird abgeschaut aus Filmen, angeeignet, abgestoßen, probiert. Dabei werden Warhol und seine Kunst auf der Bühne nicht denunziert, obwohl manch einer im Publikum das sicher gerne hätte, lieber seine Vorurteile bestätigt wissen will. So ist es eben, das Publikum. Die Schauspieler lassen sich nicht beirren, nicht von den Zuschauern, oder von Andy oder von sich selbst. Sie gehen auf die Suche.

Ein wirklich genial-einfacher Beginn. Alle vier sitzen nebeneinander am Tisch und essen einen Hamburger vom Auspacken bis zum bitteren Ende, synchron, genau, von den Geräuschen bis zu den Gesten, sie spielen den Film nach “ANDY WARHOL JUST FINISHED EATING A HAMBURGER”.

Zeit und Vervierfachung gleich Komik. Sehr konzentriertes Bild, eine Veränderung durch Verwandlung von Film zu Bühne. Die Abbildung, das Dokument wird vervielfältigt und dabei von der Reproduktion zurück ins Leben geworfen. Folgerichtig wird dann über Theater gesprochen, über die Schwierigkeiten dieses Stück zu machen. Die Schauspieler stellen sich vor, vier halbe Wochen Proben, das Stück sei etwas kurz geraten. Man wolle jetzt diskutieren. Was später selbstredend niemand im Publikum mitmacht, trotz Aufforderung. In den 60ern wäre das undenkbar gewesen. Auch hier ist die Differenz sichtbar. Zwischen damals und heute, Publikum und Bühne, Wirklichkeit und Inszenierung. Wenzel stellt sich vor und spricht darüber, dass er sich maßlos ärgert über die Kölner Kulturpolitik, aber das gehöre nicht hier her. Schöner lässt sich das kaum sagen. Wirklichkeit, Rolle, Klischee?

Jeder denkt sich seinen Teil und mancher weiß Bescheid. Es sitzen Kollegen im Raum. Ich muss lachen über Momente inszenierter Normalität. Dann lösen sich die Figuren und die Annäherung an den Gegenstand, den Gang, den Menschen, die Ikone, seine Interviews, seine Kunst, schreitet fort. Jeder Schauspieler findet oder verfehlt in einem Monolog, Wutausbruch (Ripley, der dem Idol ähnlich sieht), oder einer Geschichte, seinen Weg Richtung Warhol. Authentisch und erzählerisch, dennoch in eine Rolle gefasst. Wenzel spielt Wenzel und erzählt von einer Messerattacke. Das Verbindungsstück zu Warhol, der durch ein Attentat fast identische Wunden davon getragen hat, fotografisch dokumentiert und den Zuschauern enthüllt.

Eine Kamera steht und ein Monitor zeigt den anderen Winkel. Es werden Songs gesungen (Velvet Underground), einfach so. Dann wieder ein Fünfminüter aus dem Film “Trash”. Eine von drei schrillen Szenen. Die Holzapfel und die Muckenhaupt spielen eine irrwitzige Karikatur in Farbe, mit viel Lust gezeichnet. Da kann alles passieren. Auch die Eieruhr in Form einer Tomate tut es nicht mehr. Fünf Minuten Trash? Es ist mehr.

Hat das Stück Längen? Vielleicht. Es verlässt nicht seine Abfolge an Stationen. Es wird nicht langweilig. Es gibt zu sehen, zu lachen, es macht Spaß das Ensemble beim singen und spielen zu beobachten. Das ist mehr als genug. Das ist unser Verbindungsstück zum Ensemble und zu Andy Warhol.

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.