Freitag, 17. August 2012

PUSSY RIOT: Verfall der Sitten

Hinter Glas: Pussy Riot
Ergebnis - ein vorsätzlich geplantes Urteil: Zwei Jahre Besserungsanstalt. Zwei Jahre Gefängnis ist schon für einen Schwerverbrecher eine harte Strafe in Russland. Hier ist es der Höhepunkt einer schmutzigen, langweiligen Performance, deren Richter-Darstellerin das Drehbuch aus Moskau erhalten hat. "Richterin liest allein", wird veranstaltet von der Diktatur der langen Reden und kurzen Prozesse.
Die 'Richterin' spricht ununterbrochene drei Stunden über den Verfall der Sitten, die Verletzung moralischer und geistiger Werte, die Verletzung religiöser Gefühle und - Gotteslästerung. Auch von einer internationalen Verschwörung ist die Rede. Und dass die Angeklagten keine Reue zeigen.
Hinter Panzerglas, in einem engen, gläsernen Sarg, drei junge, blasse Mädchen, die nach zweieinhalb Stunden manchen Anflug von Lachen nicht mehr unterdrücken können.
Drei Schneewittchen in einer Geschichte von Franz Kafka, in Handschellen, lächelnd, ungläubig.

Die drei jungen, maskierten Frauen hatten in einer Kunstaktion vor dem Altar der Erlöserkirche in Moskau Gott darum gebeten, sie von Putin, dem Diktator zu befreien. Das also ist Gotteslästerung. Putin ist Gott? Ein Diktator darf nicht Diktator genannt werden, weil er Gott ist? Schon von der inneren Logik müsste Putin hinter Gitter. Wegen Gotteslästerung. Aber Diktatur hat keine Logik. Der Zar und Stalin lassen grüßen. Nach der Urteilsverkündung Ausrufe der schmutzigen Putin-Frommen: "Das ist gerecht".
Das hatte Stalin, der die Kirche unterdrückte, noch nicht begriffen: Patriarchat, orthodoxe Kirche, Staat, Geheimdienst, Gerichte gehören zusammen. Sie pflegen Nationalismus, Dummheit, Engstirnigkeit, Hass und Gewalt. Da ist Putin schon einen Schritt weiter.

Immer wieder wird das Recht der Rächer der Macht nach Bedarf umgestaltet: Zu jeder Art Widerstand gegen die Macht wird (wie in diesem Fall), ein entsprechendes Gesetz verfasst, im Schnellgericht angewandt und in stundenlangen, vorgefertigten, lächerlichen Vorträgen Kund getan. Der ganze Machtapparat steht auf den deformierten Füßen eines blassen, kleinen Mannes, der sich rächen will. Ein eitler Clown, der um sich schlägt, Konkurrenten enteignet, Kritiker entweder ermorden oder einsperren lässt. Man sollte dem deutschen Ex-Kanzler, der seinen Freund, den Clown, immer noch einen 'lupenreinen Demokraten' nennt, jetzt noch eine Ohrfeige verpassen. Aber Stopp - immerhin werden die jungen Frauen nicht in die Psychiatrie eingewiesen. Also: geht doch.

Vor dem Gericht werden Menschen abgeführt und verhaftet, die rufen: "Putin, wir werden dir das nie vergessen - und nicht verzeihen!"
In Köln hättet ihr für eure Performance Spitzenförderung vom Kulturamt und einen großen Artikel im Express bekommen. Das ist der Unterschied. Ihr aber habt wirklich Mut bewiesen.
Liebe junge Frauen, ihr seid nicht so leicht einzuschüchtern, so scheint es. Hört auch in Zukunft, in der es stiller werden wird, unsere Stimmen, auch wenn Madonna dann schon lange wieder neue Kostüme trägt. Lasst euch nicht verhärten. Wir bleiben bei euch. Gott sei Dank.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.