Dienstag, 1. Dezember 2015

Wut allüberall

Besorgte Bürger? Schreihälse seid ihr. Schweigende Mehrheit? Schreihälse seid ihr.
Alle. Das Stimmengewirr hinter den Rauchsäulen der Grillwürste, in der Schrebergartenkolonie Deutschland, hat sich in ein Brüllen verwandelt.
Alkohol. Gegrillte Wort-Würste, Dump-dampfende Satzstümpfe. Brandsätze, die auf die Flüchtenden, die Fürchtenden, geschleudert werden. Noch ein Satz Bier, einen Dumpfsatzstumpf mehr und die Wurst geht hoch, der Brandsatz zündet. Die Schreihälse haben so lange geschwiegen. Aus den 'Flüsterern' in der DDR sind jetzt Randalierer geworden. Jetzt schreien sie alle, weil alle schreien. Wir sind ein schreiendes Volk geworden.

Im Januar die Mordanschläge in Paris. Wir reden dagegen an. Wir zeichnen. Wir argumentieren. Wir singen. Sie schreien mit Allah zurück und lassen Waffen sprechen. Der 'Front National', Kachinsky, Orban, Erdogan, die ganzen Zwerge in Diktatorenpose sind täglicher Anschlag, ein Brandsatz gegen Anstand und Intelligenz. 800 Anschläge in unserem Land in einer Woche. In einer Woche! Und etwa 70 Brandanschläge. Frust, Langeweile, Hass. Und Pegida als neue "Bewegung" der Dummen in diesem Land. Biedermann wird zum Brandstifter. Putin ist das Vorbild. Der Zwerg hat alle Kanäle verstopft. Er hat die Lügenpresse zum Schweigen gebracht. Die Elite ist enteignet, Sender sind eliminiert, Kritiker verhaftet oder ermordet. Die Kultur der vielen Stimmen - ausgeschaltet wie in Ungarn, in der Türkei. Die Nachdenklichen, die Träumer, die Helfer, die Demokraten, sie müssen um ihr Leben fürchten. Sie haben schlechte Gene, unreines Blut. Diese Erkenntnis kommen aus Polen, aus der Türkei. Gute Nacht Europa. Aber zurück nach Deutschland.

Auf RTL wird schon lange nur noch geschrien. Der erste Schrei-Sender. In Dresden wird gegen Flüchtlinge geschrien und gegen die "Lügenpresse" gebrüllt. Nazis grölen und schlagen zu.
Auf der Straße wird geschrien bis das Glas klirrt.
Alte Frauen schreien und keifen gegen Asylanten. Das Hirn schreit auf. Einfalt tut weh. Manche Dummheit erledigt sich von selbst. Der Rapper verkleidet sein Geschrei in unendlichem Gelaber bis bärtige Freunde ihm sagen, Musik sei Teufelswerk. Anschließend darf er als Attentäter sterben.

Das Gebrüll von Wiederkäuern bis zum Infarkt der Gesellschaft. Demokraten werden niedergeschrien, Menschen, die differenziert denken wollen, werden niedergeschrien, Menschen, die schreien, werden niedergeschrien, Menschen, die den Kapitalismus, der alles nach Wert und Geld bemessen will, bekämpfen wollen, werden niedergeschrien. Die Anständigen, die guten Menschen, werden niedergeschrien. 

Bis sie selber schreien. Denn sie haben doch Recht. Die Gesellschaft ist ungerecht. Früher wurde diskutiert, gelacht, geredet. Linke schreien nicht. Das Kabarett ist vernünftig. Was für ein Irrtum. Auch hier wird geschrien. Schmickler schreit, Hassknecht schreit seine Wut in einer Satiresendung hinaus. Überall Wutmonologe. Wutbürger. In einem Wahlspot der Linken schreit ein Bürger aus dem Fenster und Gysi sagt: Aber er hat doch Recht!

Und jetzt höre ich den Aufschrei. Links und rechts, Kabarett und "Bewegung" dürfen wir nicht in einen Topf werfen. Waren wir nicht immer im Widerstand gegen jeden Krieg, gegen jede Besetzung eines Landes, gegen jede Unterdrückung? Waren wir nicht gegen Atomkraftwerke im Westen und im Osten, gegen alle Diktatoren? Was ist geschehen? Plötzlich quillt das brüllende 'Netz'  über von Verschwörungen, es wird nur noch von Kriegsvorbereitung gegen den Osten geschrien, von Verschwörung gegen Putin, alle Schuld, alles Böse liegt in Amerika, im Judentum, bei der Lügenpresse, bei den Politikern. Und Kabarettisten werden zu Kronzeugen dieser Wahrheit, sie machen das mit. Amerika war immer schon... In der Ukraine herrschen doch Faschisten, Russland muss sich schützen. Die "Bewegung" hat verstanden und schreit nach Putin.

Es wird Gift und Galle geschrien. Der Wutbürger will nicht mehr. Er sucht das "Heil". Nach dem KZ wird gerufen. Nach Allah wird geschrien. Nach Säuberung wird geschrien. Wenn das nicht mehr reicht, bellen die Gewehre, röhren die Kanonen. Intelligent sind nur noch die Waffen. In den Händen der Dummen. Der Rest ist Schweigen.

Aber auch Hamlet schreit auf deutschen Bühnen. Die Comedy schreit sowieso. Böhmermann schreit als Abi-Gag oder Bierzeitung im ZDF. Das Publikum lacht auch nicht mehr - es reißt den Mund auf als ob es immer schreien müsste. Ja. Es muss.

Auch in den Stadt-Theatern wird jedes Stück zerschrien, zerbrüllt.
In der Dresdner Inszenierung "Graf Öderland/Wir sind das Volk" treten Schauspieler natürlich aus ihren Rollen um natürlich ihre Sicht der Dinge auf Pegida und Dresden loszuwerden. Annedore Bauer, eine junge, dünne Schauspielerin, läuft hin und her auf der Bühne und schreit einen Wutmonolog. Anmerkung, nur nebenbei, ganz leise: Wie wäre es eigentlich damit eine Rolle zu spielen, statt aus ihr heraus zu treten?
Müssen wir immer heraustreten? Alles herausschreien?

Aber ja. Denn sonst wäre das zeitgenössische Theater nicht mehr zeitgenössisch. Und zeitgenössisch ist schreien und lärmen. Einen Text verstehen? Ein Stück spielen? Nein. Da müsste das Publikum ja mitdenken. Sich Zeit nehmen etwas selber zu verstehen.

Heftig! Schreit das Internet. Teilen! Lesen! Unfassbar!
Die Trolle brüllen um die Wette. Alles Verschwörung! Ihr Wahrheitsunterdrücker!
Ein einziges Brüllen der schweigenden Mehrheit. Die Vernunft liegt am Boden. Schreiend geht die Welt zugrunde. Neiiiiiiin!

Montag, 30. November 2015

Satz des Tages

Morgenmagazin. Erst lachen sich die Moderatorinnen und Moderatoren wie üblich kaputt über das Wetter und sich selbst - soll gute Laune suggerieren - dann gibt es die erste politische Meldung und den Satz des Tages: "Beim Klimagipfel in Paris ist das Thema natürlich Sicherheit".
Ja. Für das Klima ist es sowieso zu spät.

Samstag, 19. September 2015

Politik als Werbespot

Werbespots mit Politikern. Wer hat eigentlich bei Katrin Göring-Eckardt, der grünsten Grünen aller Zeiten, Regie geführt? Wahrscheinlich niemand. Da fehlt nämlich noch die anschwellende Musik, wenn sie uns Zuschauerinnen und Zuschauern, von den Ereignissen bereits aufs Tiefste erschüttert, mit dem Schlimmsten rechnend, mit Schwarz-Weiß-Gesichtsausdruck, bedeutungsschwanger und langsam vorliest, was Nazis so auf ihre Seite posten um sie zu beschimpfen und zu bedrohen...
Der Schock sitzt tief. Jetzt wissen wir Bescheid: Wenn selbst die Katrin schon bedroht wird...

Und wer hat eigentlich die Serie an Werbespots entworfen, in denen das Mädchen mit den rotgefärbten Haaren leicht sächselnd in die Kamera spricht um als kritischer Geist auf unserer Mattscheibe zu erscheinen? Es ist das Gespenst, das umgeht in Europa: Der Simpel. Und sie verkörpert es besonders überzeugend. Es geht um Flüchtlinge. Also sagt sie: "Aufhalten, Abschotten, Abschieben: Das zeigt die Konzeptlosigkeit der Bundesregierung". Schnitt. Jetzt sitzt sie in einer Talkshow, die Kamera fährt leicht um sie herum. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Sie sollte das Haar nach hinten werfen. Aber sie lächelt nur. Sie schaut und lächelt und Musik erklingt dazu und eine sonore Stimme sagt: "Katja Kipping erwidert: Abschrecken, Abschieben, Abstrafen: Das ist der Dreiklang der schwarz-roten Bundesregierung". Ach so.

Der Dreiklang der allgegenwärtigen Simpel-Show ist: Simple Bilder, simple Slogans, simple Schlüsse. Auch in Nachrichtensendungen wird die Themenübersicht immer mit den selben Anfangsbuchstaben gestaltet, die Poesie der Idioten für die Simpel auf den Sofas. Anmachen, Ansagen, Ausblenden. Und am Schluss noch ein stückweit etwas zum Schmunzeln und - das Wetter. Der neue Slogan des neuen WDR übrigens ist tatsächlich (keine Erfindung): "WDR - macht an!" Klar. Alles muss jung sein.

Alles soll, alles muss 'witzig' sein. Aber die Flüchtlinge - nicht witzig. Und das Bild vom toten Kind am Strand - das verdirbt uns den Spaß, das macht uns das Leben wirklich schwer. Dieses Bild ist schon schlimmer als das vom toten Wal am Strand. Also was tun wir? Fernsehen und alle anderen Worte mit F. Sind wir wirklich Doof, Dumm, Dämlich?
Oppermann (SPD) dreht langsam seinen Kopf in die Kamera und lächelt.
Die Krenzstaaten müssen getränkt werden, sagt die Kipping. Das ist starker Tobak - das ist links! Wahrscheinlich meint sie die Grenzstaaten sollten gedrängt werden - nämlich die Flüchtlinge nicht mehr zu verprügeln oder einzuschließen, sondern ihnen zu helfen... Toll.

Flüchtlinge auch auf der Bühne und in den Kulturmagazinen. "Ein normaler Theaterabend wird es nicht", sagt ein Regisseurschnösel in verstörender Nachhaltigkeit als Leiter einer experimentellen Projektgruppe mit wirr-geföhntem Haar und meint: "Es gibt Momente, die betroffen machen". Natürlich. Klar. Und auf der Bühne werden echte Flüchtlinge auf ein Bühnenbild projiziert. Natürlich. Stück egal. Wie immer. Jetzt in allen Inszenierungen: Projektionen (nein, das ist normal) von Flüchtlingen (das ist neu). Das bewegt. Das ganze schwarz-weiß-bewegte Bild. Das ist normal.

Mittwoch, 16. September 2015

Noch ein Trailer für den Trailer

Man könnte meinen unsere fernsehende Bevölkerung von fern gesehene Bevölkerung, bestünde nur aus minderbemittelten, verkitschten Alten, die auf jung machen müssen, damit sie eine Existenzberechtigung haben... Fernsehen für Deppen, Pack und kindische Greise - oder vergreiste Kinder - so ist es doch, oder? - Nein, nicht dass Sie denken... aber Sie denken ja nicht.

Im Vorabendprogramm tummeln sich jede Menge Alte. Und dann kommt diese Flauschkatze, die sagt: "Jetzt geht's hier jeden Tag rund - Nachmittags spielt sie mit den Enkeln und Abends ist hier Party - Alles fing mit diesem Gel an..." dann sieht man eine enthemmte 70jährige in der Mitte ihres Wohnzimmers Twist tanzen, mit diesem verzücktem Blick, den Frauen haben, wenn sie sich 'free' fühlen, mit 20 in der Disco, mit 50 Sirtaki oder mit 70 Twist tanzend - enthemmt, jede Drehung, jedes Arme-In-Die-Luft-Werfen eine Feier für das Leben, alles fit, bedrohlich fit, bedrohlich beweglich und ein paar 80jährige lassen ihr den nötigen Platz für ihre Gelenke.
Nächster Spot, in dem sich ein alter Autofahrer von seiner Frau fragen lassen muss, ob er an das Geschenk gedacht hat, er zieht die Stirn in Falten, denn er weiß nicht mehr, ob er den Schlüssel am Brett hat hängen lassen, ob vielleicht alles hängt und nichts mehr läuft, was dann, immerhin ist er ein Mann in den besten Jahren... Was dann? Dann helfen: eine Pille und - er erinnert sich, eine Pille und - er erinnert sich, noch eine Pille und - er schaut an sich hinunter, er steht, und noch Granufink und - es läuft - und wenn er dann mit Baldiparat oder wie das Zeug heißt, anschließend mit weißen Nachthemden, die auf dem Bett liegen, schlafen kann - spätestens dann weiß ich, ich bin im ZDF.

Oder wenn alle zwei Minuten jemand sagt: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage oder fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker - und das in schwindelerregendem Tempo, wenn dann noch Helene Fischer ihren antiseptischen Kitsch in einen bombastischen Lichtdom plärrt, wenn Bayern München unter Hymnenklängen mal wieder gewinnt und uns ein Volksstadel nach dem anderen kaputtklatscht, dann weiß ich, ich bin immer noch im ZDF und konnte nicht einschlafen, wegen all dieser Pillen.

Sophia Thomalla und Talk-Dauergast Kubicki - FDP (?)
Wenn ein Moderator ständig auf einen Bildschirm drückt und dauernd Fakten checkt und Frau Büscher Emails und Tweets vorliest und die Verwandte einer Fernsehserien-Schauspielerin, die Fernsehserien-Schauspielerin Sophia Thomalla, über Frauen und die anderen 40 Geschlechter redet und eine Frauenbeauftragte mit hartem Gesicht und scharfer Aussprache sich fragt warum man zu so einem Thema überhaupt so eine einlädt und Sophia, die Frau mit dem keck geneigten Kopf, sagt, weil sie eine normale Frau sei und die andere Frau sagt, na, es sei eben eine Unterhaltungssendung und der Moderator beleidigt ist und meint es sei aber eben keine Unterhaltungssendung und der Programmchef begründet warum die erste Fassung der Sendung erst wegen Protesten aus der Mediathek entfernt und dann wegen Protesten wegen der Proteste wieder in die Mediathek aufgenommen wurde, dann weiß ich ermüdet, ich bin im Ersten gelandet.

Wenn sich dicke, hässliche Frauen ständig anschreien und heulen und schreien und ihre dicken, tätowierten Töchter zurückschreien, toben und kreischen - dann habe ich mich zu RTL verirrt.

Zurück zu den Öffentlich-Rechtlichen. Talk-Show. Der letzte kluge Satz wird abgeschnitten, weil keine Zeit mehr ist, weil so oft Bürgerinnen und Bürger gesagt wurde, weil der Moderator einen anderen Moderator, der in einem zweiten Bild in das große Bild hinein gefahren wird, bis es zwei Bilder sind, fragen muss, was denn gleich in seiner Sendung kommt, die gleich kommt, die aber nicht gleich kommt, weil er ja erst erzählen muss, dass das Thema, wie in der Sendung des Kollegen auch, ein Thema auch in seiner Sendung sein wird, die aber noch nicht kommen kann, weil er erst wieder zurückschalten muss, damit sich der erste Moderator jetzt endlich verabschieden kann, um dann noch einmal hinüber zu schalten, damit der zweite Moderator zum zweiten Mal sagen kann, was gleich kommt, was dann aber immer noch nicht kommt, weil erst noch zum zwanzigsten Mal ein Trailer gesendet werden muss über eine Sendung, die danach, gleich danach, nach dessen Sendung, kommt, und deren interessanteste Szene schon zum zwanzigsten Mal zu sehen gewesen ist, im Trailer, bis sie zum einundzwanzigsten Mal zu sehen ist, um anzukündigen, dass die Sendung gleich nach dem Trailer für diese Sendung für die der Trailer wirbt, kommt.

Die fünfzigste Wiederholung eine Sendung im hessischen Nachmittagsprogramm endet mit dem Satz: "Meine Frau - sie ist tot". Anschwellende Musik, Nahaufnahme von Anwälten einer Anwaltskanzlei aus der Serie 'Die Anwälte', entsetzte Gesichter, Tränen, die Augen füllen sich damit, anschwellende Musik. Keine 0,5 Sekunden später sehen wir einen blondierten Typ, ein aufgeräumtes kariertes Hemd, das vor dem Hintergrund der ablaufenden Sendung, von der man den Nachspann sehen, aber nicht mehr lesen kann, also vor dieser Kulisse des Abspanns sehen wir, müssen wir sehen, wie das karierte Hemd offenbar unbedingt Schmunzeliges für den Nachmittagszuschauer absondern muss:

Hallo Hessen
"Es ist Mittwoch, also Gesundheitstag (?) und heute - bei dieser Erkältungszeit (dabei betont er das 'k' besonders, spuckt es aus und macht die Arme ganz breit) kümmern wir uns um die Organe, die davon besonders betroffen sind (?) nämlich Hals (dabei zeigt er mit dem Finger auf seinen Adamsapfel) Nase (dabei quetscht er mit dem Finger seine Nase platt) und - (jetzt dreht er mit beiden Fingern vor seinen Ohren Kreise und sagt nach einer Pause) Ohren! Außerdem haben wir ganz besondere Züchter, hessische Züchter (dabei betont er das 'Z' besonders, spuckt es aus und macht ein verzerrtes Gesicht, zieht die Oberlippe hoch, macht Schlitzaugen und rümpft die Nase) der eine züchtet (Pause) Eichhörnchen - und der andere (Jetzt hüpft er auf und ab) züchtet (Pause, Hüpfen) Kängurus. Hallo Hessen. Gleich geht's los. Gleich nach Hessenschau kompakt." (Jetzt macht er Hasenzähne, ohne Text, noch einmal Hasenzähne und - Schnitt). Aber das Eichhörnchen sehen wir jetzt nicht, weil die Sendung kommt jetzt noch nicht und die folgende kommt auch nicht, weil erst ein Trailer kommt für eine Sendung die noch nicht kommt...

Dienstag, 21. Juli 2015

Zwitschernd ins Mittelalter

Lynchjustiz, Pranger, Inquisition... Das war einmal. Wir sind menschliche Wesen geworden, wir benehmen uns zivilisiert. Mündige Bürgerinnen und Bürger. Keine Schafe. Wir haben gelernt: Nur die allerdümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber. Also twittern wir: Die armen Tiere. Und posten: Zu was Menschen alles fähig sind! Bitte teilen! Und dann schauen wir uns um: Wo ist der Metzger? Unter uns? Der Fleisch-Esser, der Merkel-Versteher, der Griechenland-Kritiker?

Wir hängen gerne in der sozialen Hängematte der gesichtslosen Konzerne, die uns beherrschen. Google, Facebook, Starbucks... Da werden wir bedient. Unsere Eier werden eingefroren, falls wir Frauen sind, um später Kinder zu bekommen, mit 60 – wenn die Arbeit getan ist, in multikulturell-musikumspülter Atmosphäre, in Nachhaltigkeit und sanftem Grün. Wir sind wer. Jeder darf sich äußern, im Netz, weltweit, falls er – oder sie nicht in China, Russland, der Türkei oder Korea lebt – falls er noch lebt – oder sie. Also was tun gegen die Langeweile?

Wollen wir den Schafspelz nicht ein bisschen lüften? Wollen wir nicht ein bisschen beißen? Vielleicht auch ein Stückweit totbeißen? Aber ganz langsam. Vorsichtig. Erst einmal ausscheiden. Erst werden wir zu Schafen, die alles Grün abfressen, um es als Hashtag auszuscheiden.
Dann zu Schafen, die sich zusammenrotten, um mit dem Hashtag auf die Fährte zu kommen, die sich in eine blutrünstige Meute verwandeln und losstürmen. Ja, sie wittern das Opfer und wenn es nur einen kleinen Kratzer aufweist. Sie erkennen den Geruch des Blutes, sie wollen jagen und zerfleischen. Alle Schafe haben weiße Wolle. Die schwarzen Schafe werden gejagt.

Alles muss korrekt sein. Keine Zwischentöne, keine Überlegungen, Zweifel, Annäherungen.
#itsacoup – Nein. Kein Staatsstreich in Griechenland... Gemeint ist Schäuble, der deutsche Hitler im Rollstuhl. Nicht etwa eine 'linke' Regierung, die ohne Krawatte auf Motorrädern lässig mit einer Hand in der Tasche in Verhandlungen fährt, die außer diesen Lässigkeiten keinen Plan hat. Eine Männer-Klique, die weder eine schlagkräftige Steuerfahndung einrichtet, noch Steuern eintreibt, die die Milliardäre wie eh und je ungeschoren lässt, die Korruption, die das gesamte System der Vetternwirtschaft, wie ihre Vorgänger, offenbar als kulturelles Erbe betrachtet – diese Regierung also treibt ihr Volk ungesteuert in die Katastrophe und lässt es dazu kommen, dass die 'Geber-Länder' ausschließlich und nur noch von Schulden, Finanzen und Banken reden, weil sie jetzt noch leichter ihren eigenen Profit machen können. Eine komplizierte Gemengelage, deren Unübersichtlichkeit den Schafen zu kompliziert wird. Sie wollen sich nicht über Urheberschaft oder Ursachen Gedanken machen müssen, ihnen genügt ein einfaches „Määhh“: #itsacoup.

Außer dass unter diesem Stichwort für bald erscheinende CDs geworben wird, oder tatsächlich über einen Putsch (in Thailand) gezwitschert wird (niedlich, oder?), finden wir das übliche Übertreiben und Aufpumpen und Schimpfen und Jammern und Anklagen. Griechenland ist toll, die armen Griechen sind toll, die Linken sind toll, Schäuble ein Putschist, Merkel Mutti mit hängenden Mundwinkeln, Deutschland Scheiße, der Kapitalismus sowieso, die Troika sowieso und überhaupt: „Määhh!“

Ein vorläufiger Höhepunkt war der letzte Shitstorm in den unsozialen Netzwerken unter #merkelstreichelt – oh mein Gott! Oder besser OMG! Damit es auch die Schafe verstehen.
Merkel in einer Fernsehdiskussion. Ein kleines palästinensisches Mädchen aus Rostock spricht – in einem Deutsch, das die wenigsten Lallnasen, die sich in ihrem Heimatort vor Flüchtlingsheimen aufbauen, verstehen, geschweige denn sprechen können, sie spricht also über ihre Angst als Flüchtling aus Deutschland ausgewiesen zu werden. Und die Kanzlerin fragt nach, antwortet ihr vernünftig und klar, aufmerksam und dann - um nichts zu beschönigen - sagt sie: Nicht alle werden bleiben können. Das Mädchen fängt an zu weinen, Merkel sieht das, schaut sie an, geht auf sie zu, tröstet sie und sagt ihr, sie habe das sehr gut gemacht, die Probleme so zu schildern. Der nassforsche Moderator muss natürlich hashtag-mäßig eingreifen und irgendwas labern von wegen so einfach sei das nicht, die Kanzlerin ändert den Ton, das wisse sie auch (ich hätte dem Schnösel eine geknallt) und wendet sich wieder dem Mädchen zu.

Dann wird der Beitrag natürlich zusammen-zerschnitten, das große „Määhh!“ beginnt. ÄÄÄhhh, Merkel hat gestreichelt. Will sie auch die Griechen streicheln? Will sie alles wegstreicheln? Die ersten Fotomontagen entstehen. Die ersten Berichte über die Schafherde, über das große „Määhh!“ in den Medien, die natürlich – bis in die seriösen Nachrichten hinein von der 'Empörung' in den unsozialen Medien berichten müssen. WARUM? Die Masse macht's. Das gesunde Volksempfinden muss Thema werden.
Ist die Herde erst einmal losgelaufen, gibt es kein Halten mehr. Das Blöken, das Getrampel, die Staubwolke – darüber muss berichtet werden.

Warum ist das so, warum diese Umkehrung aller Werte. Eine Kanzlerin, die klare Worte findet, auf das Mädchen eingeht, sie tröstet, wenn das Kind die Fassung verliert. Sollten wir nicht – wenn es überhaupt einer Reaktion bedarf – dankbar sein für einen solchen Politikstil? Für eine menschliche Geste?
Wollen wir alle zu Schafen werden? Wollen wir ein lupenreines Riesen-Schaf mit großem Maul, einen Wolf, der ein Baby-Schäfchen auf den Arm nimmt, selbstverständlich von Schaf-Reportern fotografiert, um dem Schäfchen vor laufender Kamera zu versprechen, dass es nicht gefressen wird?
Warum können wir uns nicht darüber freuen, dass uns die größten und dümmsten Exemplare erspart geblieben sind? Bush hätte vom Krieg gegen Terror geknödelt, Berlusconi hätte das Mädchen auf eine Party mit Gleichgesinnten eingeladen, Putin hätte es gleich erschießen lassen. Aber Putin wäre ja nur vom Westen dazu gebracht worden, weil er in die Enge getrieben wurde, der Arme, nicht wahr?

Aus der Distanz schreibt die Züricher NZZ „Der TV-Beitrag über die Begegnung von Angela Merkel mit einem Flüchtlingsmädchen schlägt hohe Wellen. Dabei zeigte der Film nicht einmal die halbe Wahrheit. Ein Lehrstück über Empörungsjournalimus.“ Und weiter schreibt Claudia Schwartz: Der „über sie niedergegangene Shitstorm (war) von subtiler Bösartigkeit – nicht nur in den emotional aufgeladenen Sphären der sozialen Netzwerke. Die 'Süddeutsche Zeitung' gab die Stimmungslage vor, indem sie rasch ventilierte: 'Wie die Kanzlerin ein Flüchtlingsmädchen zum Weinen bringt'. Andernorts wurden gar 'Politiker mit mehr Gespür' wie Silvio Berlusconi herbeigeredet, der das schluchzende Mädchen notfalls eben mit einem unseriösen Versprechen getröstet hätte (Online-Magazin 'Vice').“

Netzhetze, Empörungswelle, Pranger. Zurecht erkennt Kabarettist Dieter Nuhr ein digitales Mittelalter. Und erntet dafür – na was wohl – einen Shitstorm.

Montag, 13. Juli 2015

Die falsche Welt der wahren Welt

Alles Träume, alles Schäume, oder was? Die Welt der schönen Hotels, der Casting-Shows, der Models, der Pilcher-Welten, Traumschiffe und Traumhochzeiten. Eine Welt der Bilder, die wir immer mehr für wahr halten. Für 'authentisch', also nachhaltig retuschiert. Es gibt ein falsches Leben im richtigen und es gibt auch ein falsches Leben im falschen. Die geprügelte Frau, der Flüchtling, der Hooligan, der Arbeitslose - ästhetisch ausgestellt, auf dem Jahrmarkt der Stadttheater, echte Menschen statt Schauspieler, die werden ihrerseits arbeitslos und servieren in Kneipen das Bier für echte Menschen - in echt. Auf den Bühnen immer mehr Mikrophone, in die die echten Menschen über ihr Elend erzählen.

Recherche-Theater als Kabinett des Schreckens mit echten, armen Menschen vor staunendem, reichen Wut-Publikum. Oder in flimmernden, ästhetischen Bildern von Krieg, Hunger und Zerstörung in einer endlos verstörenden Kriegs- und Hunger-'Performance'. Hat nichts mit uns zu tun. Wir sind gut drauf, kann man alles im Facebook lesen. Gefällt mir. Das neue Profilfoto, sexy, süße Katzen oder Sonnenuntergänge oder Blumen. Oder arme Griechen, erstaunliche Obdachlose oder gefolterte Katzen oder armer Putin, böse Merkel, lustige Babys. Alles ist wahr, alles ist echt.

Die Stadt Köln wollte schon eine Köln-Doku-Soap verbieten lassen, weil nach den Bildern einer Stadt des Klüngels, der Unfähigkeit, der versenkten Millionen und Bauwerke, der Kultur- und Bau-Katastrophen jetzt auch noch so getan wird, als wenn sich hier nur sprachunfähige, tätowierte, schreiende Jugend durch die Straßen wälzen würde. Nein. Ist gelogen. Wir haben aber immerhin den Dom und den Karneval. Und den Karneval und den Dom. Und die Produktionsfirmen, die den Doku-Mist produzieren. Und weil das für junge Leute ist, wird weniger der Dom gezeigt (der ist ja schon alt), sondern die Kranhäuser.

Junge Schauspielschülerinnen verabschieden sich schon freiwillig in ihrer Präsentation von Eigenschaften wie individuell, ernsthaft, klar, wandlungsfähig... Das war einmal. Es braucht eine Marke für den Marken-Artikel, damit er sich verkaufen kann: süß, sexy, widerspenstig, frech, süß, sexy...
Dafür braucht es ästhetische Fotografie, Glamour-Fotos, aufgehellt, aufgehübscht, zugekleistert mit Schminke und Photoshop, umrahmt mit Löckchen, bis zur Unkenntlichkeit geglättet. Tussi- und Model-kompatibel.
Schade. Ich muss es einfach nochmal sagen: Schauspiel ist nicht Darstellung, vor allem nicht Selbst-Darstellung. Das Theater könnte das letzte unbeugsame Dorf sein für Geschichten, die mit dem Leben zu tun haben.

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.