Sonntag, 16. Januar 2011

"Kirschgarten" im 'Theater des Jahres'

Nach der Premiere im Kölner Schauspielhaus konnte ich mich noch nicht sofort entscheiden, was ich schrecklicher fand: wieder einmal ansehen zu müssen, wie ein gutes Stück zugrunde gerichtet werden muss, diesmal von der Regisseurin Karin Henkel, oder das jubelnde, johlende Publikum, das sich als Publikum des Theaters des Jahres offenbar selbst zu feiern scheint und das auch zwischendurch meinte etwas zu lachen zu haben.

Die Inszenierung ist albern, langweilig, langatmig, ohne Pause. Meist wird gehüpft, getanzt, es reiht sich eine Clownsnummer an die andere, manche für sich genommen, durchaus komisch, es werden lebendige Puppen durch die Gegend getragen, Diener umgeworfen, Frauen geschubst, man läuft ununterbrochen um eine kleine Drehbühne, auf der Musiker Posaune und Schlagzeug bearbeiten.

Dazwischen wird Tschechowscher Text abgesondert, weggeschleudert, in den Alltag gezerrt, geschrieen oder in Endlosschleifen wiederholt (irgendwann einmal muss mir jemand erklären, wieso im zeitgenössischen Theater dieser Zwang zu Endlosschleifen herrscht). Die Schauspielerinnen schütteln ihr Haar, spielen Gitarre auf einem Gewehr (lustig), die Schauspieler kriechen, rutschen oder fallen im schwarzen Sand (akrobatisch, symbolisch). Die ganze Welt ein Zirkus, eine Manege (tolle Idee!). In dieser Arena also wird der Kirschgarten über zwei Stunden lang totgeritten, jede Zäsur füllt sich automatisch mit: "Lasst uns tanzen", dann erklingen wieder Posaune und Schagzeug, die Darsteller hüpfen und traben wieder minutenlang um die Drehbühne, oder posieren darauf.

Die Ranjewskaja sagt: Hier ist mein Sohn ertrunken und die Schauspielerin macht "uuä!" und steckt die Zunge heraus. Das sieht nicht nur nach der Reaktion einer Figur aus, die außer hypernervös zu rauchen, nicht viel zu bieten hat und sich nun vor diesem Gedanken ekelt, sondern diese Geste scheint programmatisch: Bloß keine Emotion. Und in der Tat, das gelingt. Keine der Figuren hat auch nur ein Mindestmaß an Tiefe.

Lasst uns tanzen. Das Publikum in der ersten Reihe muss die Augen schließen, wegen des umherfliegenden Sandes und dem spritzenden Wasser aus Plasikbechern (Wodka?). Was ist den jungen Frauen durch den Kopf gegangen bei einer Flasche Wein, in der Nacht, als das Konzept 'Kirschgarten' entstand? Die Gesellschaft feiert sich zu Tode, oberflächlich, blind, kalt, hysterisch? (Tolle Idee!). Und so wird die Inszenierung oberflächlich, kalt und hysterisch (Toll!).

Ausnahme: Charly Hübner als Lopachin ist wach, stark, differenziert. Er erzählt die Geschichte, eine Geschichte, die das Leben verändern wird, eine Geschichte, der auf der Bühne keiner zuhören will. Er könnte das Stück alleine tragen. Das ewige feiern, durcheinandersprechen und übereinander fallen könnte man sich sparen oder (zeitgenössisches Theater), über Leinwände einflimmern lassen. Überschreien, fragmentieren, austoben - warum hat das Team ausgerechnet die Videoprojektionen vergessen?

Tschechow meinte eine Komödie geschrieben zu haben, aber die Kölner Clownerie zeigt uns mit großem Ernst, dass er es anders gemeint haben muss. Von der Leichtigkeit des Kirschgartens, von der zarten Naivität, der Lust am Niedergang, von der Sehnsucht nach der verlorenen Zeit, nichts davon ist zu sehen. Auch Tschechow kann irren, also: Lasst uns tanzen.

Nach einem solchen Abend fehlt mir am Ende die Kraft 'Buh' zu rufen, oder mit Kollegen noch einen Wein zu trinken. Von einem Kirschgarten in Köln auf Planken, von Figuren, die mit suchenden, unsicheren Schritten sich über Zwischenräume bewegen, vom leisen Zauber einer Inszenierung, die ich vor sehr vielen Jahren gesehen habe, davon werden die Bilder bleiben. Gott sei Dank. Den gestrigen Abend werde ich vergessen.

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