Freitag, 7. April 2017

Deutscher Pop - Die Poesie der Werbeindustrie

Ich habe gestern zufällig verpasst den Böhmermann wegzuzappen und ich habe krampfhaft, aber vergeblich versucht, nicht zu lachen. Es ließ sich einfach nicht vermeiden. Thema: die deutsche Pop-Musik.
Nuschelwuschel
Die deutsche Musik-Industrie versucht - mit Hilfe deutscher Wuschelpuschel Pop-Nuscheler, die in Zeitlupe an Fenstern stehen und irgendetwas nöhlen, das mit Mädchen und Sternen zu tun hat - ihren Industrie-Kitsch an den blöden Mann und die doofe Frau zu bringen. In Deutschland ist das ganz einfach. Aber Böhmermann: Neu war das natürlich nicht. Wem ist die Werbeclip-Ästhetik nicht zuwider, wem gehen die Songs, die klingen wie von der Auto- und Bierindustrie gesponsert, die von zwei simplen Tönen totgeritten werden, damit bei den jungen Hörern keine Schweißausbrüche entstehen, und die vollgestopft sind mit Oh-eh-oh-ohs, damit jeder mitsingen kann, nicht auf die Nerven. Und wer findet die Hütchen-Träger, die Tätowierten, die coolen Jungs, die mit Begriffen wie 'Tanzen', 'Menschen' oder 'Leben' an allen Allgemeinplätzen unserer schönen Städte herumlungern, nicht lächerlich. Vielleicht noch die unterbelichteten Teenies, die eine Begleitmusik für ihre Pubertät brauchen und sich damit zum Kauf von allerlei Dummheiten verführen lassen.

Ja, die Teenies glauben sogar, das sei 'Poesie'. Kein Wunder, dass heute jeder Abitur schafft.
Als Parodie hat Böhmermann aus Kalendersprüchen und den bekanntesten Versatzstücken einen Text von fünf Affen zusammensetzen lassen, das alles zu einem Musik-Mus zusammengerührt und in einem typischen Clip mit den typischen Ohs und Eh-Ohs versetzt.

Und schau an: Schon einen Tag später steht diese Parodie auf Platz 1 bei iTunes:
Jim Pandzko featuring Jan Böhmermann mit „Menschen Leben Tanzen Welt“. Original und Fälschung – nicht zu unterscheiden. Gute Nacht und hört recht schön.

Mittwoch, 5. April 2017

Restaurant

Köln. Innenstadt. Wo früher Menschen in Vorfreude in einem offenen Restaurant mit einem Glas Wein auf den Beginn von Oper oder Schauspiel gewartet haben, steht heute eine Abfertigungshalle für Esser neben einer ewigen Baustelle. Das Ausweichquartier des Schauspiels befindet sich in Mühlheim, das Ausweichquartier der Oper in Deutz. Der Innenstadt fehlt jede Kultur.

Ich sehe mich um. Verschiedene Theken, verschiedene Abteilungen. Bei Romeo und Julia gibt es Frozen Yogurt - ist das richtig geschrieben? -
Eine Theke ‚Gutbürgerliche Küche‘, daneben die für ‚Pasta, Salate und Steaks‘ - worin genau besteht da der Unterschied? - Eine Fresshalle für Besserverdienende und solche die es gerne wären. Töpfe klappern. Fahrstuhlmusik. Die Mädchen und die tätowierten Jungs, die sich etwas zurufen, lassen fremde Sprachen hören.

Große Holztische, kleine Hocker mit karamellfarbenem Kunstleder überzogen. Das ganze Event führt in einen Supermarkt.
Ein Blick über die Straße: auf der Hausfassade steht "Kauf dich glücklich" - in eingekasteten Design-Buchstaben. Auf der anderen Seite das 'Dumont Carré'. Das hat nichts mit Literatur zu tun, ist ein Shoppingcenter.
Früher war hier das Pressehaus und gegenüber ein Italiener, wo sich Künstler, Kölner und Journalisten trafen. Leben eben. Heute steht das Pressehaus in Niehl. Ein Glaspalast, aus dem niemand mehr mit Steinen wirft. Kontakt abgerissen. Presse ist auch nicht mehr wichtig.

Samstag, 1. April 2017

Weiter

Das Schauspiel begann. Die Wellen wellten, kicherten, taten harmlos, plätscherten aber kokett, bildeten Kämme, frisierten den Mond, betrachteten ihn dann und lächelten. Die Töchter des Meeres freuten sich mehr und mehr über den Spaß, funkelten und brachen sich im Licht des Mondscheins. Sie wussten um ihre Schönheit.
Der Mond schien über all das einigermaßen ungehalten und zog das ganze Meer zu sich heran - ein Kuss? Die Wellen wehrte sich wild und wechselten ihre Farbe zu Quecksilber.

Der Mond zeigte sein blasses, gleichgültiges Gesicht. Der Liebeskampf begann. Das Meer stieg zu ihm auf und senkte sich wieder, in scheinbarer Unterwerfung. Das Schwein. Der kalte Mond drückte es zu Boden. Ein stetiges Ringen. Amüsiert beobachtete der mächtige Trabant die Fingerspiele des Meeres, das Schäumen der lüsternen Töchter, die über den Sand krochen um sich schließlich zu verlieren. Und er stand über dem Strand und saugte das Salz. Die Haut gespannt, eines seiner Krater-Augen verschleierte sich. Gespannt auch das unsichtbare Herz. Der Kuss, kaum zu spüren. Ein Hauch lag noch lange über dem Horizont. Mit einem nachtblauen Band wurde die Szene verpackt.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.