Mittwoch, 6. Januar 2016

In Köln tobt der Mob - im 'Netz' einmal mehr der Erregungswahn

In der Silvesternacht herrschte vor dem Hauptbahnhof Köln mehr als nur Chaos. Raketen wurden in die Menge geschossen. Es wurde gegrabscht, gespuckt, geschrien, gepöbelt, geklaut, gesoffen und geprügelt. Also alles wie immer? Party-Time wie üblich? Nein.
Aus dem Protokoll eines Oberkommissars: "Gegen 22.45 Uhr füllte sich der gut gefüllte Bahnhofsvorplatz und Bahnhof weiter mit Menschen mit Migrationshintergrund. Frauen mit Begleitung oder ohne durchliefen einen im wahrsten Sinne 'Spießroutenlauf' durch die stark alkoholisierten Männermassen, wie man es nicht beschreiben kann."

In Köln wurden Frauen umringt und angegriffen von einem gewalttätigen Mob junger Männer. Gezielt und brutal. Hier handelt es sich nicht um Klau-Kids oder 'Antänzer'. Sondern um Gewalttäter, um Männer, die offenbar so erzogen sind, dass sie Frauen als natürliche Opfer sehen, sich also nehmen was sie glauben sich nehmen zu können. Mit Gewalt.

Im ‚Netz‘ bricht sofort die Hölle los. Aber mit Erstaunen können wir verfolgen: Schon bald geht es nicht mehr um die Frauen. Nein. Es geht um die Angst den Rechten ein gefundenes Fressen zu servieren. Um die Angst vor Vorverurteilung. Noch sei nichts bewiesen. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet. Die Aussagen der Opfer, 100 Anzeigen, übereinstimmende Aussagen über den nackten Terror, sie werden klein geredet.

Die Kölner Oberbürgermeisterin sagt den Kriminellen den Kampf an. Sie will die Täter verfolgen. Sie will, dass sich Frauen frei verhalten und bewegen können. Was hören wir auf 'Twitter' dazu? Hassgezwitscher. Was ist passiert? Frau Reker muss die dumme Frage nach praktischen Tipps beantworten. Praktische Tipps? Sie versucht es mit dem Rat bei Großveranstaltungen eine Armlänge Abstand zu halten und als Gruppe zusammen zu bleiben. Und los geht's: Hashtag: #einearmlaenge - da schwillt der Hals der unsozialen Netzwerke. Frau Reker handelt - das macht sie aus. Das ist die Hauptseite. Sie will dafür sorgen, dass sich in Köln jeder und jede sicher fühlen kann. Das geht dabei fast unter. Das 'Netz' fällt über sie her. Die 'Süddeutsche' schreibt dazu: "Dass pauschale Tipps in der Silvesternacht geholfen hätten, behauptet Reker nicht."

Und weiter: "Solche Tipps geben auch Präventionsexperten, Organisationen gegen Frauengewalt und die Polizei. Andreas Mayer, Leiter der Polizeilichen Kriminalprävention der Länder und des Bundes in Stuttgart rät, um Ansammlungen pöbelnder Männer einen Bogen zu machen und nicht allein unterwegs zu sein. 'Die Gruppe schützt', sagt er. Der Weisse Ring, eine Organisation, die Kriminalitätsopfern hilft, rät ebenfalls dazu, lieber Umwege in Kauf zu nehmen, als sich in unangenehme Situationen zu begeben."

Also was? Haben wir verlernt das Wichtige zu sehen? Das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen? Wird jeder Nebensatz Anlass für Hass und Hashtag?
Wo kommt das her? Auf FB tummeln sich hauptsächlich nur noch Leute, die alles ‚unfassbar’ finden. Leute, die sich nur noch in geteilten Schlagzeilen, Bildern oder Videos äußern. Der Simpel folgt dem Simpel und seinen Simpel-Fabriken. Keine Grautöne, kein Nachdenken, keine Zusammenhänge. Nur noch Werbevideos, Propaganda, Tränenkitsch und Witzigkeiten. Und dann: Teilen, teilen, teilen. Und so folgen die Einfältigen entweder dem Mob oder den besorgten Bürgern, Nazis oder Trollen, den religiösen Irren, diversen Verschwörungs-Fanatikern, Wahrsagern und Glaubenskriegern.
Wie sagte der Kabarettist Wolfgang Neuss: "Heut mach ich mir kein Butterbrot, heut mach ich mir Gedanken." Guter praktischer Tipp.

Noch einmal. Worum geht es? In unserer Stadt, in Köln, treiben Kriminelle ihr Unwesen. Massenkriminalität auf offener Straße. Eine neue Qualität von Gewalt. Frauen werden vor dem Dom bedroht, von Männerrudeln ihrer Würde und ihrer Habe beraubt, ihnen wird Gewalt angetan - und was tun wir? Haben wir alle nur den eigenen Blödsinn im Kopf?
Die Erbsenzähler schreiben: ‚Das waren doch gar keine Tausend‘. Die Gerechten schreiben: ‚Es gibt noch keine Beweise’. Die Witzigen schreiben ‚Schuld ist nur Frau Roth‘, der Mob schreibt ‚Hängt die Flüchtlinge auf‘, Pegida schreibt ‚Hängt Frau Merkel auf‘ und die Nazis schießen auf Flüchtlingsheime. Auch eine neue Qualität von Gewalt. Die neue Qualität von Dummheit in den unsozialen Netzwerken ist kaum noch zu steigern. Sie hat in den letzten Jahren zugenommen, hat aber heute kein lustiges Gesicht, kein Smilie mehr und beschränkt sich nicht auf Katzenvideos.

Die SZ schreibt: „Es geht um den inneren Frieden. Er wird gefährdet von Exzessen auf der Domplatte und von den Exzessen im Internet, die eine brandgefährliche Atmosphäre schaffen.“ Dem stimme ich zu. Das hysterische Geschrei auf Straßen und im ‚Netz’ wird immer bedrohlicher. Die Redaktion von t-online schreibt: “Wie alle anderen Nachrichtenseiten haben auch wir massive Probleme mit den sogenannten Trollen oder ‚Hatern‘. Sie kennen weder Anstand noch Regeln, beleidigen auf das Schlimmste und verbreiten unter dem Schutz der Anonymität des Internets extremistische, menschenverachtende und gewaltverherrlichende Kommentare. … Deshalb sind wir leider gezwungen, die Kommentarfunktion einzuschränken und nur für eine begrenzte Zahl an Themen zuzulassen. Vor allem bei hochaktuellen politischen Diskussionen wie dem Umgang mit Flüchtlingen oder Pegida hat es sich leider gezeigt, dass ein sinnvoller Austausch von Argumenten unmöglich ist.“

Das war zu erwarten. Die Wenigsten sehen noch klar. Die Wenigsten sind in der Lage vernünftig zu diskutieren oder überhaupt Vernunft walten zu lassen. Kein Wunder in einer Welt, in der alles zu einer Glaubensfrage verkommt oder als solche verkauft wird.
Und wir folgen den Verkäufern und verbreiten damit ihre Lügen auf fabrikmäßig hergestellten Netz-Seiten.
Noch ein Tipp: Heut mach ich mal kein 'Teilen'-Post, heut mach ich mir Gedanken.

Wir müssen die Hasser und Verfolger bekämpfen. Wir müssen für die Menschenwürde eintreten, überall. Es darf in Deutschland weder 'befreite Zonen' geben, also Nazi-Freiräume, in die sich kein Polizist mehr verirren will, noch rechtsfreie Räume für Bandenkriminalität und Terror gegen Frauen - in Köln und anderswo. Staat und Polizei sind verpflichtet zu schützen und einzugreifen. Schon wenn mit Silvesterraketen in die Menge gefeuert wird. Auch wenn Party, Alkoholexzesse und Gewalt oft genug kaum mehr zu trennen sind, ist das kein Grund alles laufen zu lassen oder gar wegzuschauen. Menschen wurden beschossen, blutig geschlagen, ausgeraubt, vergewaltigt. Niemand wurde verhaftet. Das darf nie wieder geschehen. Weder auf dem Oktoberfest noch im Karneval.

Wir haben in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt Prinzipien und Verhaltensregeln, die es Wert sind verteidigt zu werden, gegen Kriminelle, religiöse Fanatiker, gewalttätige Dumme und dumme Gewalttäter.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.