Samstag, 19. Februar 2011

Karin Beier wechselt nach Hamburg

Ein Stadttheater braucht andere Mittel, als ein freies Theater. Ich weiß. Karin Beier glaubte, Sanierung von Schauspiel und Oper ist billiger als Neubau und rettet Geld für die Kunst - und irrte in beiden Punkten. Jetzt geht sie nach Hamburg. Ich weiß. Kölner Kulturpolitik bleibt Pappnasentheater. Eine ganze Bühne für das Schauspiel wird gestrichen, gegen alle Zusagen und das "weniger" bei der freien Kultur wird ganz eingespart. Ich weiß. So droht die kulturelle Wüste auf der einen Seite und die ewige Baustelle (daran haben wir uns ja fast schon gewöhnt) auf der anderen Seite. Bis das ganze schiefe Gebäude in das Kölner Loch rutscht.

Montag, 14. Februar 2011

Berlin - warum nicht?

Mein Freund Thomas Reis spielt seinen “Reisparteitag” in Berlin, im Mehringhoftheater. Also auf nach Berlin. Ist Jahre her. Hier sind die Leute noch lustiger. Sie stehen mitten im Programm des Kabarettisten auf. Weil sie in der ersten Reihe sitzen? Sie kommen auch wieder. Sie reden auch mit dem Künstler. Der wird nervös und geht mit einer Geste des Halsumdrehens auf die erste Reihe zu. Das Publikum applaudiert.
Ein Taxifahrer zeigt uns ungefragt das Geburtshaus von Marlene Dietrich und redet vom Verfall der Moral, weil die jungen Leute nicht mehr getauft sind.

In der Ständigen Vertretung (Kölsch in Berlin) ist Touristenauflauf. Ich habe mich hier mit Peter Raddatz (ehemals Hamburg, ehemals Köln, jetzt Opernstiftung Berlin) verabredet, endlich ein Wiedersehen. An die Wand gequetscht essen wir ‘Altkanzler-Menu’ und Matjes mit Bratkartoffeln. Alles lärmt und klappert. Peter ist hier in Berlin Ratgeber für Ehemalige und Zukünftige. Er spricht mit Menschen, die von der Kulturpolitik in Köln die Nase voll haben, er hört bis ins ferne Berlin, dass Kollegen auf mich sauer sind (es werden immer mehr), weil ich über das Kölner Theater schreibe wie ich schreibe. Bin ich ein Ehemaliger oder Zukünftiger? Nach einer Kopfschmerzattacke raus aus der drängenden Enge in den Regen. Mit Thomas noch eine heiße Suppe in einem Thailand Imbiss, hinter dessen Theke drei kleine Generationen Frauen kochen, kichern und schnattern.

Gegenüber der Gästewohnung in den verglasten Raucherraum einer kleinen Teppich-und-Holz-Kneipe wie aus den 80ern. Eine alte Frau mit grauem Pferdeschwanz bringt Bier und Tabak zum drehen an einen Tisch mit einem Jungen (rote, abstehende Haare) und einem Mädchen in Jeans mit vollen Lippen und müdem Blick, die auch aus den 80ern entsprungen scheinen. Schön ist das nicht. Also rüber in die Künstlerwohnung mit grün gestrichenen Türen und Nicaragua-Aufklebern. Die wird bald abgerissen für Eigentumswohnungen.
Der Fernseher zeigt auf allen Kanälen: einen schlechten Film (Clark Gable als Agent), also doch ins Bett.


Am nächsten Morgen Sonne. Berlin Mitte ist düster und kalt. Ich will Kaffee trinken im Café Einstein. Unter den Linden zieht eine kleine Demonstration mit roten Fahnen. Wie in den 80ern.
Der Potsdamer Platz ist ein unsäglicher Klotz mit überlebensgroßer Werbung. Die Berlinale ist eröffnet. Gerade hat mich Uwe Ochsenknecht beinahe umgerannt. Weg hier.

Demonstranten? Jetzt weiß ich warum. Mubarak ist endlich zurück getreten.
Die roten Fahnen sind von der “Linken” und der MLPD. Sonst nur ägyptische Fahnen. Vor dem Brandenburger Tor werden Reden gehalten. Auf arabisch. Der Redner schreit, schreit jeden Satz mit sich überschlagender Stimme. Am Schluss bricht die Menge in Allah-Rufe aus. Eine Frau mit schwäbischem Akzent ruft in höchsten Tönen ihre Solidarität in den Himmel. Ein paar Pfiffe. Sie ist Abgeordnete der “Linken” und fordert etwas von der Bundesregierung. Männer sprechen aufgeregt in Handys. Ich verstehe nur noch Mubarak.
In Ägypten hat sich das Militär vom Militär die Macht geholt.
Ich geh gleich ins Theater. Heute Mittag hat Thomas noch eine Pointe entworfen: Der Unterschied zwischen Mubarak und Westerwelle? Ich sage: Beide weigern sich zurück zu treten. Er sagt: Dem Mubarak hört man noch zu. Blöd und - Schnee von gestern. Auf der Bühne heißt es dann: Mubarak hatte ein Einsehen mit uns. Die Vorstellung ist gut. Sie atmet. Thomas ist charmant, beweglich, scharf. Bestes politisches Kabarett. Wo gibt es das noch?

Berlin Hauptbahnhof, Gleis 13. Der Zug wird in Hamm geteilt. Düsseldorf oder Köln? Keine Frage. Abschnitt E. Ich erwische den Speisewagen, nein - das Bord Bistro und versuche meinen Mantel aufzuhängen. Hinter mir ein schmaler Herr sagt: Kleine Leute wollen auch leben. Der Herr bestellt Bio Hähnchen und telefoniert mit der Chefredaktion. Es ist Rafael Seligmann, der spricht. Er möchte einen Artikel schreiben über die arabischen Länder: Wer fällt als nächstes, oder so ähnlich. Er findet, sie (er und andere) haben Recht gehabt mit Ägypten und dem Militär. Eine ältere Frau am Nebentisch hat ein Pappschild auf dem Tisch entdeckt. “Bitte verzichten Sie auf den Gebrauch von Handy und Laptop. Die Gäste werden es Ihnen danken.”. Aufgeregt zeigt sie dem Tischnachbarn von Seligmann die Pappe und wippt mit dem Kopf: Bitte zeigen Sie dem Herren dieses Schild, sagt sie, während Seligmann aus dem Fenster schaut und leise mit der Chefredaktion redet: Wieviel Zeilen? Der Tischnachbar fragt, was die Frau wolle. Er versteht nicht oder will nicht glauben, was sie da sagt. Die Frau winkt immer heftiger mit der Pappe. Sie trägt eine braune Wetterweste, oder wie immer das Teil heißt, darunter einen hellbraunen Pullover aus dessen Ausschnitt ein Unterhemd heraus schaut. Langes braunes Haar, ein mächtiger, faltiger Hals und ein schnabelartiger Mund. Unter den hochgezogenen Augenbrauen sitzt eine rotgerandete Lesebrille.
Der Tischnachbar meint: Der Herr spricht doch nur. NEIN! Der telefoniert! Die Frau wird hysterisch. Der Tischnachbar sagt leise: Das ist hier kein Schweigewagen.
Empört wendet sich die Frau ab. Der Kopf wackelt hinterher. Sie schlägt ein dickes Buch auf. “Das Buch des Teufels”. Die Brauen steigen noch höher. Stirnfalten bis zum niedrigen Haaransatz. Sie liest angestrengt. “Das Buch des Teufels” ist von einem gewissen C. J. Sansom, ein Dicke-Bücher-Autor für Frauen, die sich aufregen wollen.

Der Schaffner kontrolliert. Ein Herr hat zwar eine Fahrkarte, aber die falsche Legitimation. Andere Dokumente beweisen seine Identität, aber das angegebene liegt nicht vor. Der Schaffner hat seine Vorschriften und lässt sich nicht umstimmen. Er muss Meldung machen.
Am Nebentisch höre ich den Satz: Ich habe nur Anweisungen befolgt, während Seligmann lächelt und den Kopf schüttelt.

Das sonnige Berlin liegt hinter uns. Ich schaue aus dem Fenster. Es schneit.
Seligmann ist ausgestiegen. Die Frau mit dem dicken Hals ist verschwunden. Nach einer Weile taucht sie wieder auf, verfolgt vom Schaffner. Sie dreht sich abrupt um und sagt: lassen Sie mich doch endlich in Ruhe. Der Schaffner murmelt etwas, sie lacht laut auf, dann läuft sie hinaus. Sofort kommt sie wieder, wirft unwillig ihre Sachen, Rucksack, Jacken auf einen Sitz und - telefoniert.
Ich habe das Recht meine Rechte durchzusetzen, scheint sie zu denken. Ihr Gesicht ist blass, fast gelb.
Ich schaue aus dem Fenster. Der Schnee ist verschwunden. Wir nähern uns Köln.

Sonntag, 6. Februar 2011

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.