Mittwoch, 16. November 2016

Trump - Lügenpresse - Mario Barth

Hashtags zeigen auf wunderbare Weise wie unsere Welt funktioniert. Die meisten Hashtags zeigen, was zusammengehört. Die neusten Hashtags - #Trump, #Lügenpresse, #Mario Barth. Schau an. Stimmt.
#Goebbels, #Olympiastadion, #Mario Barth - hatten wir auch schon. Trump und Barth haben gemeinsam, dass sie komische Figuren sind. Und sie werden finanziert von der gleichen Bagage und bejubelt vom Pack.

Barth, Angestellter des Schrei- und Kreisch-Senders RTL, "deckt auf", stellt sich in New York vor den Trump-Tower  - in einer abgesperrten Straße, wegen einer Parade in der Nähe - und macht sich in dieser abgesperrten Straße lustig über nicht-existierende Proteste gegen Trump. Na also. Noch ein Beweis für Lügenpresse - eine Lügenpresse, die von Protesten berichtet, die es natürlich nicht gibt. Wirklich nicht? Fakten? Egal. Lieber nicht. Wieder einmal eine Verschwörung aufgedeckt. 1,5 Millionen sehen sich das Barth-Video auf Facebook an. Und dann: Teilen Teilen Teilen. Ein Kommentar im 'Netz': "Beweise für unsere Lügenpresse…Du bist einfach geil, Mario :-)"

Da staunt der Troll und der Hashtag-Bot wundert sich.

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Terror - Das TV-Event - Sie stimmen ab!

Alle Theater spielen es, das Publikum ist begeistert. Und jetzt noch das Fernsehen. Doku-Drama vom Feinsten! Fakten? Egal.
Auf Emotionen kommt es an. Der Fernsehfilm über einen Kampfpiloten, der befehlswidrig ein von Terroristen gekapertes Flugzeug abschießt, um Menschen in einem Stadion zu retten, sollte berühren. Der Erregungs-Bürger war einmal mehr gefragt. Das Netz schäumte. Und noch eine Volksbefragung. Alles gut.

Was wurde gezeigt? Der Pilot kam im Film für den Abschuss vor Gericht. In der Verhandlung wurden dann Moral, Kant, Schuld oder Notstand lustig durcheinandergewürfelt und alle Beteiligten machten ernste Gesichter dazu. Keine Rolle spielte, dass in dieser Frage die Gesetzeslage geklärt ist. Davon war nicht die Rede. Mich hätte tatsächlich interessiert, ob rein rechtlich und unter welchen Umständen ein Freispruch möglich gewesen wäre.
Aber dazu wäre Differenzierung nötig gewesen. Wenn allerdings ein solcher Fernsehfilm nur noch auf dem Niveau einer Show, in der zwischen A oder B gewählt werden darf, funktionieren soll, bleibt nichts übrig als den Publikums-Joker zu ziehen. Und das ist immer gefährlich.

Überhaupt - Differenzierung gerät aus der Mode. Fakten sind unerheblich, das Recht - zu kompliziert. Man muss die Zuschauer da 'abholen' wo sie sich befinden - auf Herzkino-Niveau. Graustufen kommen nicht vor,  spielen keine Rolle - der mediale Zirkus ist wichtiger. Die deutschen Theater sind froh, dass sie wieder 'echtes Leben' auf die Bühne bringen können, natürlich mit Zuschauerbeteiligung. Das eigentliche Ziel: Volkes Stimme aufrufen. Nach der Abstimmung - Freispruch - steht die Frage: Wo kommen wir hin? Obwohl, nach Twitter-Terror, Pegida-Hass, Internet-Wahn und der üblichen Dummheit, war wohl auch das Ergebnis dieser Abstimmung nur voraussehbar. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass die Mehrheit so groß sein würde - noch ein Anschlag und wir landen bei 99% - ich hätte auch nicht gedacht, dass unsere Werte von Recht und Gesetz offenbar nicht mehr als gegeben, als selbstverständlich gesehen werden. Härte gegen Terroristen. Um jeden Preis. Auch wenn gegen alle Rechtsprinzipien Menschen in einem Flugzeug sterben müssen. Das will der Pegida- und Sturm-Der-Liebe-Zuschauer.

Dieses 'Event' ist ein Kapitel mehr in dem Schauerroman ‚Deutschland wird völkisch‘, ein Kapitel, das zeigt, wie unsere Erregungs- Netz- und Wut-Unkultur mehr und mehr Vernunft, Verfassung, Recht und andere Kleinigkeiten in die Tonne treten hilft. Es geht nur noch um Reflexe und Emotionen. Im Theater ging die Abstimmung regelmäßig zu 60% für den Angeklagten aus. Nach den jüngsten Anschlägen wurden es schnell 70% und das ‚Volk’ vor dem Fernseher ist schon jetzt bei über 80%. Recht - steh uns bei! Sonst wird das Volk schon bald zur Abwendung von Terror, Folter und Todesstrafe befürworten.

Thomas Fischer (Bundesrichter in Karlsruhe) schreibt in der ZEIT: "Weil das Stück von Schirach die Unterscheidung zwischen Unrecht und Schuld fast vollständig unterschlägt, unterschlägt es auch die Tatsache, dass die Lösung des Dilemmas keineswegs nur 'jenseits des Rechts', also irgendwo im Reich der höchstpersönlichen, beliebig 'abstimmbaren' Moral gefunden werden kann, sondern dass es gerade das Recht ist (und sein muss), das sich die am weitesten gehenden und überzeugendsten Gedanken zu solchen Problemen gemacht hat.

... Die freudetrunkenen Abstimmungsregisseure der Stadttheater und Staatsschauspiele interessiert das nicht. Sie lassen die an der Nase herumgeführten Bürger durch die Türen hinaus und herein spazieren oder Karten hochheben, auf dass die Kunst sich einmal wieder verbinde mit dem ganz wirklichen echten Leben, so wie einst.
...
Das ist die größtmögliche Verarschung des Publikums. Wer Unrecht und Schuld in eins setzt, fällt um Jahrhunderte (!) hinter unsere Rechtskultur zurück und benutzt seine Zuschauer als Gaudi-Gäste für eine Rechtsshow der billigen Sorte."

Samstag, 23. Juli 2016

Bang, Bang - Bang! Die ganze Menschheit hinterher

Schüsse in München.
Acht Stunden Fernseh-Live-Show. Endlosschleifen von rennenden Polizisten, rennenden Menschen in kurzen Hosen (Kommentar: "Die Menschen haben Angst"). Umschalten zu Reportern, die in der Gegend stehen und nicht zu sagen wissen. "Wir wissen noch nichts. Da steht seit Stunden eine Frau, die wird nicht abgeholt."
'Tweets' sind die Informationsquelle. Und Postings und Handy-Videos. Und Spekulationen.
Ein Reporter berichtet, dass die Polizei twittert, bitte keine Aufnahmen vom Polizeieinsatz zu twittern und lässt ein Foto vom Polizeieinsatz einblenden.
Man solle auf die Angehörigen Rücksicht nehmen - im Netz sind die Handy-Videos zu sehen von Sterbenden, von sich windenden Körpern auf der Straße.

Eine Frau raucht und erzählt: "Wir waren bei McDonalds essen - wollten was essen...
Die ganzen Mitarbeiter sind erstmal rausgerannt. Und dann - die ganze Menschheit hinterher.
Man hat drei Schüsse gehört. Bang, Bang (Pause) Bang."
Auf einem Video sieht man einen jungen Mann, der um sich schießt, eine ganze Reihe von Schüssen ist zu hören.

Noch ein Video. Der Amokläufer auf dem Dach.
"Ich bin Deutscher!"
"Ein Wichser bist du!"
"Hier geboren worden, in der Harz IV Gegend."
"Wichser!"
Der Wichser schießt um sich.

Die AfD postet: "Wann macht Frau Merkel die Grenzen dicht?"
Der IS postet Anschlag in München - Fotos werden gepostet von Blutspuren in einer U-Bahn-Station - die Fotos sind gefälscht oder aus einer anderen Stadt oder von Polizeiübungen. Egal.
Münchnerinnen und Münchner berichten von Komplizen, von Geiselnahmen, von Schießereien in der Innenstadt, eine Zeitungsredaktion von Schüssen im Innenhof des Gebäudes...

Es wird gepostet und getwittert und gehetzt und geredet und verdächtigt und... Und die ganze Menschheit hinterher.

Freitag, 22. Juli 2016

Nizza und Paris

Charlie Hebdo - Sfar Johann zeichnet mir aus dem Herzen
Und wieder Bomben, Tote, Ausnahmezustand. Terror überall. Die Frequenz erhöht sich und die Gewalt nimmt zu  - unter unseren Augen.

Und wieder die Berichte und die Terror-Experten und die Betroffenheit und in den Nachrichten heißt es am Ende der Bilderschleifen: "Das Netz trauert". Natürlich unterlegt mit Sphärenmusik. Und wieder müssen wir uns 'Tweets' vorlesen lassen: "Ich schäme mich ein Mensch zu sein" - Nein, falsch! "Betet für Nizza" - Falsch! Da kommt mit die Galle hoch. Schon nach den Anschlägen in Paris zeichnete ein Karikaturist von 'Charlie Hebdo' einen Mann, der sagt: Wir brauchen nicht mehr Religion, sondern Musik, Küsse, Leben!

Paris. Immer schon: Flanieren auf den Boulevards, Montmartre, Les Halles, wo Nachtschwärmer in Abendkleidung ihr Frühstück nahmen. Zu sehen auf den alten Bildern. Rauchen, Rotwein trinken, lesen, schweigen oder sich die Köpfe heiß reden. Ich bin einer davon geworden. Leben und leben lassen.

Die Dummen, die Gewalttätigen, die Religiösen, die Feinde des Lebens, sie haben uns noch nie in Ruhe lassen können. Und jetzt überschütten sie uns nicht mehr nur - wie sonst - mit ihrer Dummheit, ihrem Hass, sie schießen auf uns.
Sie schießen nicht wahllos, sie schießen auf uns, weil wir malen, zeichnen, lachen, weil wir gegen Ungerechtigkeit aufstehen. Weil wir diskutieren, in Cafés sitzen, lieben, ins Theater gehen, Musik hören. Nie hätte ich gedacht, dass es solche Menschen geben könnte... Menschen, die Denkmäler sprengen, Musik als Teufelswerk sehen, Frauen versklaven und vergewaltigen, Menschen steinigen, zu Tode peitschen... die Welt von 'Ungläubigen' säubern. Das Mittelalter ist zurück.
ob das Beten noch hilft?
Ich weiß. Wir haben die jungen Männer jenseits der Grenzen unserer Welt in die Vorstädte abgeschoben, alleine gelassen, missachtet, ausgestoßen, ohne Arbeit, ohne Ehre, ohne Bildung, ohne Zukunft. Bis dahin kann ich verstehen. Doch die Ehre dieser Männer ist eine Lüge, um das Ausgrenzen, das Missachten, das Morden zu rechtfertigen. Die Dummen töten Kultur, Bildung, Zukunft, Menschen. Kein Verständnis. Da wo Leben ist, soll der Tod herrschen? Nein.

Gegen Dummheit und Hass. Ich bin froh ein Mensch zu sein. Wir werden kämpfen, wir müssen kämpfen um das Leben, um Recht, Vernunft und Frieden. Um das Bild einer Welt, das ich in Paris kennengelernt habe. Mit allen Widersprüchen, mit allem Leben, mit allem Geist. Liberté, Égalité, Fraternité!

Montag, 7. März 2016

"Ich glaube trotzdem"


"Die Polizei hat ermittelt: Das Kind hat die Schule geschwänzt. Hier ist kein Kind entführt und vergewaltigt worden", sagt der Reporter. Da haben wir aber nicht mit den Besorgten und Betrogenen gerechnet, "Interessiert mich nicht" sagt eine Frau vor der Kamera. "Ob das wahr ist oder nicht interessiert mich nicht, ich glaube trotzdem daran". Eine gläubige Russlanddeutsche. Glaube. Der nächste Schritt?

"Unsere Kinder sind nicht mehr sicher. Die Polizei lügt. Die Presse lügt". Der nächste Schritt?
Pressekonferenz des russischen Außenministers. Das alte Hundegesicht bellt hochoffiziell in die Mikrophone: "Ausländer vergewaltigen unsere Kinder". Und die Nazis klatschen Beifall. Immerhin werden sie von Putin finanziert. Die Putin-Propaganda-Show, die Nazis, die 'Bewegung' - sie alle ziehen an einem Strang. Hauptsache Destabilisierung... Hauptsache alle gegen Europa, alle gegen die Flüchtlinge. Was sagt die 'Linke' dazu? Nichts. Die sind sauer dass Putin lieber Frau Le Pen unterstützt. Und sie sind sauer dass ihre Wutbürger im Osten mittlerweile lieber das Original wählen: AfD.

Und sonst? Hauptsache immer auf die Merkel. Die Letzte, die sich in Europa noch vernünftig und menschlich verhält, wird in die Zange genommen. Die Letzte die noch an eine europäische Lösung glaubt, wird von Europa bekämpft. Die Gegner der deutschen Kanzlerin glauben nicht mehr an eine Frau, die an Europa glaubt. Weil sie an Menschlichkeit glaubt. An Vernunft. Ihre Gegner aber glauben nur noch an den Glauben, an Verschwörungen, an Marsmenschen und an geschlossene Grenzen. Tätowierte Dummbeutel glauben an Body-Bildung und aus deren Mund schießt die Botschaft: "Tod den Ungläubigen". Der nächste Schritt?

Die Meldungen und Posts überschlagen sich, eine Lawine aus Propaganda und Hass. Alle Ausländer rausschmeißen - aber vorher noch foltern, schreit Trump in Amerika. Ungarn hat geschlossen, Österreich macht dicht und Seehofer ist sowieso schon lange dicht. Die 'Bewegung' wird wieder zum Vorbild. PEGIDA ruft schon lange nach einem Diktator, der aufräumt, am liebsten Putin.
PEGIDA und Putin predigen die Parallelwelt, in der die Ordnung bedroht ist durch Ausländer, Intellektuelle, Presse, Opposition. Hängt sie auf, schlagt sie tot, erschießt sie. Der Rest soll glauben. Wie die Russlanddeutsche, die sich nicht mehr von Fakten aus der Ruhe bringen lässt.

Folgen wir all diesen Glaubens-Routen, führen diese geradewegs und immer zu ihren politischen Nutznießern. Putin, der Front National, die Salafisten, die Rechtsradikalen in Europa. "Der Westen ist dekadent. Merkel muss weg." Wir wollen zurück zu Kohl und Honecker, oder besser noch zu Hitler und Stalin, da konnte man als Frau noch ruhig über die Straße gehen...

Grenzen zu und Schießbefehl. Eine neue DDR. Gute Idee. Könnt ihr machen, das ganze Pack. Und macht schön dicht. Macht was ihr wollt, aber lasst uns damit in Ruhe.
Mir reicht es schon lange, das kaltlächelnde Geschwätz in fast jeder Talkshow. Weil wir ja Demokraten sind. Weil wir jeden zu Wort kommen lassen müssen. Das Muster ist: Wir setzen eine Runde von Skandal und Grusel zusammen. Beispiel 'Maischberger'. Ein Schweizer Hetzer (Roger Köppel), ein ehemaliger Führer der 'Bewegung' (Henkel), die aktuelle Führerin (Petry) - es ist unerträglich. Der Gegenpart? Ein wildgewordener Augstein und ein verbissenen Stegner (sozialdemokratischer Schnellsprechautomat). Die Talkshows sind zu Boulevardmagazinen verkommen, Irrationales, Wutschnauben, alle Plattitüden der rechten Propaganda, alle Angstszenarien werden dort ausgebreitet. Soviel zu Lügenpresse.

Dazu kommen hektische Ausweichmanöver, wie eben nach der Diskussion über die 'Kölner Ereignisse'. Haben unsere kritischen Geister völlig den Verstand verloren? Jedenfalls weigern sie sich hinter die Fassade zu blicken, so wie sonst, um zu ergründen warum bestimmte Phänomene auftreten oder gar wo deren Wurzeln liegen. Das Tempo von Meldungen, Posts, Kommentaren und Videos hat eine Frequenz erreicht, die einem Nachdenken oder gar Differenzieren kaum mehr Zeit lässt. Kaum Zeit lassen soll. Schauen wir auf die Diskussionsforen der TV-Sendungen, lesen wir nur noch braunen Müll.

Warum fällt das Denken, das Analysieren im Moment so schwer, gerade nach den Gewaltexzessen von Köln?
Die Fakten liegen auf dem Tisch, da versucht Frau Kraft (SPD) in einer Plasberg-Talkrunde immer noch zu verschleiern, dass in der Silvesternacht gelogen wurde, indem sie behauptet, die Polizei hätte erst nach und nach vom Umfang der Übergriffe erfahren.
Und Frau Künast (Grüne) überschlägt sich: Straftäter - warum Flüchtlinge - egal woher sie kommen - ohne Ansehen der Person - Keine Vorverurteilung...
Und die Kabarettisten? Eifrig dabei ihre Schablonen zu bedienen und ironisch zu relativieren: aber Vergewaltigung in der Ehe - das Oktoberfest - der Karneval - Thailand...
Binsenweisheiten. Da haben wir uns mehr versprochen. Diese Stimmen haben nichts gelernt. Eine bittere Verharmlosung der neuen Qualität an Gewalt.

Ohne Ansehen der Person? Wir müssen uns allerdings die Personen ansehen, die Täter, so wie es die Opfer tun mussten, die das öffentlich machten, als die Polizei noch verlauten ließ, es sei ein ruhiges Silvester gewesen, um dann, nach Ansehen der Personen, Formulierungen zu suchen, die nur das Ziel hatten die Herkunft der Täter zu verschleiern. Wessen Geschäft sie da betreiben, sehen wir an den verbalen Angriffen auf die Opfer, wenn diese versuchen zu schildern, was sie gesehen haben und was ihnen geschehen ist.

Eine junge Frau erzählt von ihren Erlebnissen im SWR. Über die unglaubliche Folge dieses Interviews schreibt der Sender auf seiner Seite: "Selina ist geschockt und unglaublich wütend, wenn sie an das Video denkt, das ein wildfremder Mann über sie ins Internet gestellt hat. Zu sehen sind darin Ausschnitte aus ihrem Fernsehinterview. Darin erzählt sie, dass die Männer, die sie an Silvester belästigt haben, südländisch aussehen und arabisch gesprochen haben. Dafür wird die 26-Jährige als rassistisch und rechtsradikal beschimpft."

Wir sollten, wie sonst auch, an der Seite der Angegriffenen stehen, nirgendwo sonst. Nach einer Flut von Falschmeldungen war klar dass einmal mehr die Stunde der Verschwörungsanhänger schlägt: Neuerdings wird im Netz behauptet, gerade die vielen Lügen machten offenbar, dass eben auch Köln eine einzige große Lüge gewesen sei. Die Frauen seien im Auftrag von Rechtsradikalen zur Polizei gegangen um Flüchtlinge zu diskreditieren.

Wie oft wurde von klugen Menschen in den letzten Jahren darauf hingewiesen, dass gewisse Kräfte natürlich Interesse daran haben, Gewalt und Überfälle durch Nazis und Rassisten zu verharmlosen, indem sie behaupten, diese seien doch nur Kriminelle. Es wurde immer wieder nötig zu erklären: Es sind eben nicht einfach nur Straftäter - es sind Nazis, ihr Weltbild führt zwangsläufig zur Gewalt. Und wenn das nicht gesehen werden soll, machen wir einen verhängnisvollen Fehler.

Was ist also so problematisch für 'Linke' und 'Grüne' hier mit gleichem Maß zu messen, die gleichen Fragen zu stellen - die Hintergründe zu analysieren?

Es sind interessanterweise die gleichen Kräfte, die kritisieren, dass die dummen Sätze immer beginnen mit: "Ich bin kein Nazi, aber..." in diesem Fall allerdings selbst ständig mit einem 'aber' herumwedeln und damit einfache Wahrheiten vom Tisch fegen wollen. Oder sich herauswinden, ein Stückweit, aber nachhaltig.

Ich denke, ein Linker, der nicht jede Gewalt ablehnt, jeden Übergriff anprangert, wie auch jede militärische Okkupation und jede Diktatur, der ist eben kein Linker. Jede Grüne, die sich weigert, Wahrheiten auszusprechen, ist keine Grüne und jeder Demokrat, der Unterdrückung billigt, ist eben kein Demokrat. Und noch eins: jeder Kabarettist, der mit Witzen über schwarze Männer die blonde Frauen vergewaltigen, Gewalt ironisiert und damit verharmlost, ist eben nicht mehr lustig. So einfach ist das.

Mittwoch, 6. Januar 2016

In Köln tobt der Mob - im 'Netz' einmal mehr der Erregungswahn

In der Silvesternacht herrschte vor dem Hauptbahnhof Köln mehr als nur Chaos. Raketen wurden in die Menge geschossen. Es wurde gegrabscht, gespuckt, geschrien, gepöbelt, geklaut, gesoffen und geprügelt. Also alles wie immer? Party-Time wie üblich? Nein.
Aus dem Protokoll eines Oberkommissars: "Gegen 22.45 Uhr füllte sich der gut gefüllte Bahnhofsvorplatz und Bahnhof weiter mit Menschen mit Migrationshintergrund. Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießroutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann."

In Köln wurden Frauen umringt und angegriffen von einem gewalttätigen Mob junger Männer. Gezielt und brutal. Hier handelt es sich nicht um Klau-Kids oder 'Antänzer'. Sondern um Gewalttäter, um Männer, die offenbar so erzogen sind, dass sie Frauen als natürliche Opfer sehen, sich also nehmen was sie glauben sich nehmen zu können. Mit Gewalt.

Im ‚Netz‘ bricht sofort die Hölle los. Aber mit Erstaunen können wir verfolgen: Schon bald geht es nicht mehr um die Frauen. Nein. Es geht um die Angst den Rechten ein gefundenes Fressen zu servieren. Um die Angst vor Vorverurteilung. Noch sei nichts bewiesen. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet. Die Aussagen der Opfer, 100 Anzeigen, übereinstimmende Aussagen über den nackten Terror, sie werden klein geredet.

Die Kölner Oberbürgermeisterin sagt den Kriminellen den Kampf an. Sie will die Täter verfolgen. Sie will, dass sich Frauen frei verhalten und bewegen können. Was hören wir auf 'Twitter' dazu? Hassgezwitscher. Was ist passiert? Frau Reker muss die dumme Frage nach praktischen Tipps beantworten. Praktische Tipps? Sie versucht es mit dem Rat bei Großveranstaltungen eine Armlänge Abstand zu halten und als Gruppe zusammen zu bleiben. Und los geht's: Hashtag: #einearmlaenge - da schwillt der Hals der unsozialen Netzwerke. Frau Reker handelt - das macht sie aus. Das ist die Hauptseite. Sie will dafür sorgen, dass sich in Köln jeder und jede sicher fühlen kann. Das geht dabei fast unter. Das 'Netz' fällt über sie her. Die 'Süddeutsche' schreibt dazu: "Dass pauschale Tipps in der Silvesternacht geholfen hätten, behauptet Reker nicht."

Und weiter: "Solche Tipps geben auch Präventionsexperten, Organisationen gegen Frauengewalt und die Polizei. Andreas Mayer, Leiter der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart rät, um Ansammlungen pöbelnder Männer einen Bogen zu machen und nicht allein unterwegs zu sein. 'Die Gruppe schützt', sagt er. Der Weisse Ring, eine Organisation, die Kriminalitätsopfern hilft, rät ebenfalls dazu, lieber Umwege in Kauf zu nehmen, als sich in unangenehme Situationen zu begeben."

Also was? Haben wir verlernt das Wichtige zu sehen? Das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen? Wird jeder Nebensatz Anlass für Hass und Hashtag?
Wo kommt das her? Auf FB tummeln sich hauptsächlich nur noch Leute, die alles ‚unfassbar’ finden. Leute, die sich nur noch in geteilten Schlagzeilen, Bildern oder Videos äußern. Der Simpel folgt dem Simpel und seinen Simpel-Fabriken. Keine Grautöne, kein Nachdenken, keine Zusammenhänge. Nur noch Werbevideos, Propaganda, Tränenkitsch und Witzigkeiten. Und dann: Teilen, teilen, teilen. Und so folgen die Einfältigen entweder dem Mob oder den besorgten Bürgern, Nazis oder Trollen, den religiösen Irren, diversen Verschwörungs-Fanatikern, Wahrsagern und Glaubenskriegern.
Wie sagte der Kabarettist Wolfgang Neuss: "Heut mach ich mir kein Butterbrot, heut mach ich mir Gedanken." Guter praktischer Tipp.

Noch einmal. Worum geht es? In unserer Stadt, in Köln, treiben Kriminelle ihr Unwesen. Massenkriminalität auf offener Straße. Eine neue Qualität von Gewalt. Frauen werden vor dem Dom bedroht, von Männerrudeln ihrer Würde und ihrer Habe beraubt, ihnen wird Gewalt angetan - und was tun wir? Haben wir alle nur den eigenen Blödsinn im Kopf?
Die Erbsenzähler schreiben: ‚Das waren doch gar keine Tausend‘. Die Gerechten schreiben: ‚Es gibt noch keine Beweise’. Die Witzigen schreiben ‚Schuld ist nur Frau Roth‘, der Mob schreibt ‚Hängt die Flüchtlinge auf‘, Pegida schreibt ‚Hängt Frau Merkel auf‘ und die Nazis schießen auf Flüchtlingsheime. Auch eine neue Qualität von Gewalt. Die neue Qualität von Dummheit in den unsozialen Netzwerken ist kaum noch zu steigern. Sie hat in den letzten Jahren zugenommen, hat aber heute kein lustiges Gesicht, kein Smilie mehr und beschränkt sich nicht auf Katzenvideos.

Die SZ schreibt: „Es geht um den inneren Frieden. Er wird gefährdet von Exzessen auf der Domplatte und von den Exzessen im Internet, die eine brandgefährliche Atmosphäre schaffen.“ Dem stimme ich zu. Das hysterische Geschrei auf Straßen und im ‚Netz’ wird immer bedrohlicher. Die Redaktion von t-online schreibt: “Wie alle anderen Nachrichtenseiten haben auch wir massive Probleme mit den sogenannten Trollen oder ‚Hatern‘. Sie kennen weder Anstand noch Regeln, beleidigen auf das Schlimmste und verbreiten unter dem Schutz der Anonymität des Internets extremistische, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Kommentare. … Deshalb sind wir leider gezwungen, die Kommentarfunktion einzuschränken und nur für eine begrenzte Zahl an Themen zuzulassen. Vor allem bei hochaktuellen politischen Diskussionen wie dem Umgang mit Flüchtlingen oder Pegida hat es sich leider gezeigt, dass ein sinnvoller Austausch von Argumenten unmöglich ist.“

Das war zu erwarten. Die Wenigsten sehen noch klar. Die Wenigsten sind in der Lage vernünftig zu diskutieren oder überhaupt Vernunft walten zu lassen. Kein Wunder in einer Welt, in der alles zu einer Glaubensfrage verkommt oder als solche verkauft wird.
Und wir folgen den Verkäufern und verbreiten damit ihre Lügen auf fabrikmäßig hergestellten Netz-Seiten.
Noch ein Tipp: Heut mach ich mal kein 'Teilen'-Post, heut mach ich mir Gedanken.

Wir müssen die Hasser und Verfolger bekämpfen. Wir müssen für die Menschenwürde eintreten, überall. Es darf in Deutschland weder 'befreite Zonen' geben, also Nazi-Freiräume, in die sich kein Polizist mehr verirren will, noch rechtsfreie Räume für Bandenkriminalität und Terror gegen Frauen - in Köln und anderswo. Staat und Polizei sind verpflichtet zu schützen und einzugreifen. Schon wenn mit Silvesterraketen in die Menge gefeuert wird. Auch wenn Party, Alkoholexzesse und Gewalt oft genug kaum mehr zu trennen sind, ist das kein Grund alles laufen zu lassen oder gar wegzuschauen. Menschen wurden beschossen, blutig geschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt. Niemand wurde verhaftet. Das darf nie wieder geschehen. Weder auf dem Oktoberfest noch im Karneval.

Wir haben in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt Prinzipien und Verhaltensregeln, die es Wert sind verteidigt zu werden, gegen Kriminelle, religiöse Fanatiker, gewalttätige Dumme und dumme Gewalttäter.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.