Samstag, 29. Juli 2017

Das Ende der Kunst

Die dicke Frau mit der rotgefärbten Kurzhaarfrisur, die vor die Presse trat, war eine der Sprecherinnen der deutschen Sektion der NOOOAAJUFOCMUCOP (Non Official Organisation Of Arts And Justice For Creative Multi Colored People). Sie sprach in ihrem Statement davon, dass die meisten Sektionen ihrer Organisation bereits ein Jahr nach ihrer Gründung ein stückweit gut aufgestellt seien und dass Künstlerinnen und Künstler endlich einer Quotenregelung für Kunst der Ureinwohner, wie auch für Kunst von politisch Verfolgten, für Kunst von Schwulen und Lesben, von Gender-, Frauen-, afro-amerikanischer, indogener, antifaschistischer- und Volks-Kunst ein großes Stück näher gekommen seien, dass nun die Betroffenen selbst in Selbstbestimmung ihre eigene originäre Kunst schaffen und zeigen könnten, ohne ertragen zu müssen von selbstherrlichen, selbst ernannten 'Künstlern' weiter zu Objekten degradiert zu werden.

In dem Zusammenhang wies sie darauf hin, dass es endlich auch gelungen sei, die Bilder des Malers Gauguin aus den Museen entfernen zu lassen. „Sie gehören verbannt und verbrannt“, sagte sie der eifrig auf Sätze wartenden Presse. Zugegeben, ein griffiger, zitierfähiger Spruch. Alle fingen an zu schreiben. „Diese Art von Bildern sind politisch nicht mehr haltbar.“ Alle blickten auf.
Opfer von Gauguin: Frauen auf Tahiti
Sie seien, sagte sie weiter, typischer Ausdruck eines eurozentristischen, rassistischen Weltbildes, das sich in einem typisch arroganten, voyeuristischen Blick auf die Ureinwohner manifestieren würde.
Die neue Ausstellung „Wir sind anders“ würde endlich ausschließlich mit authentischen Werken der Ureinwohner bestückt werden können.
„Bunt, stark und authentisch“ sei das Motto.

Ob die patriarchale Religionskunst nicht auch auf die Liste gehöre, fragte ein interessierter Journalist und ein anderer, wann denn dann mit der Sprengung des Kölner Doms zu rechnen sei.
Die dicke Frau explodierte. Das sei die typische Art einer verlogenen Main-Stream-Presse, die gerechten Anliegen von Betroffenen in den Schmutz zu ziehen, giftete die Sprecherin.

Andere Sparten seien schon weiter. Auf den Theaterbühnen des Landes gäbe es schon lange, statt unverständlicher, wirklichkeitsferner 'Dichtkunst', das Recherche-Theater, in dem die Betroffenen selbst, die Flüchtlinge, Arbeitslosen und diskriminierten Minderheiten zu sehen seien, um unmittelbar ihre Geschichten selbst zu erzählen. Man müsse sich nicht mehr mit verstaubten Königsdramen den Blick auf die Fakten verstellen lassen. Ein Dichter habe nur dann noch aktuelle Kraft, wenn er mit zeitgenössischen Texten verbunden sei. Das neue multi-mediale, interaktive Theater sei Vorbild und Beispiel genug für jede Kunst, sagte sie und beendete die Pressekonferenz, ohne weitere Fragen zu beantworten.

Freitag, 21. Juli 2017

Dem Erklärbär kannst du nicht entkommen

Ununterbrochenes Meinungs-Geplapper. Im Fernsehen haben Lieschen, Fritz, Ahmed, Fatima und Niköööö auf jeden Fall und überall ein Mikrööö vor der Nase und produzieren Meinungen. Meinungen zu Syrien, Burka, Wetter, Waschmittel, Wahlen, Kindesmissbrauch, Unfällen, Bränden und Preisen. Dazu werden jeden Tag fünfzig neue Bücher mit Meinungen über, sagen wir, Gerechtigkeit oder gesundes Essen oder Wege zum Glück, auf den Markt geworfen. Noch verwaschener, korrekter, sauberer und antiseptischer als in unseren Zeiten geht es kaum noch.
Wo ist der Dreck geblieben, der Witz, wo bleiben die Geschichten, die Theaterstücke, die surrealen Bilder?

Es ist grauenhaft. Von überall her werden wir mit Realität konfrontiert, mit Authentizität, wir werden von Fakten, Daten und Zahlen eingekreist, mit Statistiken und Binsenweisheiten beworfen. Gegen den Hass, für die Liebe, gegen Rassismus, für die Buntheit, für die Wahrheit, gegen die Lüge, für das Gute, gegen das Böse. Unfassbar. Teilen, teilen, teilen. Wir gehen unter im Kugelhagel der Meinungen. Bewusstlos. Stopp. Fakten-Check. Aber die Fakten im Fakten-Check sind falsch. Was nun? Egal. Alle glauben alles.

Wir Intellektuellen aber wissen: Weniger glauben, mehr wissen. Also: Statt lachen zu dürfen, sehen wir das lehrreiche Recherche-Kabarett. Hier bekommen wir die Statistiken auch noch erklärt: soundsoviel Prozent im Land besitzen soundsoviel, und nur soundsoviel Prozent besitzen soundsoviel. Bedeutungsschwangere Pause. Kreischen, hysterischer Applaus.
Also gibt es statt Kabarett: Neues aus der Anstalt, statt Satire: Mann, Sieber! Statt politischer Analyse: Carolin Emke, statt Unterhaltung: Hirschhausen, statt Nachrichten: heuteplus, statt Essen die nächste Kochshow. Wahnsinnig authentisch. Nur dass es nichts zu lachen, nichts zu riechen und nichts zu schmecken gibt.

Das alles lässt sich auch kurz zusammenfassen. Alles ist Hashtag: #kurzerklärt.
Überall wird erklärt, erklärt und nochmal erklärt. Hauptsache erklärt. Hauptsache Fakten, Fakten, Fakten.
Auf dem Schirm erscheinen Mensch-ärgere-dich-nicht-Figuren, schwarz vor rotem Hintergrund, tauchen auf und verschwinden wieder. Sprechblasen und Pictogramme erklären uns Kindern in Deutschland die Fakten. Was ist so lustig an Fakten?
Animierte Figuren, die sich vermehren, verschieben oder umfallen. Aha.

Aber warum bluten sie nicht, wenn über Kriege berichtet wird, warum werden ihnen keine Finger oder Beine abgetrennt? Stattdessen sehen wir Geldscheine, die fliegen, wenn Geld ausgegeben wird - und all die schwirrenden Pfeile, Quadrate, Säulen und Kuchenstücke, aber die Kuchenstücke werden nicht von Putin gefressen oder von Xi Jinping an die Wand geworfen, die animierten Häuser nicht in lustigen Explosionen in die Luft gejagt. Warum wird Erdogan nicht sabbernd im Laufställchen gezeigt, oder Trump in der Anstalt, oder Kaczynski als Giftzwerg, oder Schulz ohne Kopf?

Das bringt mich auf eine Idee. Das wären doch gute Geschichten. Und gute Geschichten, gutes Theater sind wahrer und wahrhaftiger als jeder Tweet und jeder Check. Was brauchen wir Fakten? Erzählen wir unsere Märchen.

Samstag, 8. Juli 2017

Straßenschlacht in Hamburg

Hamburg, 7. Juli 2017
Die Schlacht von Hamburg macht mich wütend. Mit Links oder gar Widerstand gegen G20 hat das nichts, aber auch gar nichts zu tun. Null Politik. Auf der einen Seite die verkrachten Lederjackenträgern aus tiefster Vergangenheit, die sich fleezen und lallen und meinen, wenn die Polizei sie angreife - dann sei es kein Wunder, dass sie die Stadt auseinander nehmen müssten. Da fehlen mir die Worte.

Auf der anderen Seite der Jugendmob von heute. Ob dumpfe Rassisten, oder Hooligans vor den Fußballstadien, tätowierte, plündernde, saufende, grölende Rudel aufgepumpter Männer - sie wüten durch die Landschaft, um ihre geistige Leere mit Gewalt in die Straßen zu schneiden.

Dummheit, religiöser Wahn, Rassismus, Hass, eine ganze Schicht ungebildeter Jugendlicher, explosiv auch ohne Sprenggürtel, kriminelle Dummbeutel, bewaffnet mit Smart- (wie ironisch) phones, haben einen Auftrag: Destabilisierung der Demokratie. Das macht sie zu Hilfstruppen von Erdogan, Putin, Trump, den schwer erziehbaren Gewalttätern aus der oberen Etage. Aber dafür sind die aus dem Erdgeschoss zu blöd, das auch nur ansatzweise zu begreifen, gläubig bis zum Hirntod. Ihr widerwärtigen Idioten, macht euch vom Acker.

Wir wollen weder Erdogans Schläger, noch Putins Banden, noch Trumps Ku Klux Klan, weder Pegida-Mob noch Islam-Terror, weder braunen noch schwarzen Block.

Dienstag, 4. Juli 2017

Nachtrag: Bühnen Köln sind fertig - die Kulturverwaltung auch - wir noch nicht ganz

Immer neue Zahlen. 2023 stehen die Bühnen Köln aber nun wirklich zur Eröffnung bereit (woher kenne ich nur solche Formulierungen). Auch die Kosten, die sich seit Ratsbeschluss mehr als verdoppelt haben, werden immer präziser benannt.

Am 1. Juli 2017 schrieb der Kölner Stadt-Anzeiger von 250 Millionen Euro. Am 2. Juli hieß es: Es sind doch schon 570 Millionen Euro - mindestens.
Korrektur am 3. Juli: 570.554.049,49 Euro

Jetzt meine Bitte: Kann das Theater am Sachsenring nicht wenigstens diese 554.049,49 Euro haben? Auf den einen Tag kommt es doch nicht an.
Das wären nur 500.000 Euro mehr als der Zuschuss, auf den wir jetzt bereits seit 12 Jahren warten.

Die Kulturverwaltung lehnt normalerweise in fast allen Fällen, wenn es um Kultur geht, die Verantwortung ab: "Das entscheidet der Beirat" oder "Das hat die Politik so gewollt" oder "Der Topf ist leider schon leer", oder die Anliegen werden einfach zurückgewiesen oder delegiert oder ignoriert. Oder die Kulturdezernentin sagt wieder: "Ich trage hier nicht den Oberverantwortungshut". Ist kein Witz.

Also Vorschlag: In diesem Falle könnte die Verwaltung einfach einmal eine Umbuchung vornehmen. Kostet keine Mühe. Eine Bühne für Schauspiel, für zeitgenössische und klassische Stücke, im Zentrum der Stadt - dem TAS würde die Summe reichen, um weiter auf bekanntem Niveau Theater spielen zu können. Na, wie wär's?

Samstag, 1. Juli 2017

Bühnen Köln sind fertig - in sieben Jahren (frühestens)

Zwischenbericht: Nach Jahrzehnten beschloss der Rat der Stadt Köln 2009 endlich neue Bühnen am Offenbachplatz zu bauen. Ein lang gehegter Traum sollte Wirklichkeit werden.

Dann traten Neven DuMont, Karin Beier und eine so genannte 'alternative' Bewegung ("Mut zu Kultur") auf den Plan und setzten sich für eine Sanierung ein. Eine regelrechte Kampagne gegen den Neubau begann. Mit Argumenten wie Denkmalschutz und Sparsamkeit. Und mehr Geld für die Kunst.
Naivität oder Täuschungsmanöver oder beides? Auf jeden Fall handfeste Interessen. Wie immer. Ein Jahr später war der Beschluss vom Tisch.

Ich habe damals schon dagegen angeschrieben und habe Unverständnis geerntet.
Wer will kann einen Kommentar von vor sieben Jahren nachlesen:

http://spiegel-jk.blogspot.de/2010/02/inhalt-vor-fassade.html

Leider, wie schon im Ringen um eine bessere Förderung der freien Theaterszene, haben sich auch im Falle 'Sanierung' die geäußerten Befürchtungen in allen Punkten bestätigt.

Konkret: Die Sanierung von Oper und Schauspiel in Köln sollte 232 Millionen kosten, na ja, sagen wir mit Puffer 253 Millionen Euro, so genehmigte es der Rat. Da alle wissen, dass eine Genehmigung immer durch die Kosten überholt wird, auch mit Puffer (das gehört zum Ritual), sagen wir doch großzügig 350 Millionen. Der Rat musste aber, nachdem das auch das keine realistische Größe mehr war, vor einiger Zeit noch eine letzte Genehmigung beschließen. 404 Millionen Euro. Die Sanierung sollte 2015 abgeschlossen sein. Also sagen wir zwei Jahre später, also jetzt.

Jetzt wird aber erst ein Zwischenbericht vorgelegt.
Fertigstellung 2022 (frühestens) - Kosten 550 Millionen Euro. Ende nicht in Sicht. Schließlich geht es um Bautätigkeit, nicht um Kunst. Oder?


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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.