Dienstag, 17. Oktober 2017

Tod auf Malta

Die bekannteste maltesische Bloggerin Daphne Caruana Galizia ist durch eine Autobombe getötet worden.

Die "Panama Papers" bestätigten 2016 Enthüllungen, die von Daphne Caruana Galizia, einer kritischen Bloggerin, über umfangreiche dunkle Finanzoperationen, über Malta als Paradies für Steuerhinterzieher, beschrieben worden waren. Auch die Verwicklungen zweier zentraler Mitarbeiter von Maltas Premier Joseph Muscat hatte sie aufgedeckt.

Der letzte Eintrag am 16. Oktober 2017 auf ihrem Blog endet: "Da sind Gauner, wo du auch hinschaust. Die Lage ist verzweifelt." Um 14.35 Uhr gepostet. Um 15:00 Uhr war sie tot.

Die "Süddeutsche" schreibt: "Konrad Mizzi, damals Energie- und Gesundheitsminister sowie Vorsitzender der Labour Party, und Keith Schembri, Muscats Kabinettschef, sollen Offshore-Konten in Panama und Trusts in Neuseeland eröffnet haben.

Den Steuerbehörden daheim meldeten sie nichts davon. Fragwürdig war das auch, weil beide Politiker ihre Konten und Trusts einrichteten, kaum waren sie an die Macht gelangt. Zunächst beklagten sich Schembri und Mizzi über die Vorwürfe der Bloggerin und taten sie als parteiische Fantasterei ab. Als dann die "Panama Papers" veröffentlicht wurden und ein internationales Publikum von den Anschuldigungen erfuhr, wuchs der Druck auf die Regierung."
Über den Auftritt Schembris vor dem Richter schreibt Daphne Caruana Galizia in ihrem letzten Blogeintrag: "Dieser Gauner Schembri war heute im Gericht und plädierte, dass er kein Gauner sei."

Dienstag, 3. Oktober 2017

Kultur - ich bin optimistisch

Tag der deutschen Einheit. Nach der Wahl. Das wäre doch eine Gelegenheit für Kultur. ODER?
Mal schauen. Eine Show. Moderiert von Kiwi, der weiblichen Hüpfburg und unerträglichen Quasseltante, die sonst Volksmusikanten durch den ZDF-Garten scheucht. Das ZDF will aber an diesem Tag auch die jungen Scheintoten erreichen. Also sind die Gäste der Show natürlich hippe Hütchenträger, deren werbekompatibler Nöhl- und Nuschel-Pop so austauschbar klingt, dass alle zufrieden sind und niemand mehr unterscheiden kann, ob Max Giesinger oder Max Giesinger auf tanzenden Frauen herumreitet.
Und der Osten? Was servieren wir dem Osten? Jan-Josef Liefers, weil der eben aus dem Osten kommt und im Tatort spielt. Er darf zeigen, dass er auch ein Hütchen tragen und nicht singen kann, seine Frau röhrt derweil in einer Kult-Ost-Band. Himmel. Schnell zurück in den Westen. Mary Roos und Thomas Anders führen in einer Art modern talking durch ihre Heimat. In Einspielern. Dann das nächste Hütchen, ein als Lockenkopf getarntes Hütchen namens Wincent Weiss - Wahnsinn - Wincent mit W - Wincent darf unter Beweis stellen, dass seine Allgemein-Kitsch-Texte noch blöder sind als die von Giesinger mit seiner Sonne-Mond-Und-Sternchen-Poesie. Hauptsache Oh oh oh ohhh zum Mitgrölen. Das ist Kultur.
Nein. Stopp. Ich bin optimistisch.

Und sie bewegt sich doch. Die Kultur. Auch wenn das niemand mehr glauben kann. Auch wenn sie nicht mehr auftaucht, nicht mehr zu sehen ist, als Thema nicht mehr vorkommt. Sie kommt im Netz nicht vor, sie kommt in den Nachrichten nicht vor. Und wenn wir allein den Medien glauben wollen, dann befinden wir uns im Krieg und die Kultur liefert die Geräuschkulisse zum Kampf. An der Kulturfront taucht Kultur auf, als Kampfbegriff, als 'Leitkultur', oder wenn sich die Frage stellt, was deutsche Kultur überhaupt sei. Na? Mal überlegen. Keine Burka und keine Steinigungen. Das ist doch mal was. Da wissen wir zumindest Bescheid, was sie nicht ist.

Was ist mit dem Journalismus? Wo bleibt der kritische Kulturjournalismus? Doch. Es gibt ihn noch. Im Feuilleton der 'ZEIT' und der FAZ taucht Kultur unter den Rubriken Bücher und Film noch auf, dagegen beim Fußvolk, also in Provinzblättern, nur noch unter Event und Performance, oder in meiner Heimatstadt unter 'Köln'. In den Online-Ausgaben finden wir sie getarnt unter 'Party', 'Ausgehen' und 'Lifestyle'. Und die Rubrik Theater kommt in den Medien nur noch vor, wenn sich die Moderatoren verkleiden dürfen, um in einer performativen Performance aufzugehen (so gesehen bei 'aspekte'), oder auch wenn es wieder einmal um Skandale geht (Fördergelder für internationale Festivals verschwinden in dunklen Kanälen, Sanierungskosten explodieren oder eine performative Gruppe besetzt die Berliner Volksbühne).

Die ZEIT schreibt am 20. September: "Weshalb muss die Kunst verschwiegen werden?
'Alles Wichtige vom Sport ...Werbung und Wetter folgen. Die Werbung sagt uns, was wir jetzt noch zum Wohlfühlen brauchen, und die Wetterprognose verrät uns einigermaßen treffsicher die Zukunft. Und ausgerechnet die Kultur soll keiner täglichen Meldung wert sein?" Genau.

Und politisch? In den Parteiprogrammen ist Kultur schon gar kein Thema, keine Frage dazu im Wahl-O-Mat, kein Politiker wagt von Kultur zu sprechen im Land der Dichter und Denker. Er würde sich ja lächerlich machen. Flüchtlinge, Steuern, Digitalisierung, das reicht.
Den Rest übernehmen andere. Gewalttäter im Dunstkreis der AfD haben schon einmal angefangen, den Intendanten der Schaubühne zu jagen, ihm die Scheiben einzuschlagen. Wen interessiert's?
Kleiner Hinweis: So beginnt Machtergreifung, nicht durch Wahlergebnisse... Sie wollen ausmisten, sie wollen niederbrüllen, sie wollen erst das Flüchtlingsheim, dann den Reichstag anzünden.

Trotzdem:Ich bin optimistisch.
Bei uns im Theater, im TAS Köln, spielen drei Frauen drei Insekten, die die Apokalypse überlebt haben und Menschen spielen. "Lasst uns also Menschen spielen - und wie sie das Herzchen fühlen". Die Käfer - Das rote Album. Ein melancholisch- skurriles Endzeitstück mit Musik, eine Uraufführung. Das Neue: Zum ersten Mal erschien überhaupt kein Pressevertreter zur Premiere.

Trotzdem bin ich optimistisch. Die ZEIT liefert Fakten: "Es gibt in Deutschland jährlich ungefähr 35 Millionen Besucher in 126.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerten. Es gibt rund 140 öffentlich getragene Theater, 220 Privatbühnen, 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester, 70 Festspiele, 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble, 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus plus eine unübersehbare Vielzahl freier Gruppen. Und es gibt gut 110 Millionen Besucher in 6.358 Museen. Es gibt Kinos, Popkonzerte, Literaturhäuser, Galerien, Chöre, Laienorchester, Musikschulen, Malkurse, Kunstvereine, es gibt Bibliotheken mit Myriaden von Nutzern, Freunden, Förderern, Sponsoren und, und, und."

Ja, ich bleibe optimistisch. Ja.

Montag, 2. Oktober 2017

Was gibt's Neues?

Es kam wie es kommen musste und so kam es dann auch. Wir erlebten die Wiedergeburt einer Nazi-Partei: Die Wütenden, die Abgehängten, sie haben so lange geschrien und getobt, bis sie wählen durften, bis zum ersten Mal seit Kriegsende Nazis in den Bundestag einziehen können, die die Kanzlerin oder wen auch immer "jagen" wollen, die die 'Schwatzbude' Parlament ausmisten wollen, die wieder stolz auf die Wehrmacht sind, die sich Volk und Land zurückholen wollen.

Im Westen 13 % - im Osten 23 % - In Sachsen 33 % - Im Erzgebirge stärkste Partei - nicht nur je bildungsferner die Wählerschaft, desto höher der Prozentsatz, auch je mehr für die Ost-Deutschen erkennbar wurde, dass die versprochenen blühenden Landschaften öde Landstriche blieben und zum Teil überhaupt erst Brachland wurden... sie machten nicht etwa Kohl dafür verantwortlich, sondern 'den Westen', deshalb brüllten sie "Putin hilf", Schuld waren 'die da oben', sie stecken sowieso alle unter einer Verschwörungsdecke und - vor allem alle Fremden, die werden gerettet, der Osten nicht. Merkel ist Schuld, Merkel muss weg. Ein Schock aus dem zu lernen ist.

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte uns ein wichtiger Teil demokratischer Kultur abhanden kommen? Selbst der Präsident einer Weltmacht pöbelt nur noch über Kurzmitteilung. Mit der Zeit wird klar, was die Kommunikations-Schnellschüsse, was das 'Netz' anrichtet. Die Meinungsgesellschaft verblödet in Hashtags und twittert sich zu Tode. Sie hat sich in den letzten Monaten, wie ein Tornado, immer schneller um ein Auge des politichen Nichts gedreht. Die Massenmedien haben einen großen Anteil daran, dass sich diese Windhose immer schneller drehen konnte und an Zerstörungskraft zunahm.
Auf der einen Seite müssen wir den Journalismus verteidigen: Die typische Hetze gegen 'Lügenpresse' kommt genau von denen, die aus Prinzip lügen, betrügen, verwirren und einfach nur verhindern wollen, dass ihre Machenschaften aufgedeckt werden. Eine freie Presse ist das Herzstück einer Demokratie.

Auf der anderen Seite: Kritik an den Medien ist wichtiger denn je. Denn der kritische Journalismus scheint den Geist aufgeben zu wollen, schon lange wird das Fernsehen mehr und mehr zum Boulevard, zur Plattform für aufgepumpte Satzfragmente und immer schnelleren Takt an Erhitzung durch Skandalisierung. Besonders die Talkshows, auch die politischen, von Illner bis Will sind für die Einschaltquote immer mehr zum Gruselkabinett verkommen. So sahen die Fernsehzuschauer während des Wahlkampfes die Hetzer und neuen Nazis in jeder Talk-Runde sitzen. Und nach jeder Provokation wurden sie abermals in die Shows eingeladen um sich zu rechtfertigen. Sie saßen und quatschten, bis jeweils zu inszenierten Empörungs-Abgängen und anschließenden Tweets. Und dann saßen sie wieder da und konnten als Wortführer der Wortverdrehung wortreich betonen, so sei das nicht gemeint, das sei gelogen, das sei entstellt, das sei typisch, sie wollten erst einmal ausreden dürfen, sie seien nicht extremistisch - um im nächsten Augenblick wieder, nach einem Einspieler, eine Nazi-Hetzrede kommentieren zu dürfen und zu behaupten, das sei natürlich aus dem Zusammenhang gerissen. So türmte sich ungehindert eine Propagandaschicht auf die nächste, von hilflosen Versuchen der anderen Talkgäste flankiert, Vernunft walten zu lassen. Dazu kamen Ungarn, Österreicher oder Sprachrohre der Erdogan-Diktatur. Überall nur noch populistisch- rechtsnationales Geblöke. Die Talkmasterinnen - hilflos. Das Ergebnis kennen wir.

Und dann noch die Lawine von Umfragen bis dicht an den Urnengang. Eine Lawine, die dazu beigetragen hat, dass immer mehr Menschen einfach das, was die Umfragen schon vorgaben, auch tatsächlich wählten. Ein bisschen mehr Protest, mehr Grün, mehr Gelb. Und vor allem: noch mehr Wut.

Und jetzt ist schon die nächste Medien-Kampagne losgetreten: Mutti habe nicht verstanden, sie habe eigentlich verloren, sage aber trotzdem, sie wolle sich treu bleiben. Ich bin froh, dass sie sich treu bleibt, und nach wie vor nichts daran ändern will, Obergrenzen und anderen Schwachsinn nicht mitmachen zu wollen. Und es ist nun einmal so: Sie hat die Wahl, auch mit Verlusten, tatsächlich gewonnen. Sie wird Kanzlerin und alle sollten, auch sie, politisches Handeln am Volk orientieren, am Volk und nicht an denen, die 'Wir sind das Volk' brüllen und anschließend ein Asylbewerberheim anzünden. Also Schnauze, CSU. Nächste Umfrage: Die Kleinen werden noch größer. Und in der nächsten Talkshow, bei Lanz, sitzt der Oberhetzer der AfD.

Und die SPD? Die größte der Kleinen? Nachdem die Schulz-Partei alles falsch gemacht hat, was man nur falsch machen kann, feiert sie unverdrossen den 100%-Vorsitzenden und bejubelt ihn. Rücktritt? Nach einer Erdrutsch-Niederlage? Nie und nimmer. Ich mach mir die Welt wiediewiediewiesiemir gefällt. Jetzt Opposition. Aber richtig. Kein Wunder dass Schulz in der großen Runde vollkommen die Contenance verliert und das Rumpelstilzchen macht. Ach wie gut dass niemand weiß, dass ich Opponentenschulzi heiß'. Frau Merkel lächelt, schüttelt leise den Kopf und denkt an Schröder.
Frau Nahles, von der wir schon wissen, dass sie oben zitiertes Lied nicht singen kann, lässt sich vom großen Vorsitzenden aufstellen und spricht Klar-Tweet: Ab morgen gibt's in die Fresse. Au weia. Und die SPD-Wähler glauben, ihre Partei könne sich in der Opposition erneuern. Klar. Mit dem jungen, erfolgreichen, neuen Vorsitzenden... In vier Jahren kämpft die SPD nur noch mit der 5% Hürde.
Sagen die Umfragen.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.