Samstag, 3. November 2012

Die andere Welt

Im Foyer des Theaters am Sachsenring
An der kleinen Bar des Theaters am Sachsenring gab es noch Gespräche. Spät am Abend. Was für ein schönes, kleines Theater, auch nach der Vorstellung. Mein Theater. Am Tisch an der Wand mit den Bildern, Theke im Blick, Blick nach rechts in den Spiegel, Blick nach links durch den roten Vorhang in den Saal. Gläser stehen auf den Tischen. Vor der Theke stehen Menschen. Schauspieler, Besucher, wir verweilen und sprechen unter dem Eindruck einer Theatervorstellung.

Was haben wir gesehen? Haben wir gemeinsam etwas gesehen? Ja. Das Gleiche? Natürlich nicht. Das Gespielte, Gesagte, das Gesehene, das, was wir spüren - jeden Abend ist die Mischung eine andere. Jeder Zuschauer kommt aus seiner eigenen Welt und schaut in eine andere Welt, in die Welt auf der Bühne.

Wir versuchen eine Welt zu bauen, die anders sein soll, anders als die eine, wahre Welt. Eine Kunst-Welt. Wir wollen in unseren Stücken den Unterschied sichtbar machen. Trauer, Liebe, Erregung, Gewalt, Komik, erscheinen auf der Bühne anders als im Supermarkt oder in der U-Bahn. Außerdem gibt es im Theater am Sachsenring diese magische Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum. Die Damen, die ich in die erste Reihe führe, fragen, ob sie mitspielen müssen. Nein. Aber, so klein die Bühne auch ist, es besteht die Möglichkeit, dass sich der Raum während der Vorstellung ins Unendliche dehnt, wenn Spiel und Spielende es zulassen. Dann berührt die Kunst-Welt die wirkliche Welt der Menschen, die im Zuschauerraum sitzen. Theater ganz nah. Das liebt unser Publikum und ich liebe es auch. Wenn die Spieler auf dieser Bühne frei schwingen, aufeinander reagieren, fangen sie manchmal an zu fliegen, wie die Vögel.

Der Zauber des Theaters entsteht, wenn sich Figuren auf der Bühne als lebendige Wesen zu erkennen geben, kein blasses Echo des eigenen 'Ichs', sondern Figuren mit bekannten und unbekannten Seiten. Ich versuche in den Inszenierungen, dass aus dem Spiel keine vordergründige Darstellung wird, dass nicht zuviel verraten, zuviel vorgegeben wird. Wir sehen die Figur durch die Menschlichkeit der Schauspieler, die Menschlichkeit der Figuren durch die Kunst der Schauspieler. Es braucht keine Filmeinspielung, um dem Publikum zu erklären, was gemeint ist. Keine Interpretation, sondern Wahrnehmung. Darum müssen die Schauspieler Menschen bleiben, Hauptfiguren auf der Bühne.

Bleibt das Spiel in der Schwebe, bleiben die Figuren menschlich, dann erzählen sie wahrhaftig eine Geschichte. Dann bewegen sie Geist und Empfindung. Manchmal sehe ich noch Erregung in den Gesichtern der Besucher, die an der Theke vorbei unser Theater verlassen und sich verabschieden. Das ist bereits ein großes Kompliment. Ich bin müde. Ein letztes 'Auf Wiedersehen'. Noch ein Glas an der Theke, noch ein paar Sätze im Foyer an der Theke. Durch den milden, feuchten Abend in die wirkliche Welt.

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Feeaanseehn

Lieber ins Theater gehen
Eine seriöse Sendung, das Mittagsmagazin. Ein Bericht über Wittenberg, von wegen Reformationstag. Der Kalender schreibt die Themen. Da treffen wir auf Luther, nicht den echten, wie der Reporter uns beruhigt, ein Schauspieler in Luther-Kostüm. Im Jargon von Mittelalter-Festen - "Seid gegrüßt, gehabt euch wohl" nervt der Schau-Spieler die Passanten und führt den Reporter zur berühmten Küaache. Er meint wohl Kirche. Aber das wird, wie die Verwendung vom Genitiv (Smilie mit Augenzwinkern) auf allen Kanälen verquirlt und verquatscht. Systematisch. Auch in seriösen Sendungen. Man muss den Zuschauer da abholen, wo er sitzt.
Draußen ist Wetta, das wiiaad auch angesagt, aber nicht ohne davor zu allem Überfluss noch eine Schmunzel-Geschichte zu senden. Über Wetterfühligkeit. Eine Frau mit rotgefärbten Haaren und Walking-Stöcken rät uns hinaus zu gehen um den Kööaapa abzuhääaaten (Körper abzuhärten). Sie will uns abholen.

Lassen wir die Schrei- und Kreischsender, die Familien- und Gerichtsfälle außen vor, bleibt auch bei seriösen Sendern nur noch Gequatsche, nur eine Stufe leiser. Bauerfeind, heißt die Frau, die ununterbrochen kichernd ganz nah an einem Schauspieler sitzt, an Moritz, Nase an Nase und alles cool, geil, toll gemacht findet. Schlaft miteinander, aber verschont uns, die Vorbereitungen mit ansehen zu müssen.
"Im Bett mit Paula" heißt der nächste Talk - der Sender übrigens ist ein 'Kultursender', nein: kultur_sender. Klein geschrieben - cool. Die prüde Paula - im Bett aber komischerweise angezogen - stellt anzüglich auszügliche Schmunzel-Fragen an einen Comedy-Rapper mit Migrationshintergrund. Der versucht zurecht zu kommen im Bett mit cooler Körperhaltung, Jacke aus, cooles T-Shirt mit Aufdruck, cooler Satz mit X. Man sieht Paulas Strümpfe, den rot bemalten Mund. Schlaft miteinander, aber verschont uns...

Dienstag, 30. Oktober 2012

Ganz tolle Geschichte

Markus Lanz. Köcheln, labern, blubbern, nichts wird so heiß gekocht, wie es gegessen werden sollte. Nicht den Mund verbrennen. Schwiegermütter lächeln beglückt: Nach Jauch, Pilawa, das nächste Söhnchen, Anzugfüllung, aufgespritzt mit Nettigkeiten für Jedermann. Weiter aufgeblasen, kommt 'Wetten Dass!' heraus. Eine Medienseite liefert Fakten: Zitat: "Die Kollegen von Closer haben nachgezählt: Markus Lanz zeigte bei der vergangenen 'Wetten, dass..?'-Sendung mit seinen Finger 186 Mal auf Publikum und Gäste. Zudem sagte er 23 Mal 'Wow', 16 Mal 'ganz tolle Geschichte' und forderte seine Gäste 18 Mal auf, es sich 'gemütlich' zu machen." In seiner Talk-Show sagt er nur 20 Mal 'Wow' und nur zehn Mal 'ganz tolle Geschichte'. Und natürlich bedankt er sich immer "sehr sehr herzlich" bei einer "spannenden Runde".

Thema Fußball. Da bin ich empfindlich. Eigentlich ein Universum. Lanz macht auch daraus einen Allgemeinplatz für Selbstdarsteller. Gäste: Eine Blondine, ein Torwart, Ex-DFB-Chef Zwanziger (hat natürlich ein Buch geschrieben) und Mario Basler (ein Buch?) Sehr sehr spannende Runde. Mario Basler,  (Ex-FCK, Ex-Bayer, Ex-Rotzlöffel vom Dienst), in einem Einspieler muss er programmgemäß ausfällig werden, im nächsten Einspieler attackiert er einen Kameramann - toll - eine Tätlichkeit. Von Lanz gibt es allerdings keine rote Karte, denn alles soll lustig sein, LUSTIG! Prompt gibt es Applaus vom Publikum. Der nächste Einspieler. Ex-Kollege muss vor die Kamera und sagt: Basler bis zum Hals Weltklasse - oberhalb Kreisklasse. Pöbeln, lallen: Vorbild für die Sportjugend. 'Als ich eingewechselt wurde' heißt immer noch 'Wo ich eingewechselt wurde'. Ist das Kult, oder nur das ewige geistige Sackhüpfen?

Nächstes Kapitel. Zicken-Krieg. Sport-Plauderer Rubenbauer, attackiert den Ex-DFB-Chef Zwanziger, um Applaus einzuheimsen. Warum der DFB nicht zu Klinsmann gestanden habe, damals beim Sommermärchen? Warum es auch noch einen anderen Trainer-Kandidaten gegeben habe? Wir wollen das Sommermärchen in guter Erinnerung behalten, meint Rubenbauer. Im Ernst: Wenn Klinsi keinen Erfolg gehabt hätte, müsste Zwanziger jetzt da sitzen und sich fragen lassen, warum er sich keine Gedanken um eine Alternative gemacht habe? Aber so ist das. Bei den Bayern ist Klinsi einfach gefeuert worden. Der Produzent von 'Wetten Dass' wäre in Amerika auch gefeuert worden, meint Tom Hanks aus Hollywood nach einem Gastauftritt in der Samstag-Abend-Unterhaltung des ZDF. Lanz: gefühlte Tausend Mal am Abend. Lanz werden wir nicht mehr los. Mit Lanz kochen und wetten und blubbern. Die Extrem-Schwiegersöhne werden nicht aussterben. Macht euch keine Gedanken.

Vor allem keine kritischen. Jeder kritische Gedanke wirkt bei Lanz sowieso wie ein Fremdkörper. Ein Extremsportler als Moderator, der gefühlte tausend Mal seinen Extremsportler-Kumpel und Extremsänger Kelly von der Kelly-Family einlädt und alle Knalltüten, die ihr Ego zwischen zwei Buchdeckel pressen lassen müssen. Nachfragen - Achtung, kritischer Moment - die Anzugfüllung neigt sich extrem in Richtung Gast. Aber dann - aufatmen - lässt er wieder hemmungslos blubbern.
Etwa Désirée Nick und ihre unerträglich gelispelten Lebensweisheiten auf Dschungelcamp-Niveau. Kabarettist Thomas Reis bemerkte in besagter Sendung, er könne das Bild nicht vergessen. Désirée Nick frisst Maden. Es könnte auch umgekehrt sein. Die Retourkutschen und Ausfälligkeiten der Schnellsprechtante werden später heraus geschnitten. Nicht dass Sie meinen, es wird jeder Blödsinn gesendet. Nur der größte Blödsinn.

Nachtrag: Kaum habe ich das veröffentlicht, wir schreiben den 13. November, hat Lanz nicht nur einen, sondern drei Kellys zu Gast, den - na? - Extremsportler und - egal. Und ein noch extremer hysterisiertes Publikum als sonst. Ein Irrenhaus. Und die drei Kellys spucken einen Allgemeinplatz nach dem anderen aus, garniert mit nä? und happy und Dummblubber und Kreischen und Jaulen aus dem Publikum. Und Lanz findet alles eine 'ganz tolle Geschichte'. Aus.

Sonntag, 30. September 2012

Soziales Netzwerk - raus oder rein?

Kein Gespräch. Also hinein ins soziale Netzwerk.

Jemand postet "Yam Yam!", ein Foto dazu von einer Curry-Wurst mit Fritten. Darunter ein Kommentar: "Guten Appetit", darunter "Wäre ich gerne dabei", dann der erste empörte Kommentar: "Ich esse nichts, was Augen hatte" ohne Smilie mit Augenzwinkern. Die Freundin ist eine Blume, besser: Ihr Profilbild zeigt eine Blume, also sie ist eine Blume, eine ernste Blume. Darunter ein Hundebild mit Menschen-Name, Kommentar: "Seht euch das Video an. Kaum zu glauben, zu was Menschen fähig sind." Die Hündin spricht allen 'Usern', also Gebrauchern, aus der Seele. Missbraucher sind angeklagt. Tierquäler und Fleischesser.

In Köln-Mühlheim sterben Menschen durch eine Bombe. Eine Sonderkommission wird eingerichtet mit Namen "Döner". Mord im Döner-Milieu. Ein Döner bringt den anderen um. Jahre später, trotz Verschleierung der Geheimdienste, kommt heraus: Es waren Nazi-Terroristen. Aussageverweigerung, Akten verschwinden. Kommission aufgelöst. Die Döner-Esser bleiben unter sich, die Nazi-Vegetarier bleiben im Dunkeln.

Ein Liegestuhl vor Sonnenuntergang 'teilt' einen sozialen Inhalt im Netz: "Das Ende der Lesekultur", eine Blume kommentiert: "Hab ich überflogen und nicht ganz verstanden. Freu mich auf weitere Meinungen." Ja. Meinungen. Weiter unten ein Bilderwitz. "Muhuha!" Steht darunter. Exzessives Lachen soll das wohl heißen. Wie das Lachen des Comedy-Fernseh-Publikums, das schon mit geröteten Köpfen vor dem Kollaps steht, noch bevor der Comedian im bedruckten T-Shirt den ersten Satz über die schmalen Lippen gebracht hat. Verzweifeltes Lachen kurz vor dem Exitus. Versteckte Kamera auf der Straße. Für das nächste Theaterprojekt, oder für eine Samstagabend-Unterhaltungssendung, oder gar weltweit für You Tube? Oder einfach nur für die urbane Überwachung? In Köln-Kalk wird ein Mensch auf offener Straße erschossen. Keine Kamera in der Nähe. Alles still.

Karikaturen über einen Religionsstifter. Der Lärm schwillt an. Meinungen auf der Straße. Vor den offenen Kameras, den offenen, gelben Mikrofonen: "Ich find das nicht gut. Da krieg ich Wut." "Ja, isch fühl misch beleidigt. Sowas geht gar nischt."
In einem arabischen Land stirbt jemand an Rauchvergiftung - während des Verbrennens amerikanischer Fahnen. Ein anderer Fanatiker will seine Religion nicht beleidigen lassen und zerreißt die Seiten einer Bibel. In einem anderen Land hält ein anderer Religiöser die Bibel in der Hand und will den Koran verbrennen. Ein Video wird gemacht über einen Religionsstifter. Prediger rufen zum heiligen Krieg auf. Menschen rennen auf die Straße nach dem Gebet und zünden ein Gebäude an. Menschen sterben. Der Macher des Videos, das keiner kennt, wird verhaftet, vor Kameras. Nazis wollen den Film öffentlich zeigen. Ein Intellektueller rät allen, alle Karikaturen überall zu veröffentlichen. Politiker mahnen zur Vorsicht, auf der Straße sprechen die Leute von Angst.

Ein Mädchen hat auf Facebook ihren Geburtstag öffentlich gemacht. Tausende versammeln sich vor ihrem Haus, saufen und randalieren. Die Party gerät aus dem Ruder. Feuer. Es gibt schwer Verletzte.
Ein Theaterleiter bemerkt, dass er doch nicht so viele 'Freunde' findet, auch wenn er bis in die Nacht hinein postet wie toll Theater ist. Er meldet sich ab und darf darüber in der Zeitung einen langen Artikel schreiben. Motto: Die neuen Netzwerke rauben uns die Lebensqualität. Kaum ist der Artikel erschienen, ist er wieder da, im Netzwerk.


Freitag, 17. August 2012

PUSSY RIOT: Verfall der Sitten

Hinter Glas: Pussy Riot
Ergebnis - ein vorsätzlich geplantes Urteil: Zwei Jahre Besserungsanstalt. Zwei Jahre Gefängnis ist schon für einen Schwerverbrecher eine harte Strafe in Russland. Hier ist es der Höhepunkt einer schmutzigen, langweiligen Performance, deren Richter-Darstellerin das Drehbuch aus Moskau erhalten hat. "Richterin liest allein", wird veranstaltet von der Diktatur der langen Reden und kurzen Prozesse.
Die 'Richterin' spricht ununterbrochene drei Stunden über den Verfall der Sitten, die Verletzung moralischer und geistiger Werte, die Verletzung religiöser Gefühle und - Gotteslästerung. Auch von einer internationalen Verschwörung ist die Rede. Und dass die Angeklagten keine Reue zeigen.
Hinter Panzerglas, in einem engen, gläsernen Sarg, drei junge, blasse Mädchen, die nach zweieinhalb Stunden manchen Anflug von Lachen nicht mehr unterdrücken können.
Drei Schneewittchen in einer Geschichte von Franz Kafka, in Handschellen, lächelnd, ungläubig.

Die drei jungen, maskierten Frauen hatten in einer Kunstaktion vor dem Altar der Erlöserkirche in Moskau Gott darum gebeten, sie von Putin, dem Diktator zu befreien. Das also ist Gotteslästerung. Putin ist Gott? Ein Diktator darf nicht Diktator genannt werden, weil er Gott ist? Schon von der inneren Logik müsste Putin hinter Gitter. Wegen Gotteslästerung. Aber Diktatur hat keine Logik. Der Zar und Stalin lassen grüßen. Nach der Urteilsverkündung Ausrufe der schmutzigen Putin-Frommen: "Das ist gerecht".
Das hatte Stalin, der die Kirche unterdrückte, noch nicht begriffen: Patriarchat, orthodoxe Kirche, Staat, Geheimdienst, Gerichte gehören zusammen. Sie pflegen Nationalismus, Dummheit, Engstirnigkeit, Hass und Gewalt. Da ist Putin schon einen Schritt weiter.

Immer wieder wird das Recht der Rächer der Macht nach Bedarf umgestaltet: Zu jeder Art Widerstand gegen die Macht wird (wie in diesem Fall), ein entsprechendes Gesetz verfasst, im Schnellgericht angewandt und in stundenlangen, vorgefertigten, lächerlichen Vorträgen Kund getan. Der ganze Machtapparat steht auf den deformierten Füßen eines blassen, kleinen Mannes, der sich rächen will. Ein eitler Clown, der um sich schlägt, Konkurrenten enteignet, Kritiker entweder ermorden oder einsperren lässt. Man sollte dem deutschen Ex-Kanzler, der seinen Freund, den Clown, immer noch einen 'lupenreinen Demokraten' nennt, jetzt noch eine Ohrfeige verpassen. Aber Stopp - immerhin werden die jungen Frauen nicht in die Psychiatrie eingewiesen. Also: geht doch.

Vor dem Gericht werden Menschen abgeführt und verhaftet, die rufen: "Putin, wir werden dir das nie vergessen - und nicht verzeihen!"
In Köln hättet ihr für eure Performance Spitzenförderung vom Kulturamt und einen großen Artikel im Express bekommen. Das ist der Unterschied. Ihr aber habt wirklich Mut bewiesen.
Liebe junge Frauen, ihr seid nicht so leicht einzuschüchtern, so scheint es. Hört auch in Zukunft, in der es stiller werden wird, unsere Stimmen, auch wenn Madonna dann schon lange wieder neue Kostüme trägt. Lasst euch nicht verhärten. Wir bleiben bei euch. Gott sei Dank.

Montag, 30. Januar 2012

Fritsch und Chétouane im Schauspiel Köln


Montag, 30. Januar 2012

Das Beste war der Schlussapplaus. Die bunten, blassgesichtigen Schauspielerfigurinen werden von der Gruppe einzeln aus dem Pulk nach vorne geschoben, an die Rampe, stolpernd, fallend, schleichend. Es sind Figuren einer Applausordnung, komisch, übertrieben, Finger in die Luft reckend, jubelnd, schüchtern oder auch gespielt schüchtern, mit großer Geste, Handküsse werfend, auf die nicht vorhandene Galerie winkend – 10 Minuten Schlussapplaus, eine tolle Nummer, die zum Lachen reizt und für einen Moment fast vergessen lässt, was für zwei Stunden überdrehter Langeweile hinter den Zuschauern liegen.

Charly Hübner habe ich gesehen, Anja Laïs - ich sehe sie immer wieder gerne auf der Bühne. Was ich nicht gesehen habe ist alles, was ich hätte sehen können, eine Annäherung, Schauspielerei, eine Geschichte, einen Text, Differenzen, Spannung, Brecht, ein Stück, 'Puntila und sein Knecht Matti'. Aber die Erwartungshaltung, einen erfüllenden Theaterabend erleben zu können ist im Stadttheater auf einen ähnlichen Stand gesunken, wie die Erwartung, den FC noch einmal um die Meisterschaft spielen zu sehen. Der Unterschied: Das Theater wird trotzdem zum Spitzenreiter gemacht.

Es scheint schon zum Ritual zu gehören, das Publikum leiden zu lassen, um Rezensenten und Juroren zu befriedigen. Folge: Zäh und nervtötend, immer wieder, immer wieder, immer wieder und wieder, alle Erwartungen über egomanische 'Regie-Talente', die mehr und mehr Regiestühle deutscher Theater besetzt halten, mehr und mehr bestätigt zu sehen. Fritsch bleibt das frisch gehypte Talent, weil Ex-Schauspieler, Ex-Castorf, Ex-Verkrachter, Ex-Weggänger, Ex-Provinz-Regisseur. Er bietet eine Geschichte, die skandalisiert, die ihn zur Marke macht. Er drückt seine Regieschablone auf jedes Stück. Ein bisschen Struwwelpeter, ein bisschen Comic, so entdeckt und wiedererkannt, wird er zum Theatertreffen eingeladen (natürlich) – und schließlich im Theater des Jahres auf das Kölner Publikum losgelassen.

Pausenlose Bewegungs-Choreografie, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, Jacke gleiten lassen, Hose auch, rutschen, zittern, fallen, schlängeln, alles von Klaviermusik begleitet, ohne Stillstand, ohne Rhythmus, Karikatur einer Karikatur, verzerrte Figuren, die in kein Stück passen, oder in jedes – wie die Posen für den Schlussapplaus. Körperlichkeit ohne Sinn, Schminke ohne Gesicht, Text ohne Bedeutung, genuschelt, skandiert, das ganze Programm. Schauen wir uns die Bilder anderer Inszenierungen von Herrn Fritsch an, dann fällt auf: Dieser Regisseur richtet jedes Stück auf die gleiche Weise hin.

Einen Tag später: Ein anderer Regisseur, der auch immer auf die gleiche Weise arbeitet, eine andere Regie-Marke – Chétouane – richtet den nächsten großen Autor hin, diesmal Kleist. Im Gegensatz zu Fritsch geschieht das in der Halle Kalk kraftlos, in Zeitlupe, gedehnt. In weiße Trikots gesteckt, gehen, traben, laufen die Schauspieler, wie Marionetten über die Bühnenfläche vor (natürlich) einer Videoprojektion, schauen sich entweder bedeutungsschwanger an, oder reden vor sich hin. Eine E-Gitarre wird zum kreischen gebracht, pausenlose Bewegungs-Choreografie, hinfallen, aufstehen, hinfallen, aufstehen, Jacke gleiten lassen, Händchen in die Höh', Text zerlegen, zerlabern, Ärmchen in die Höh', halbherzig, wenn im Text jemand niedersinkt, dann sinkt der Schauspieler nieder, halbherzig, um sofort wieder aufzustehen, die Händchen zu heben und weiter zu gehen. Langeweile, zäh, quälend. Wie schon 'Dantons Tod' unter Endlosschleifen von Fingerübungen unkenntlich blieb, so wurde auch das 'Erdbeben in Chili' zwischen Turnübungen erstickt. Die Frage muss erlaubt sein: Warum lässt eine Intendantin solche Regisseure überhaupt inszenieren? Zwei Stunden auf eine leere Bühne schauen zu dürfen, wäre spannender gewesen.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.