Montag, 20. November 2017

Lindner Baby auf dem Nonstop Flug über den Ozean der Regierungsbeteiligung abgestürzt

Ein Nonstop-Flug über den großen Ozean der Regierungsbeteiligung - das gab's schon lange nicht mehr. Die FDP-Maschinen am Boden. Defekt. Keine Starterlaubnis. Also auf ein Neues. Die Mechaniker haben sich auf Frisur, Hemd, Dreitagebart und Auftreten des Lindner-Babys, also des Piloten, konzentriert. Dazu der neue Trend: Digitalisierung. So fliegt sich's besser. Auch ohne Flugzeug.

Die Zeitungen und Plakate zeigen das Baby beim Jacke anziehen, Smartphone betrachten, Am-Türrahmen-Stehen. In Turnschuhen. Kann es fliegen? Nein. Hauptsache die Performance stimmt. Alles in Schwarz-Weiß mit Schlagschatten. Das Lindner-Baby will sein Fläschchen, das heißt Spontaneität und Digitalisierung, Flexibilität, Startups, Innovation. Was das heißen soll? Nichts. Kann das fliegen? Nein. Das Lindner-Baby bleibt am Boden und behauptet es sei von der Konkurrenz zum Absturz gezwungen worden.

Dann der entscheidende Satz: "Lieber nicht fliegen als falsch fliegen." Toll. Ein spontan formulierter Satz des Lindner-Babys. Es kann nicht nur sprechen, sondern lernt diesen Satz auswendig - in 50 Tagen - und der wird veröffentlicht. Überall. Große Schrift. Eine Sekunde nachdem der Satz ausgesprochen ist, hat er schon eine Werbeplattform.

Das Lindner-Baby muss allerdings noch von den Überfliegern der SPD lernen. Da stand der Satz: "Schulz landet in der Regierung" im Netz noch bevor er ausgetauscht wurde durch den Satz "Wir fliegen erst gar nicht", bevor auch der sich als falsch erweisen sollte und ausgetauscht wurde durch: "Wir landen doch, aber ohne zu fliegen", bevor der ersetzt wurde durch "Wir sind gegen das Fliegen. Aber alle brauchen unser Flugzeug, Bätschi!"

Samstag, 18. November 2017

Wir werden dümmer

Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen: Die Menschheit wird von Jahr zu Jahr dümmer. Der durchschnittliche Intelligenzquotient sinkt. Weltweit. Auf arte zeigt eine Dokumentation unter dem Titel: "Verlieren wir den Verstand?" welche Ursachen diese Entwicklung hat. Wenn wir uns in der Welt umschauen, erübrigt sich die Frage.

Mir kam so ein Verdacht spätestens seit Menschen in meinem Umfeld immer mehr Sprechschablonen aneinander reihen mussten, statt zu sprechen (ich sag mal so - sozusagen - am Ende des Tages - ein Stückweit - sag ich mal), und seit der Genitiv der Ersatz vom Dativ wurde und seit es heißt "isch geh Kino", oder seit immer mehr Götter angerufen werden, bevor Schüsse fallen, oder ein Präsident meint, wenn so viel geschossen wird, brauchen wir mehr Waffen, oder er behaupten darf, auf einem Bild, auf dem weniger Menschen zu sehen sind als auf einem anderen, seien mehr Menschen zu sehen als jemals zuvor, oder er sagt, er könne jeder Frau an die Pussy greifen weil er berühmt sei und kurz darauf behauptet, niemand respektiere Frauen so sehr wie er...

Ein anderer Staatslenker behauptet, Deutschland sei faschistisch, und auch Holland. Dessen Anhänger glauben das auch und rufen "Gott ist groß". Ein paar andere Leute hinter ihren Gartenzäunen glauben, die BRD existiere gar nicht und glauben auch, ihr Haus sei ein Königreich. Andere glauben wieder, die AfD sei nicht faschistisch, aber sie wählen die Partei, weil sie ihr Land zurück haben wollen und den Hitler und sie rufen auf dem Marktplatz "Merkel muss weg" und "Putin hilf uns".

Und Leute, die chemische Ersatzstoffe essen, weil sie gesund leben wollen und am Fahrrad vorne mit einer grell blinkenden Lampe den entgegenkommenden Fahrzeugen jede Möglichkeit nehmen, den Abstand einschätzen zu können, damit man sie umfahren kann um zu beweisen, dass der Helm hält was er verspricht, nämlich den Kopf und nicht das Hirn.

Mittwoch, 15. November 2017

Künste der Welt - gescheitert in Köln

Die Akademie für die Künste der Welt in Köln – auch so eine Geschichte fehlgeleiteter Kulturpolitik.

Die Welt in Köln. Keine lokale Bindung, aber großer Anspruch. Und wieder meint die Stadt Köln, hier möge ein Leuchtturm entstehen. Interkulturell. Klingt gut. Und schon gibt es eine Million. Eine Million, für die die gesamte freie Theaterszene seit Jahren vergeblich gestritten hat.

Die freien Theater sind einfach zu klein, haben keinen globalen Anspruch, nur diese überflüssige lokale Bindung und die Bedeutung für das Publikum, dazu noch eine Verankerung in der Heimat-Stadt. Die erste Theaternacht Deutschlands entstand hier. Köln hat eine besondere Vielfalt. Also weg damit. Es gibt sogar Theater, die spielen noch Theater. Etwa „Mutter Courage“ und nicht „Digging.the.fucking.brecht.mother - reloaded“. Keine Sorge, ist in Arbeit.
Aber die Sache mit den dotcom-Titeln führt eben nicht immer zum Erfolg, zum Image des Global Players in Sachen Kultur. Die Stadt Köln ist enttäuscht.
Die erste Konsequenz. Kein Leuchtturm, also Kürzung des Etats von einer Million auf € 600.000.-

Was geschieht überhaupt in dieser fast unsichtbaren Institution. Auf der Internetseite ist das übliche Kraut-Und-Rüben-Themen-Hopping zu sehen - in schrägem Design natürlich. Jung und dynamisch. Und farbig.
Natürlich sind die Performer gegen PEGIDA und natürlich wird in einer ‚Streitschrift‘ gegen ihre Urheber zu Felde gezogen, zu denen folgende Intellektuelle zählen sollen: Hans Magnus Enzensberger, Ralph Giordano, Monika Maron, Günter Wallraff, Necla Kelek, Henryk M. Broder, Hamed Abdel-Samad. Als intelligente Menschen haben die letztgenannten den gewaltverherrlichenden Charakter einer mittelalterlichen Religion kritisiert.
Die neue Kultur-Toleranz will das nicht zulassen.

Dass Dummheit und religiöse Verzückung, auch ohne in Gewalt münden zu müssen, der Vernunft und der Menschlichkeit entgegenstehen - diese Erkenntnis ist für jeden Humanisten eine Selbstverständlichkeit. Aber Aufklärung ist in der Akademie offenbar in Vergessenheit geraten. Vergessen ist überhaupt ein wichtiger Faktor der Kultur-Elite geworden. Alles heutig, gegenwärtig, kompatibel, alles wird im großen Topf verrührt.

Deshalb liest sich das Mantra der Akademie wie eine kabarettistische Überhöhung des stereotypen Wortgeklingels der Internet-Multikultur. „Digging the Global South“. Toll.
Oder „Pluriversale“ - das ist ein Fest. Da darf natürlich Milo Rau und seine Performance nicht fehlen.

Multikultur ist gut. Identität ist schlecht. Schemata. Das Geschwätz der neuen Kultur-Elite wird nicht mehr lange darüber hinwegtäuschen können, dass besonders diese Elite rechtes Gedankengut salonfähig macht und eine Kultur predigt, die von Populismus nur so starrt. Alles zum Event, alles zur Performance zu machen ist nichts anderes als Populismus. Der Feind: Die Erzählung, das Theater-Theater, Tradition, Ensemble. All das muss abgeschafft werden. Zu kompliziert, zu sprachlastig, zu sozial, zu sehr ‚Kunst‘.
Dafür werden Religion, Schamanismus, Tanz, Fakten-Check und Video durcheinandergewürfelt um als Cross-Over-Kultur auferstehen zu können. Mediale Zersplitterung wird gedanklichen Zusammenhängen entgegengestellt. Bislang war Identität immer ein Projekt vernunftbegabter Menschen. Auf der Seite der Akademie aber finden wir den Satz:  „Wie dekonstruiert sie (die Kunst) nationale Identität?“ Seit langem nicht mehr so einen reaktionären Satz gelesen. Reaktionär, links, Mann Frau, egal.

Als fortschrittlich galt noch vor Jahren, sich der Geschichte zu stellen, sich ihrer bewusst zu sein, Traditionen zu kennen, eine Bindung zur Geschichte herzustellen, um eben gerade denen entgegenzutreten, die immer schon Debatten beenden wollten, mit Sätzen wie „Ich hab nichts mit Nazis oder Krieg zu tun, ich war noch gar nicht geboren.“ Diejenigen, die so versuchen, sich und uns mit solchen Sätzen aus der Geschichte zu verabschieden - sie wollen, dass wir nur noch ohnmächtig im Hier und Jetzt trudeln. Dieses bedeutungsverlorene Trudeln wird natürlich gefördert von der ‚innovativen’ internetbesessenen Kultur und ihrer zwanghaften Gegenwärtigkeit. Und siehe da: Die dazugehörigen starren Bürokratien fördern natürlich genau diese Kultur, nur noch diese Kultur, weil das so modern klingt und sich niemand mehr Gedanken machen muss um Qualitätskriterien. Und schau an: Auch die Medien verbraten nur noch Beiträge über Erregungskultur. Sonst laufen die Leute weg. Oder schalten ab. Sie sind das Volk.

Als es noch um Kultur und Debatte ging, als die Kunst noch eine eigene Sprache pflegte, haben wir entgegnet: Wir müssen entdecken, was uns durch unsere Vorfahren, unsere Geschichte und Erziehung zu denen gemacht hat, die wir sind. Was macht unsere Kultur aus? Wir können erforschen wer wir sind, um danach auch besser wissen zu können, wohin wir gehen. Nur durch die Kenntnis der Verbrechen und das Verständnis ihrer Wurzeln konnten wir uns gegen die Verbrecher wenden.

Das sehen nicht alle so. Vor kurzem trat eine Frau im Magazin ‚aspekte’ auf, Sasha Marianna Salzmann, sie arbeitet im Gorki Theater in Berlin, um auf die begeisterte Feststellung der Kultur-Moderatoren, sie sei Jüdin, Russin, Theaterfrau, Queer... unter nervösem Gestikulieren klar zu machen, dass Identität keine Rolle spiele, dass Identität flexibel sei. Jüdin oder auch nicht, Frau oder nicht... Russin? Sie könne alles sein. Alles flexibel, alles beliebig, jedes Geschlecht, keine Sprache...
„Man kann natürlich sagen ich bin das das das das“, sagt sie in einem Einspieler, „Ob das etwas über mich aussagt, das bezweifele ich.“
Das ist der Irrsinn eines Kultur-Geplappers, das in eben solchen Worten einen reaktionären Kern enthüllt, der aber offenbar nicht als reaktionär wahrgenommen wird.
Ich habe spontan gedacht: Die hat sie nicht mehr alle. Und der Moderator schwieg. Natürlich. Immerhin macht sie experimentelles Theater.

Niemand wagt auszusprechen, dass hier eine gefährliche, verantwortungslose, rechte Gesinnung zu Markte getragen wird. Hier hätte ein Mensch, eine Frau, Profil schärfen können, stolz sein können auf ihre Wurzeln, auf ihre Identität. Frau, Russin, Jüdin. Aber nein.
Es stimmt schon: Gesichtslosigkeit, Gesinnungslosigkeit und Geschichtslosigkeit, sind Markenzeichen des zeitgenössischen Kulturbetriebes geworden.
Keine Geschichte, kein Theater, keine Sprache. Stattdessen performative Austauschbarkeit.
Das Gorki Theater erhält folgerichtig einen Theaterpreis wegen seines „performativen und diskursiven“ Programms, seine Schauspieler aus allen Teilen der Welt, spielten sich heraus „aus Schubladen, Zuschreibungen und (Gender-)Eindeutigkeiten“. So heißt es tatsächlich in der Begründung der Jury. „Identität ist für sie keine fixe Kategorie, sondern die Möglichkeit, sich immer wieder neu zu betrachten und zu hinterfragen.“ Immer neu hinterfragen.
Der Kulturbegriff dieser Leute hört sich schon seit Jahren an wie die Therapiestunde gescheiterter Sozialarbeiter.

Dafür steht auch die Akademie. Künste der Welt? Nein. Deutsch-pubertierende Künstler mit Migrationshintergrund sind nicht 'die Welt'. Postkolonial? Nein.
Ein Sammelsurium medienkompatibler Veranstaltungen, die Kulturschaffende aus der eigenen Stadt ausgrenzt, ignoriert, eine solche Mixtur setzt eher Maßstäbe der Kolonisierung des gesamten Kulturbetriebes unter korrekte Überschriften. Debatte? Nein. Ausstrahlung? Null.
Und jetzt? Kolleginnen und Kollegen, die sich selbst so gerne als Leuchttürme sehen, mindestens aber die Zuschüsse dafür einstreichen wollen, erklären sich solidarisch und wenden sich gegen die Kürzung. Haben sie Sorge, dass auch sie betroffen werden könnten. Ich habe eher Sorge, dass es bald keine Kunst mehr gibt.

Ein klares: Geld für die Kunst.

Dienstag, 7. November 2017

Aufschrei - zum wievielten Mal?

Früher, in den 50ern hatten die Frisuren der Frauen festen Sitz, in den 60ern ihre Haltung, in den 70ern gab's dann auch festen Sitz für ihre Stimmen.
Heute flattert, zumindest in den Medien, ein Chor von Entenstimmen in luftige Höhen – ein einziges Quaken und Zwitschern. Vöglein, Mäuse, Bärlis und Enten. Erinnert ein wenig an die Sendung mit der Maus, wobei Erklärungen in der Sendung mit der Maus nicht so infantil daherkommen wie der ganze Hashtag-Zirkus. Das Hashtag-Gezwitscher erweist der Sache der Emanzipation einen Bärendienst, einen Bärchi-Dienst. Emanzipation. Allein das Wort.
Früher war der Kampf um die Emanzipation eher unverständlich, es musste außerdem auch immer umständlich formuliert werden: Nieder mit der Unterdrückung und Ausbeutung der Frau. Schluss mit Gewalt gegen Frauen. Das versteht doch sowieso keiner mehr. Und wenn doch: eins in die Fresse.

Früher war auch nicht alles besser. Ich kann mich noch erinnern, in den späten 60er Jahren wurde alles faschistisch genannt, was nicht bei drei unter einer roten Fahne stand. Jeder war Faschist, der zum Beispiel Schlager hörte und jede war Faschistin, die Kitschfilme sah. Stellen Sie sich das mal heute vor. Wir hätten ein ganzes Land voller Faschisten. Kurze Pause zum Nachdenken.

Aber schon damals allerdings mahnte manch kluger Kopf, in Wahrheit würden die Opfer faschistischer Gewalt so denunziert und die Verbrechen klein geredet. Wenn dieses Etikett überall auftauche, wenn jeder Faschist sei, könne niemand mehr den Unterschied erkennen. Lange her. Wir sollten gelernt haben.
Aber nein. Den Skandal-Tweets fällt alles zum Opfer.

Ein Aufschrei. Ein Hashtag. Ein Hashtag jagt den nächsten. Eine Welt voller Hashtags. Hashtag Aufschrei, Hashtag MeToo. Ist die Welle durch, kommt der nächste Aufschrei. Ändern wird sich (natürlich) nichts. Aber schön, dass wir mal drüber geredet haben.

Und dass wir wieder einen Pranger haben. Alle Sexisten, vom Kussräuber bis zum Kniehandaufleger, vom Minister bis zum Hollywood-Schauspieler, stehen am Pranger – der berühmte amerikanische Schauspieler will dem noch entgehen und outet sich als homosexuell, als ob das eine Entschuldigung wäre. Es gibt eine Anklage, aber noch keine Beweise und auch kein Urteil. Trotzdem werden Dreharbeiten beendet, Verträge gelöst, Filme aus dem Programm genommen, Szenen mit ihm herausgeschnitten. Die Schriftstellerin Thea Dorn sagt in einem Interview: „Das ist ein neuer Totalitarismus, der da heraufzieht, ein moralischer."

Der britische Verteidigungsminister Michael Fallon tritt zurück, weil er einer BBC-Journalistin bei einem Dinner ans Knie gefasst haben soll – vor 15 Jahren. Ja. Ob er vielleicht auch vor wenigen Jahren Kriegseinsätze befahl oder Waffengeschäfte einfädelte? Wen interessiert's? Das steht auf einem andern Blatt. Deswegen tritt man nicht zurück.
Wie schon in Amerika: Nixon trat damals nicht wegen der Massaker in Vietnam zurück, sondern wegen eines Einbruchs. Und heute? Jede Berührung kann zum kriminellen Akt werden, zum Gewaltakt. Durch einen Artikel, oder einen Tweet. Erst dann: Rücktritt.

Alles schlimm, alles Hashtag, kein Unterschied. Vergewaltigung, Witz, Knie – egal. Das Netz kriegt alles klein.
Bald nach der Hashtag-Flut kommt die Hashtag-Übersättigung und dann – die Zeit des Schweigens – #schweigen. Komisch: Nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht in Köln gab es auch so komische Hashtags. #einearmlänge. Und #Rassismus.
Und dann? Gehen alle nach Hause. Und dann geht es im Netz und auf dem Boulevard wieder nur um Brustvergrößerungen und Mode-Tipps. Normal. Die Kids hören Schlager und die Frauen schauen Kitschfilme. Ohne Faschisten zu sein. Und im Dunkeln wird weiter gegrapscht. So ist das Leben.

Der Hashtag verhallt in leerer Luft und die psychisch kranken Einzeltäter, wie Donald Trump, die alle antasten, von der Journalistin bis zur Pornodarstellerin, bleiben weiter unangetastet. Wie immer. Es bleiben: Skandale. Wie immer.  Irgendwann weiß keiner mehr, wo Wahrheit und wo Lüge stecken. Wie immer. Ergebnis? Ein paar Karrieren gehen zu Ende. Das war's. Was bleibt? Der Hashtag.

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Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.