Mittwoch, 31. Oktober 2012

Feeaanseehn

Lieber ins Theater gehen
Eine seriöse Sendung, das Mittagsmagazin. Ein Bericht über Wittenberg, von wegen Reformationstag. Der Kalender schreibt die Themen. Da treffen wir auf Luther, nicht den echten, wie der Reporter uns beruhigt, ein Schauspieler in Luther-Kostüm. Im Jargon von Mittelalter-Festen - "Seid gegrüßt, gehabt euch wohl" nervt der Schau-Spieler die Passanten und führt den Reporter zur berühmten Küaache. Er meint wohl Kirche. Aber das wird, wie die Verwendung vom Genitiv (Smilie mit Augenzwinkern) auf allen Kanälen verquirlt und verquatscht. Systematisch. Auch in seriösen Sendungen. Man muss den Zuschauer da abholen, wo er sitzt.
Draußen ist Wetta, das wiiaad auch angesagt, aber nicht ohne davor zu allem Überfluss noch eine Schmunzel-Geschichte zu senden. Über Wetterfühligkeit. Eine Frau mit rotgefärbten Haaren und Walking-Stöcken rät uns hinaus zu gehen um den Kööaapa abzuhääaaten (Körper abzuhärten). Sie will uns abholen.

Lassen wir die Schrei- und Kreischsender, die Familien- und Gerichtsfälle außen vor, bleibt auch bei seriösen Sendern nur noch Gequatsche, nur eine Stufe leiser. Bauerfeind, heißt die Frau, die ununterbrochen kichernd ganz nah an einem Schauspieler sitzt, an Moritz, Nase an Nase und alles cool, geil, toll gemacht findet. Schlaft miteinander, aber verschont uns, die Vorbereitungen mit ansehen zu müssen.
"Im Bett mit Paula" heißt der nächste Talk - der Sender übrigens ist ein 'Kultursender', nein: kultur_sender. Klein geschrieben - cool. Die prüde Paula - im Bett aber komischerweise angezogen - stellt anzüglich auszügliche Schmunzel-Fragen an einen Comedy-Rapper mit Migrationshintergrund. Der versucht zurecht zu kommen im Bett mit cooler Körperhaltung, Jacke aus, cooles T-Shirt mit Aufdruck, cooler Satz mit X. Man sieht Paulas Strümpfe, den rot bemalten Mund. Schlaft miteinander, aber verschont uns...

Dienstag, 30. Oktober 2012

Ganz tolle Geschichte

Markus Lanz. Köcheln, labern, blubbern, nichts wird so heiß gekocht, wie es gegessen werden sollte. Nicht den Mund verbrennen. Schwiegermütter lächeln beglückt: Nach Jauch, Pilawa, das nächste Söhnchen, Anzugfüllung, aufgespritzt mit Nettigkeiten für Jedermann. Weiter aufgeblasen, kommt 'Wetten Dass!' heraus. Eine Medienseite liefert Fakten: Zitat: "Die Kollegen von Closer haben nachgezählt: Markus Lanz zeigte bei der vergangenen 'Wetten, dass..?'-Sendung mit seinen Finger 186 Mal auf Publikum und Gäste. Zudem sagte er 23 Mal 'Wow', 16 Mal 'ganz tolle Geschichte' und forderte seine Gäste 18 Mal auf, es sich 'gemütlich' zu machen." In seiner Talk-Show sagt er nur 20 Mal 'Wow' und nur zehn Mal 'ganz tolle Geschichte'. Und natürlich bedankt er sich immer "sehr sehr herzlich" bei einer "spannenden Runde".

Thema Fußball. Da bin ich empfindlich. Eigentlich ein Universum. Lanz macht auch daraus einen Allgemeinplatz für Selbstdarsteller. Gäste: Eine Blondine, ein Torwart, Ex-DFB-Chef Zwanziger (hat natürlich ein Buch geschrieben) und Mario Basler (ein Buch?) Sehr sehr spannende Runde. Mario Basler,  (Ex-FCK, Ex-Bayer, Ex-Rotzlöffel vom Dienst), in einem Einspieler muss er programmgemäß ausfällig werden, im nächsten Einspieler attackiert er einen Kameramann - toll - eine Tätlichkeit. Von Lanz gibt es allerdings keine rote Karte, denn alles soll lustig sein, LUSTIG! Prompt gibt es Applaus vom Publikum. Der nächste Einspieler. Ex-Kollege muss vor die Kamera und sagt: Basler bis zum Hals Weltklasse - oberhalb Kreisklasse. Pöbeln, lallen: Vorbild für die Sportjugend. 'Als ich eingewechselt wurde' heißt immer noch 'Wo ich eingewechselt wurde'. Ist das Kult, oder nur das ewige geistige Sackhüpfen?

Nächstes Kapitel. Zicken-Krieg. Sport-Plauderer Rubenbauer, attackiert den Ex-DFB-Chef Zwanziger, um Applaus einzuheimsen. Warum der DFB nicht zu Klinsmann gestanden habe, damals beim Sommermärchen? Warum es auch noch einen anderen Trainer-Kandidaten gegeben habe? Wir wollen das Sommermärchen in guter Erinnerung behalten, meint Rubenbauer. Im Ernst: Wenn Klinsi keinen Erfolg gehabt hätte, müsste Zwanziger jetzt da sitzen und sich fragen lassen, warum er sich keine Gedanken um eine Alternative gemacht habe? Aber so ist das. Bei den Bayern ist Klinsi einfach gefeuert worden. Der Produzent von 'Wetten Dass' wäre in Amerika auch gefeuert worden, meint Tom Hanks aus Hollywood nach einem Gastauftritt in der Samstag-Abend-Unterhaltung des ZDF. Lanz: gefühlte Tausend Mal am Abend. Lanz werden wir nicht mehr los. Mit Lanz kochen und wetten und blubbern. Die Extrem-Schwiegersöhne werden nicht aussterben. Macht euch keine Gedanken.

Vor allem keine kritischen. Jeder kritische Gedanke wirkt bei Lanz sowieso wie ein Fremdkörper. Ein Extremsportler als Moderator, der gefühlte tausend Mal seinen Extremsportler-Kumpel und Extremsänger Kelly von der Kelly-Family einlädt und alle Knalltüten, die ihr Ego zwischen zwei Buchdeckel pressen lassen müssen. Nachfragen - Achtung, kritischer Moment - die Anzugfüllung neigt sich extrem in Richtung Gast. Aber dann - aufatmen - lässt er wieder hemmungslos blubbern.
Etwa Désirée Nick und ihre unerträglich gelispelten Lebensweisheiten auf Dschungelcamp-Niveau. Kabarettist Thomas Reis bemerkte in besagter Sendung, er könne das Bild nicht vergessen. Désirée Nick frisst Maden. Es könnte auch umgekehrt sein. Die Retourkutschen und Ausfälligkeiten der Schnellsprechtante werden später heraus geschnitten. Nicht dass Sie meinen, es wird jeder Blödsinn gesendet. Nur der größte Blödsinn.

Nachtrag: Kaum habe ich das veröffentlicht, wir schreiben den 13. November, hat Lanz nicht nur einen, sondern drei Kellys zu Gast, den - na? - Extremsportler und - egal. Und ein noch extremer hysterisiertes Publikum als sonst. Ein Irrenhaus. Und die drei Kellys spucken einen Allgemeinplatz nach dem anderen aus, garniert mit nä? und happy und Dummblubber und Kreischen und Jaulen aus dem Publikum. Und Lanz findet alles eine 'ganz tolle Geschichte'. Aus.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.