Mittwoch, 30. März 2011

Karin Beier bringt die Jelinek im Schauspielhaus zum Tanzen

Auch diesmal (wie schon bei den ‘Nibelungen’) habe ich eine der umjubelten Inszenierungen von Karin Beier erst mit zeitlichem Abstand sehen können. Fern vom Jubel oder der Theater-des-Jahres-Hysterie sehe ich neue und alte Textflächen der Jelinek - und - dieser Abend reißt mich wirklich hin. Fasziniert, in Bann gezogen bin ich. Dieser Abend bestätigt im besten Sinne den Satz: Theater ist Kontext. Vermutlich hat der Abstand den Abend noch schärfer gemacht. Noch deutlicher werden uns Zusammenhänge zwischen Staudamm-Bau, U-Bahn-Bau, Wasser, Beton, Atomkraftwerk, Tsunami, Tod und Schuld. Das Wasser. Es soll bleiben wo es ist. Das Wasser kommt. Ein Thema in Variationen.

Die Assoziationsketten zwischen den Satzketten der Jelinek lösen durch das Spiel Worte, Bilder, Emotionen aus, Überlegungen, Verstrebungen, die immer wieder mit Wasser, mit Gewalt, Natur, Mensch, Beherrschbarkeit, Überwältigung oder Tod zu tun haben. Dieser Abend reizt die Sinne und das Hirn. Er bietet das, was Theater ausmacht, ich sehe wie diese Inszenierung einen Text, selbst einen so überbordenden, lebendig machen kann. Viele zeitgenössische Inszenierungen, wie wir wissen, bedienen einen Ton, walzen ein Konzept zu Tode und bemühen die ganze Rezeptur des Multi-Media-Spektakels. Auch hier sind Video, Farbe, Wasser im Spiel, aber sie lösen sich auf in Text und Spiel, sie machen Sinn. Karin Beier hat ein wunderbares Gespür für Rhythmus, sie wechselt die Tempi, sie zieht an, lässt los, alles hat eine geradezu knisternde Energie, große Kraft, immer eine Form, eine Fassung, auch in der Fassungslosigkeit. Großartig.

Der Beginn ist ein klarer, gut gestaffelter Anlauf. Vor dem roten Vorhang spricht ein Mann (Thomas Loibl), ein Ingenieur ins Mikrofon, er spricht über die großen Pläne, sich Erde und Wasser untertan zu machen. Über die Toten wird gesprochen, während des ganzen Abends. Mal sind es 150, oder doch mehr? Mal 2 Stück Personen. Im Hauptteil - “Das Werk” - geht es um eines der größten Speicherkraftwerke der Welt, in den Kapruner Alpen in Österreich, das in den zwanziger Jahren mit Freiwilligen, in der Nazizeit auch mit Zwangsarbeitern gebaut wurde. Wie viele Arbeiter starben hier im Kampf mit Erde und Wasser, im Ringen um den Bau dieses Großprojektes? Der Schauspieler ringt auch. Die schwierige Besteigung des Wortberges ist nicht sein letztes Glanzstück, wie auch das gesamte Ensemble ein außerordentlich agierendes, Lust machendes Schauspieler-Ensemble ist. Hier sehen wir zu und staunen und lassen uns überraschen. Dann öffnet sich die Bühne. Eine Putzfrau wischt, redet ein bisschen und singt einen traurigen Gesang (Rosemary Hardy), der Sprecher wird zurückgezogen, eingebunden, in der Tiefe der Bühne tauchen Figuren auf, Frauen zunächst (Caroline Peters, Laura Sundermann, Julia Wieninger, Kathrin Wehlisch und die unglaubliche Lina Beckmann).

Die Spielenden bewegen sich im Pulk, vereinzeln sich, explodieren, singen, schweigen. Später: Eine lange Strecke steht ein Chor, der summt, ruft, singt, schreit, Sprache im Stakkato, in Melodie gefangen, wütend, traurig, ruhig (Leitung: Carsten Wüster). Kein Augenblick ist ohne Spannung. Der Text fließt, atmet und hämmert, nicht alles dringt ins Bewusstsein, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist, das der Kern immer hindurch scheint, dass wir sehen und hören können und - verstehen. Die Einzelteile blinken in verschiedenen Farben, tauchen auf, verschwinden. Eine Stimme ertönt, sie kann nicht zum schweigen gebracht werden. Immer wieder taucht sie im Raum auf. Wo ist das Radio? Im Zuschauerraum? Dann mischt sich noch Frau Jelinek persönlich ein. Eine feine Sprachwanderung mit Susanne Barth (die Große) als Jelinek. Die Schauspieler versuchen ihr auszuweichen auf die andere Seite der Bühne. “Im Bus”, an der Tür im Parkett tauchen Krätzchensänger auf (Thomas Loibl, Michael Weber und Manfred Zapatka), ein heidnisches Dreigestirn, wahnsinnige Clowns, böse Onkels. Dann liegen Tote, eine Frau erkennt und beweint, schreit, heult und sagt unvermittelt zu einer Frau: “Du rauchst? Kannst Du bitte die Zigarette ausmachen?” Ein Mikrokosmos des Witzes der gesamten Inszenierung.

Nach der Pause, ich wurde bereits gewarnt, jetzt gehe es erst richtig los, werde ich doch ernüchtert. Wir Kölner sind schon beglückt, wenn die Katastrophe um das Stadtarchiv durch den Kakao, oder das Wasser gezogen wird. Schuld? Wasser und Erde treten höchstpersönlich auf, nackt, fast nackt, und ficken. Aber im Gegensatz zum ersten Teil, zu den beiden ersten Stücken, wechselt der Ton nicht mehr, die Ebenen des Erzählens, die Komik bleiben in Kalauern hängen, die Dynamik wird nur noch bestimmt von spritzendem Wasser, von schwimmenden Blättern, die Mittel - dann doch - fangen an, sich selbst zu genügen. Die ‘echten’ Zitate Kölner Politiker unterstreichen zwar noch einmal die Einfältigkeit oder Unverschämtheit, mit denen diese Politiker unsere Stadt der Korruption, der Erde, der Gewalt ausliefern, aber diese kabarettistischen Aktionen im Wasserschlamm bleiben flach.

Ich persönlich habe auch über Köln im ersten Teil alles erfahren. Im zweiten wird das noch einmal unterstrichen, bewässert, Ebene auf Ebene geschichtet. Aber gut. Und gut bleibt der Abend so oder so.

Dienstag, 29. März 2011

Grün, grün, grün


Wahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Zeitenwende, historischer Tag, Sensation! Leute! Habt ihr die letzten Jahre verschlafen?

Es kam wie es kommen musste. Schon lange zeichnete sich ab, dass die neue bürgerliche Mitte – sauber, nachhaltig und gesund, gut situiert und ausgebildet – eine Partei braucht. In Baden-Württemberg hat der Lehrer Kretschmann – nett, seriös, väterlich – das schwäbische Herz mit schwäbischen Sprüchen erobert. Was ist daran besonders, oder gar revolutionär? Jetzt wird er Landesvater.

Auf der grünen Wahlparty: Mädchen mit grünen Perücken, kreischende, hüpfende Frauen, die begeistert in die Hände klatschen, grüne Männer, die heulen, junge Grüne die trommeln (Samba) und die grünen Mädchen zum wippen bringen. Revolutionär? Die neue Kultur. Lange her: Die rauchenden, alten Männer mit Bier und Stiernacken. Der Mittelstand in Deutschland hat nichts mehr übrig für verkniffene Säcke, die Bahnhöfe, Atom und Demokratie mit Schlagstock und Wasserwerfer durchpeitschen. Sie wissen: Das weiche Wasser, das frei laufende Huhn, die Trillerpfeife im Mund – das ist das neue Deutschland.

Der Ordnungspolitiker, der kleinbürgerliche Wachstumshysteriker, oder gar der alte Nazi – die Zeiten sind vorbei. Die "Wählerinnen und Wähler" sitzen vor den Fernsehschirmen und sehen explodierende Atomreaktoren, Betreiber, die ständig lügen, verschleiern und sich dabei permanent entschuldigen. Gut, Japan ist weit weg, aber die Bilder brennen in den Köpfen. Seit Jahrzehnten heißt es: Die Technik ist sicher, zumindest im Westen. Alles Lüge. Zum wiederholten Male werden große Teile der Erde nachhaltig atomar verseucht mit unabsehbaren Folgen. Jetzt drückt sich die Erkenntnis auch im Wahlergebnis aus.

Die "ZEIT" hatte getitelt: "Keine Lügen mehr". Und alle nicken. Zeitenwende. Der Typus des verknöcherten Politikers, des Lügners, sollte abgewählt werden. Das wäre ein gutes Signal gewesen. Hat nicht ganz geklappt. Beck in Rheinland-Pfalz bleibt. Blass, fast wie seine eigene Wachsfigur, kann er sich doch noch halten, mit Hilfe der Grünen, die ihn leider stützen. Leider. Sie stützen eine dieser alten Figuren. Die CDU in Rheinland-Pfalz hat eine Neue, eine strahlende Siegerin, Julia Klöckner, die nicht nur als ehemalige Weinkönigin den Eindruck macht, auf der Sonnenseite zu stehen und ohne Schlagstock auszukommen. Diese Frau zeigt der CDU: Es ght auch anders. Sie hätte auch mit den Grünen gehen können, denn sie ist durchaus für die dauerhafte Stilllegung von Atommeilern. Nach der atomaren Laufzeitverlängerung ist nun allerdings jedes schwarz-grüne Vernunftprojekt vorerst unmöglich geworden. Ein schwerer Fehler von Frau Merkel, die sich mit diesem Kuhhandel zugunsten der Atom-Lobby den eigenen Weg, die CDU zu einer modernen Partei zu machen, vorerst verbaut hat. Außerdem: Sie hat die Zeitenwende nicht erkannt.

Frau Merkel hätte besser fernsehen sollen, dann wäre ihr aufgefallen: Wenn die modernen Heimatfilme mit schwedischem oder irischem Hintergrund ein Weltbild malen, dann ist es das grüne Weltbild, das Weltbild der frei laufenden Hühner, der Besserverdienenden, der bürgerlichen Mitte. Alle paar Tage zeigen uns die klebrigen Kitschfilme immer dieselben Geschichten: Da ist der Schnösel, der es natürlich übertreiben muss, der für GoldInvest zu Felde zieht, ein skrupelloser Immobilienhai, dieser Schnösel hat immer ein Blondie an der Seite, die sich vernachlässigt fühlt. Blondie hat sich folgerichtig bald schon in einen Wuschelkopf vom Öko-Institut verliebt, der sie auf sein Boot trägt, um mit ihr Kartoffeln zu schälen und Wein zu trinken. Er raubt ihr einen Kuss. Sie wehrt sich nicht. Sie werden beobachtet. Ihr Mann stellt sie. Er will eine Immobilie für sie kaufen. Aber Blondie sagt zum Noch-Ehemann, zum Anzugträger mit dem geldgierigen Blick, mitten am Strand, mitten in die Kamera hinein: Das mache ich nicht mit. Da werden doch tiefe Löcher in den Strand gegraben und dann ist doch die nachhaltige Geologie in Gefahr!

Ja, so reden sie, die Frauen, die ihren Ehemann los werden wollen, um flugs den neuen Wuschelkopf romantisch bemuttern zu können. Und den Strand retten zu können. Und die Romantik. Und die gehen dann los und wählen grün. Und ihre Zuschauerinnen und Zuschauer auch. So geht das. So sind die Grünen Volkspartei geworden. Also Frau Merkel, aufpassen. Sie haben doch schon viele 'alte' Männer in die Wüste geschickt, jetzt mussten Ihnen die Wählerinnen und Wähler zum ersten Mal helfen und den Mappus hinterher schicken.

Schießen Sie den Westerwelle ab, machen sie einen Wuschelkopf zum Minister (Guttenberg war auch kein 'neuer' Mann) und drehen sie den nächsten Film: "Angela Merkel: Das Glück ist grün!" Das wäre wahrhaft revolutionär. Übrigens: Wer in dieser Glosse die Smilies vermisst, muss selber schauen, wo der Ernst bleibt. Oder sollte der Ernst…

Gute Nacht.

Donnerstag, 24. März 2011

Mahagonny in der Kölner Oper

Es begann vielversprechend. Ein kleiner weißer Vorhang öffnet sich (die Brecht-Gardine), eine karge, tiefe, öde Landschaft mit einem halb aufragenden Schiffswrack wird sichtbar. Ein altes Auto mit Anhang rattert auf die Bühne und bleibt mit einem Knall in der Mitte liegen. Zwei Schreckgespenster, Fatty und der Dreieinigkeitsmoses (Martin Koch, Dennis Wilgenhof), absurde Figuren, wie dem Kabinett des surrealen Expressionismus entsprungen, finden, bis zur Küste ist es zu weit, zurück ist es zu weit, die Witwe Begbick (Dalia Schaechter: düster, schön, mit Kraft), steigt in den grauen Himmel, auf der angehängten Maschine tritt Technik in Form einer Hebebühne in Aktion, sie findet, man werde also bleiben und die 'Netzestadt' gründen: Mahagonny.

Und dann? Dann kommen die Frauen, die Haifische, die Jungens. Wenn Jim Mahony (Matthias Klink) sich langweilt, ist das sehr komisch, wenn Jenny (Regina Richter) singt "Denn wie man sich bettet so liegt man" dann ziehen mich Stimme und Präsenz, die Bedeutung des Gesungenen in den Bann. Seltene Sternminuten in einer Inszenierung (Katharina Thalbach), die Kapitel für Kapitel so dahin erzählt wird. Dynamik, Steigerungen: Fehlanzeige. Man steht in der Gegend herum. Im zweiten Teil, wir blicken in das schräge Schiff, in verrostete Kabinen, stehen die Männer an der Reling, tanzen die Frauen (Beinchen hier, Beinchen da), statische Bilder, die das Warten auf den Taifun nicht verkürzen und auch nicht spannender machen.

Der Inszenierung fehlt Kraft und eine Idee jenseits der 'Auftritt links - Abgang rechts'-Choreografie. Und dann links und rechts der Bühne - na, was? Genau. Projektionswände. Hier laufen die Bilder, denen die Bühne hinterher zu trauern scheint. Sollen wir nicht lieber einen Film sehen? Über die Arbeiter mit Koffern, während man beinahe verpasst, das auf der Bühne auch Arbeiter mit Koffern dem Ruf der Paradiesstadt folgen wollen. Hören wir, was sie singen? Tafeln, Bilder, das hätte dem Brecht gefallen, meint ein Kritiker. Dann flimmern noch die sattsam bekannten, schrecklichen Bilder des Tsunamis in Japan und zuckender halbtoter Tiere der Fleischverarbeitung über die Wände. Zum Thema Liebe sieht man Schattenrisse von Geschlechtsverkehr in wechselnden Positionen. In einer Kabine hockt düster die Frau mit Kind (Anne Simmering, schön sie wieder zu sehen), ständig wird unser Blick gelenkt und abgelenkt.

Dem Brecht hätten die Projektionen sicher NICHT gefallen, denn zwischen dem 'Verfremdungs-Effekt' und einer billigen Bebilderung (Massentierhaltung, Tsunami) liegen eben Welten. Warum glaubt die Regie des zeitgenössischen Theaters immer wieder dem Publikum das Zuhören, das Schauen und die Entdeckung der Bilder im Kopf unbedingt abnehmen zu müssen. Als Theaterschaffender sage ich: Mehr Vertrauen in die Kraft der Musik und in die Geschichte. Es gab mäßigen Applaus, der sich steigerte für die Sänger (zurecht) und für Frau Thalbach (schön sie wieder in Köln zu sehen).

Aus Szene X Jimmy: "Und gerade so ist der Mensch,/ Er will zerstören was da ist./ Wozu braucht es da einen Hurrikan?/ Was ist der Taifun an Schrecken/ Gegen den Menschen,/ wenn er seinen Spaß will?"

Und es bleibt die Essenz: Die Bedeutung des Geldes in unserer Zeit. Du darfst alles, aber wer kein Geld hat, wird zum Tode verurteilt. Genau.

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.