Dienstag, 3. Oktober 2017

Kultur - ich bin optimistisch

Tag der deutschen Einheit. Nach der Wahl. Das wäre doch eine Gelegenheit für Kultur. ODER?
Mal schauen. Eine Show. Moderiert von Kiwi, der weiblichen Hüpfburg und unerträglichen Quasseltante, die sonst Volksmusikanten durch den ZDF-Garten scheucht. Das ZDF will aber an diesem Tag auch die jungen Scheintoten erreichen. Also sind die Gäste der Show natürlich hippe Hütchenträger, deren werbekompatibler Nöhl- und Nuschel-Pop so austauschbar klingt, dass alle zufrieden sind und niemand mehr unterscheiden kann, ob Max Giesinger oder Max Giesinger auf tanzenden Frauen herumreitet.
Und der Osten? Was servieren wir dem Osten? Jan-Josef Liefers, weil der eben aus dem Osten kommt und im Tatort spielt. Er darf zeigen, dass er auch ein Hütchen tragen und nicht singen kann, seine Frau röhrt derweil in einer Kult-Ost-Band. Himmel. Schnell zurück in den Westen. Mary Roos und Thomas Anders führen in einer Art modern talking durch ihre Heimat. In Einspielern. Dann das nächste Hütchen, ein als Lockenkopf getarntes Hütchen namens Wincent Weiss - Wahnsinn - Wincent mit W - Wincent darf unter Beweis stellen, dass seine Allgemein-Kitsch-Texte noch blöder sind als die von Giesinger mit seiner Sonne-Mond-Und-Sternchen-Poesie. Hauptsache Oh oh oh ohhh zum Mitgrölen. Das ist Kultur.
Nein. Stopp. Ich bin optimistisch.

Und sie bewegt sich doch. Die Kultur. Auch wenn das niemand mehr glauben kann. Auch wenn sie nicht mehr auftaucht, nicht mehr zu sehen ist, als Thema nicht mehr vorkommt. Sie kommt im Netz nicht vor, sie kommt in den Nachrichten nicht vor. Und wenn wir allein den Medien glauben wollen, dann befinden wir uns im Krieg und die Kultur liefert die Geräuschkulisse zum Kampf. An der Kulturfront taucht Kultur auf, als Kampfbegriff, als 'Leitkultur', oder wenn sich die Frage stellt, was deutsche Kultur überhaupt sei. Na? Mal überlegen. Keine Burka und keine Steinigungen. Das ist doch mal was. Da wissen wir zumindest Bescheid, was sie nicht ist.

Was ist mit dem Journalismus? Wo bleibt der kritische Kulturjournalismus? Doch. Es gibt ihn noch. Im Feuilleton der 'ZEIT' und der FAZ taucht Kultur unter den Rubriken Bücher und Film noch auf, dagegen beim Fußvolk, also in Provinzblättern, nur noch unter Event und Performance, oder in meiner Heimatstadt unter 'Köln'. In den Online-Ausgaben finden wir sie getarnt unter 'Party', 'Ausgehen' und 'Lifestyle'. Und die Rubrik Theater kommt in den Medien nur noch vor, wenn sich die Moderatoren verkleiden dürfen, um in einer performativen Performance aufzugehen (so gesehen bei 'aspekte'), oder auch wenn es wieder einmal um Skandale geht (Fördergelder für internationale Festivals verschwinden in dunklen Kanälen, Sanierungskosten explodieren oder eine performative Gruppe besetzt die Berliner Volksbühne).

Die ZEIT schreibt am 20. September: "Weshalb muss die Kunst verschwiegen werden?
'Alles Wichtige vom Sport ...Werbung und Wetter folgen. Die Werbung sagt uns, was wir jetzt noch zum Wohlfühlen brauchen, und die Wetterprognose verrät uns einigermaßen treffsicher die Zukunft. Und ausgerechnet die Kultur soll keiner täglichen Meldung wert sein?" Genau.

Und politisch? In den Parteiprogrammen ist Kultur schon gar kein Thema, keine Frage dazu im Wahl-O-Mat, kein Politiker wagt von Kultur zu sprechen im Land der Dichter und Denker. Er würde sich ja lächerlich machen. Flüchtlinge, Steuern, Digitalisierung, das reicht.
Den Rest übernehmen andere. Gewalttäter im Dunstkreis der AfD haben schon einmal angefangen, den Intendanten der Schaubühne zu jagen, ihm die Scheiben einzuschlagen. Wen interessiert's?
Kleiner Hinweis: So beginnt Machtergreifung, nicht durch Wahlergebnisse... Sie wollen ausmisten, sie wollen niederbrüllen, sie wollen erst das Flüchtlingsheim, dann den Reichstag anzünden.

Trotzdem:Ich bin optimistisch.
Bei uns im Theater, im TAS Köln, spielen drei Frauen drei Insekten, die die Apokalypse überlebt haben und Menschen spielen. "Lasst uns also Menschen spielen - und wie sie das Herzchen fühlen". Die Käfer - Das rote Album. Ein melancholisch- skurriles Endzeitstück mit Musik, eine Uraufführung. Das Neue: Zum ersten Mal erschien überhaupt kein Pressevertreter zur Premiere.

Trotzdem bin ich optimistisch. Die ZEIT liefert Fakten: "Es gibt in Deutschland jährlich ungefähr 35 Millionen Besucher in 126.000 Theateraufführungen und 9.000 Konzerten. Es gibt rund 140 öffentlich getragene Theater, 220 Privatbühnen, 130 Opern-, Sinfonie- und Kammerorchester, 70 Festspiele, 150 Theater- und Spielstätten ohne festes Ensemble, 100 Tournee- und Gastspielbühnen ohne festes Haus plus eine unübersehbare Vielzahl freier Gruppen. Und es gibt gut 110 Millionen Besucher in 6.358 Museen. Es gibt Kinos, Popkonzerte, Literaturhäuser, Galerien, Chöre, Laienorchester, Musikschulen, Malkurse, Kunstvereine, es gibt Bibliotheken mit Myriaden von Nutzern, Freunden, Förderern, Sponsoren und, und, und."

Ja, ich bleibe optimistisch. Ja.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.