Dienstag, 1. Dezember 2015

Wut allüberall

Besorgte Bürger? Schreihälse seid ihr. Schweigende Mehrheit? Schreihälse seid ihr.
Alle. Das Stimmengewirr hinter den Rauchsäulen der Grillwürste, in der Schrebergartenkolonie Deutschland, hat sich in ein Brüllen verwandelt.
Alkohol. Gegrillte Wort-Würste, Dump-dampfende Satzstümpfe. Brandsätze, die auf die Flüchtenden, die Fürchtenden, geschleudert werden. Noch ein Satz Bier, einen Dumpfsatzstumpf mehr und die Wurst geht hoch, der Brandsatz zündet. Die Schreihälse haben so lange geschwiegen. Aus den 'Flüsterern' in der DDR sind jetzt Randalierer geworden. Jetzt schreien sie alle, weil alle schreien. Wir sind ein schreiendes Volk geworden.

Im Januar die Mordanschläge in Paris. Wir reden dagegen an. Wir zeichnen. Wir argumentieren. Wir singen. Sie schreien mit Allah zurück und lassen Waffen sprechen. Der 'Front National', Kachinsky, Orban, Erdogan, die ganzen Zwerge in Diktatorenpose sind täglicher Anschlag, ein Brandsatz gegen Anstand und Intelligenz. 800 Anschläge in unserem Land in einer Woche. In einer Woche! Und etwa 70 Brandanschläge. Frust, Langeweile, Hass. Und Pegida als neue "Bewegung" der Dummen in diesem Land. Biedermann wird zum Brandstifter. Putin ist das Vorbild. Der Zwerg hat alle Kanäle verstopft. Er hat die Lügenpresse zum Schweigen gebracht. Die Elite ist enteignet, Sender sind eliminiert, Kritiker verhaftet oder ermordet. Die Kultur der vielen Stimmen - ausgeschaltet wie in Ungarn, in der Türkei. Die Nachdenklichen, die Träumer, die Helfer, die Demokraten, sie müssen um ihr Leben fürchten. Sie haben schlechte Gene, unreines Blut. Diese Erkenntnis kommen aus Polen, aus der Türkei. Gute Nacht Europa. Aber zurück nach Deutschland.

Auf RTL wird schon lange nur noch geschrien. Der erste Schrei-Sender. In Dresden wird gegen Flüchtlinge geschrien und gegen die "Lügenpresse" gebrüllt. Nazis grölen und schlagen zu.
Auf der Straße wird geschrien bis das Glas klirrt.
Alte Frauen schreien und keifen gegen Asylanten. Das Hirn schreit auf. Einfalt tut weh. Manche Dummheit erledigt sich von selbst. Der Rapper verkleidet sein Geschrei in unendlichem Gelaber bis bärtige Freunde ihm sagen, Musik sei Teufelswerk. Anschließend darf er als Attentäter sterben.

Das Gebrüll von Wiederkäuern bis zum Infarkt der Gesellschaft. Demokraten werden niedergeschrien, Menschen, die differenziert denken wollen, werden niedergeschrien, Menschen, die schreien, werden niedergeschrien, Menschen, die den Kapitalismus, der alles nach Wert und Geld bemessen will, bekämpfen wollen, werden niedergeschrien. Die Anständigen, die guten Menschen, werden niedergeschrien. 

Bis sie selber schreien. Denn sie haben doch Recht. Die Gesellschaft ist ungerecht. Früher wurde diskutiert, gelacht, geredet. Linke schreien nicht. Das Kabarett ist vernünftig. Was für ein Irrtum. Auch hier wird geschrien. Schmickler schreit, Hassknecht schreit seine Wut in einer Satiresendung hinaus. Überall Wutmonologe. Wutbürger. In einem Wahlspot der Linken schreit ein Bürger aus dem Fenster und Gysi sagt: Aber er hat doch Recht!

Und jetzt höre ich den Aufschrei. Links und rechts, Kabarett und "Bewegung" dürfen wir nicht in einen Topf werfen. Waren wir nicht immer im Widerstand gegen jeden Krieg, gegen jede Besetzung eines Landes, gegen jede Unterdrückung? Waren wir nicht gegen Atomkraftwerke im Westen und im Osten, gegen alle Diktatoren? Was ist geschehen? Plötzlich quillt das brüllende 'Netz'  über von Verschwörungen, es wird nur noch von Kriegsvorbereitung gegen den Osten geschrien, von Verschwörung gegen Putin, alle Schuld, alles Böse liegt in Amerika, im Judentum, bei der Lügenpresse, bei den Politikern. Und Kabarettisten werden zu Kronzeugen dieser Wahrheit, sie machen das mit. Amerika war immer schon... In der Ukraine herrschen doch Faschisten, Russland muss sich schützen. Die "Bewegung" hat verstanden und schreit nach Putin.

Es wird Gift und Galle geschrien. Der Wutbürger will nicht mehr. Er sucht das "Heil". Nach dem KZ wird gerufen. Nach Allah wird geschrien. Nach Säuberung wird geschrien. Wenn das nicht mehr reicht, bellen die Gewehre, röhren die Kanonen. Intelligent sind nur noch die Waffen. In den Händen der Dummen. Der Rest ist Schweigen.

Aber auch Hamlet schreit auf deutschen Bühnen. Die Comedy schreit sowieso. Böhmermann schreit als Abi-Gag oder Bierzeitung im ZDF. Das Publikum lacht auch nicht mehr - es reißt den Mund auf als ob es immer schreien müsste. Ja. Es muss.

Auch in den Stadt-Theatern wird jedes Stück zerschrien, zerbrüllt.
In der Dresdner Inszenierung "Graf Öderland/Wir sind das Volk" treten Schauspieler natürlich aus ihren Rollen um natürlich ihre Sicht der Dinge auf Pegida und Dresden loszuwerden. Annedore Bauer, eine junge, dünne Schauspielerin, läuft hin und her auf der Bühne und schreit einen Wutmonolog. Anmerkung, nur nebenbei, ganz leise: Wie wäre es eigentlich damit eine Rolle zu spielen, statt aus ihr heraus zu treten?
Müssen wir immer heraustreten? Alles herausschreien?

Aber ja. Denn sonst wäre das zeitgenössische Theater nicht mehr zeitgenössisch. Und zeitgenössisch ist schreien und lärmen. Einen Text verstehen? Ein Stück spielen? Nein. Da müsste das Publikum ja mitdenken. Sich Zeit nehmen etwas selber zu verstehen.

Heftig! Schreit das Internet. Teilen! Lesen! Unfassbar!
Die Trolle brüllen um die Wette. Alles Verschwörung! Ihr Wahrheitsunterdrücker!
Ein einziges Brüllen der schweigenden Mehrheit. Die Vernunft liegt am Boden. Schreiend geht die Welt zugrunde. Neiiiiiiin!

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.