Samstag, 19. September 2015

Politik als Werbespot

Werbespots mit Politikern. Wer hat eigentlich bei Katrin Göring-Eckardt, der grünsten Grünen aller Zeiten, Regie geführt? Wahrscheinlich niemand. Da fehlt nämlich noch die anschwellende Musik, wenn sie uns Zuschauerinnen und Zuschauern, von den Ereignissen bereits aufs Tiefste erschüttert, mit dem Schlimmsten rechnend, mit Schwarz-Weiß-Gesichtsausdruck, bedeutungsschwanger und langsam vorliest, was Nazis so auf ihre Seite posten um sie zu beschimpfen und zu bedrohen...
Der Schock sitzt tief. Jetzt wissen wir Bescheid: Wenn selbst die Katrin schon bedroht wird...

Und wer hat eigentlich die Serie an Werbespots entworfen, in denen das Mädchen mit den rotgefärbten Haaren leicht sächselnd in die Kamera spricht um als kritischer Geist auf unserer Mattscheibe zu erscheinen? Es ist das Gespenst, das umgeht in Europa: Der Simpel. Und sie verkörpert es besonders überzeugend. Es geht um Flüchtlinge. Also sagt sie: "Aufhalten, Abschotten, Abschieben: Das zeigt die Konzeptlosigkeit der Bundesregierung". Schnitt. Jetzt sitzt sie in einer Talkshow, die Kamera fährt leicht um sie herum. Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Sie sollte das Haar nach hinten werfen. Aber sie lächelt nur. Sie schaut und lächelt und Musik erklingt dazu und eine sonore Stimme sagt: "Katja Kipping erwidert: Abschrecken, Abschieben, Abstrafen: Das ist der Dreiklang der schwarz-roten Bundesregierung". Ach so.

Der Dreiklang der allgegenwärtigen Simpel-Show ist: Simple Bilder, simple Slogans, simple Schlüsse. Auch in Nachrichtensendungen wird die Themenübersicht immer mit den selben Anfangsbuchstaben gestaltet, die Poesie der Idioten für die Simpel auf den Sofas. Anmachen, Ansagen, Ausblenden. Und am Schluss noch ein stückweit etwas zum Schmunzeln und - das Wetter. Der neue Slogan des neuen WDR übrigens ist tatsächlich (keine Erfindung): "WDR - macht an!" Klar. Alles muss jung sein.

Alles soll, alles muss 'witzig' sein. Aber die Flüchtlinge - nicht witzig. Und das Bild vom toten Kind am Strand - das verdirbt uns den Spaß, das macht uns das Leben wirklich schwer. Dieses Bild ist schon schlimmer als das vom toten Wal am Strand. Also was tun wir? Fernsehen und alle anderen Worte mit F. Sind wir wirklich Doof, Dumm, Dämlich?
Oppermann (SPD) dreht langsam seinen Kopf in die Kamera und lächelt.
Die Krenzstaaten müssen getränkt werden, sagt die Kipping. Das ist starker Tobak - das ist links! Wahrscheinlich meint sie die Grenzstaaten sollten gedrängt werden - nämlich die Flüchtlinge nicht mehr zu verprügeln oder einzuschließen, sondern ihnen zu helfen... Toll.

Flüchtlinge auch auf der Bühne und in den Kulturmagazinen. "Ein normaler Theaterabend wird es nicht", sagt ein Regisseurschnösel in verstörender Nachhaltigkeit als Leiter einer experimentellen Projektgruppe mit wirr-geföhntem Haar und meint: "Es gibt Momente, die betroffen machen". Natürlich. Klar. Und auf der Bühne werden echte Flüchtlinge auf ein Bühnenbild projiziert. Natürlich. Stück egal. Wie immer. Jetzt in allen Inszenierungen: Projektionen (nein, das ist normal) von Flüchtlingen (das ist neu). Das bewegt. Das ganze schwarz-weiß-bewegte Bild. Das ist normal.

Mittwoch, 16. September 2015

Noch ein Trailer für den Trailer

Man könnte meinen unsere fernsehende Bevölkerung von fern gesehene Bevölkerung, bestünde nur aus minderbemittelten, verkitschten Alten, die auf jung machen müssen, damit sie eine Existenzberechtigung haben... Fernsehen für Deppen, Pack und kindische Greise - oder vergreiste Kinder - so ist es doch, oder? - Nein, nicht dass Sie denken... aber Sie denken ja nicht.

Im Vorabendprogramm tummeln sich jede Menge Alte. Und dann kommt diese Flauschkatze, die sagt: "Jetzt geht's hier jeden Tag rund - Nachmittags spielt sie mit den Enkeln und Abends ist hier Party - Alles fing mit diesem Gel an..." dann sieht man eine enthemmte 70jährige in der Mitte ihres Wohnzimmers Twist tanzen, mit diesem verzücktem Blick, den Frauen haben, wenn sie sich 'free' fühlen, mit 20 in der Disco, mit 50 Sirtaki oder mit 70 Twist tanzend - enthemmt, jede Drehung, jedes Arme-In-Die-Luft-Werfen eine Feier für das Leben, alles fit, bedrohlich fit, bedrohlich beweglich und ein paar 80jährige lassen ihr den nötigen Platz für ihre Gelenke.
Nächster Spot, in dem sich ein alter Autofahrer von seiner Frau fragen lassen muss, ob er an das Geschenk gedacht hat, er zieht die Stirn in Falten, denn er weiß nicht mehr, ob er den Schlüssel am Brett hat hängen lassen, ob vielleicht alles hängt und nichts mehr läuft, was dann, immerhin ist er ein Mann in den besten Jahren... Was dann? Dann helfen: eine Pille und - er erinnert sich, eine Pille und - er erinnert sich, noch eine Pille und - er schaut an sich hinunter, er steht, und noch Granufink und - es läuft - und wenn er dann mit Baldiparat oder wie das Zeug heißt, anschließend mit weißen Nachthemden, die auf dem Bett liegen, schlafen kann - spätestens dann weiß ich, ich bin im ZDF.

Oder wenn alle zwei Minuten jemand sagt: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Packungsbeilage oder fragen Sie ihren Arzt oder Apotheker - und das in schwindelerregendem Tempo, wenn dann noch Helene Fischer ihren antiseptischen Kitsch in einen bombastischen Lichtdom plärrt, wenn Bayern München unter Hymnenklängen mal wieder gewinnt und uns ein Volksstadel nach dem anderen kaputtklatscht, dann weiß ich, ich bin immer noch im ZDF und konnte nicht einschlafen, wegen all dieser Pillen.

Sophia Thomalla und Talk-Dauergast Kubicki - FDP (?)
Wenn ein Moderator ständig auf einen Bildschirm drückt und dauernd Fakten checkt und Frau Büscher Emails und Tweets vorliest und die Verwandte einer Fernsehserien-Schauspielerin, die Fernsehserien-Schauspielerin Sophia Thomalla, über Frauen und die anderen 40 Geschlechter redet und eine Frauenbeauftragte mit hartem Gesicht und scharfer Aussprache sich fragt warum man zu so einem Thema überhaupt so eine einlädt und Sophia, die Frau mit dem keck geneigten Kopf, sagt, weil sie eine normale Frau sei und die andere Frau sagt, na, es sei eben eine Unterhaltungssendung und der Moderator beleidigt ist und meint es sei aber eben keine Unterhaltungssendung und der Programmchef begründet warum die erste Fassung der Sendung erst wegen Protesten aus der Mediathek entfernt und dann wegen Protesten wegen der Proteste wieder in die Mediathek aufgenommen wurde, dann weiß ich ermüdet, ich bin im Ersten gelandet.

Wenn sich dicke, hässliche Frauen ständig anschreien und heulen und schreien und ihre dicken, tätowierten Töchter zurückschreien, toben und kreischen - dann habe ich mich zu RTL verirrt.

Zurück zu den Öffentlich-Rechtlichen. Talk-Show. Der letzte kluge Satz wird abgeschnitten, weil keine Zeit mehr ist, weil so oft Bürgerinnen und Bürger gesagt wurde, weil der Moderator einen anderen Moderator, der in einem zweiten Bild in das große Bild hinein gefahren wird, bis es zwei Bilder sind, fragen muss, was denn gleich in seiner Sendung kommt, die gleich kommt, die aber nicht gleich kommt, weil er ja erst erzählen muss, dass das Thema, wie in der Sendung des Kollegen auch, ein Thema auch in seiner Sendung sein wird, die aber noch nicht kommen kann, weil er erst wieder zurückschalten muss, damit sich der erste Moderator jetzt endlich verabschieden kann, um dann noch einmal hinüber zu schalten, damit der zweite Moderator zum zweiten Mal sagen kann, was gleich kommt, was dann aber immer noch nicht kommt, weil erst noch zum zwanzigsten Mal ein Trailer gesendet werden muss über eine Sendung, die danach, gleich danach, nach dessen Sendung, kommt, und deren interessanteste Szene schon zum zwanzigsten Mal zu sehen gewesen ist, im Trailer, bis sie zum einundzwanzigsten Mal zu sehen ist, um anzukündigen, dass die Sendung gleich nach dem Trailer für diese Sendung für die der Trailer wirbt, kommt.

Die fünfzigste Wiederholung eine Sendung im hessischen Nachmittagsprogramm endet mit dem Satz: "Meine Frau - sie ist tot". Anschwellende Musik, Nahaufnahme von Anwälten einer Anwaltskanzlei aus der Serie 'Die Anwälte', entsetzte Gesichter, Tränen, die Augen füllen sich damit, anschwellende Musik. Keine 0,5 Sekunden später sehen wir einen blondierten Typ, ein aufgeräumtes kariertes Hemd, das vor dem Hintergrund der ablaufenden Sendung, von der man den Nachspann sehen, aber nicht mehr lesen kann, also vor dieser Kulisse des Abspanns sehen wir, müssen wir sehen, wie das karierte Hemd offenbar unbedingt Schmunzeliges für den Nachmittagszuschauer absondern muss:

Hallo Hessen
"Es ist Mittwoch, also Gesundheitstag (?) und heute - bei dieser Erkältungszeit (dabei betont er das 'k' besonders, spuckt es aus und macht die Arme ganz breit) kümmern wir uns um die Organe, die davon besonders betroffen sind (?) nämlich Hals (dabei zeigt er mit dem Finger auf seinen Adamsapfel) Nase (dabei quetscht er mit dem Finger seine Nase platt) und - (jetzt dreht er mit beiden Fingern vor seinen Ohren Kreise und sagt nach einer Pause) Ohren! Außerdem haben wir ganz besondere Züchter, hessische Züchter (dabei betont er das 'Z' besonders, spuckt es aus und macht ein verzerrtes Gesicht, zieht die Oberlippe hoch, macht Schlitzaugen und rümpft die Nase) der eine züchtet (Pause) Eichhörnchen - und der andere (Jetzt hüpft er auf und ab) züchtet (Pause, Hüpfen) Kängurus. Hallo Hessen. Gleich geht's los. Gleich nach Hessenschau kompakt." (Jetzt macht er Hasenzähne, ohne Text, noch einmal Hasenzähne und - Schnitt). Aber das Eichhörnchen sehen wir jetzt nicht, weil die Sendung kommt jetzt noch nicht und die folgende kommt auch nicht, weil erst ein Trailer kommt für eine Sendung die noch nicht kommt...

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.