Donnerstag, 30. August 2018

Verlorene Erde

Der Untergang naht. Gewitter ziehen durch. Heftig, mit Hagelschlag und Sturm. Es wird kühler. Jetzt kann ich wieder schreiben.

Es war nicht nur heiß, es war so heiß wie noch nie. Und plötzlich bemerkten die Medien, sie könnten zu dem Thema doch einmal einen Wissenschaftler befragen. Das Wetter hatte es in die Nachrichten geschafft. Fotos aus der ISS zeigten einen braunen, verdorrten Kontinent Europa und in Kalifornien wüteten die größten Waldbrände aller Zeiten - die Rauchsäule war bis in den Weltraum zu sehen.

Der Planet leidet an Überhitzung. In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben Wissenschaftler davor gewarnt, dann hieß es, bis Ende der 80er Jahre könne die Katastrophe noch aufgehalten werden. „Jetzt ist der Klimawandel da“, sagt ein Wissenschaftler, nicht per Twitter, sondern auf einer Pressekonferenz. „Keine Fake News“, sagt er in Richtung Trump.

Im Magazin der ‚New York Times’ erscheint ein Artikel: ‚Losing Earth: The Decade We Almost Stopped Climate Change’ von Nathaniel Rich.
Georg Diez vom ‚Spiegel‘ ist beeindruckt und schreibt:
„Mit einem Knall wird deutlich, in der nicht nachlassenden Hitze dieser Wochen, was es bedeutet, im Zeitalter der Katastrophe zu leben. ... Die Welt nähert sich dem Abgrund, doch statt zu handeln, stecken wir den Kopf in den trockenen Sand. Warum weckt der mögliche Untergang der Menschheit so wenig Interesse?
Die Antwort auf diese Frage ist ... eine Antwort auf verschiedenen Ebenen, und die deprimierendste davon ist die der aktuellen Politik, die eben vor allem Politik- und Lösungs-Theater ist, ein Phantasma der Machbarkeit und Beherrschbarkeit, das sich in Begriffen wie ‚Obergrenze‘ abbildet. ... Die Klima-Krise, so hat es der indische Schriftsteller Amitav Ghosh in seinem Buch ‚Die große Verblendung‘ beschrieben, ist auch eine Krise der Kultur und vor allem eine der Imagination, der Vorstellungskraft, der Bilder, Visionen, der Sprache und der Geschichten. Die Literatur, das ist die These von Ghosh, scheitert daran, vom Untergang des Menschen zu erzählen, weil ihr die Erzählmuster und damit der rationale Rahmen fehlen.“

Eine gute Beschreibung. Seit Jahren können wir besagte Folgen beobachten und niemand kann wirklich überrascht sein, dass die Fähigkeit zur Imagination mehr und mehr abhanden kommt. Wir müssen uns nur umschauen, in der Welt der Medien, der Netzwerke oder des Performance-Theaters. Es fehlt Kunst, es fehlen Stücke, Philosophie, Erzählungen, es fehlt die Phantasie. Stattdessen eine Flut von News, Statistiken und Recherchedaten. Dazu ein andauernden Wettlauf um jede kleine Skandalgeschichte, um Verschwörungen, Hackerangriffe, gefälschte oder schockierende Bilder.
Und die immergleichen Antworten. Wer ist Schuld an Kriegen? Beide Seiten, oder natürlich die Juden, die Flüchtlinge, der Westen. Der böööse Putin heißt es dann ironisch von manch kluuugem Kabarettisten.
Und schon sind auch diese Wahrheiten verzerrt. Ja. Putin führt Krieg und sperrt die Opposition ein. Weshalb ausgerechnet hier der süffisante Unterton? 
Foto: Alexander Gerst aus der ISS - Rheingegend. Verbrannte Erde.

Und die Gluthitze in diesem Sommers? Der böööse Klimawandel... Seit 2014 steigen die Temperaturen kontinuierlich. Der Klimawandel ist da. Wenn wir schwitzen, glauben wie plötzlich zumindest, dass es heißer wird, weil wir es am eigenen Leib spüren. Und wer ist Schuld? Natürlich die Merkel, die mit den heruntergezogenen Mundwinkeln. Witzig.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden von Kultur und der Blindheit gegenüber den Szenarien des Untergangs? Eindeutig ja.
Wir sind unempfindlich geworden gegenüber der näher rückenden Katastrophe, weil wir überhaupt unempfindlich geworden sind. Die echten Bilder von zerbombten Häusern, weinenden Frauen, schreienden Männern sind austauschbar. Wir wissen nicht mehr welcher Krieg da gerade über den Bildschirm tobt. Auf den Bühnen Betroffenenmonologe, im Kabarett Säulendiagramme. Menschengeschichten, die uns berühren könnten - beiseite geschoben. Aber ohne sie zu sehen, können wir uns kaum mehr ein Schicksal vorstellen. 'Flüchtlingsströme', eine abstrakte Bedrohung, die wir aufhalten können, indem wir die Grenzen schließen. Welche Grenzen? Grenzen in der Wüste, im Dorf, im Lager, in ganz Europa? Um die Flut aufzuhalten? Menschen werden zu Wellen. Die Ströme bestehen nicht mehr aus Menschen.

Und der steigende Meeresspiegel - wie soll der aussehen? Das kann, das will sich schon keiner mehr vorstellen. In der Tat: Dem Menschen kommt die Imagination abhanden.
Warum hat er verlernt Geschichten zu lesen, Bilder zu erfassen oder gar Kunst zu verstehen?
Statt Theater zu besuchen, geht er, das Smartphone im Anschlag, ins Musical, ins Kaufhaus, zur nächsten Schlägerei. Jede Lüge wird geglaubt, jeder Betrüger wird zum Retter. In der Schule müssen tobende Kinder gebändigt werden. Theater, Musik, Bildung spielen auch hier keine Rolle mehr. Und auf der Straße - aufgepumpte Vollidioten, kurz vor dem Platzen, panische Pferdeschwänze mit riesigen Rucksäcken, überbesorgte Mütter, überbegabte Kinder... ja, ich hör ja schon auf.

Eine Reizung erfahren diese Konsumenten nur noch durch Performance und Flashmob im öffentlichen Raum. Überraschung. Das Sinfonieorchester auf der Einkaufsstraße. Wenn der Konsument nicht mehr ins Konzert geht, kommt das Orchester eben in die Einkaufsstraße. Gefühle kommen aus dem Herzkino, das Lachen aus den Comedy-Waschsalons - sauber bedient.
Politiker reden ununterbrochen von Erzählung (die Erzählung Europas), aber nichts wird erzählt.
Wir verdorren in unserer Dumpfheit, schauen wir gebannt in den Himmel, stöhnen unter der Hitze und erwarten den Einschlag des Blockbuster-Meteoriten, der alles Leben vernichten wird.
Aber es bleibt nur eine Wüste stacheliger Twitter Sträucher und ein brennender Facebook Dornbusch, den wir, wie befohlen, anbeten. Die Katastrophe ist da.

Montag, 27. August 2018

Wagenknecht will dass wir...

„aufstehen“. Nein. Ich will nicht schon, wenn der Wecker klingelt, an Sahra oder Oskar denken müssen.
Frau Wagenknecht will zum aufstehen zwingen. Warum? Dieser nullige, schnullige Sumpf, der sich als linke Sammlungsbewegung darstellt, hat doch nur Werbespots drehen lassen, die sowieso schon zum aufstehen und davonlaufen sind. Aber halt: was da so bewusst im Ungefähren bleibt, ist bei Sahra und Oskar Taktik. Das ist nicht Soft - das ist Hardware.

„Aufstehen“ ist eine Propagandaplattform, die krampfhaft verbergen will, dass sie eine Propagandaplattform ist - mit Hilfe von Twitter, Facebook und Internet. Auf der Plattform finden wir keine politischen Grundsätze, nur diese typischen, ganz natürlichen Menschen, die ganz natürlich über ihre Sorgen und Nöte sprechen müssen. Scripted Reality nennt man das. In Zeitlupe und mit kitschiger Musik als Untermalung, stolpern die Befragten ganz authentisch über ihre eigenen Sätze. Diesmal aber finden sie keinen Optiker toll oder werben für Abführtropfen - jetzt wollen sie: ‚aufstehen’.

Die ehrliche Empörung gegen Populismus, Rassismus, Unmenschlichkeit, wird hier zu Klein-Erna-Statements gegen 'die da oben.
Nur am Rande: Schon Dieter Hildebrandt sagte einst über das Fehlen guter Rhetoriker und Redner in der Politik: „Sie kalkulieren ihre Empörung“.

Und hier wird Empörung inszeniert. Die Macher haben begriffen, dass in unserer Schreihals-Gesellschaft gegen die da oben, eine Partei von da oben skeptisch macht. Also wollen Oskar und Sahra ihre populistische anti-westliche, pro-russische, Merkel-Muss-Weg-Politik unter die Leute bringen ohne sich verraten zu müssen. Am besten geht das eben in einem großen Mustopf, in dem sich jede Zutat auflöst, sodass nicht mehr herauszuschmecken ist, woraus diese Pampe besteht. Nur aus dem Beilagensalat wird ein hippes Video.

Beispiele gefällig?
Steve, der im Garten seinen Hund Whiskey streichelt, will Gerechtigkeit, Andi, der Lehrer („Ich bin der Andi“) macht Musik und meint „sag ich mal“ für eine neue Schule sein zu müssen - was für eine Überraschung - er läuft im Gegenlicht in Zeitlupe eine Treppe hinauf, Barbara, Tierschützerin, will Tiere schützen, Margot, die Rentnerin, wahrscheinlich auch. Sie küsst ihren Hund, die alte Fellnase, auf die Schnauze. Brillenfassung? Rosarot. Bei Jenny, Studentin, ist die Musik ein bisschen fröhlicher, während sie in Zeitlupe ein Rad schlägt. „Ich befass mich in der Masterarbeit gerad so n bisschen mit Großkonzernen...“ Aha. So n bisschen... Sie hat einen Nasenring und teilt ihre Sorgen mit uns: „was mir so n bisschen Sorgen bereitet... sind die großen Konzerne. Das macht mir Sorgen“ - wegen was? „Wegen regionaler Produkte. Hier geht Identität verloren.“ Ach ja, Identität. Auch so ein Lieblingsthema. „Wahrung kultureller Eigenständigkeit“, heißt es da. Die Identität ist in Gefahr. Durch wen oder was nochmal? Von Flüchtlingen ist nur indirekt die Rede. Wir wissen nur, Fremde vertragen wir nicht in zu hohen Dosen. „Konkurrent um die knappen Ressourcen“. Genau. Auch Gauland findet die Plattform toll.


Jetzt kommen auch noch deutsche Intellektuelle und Künstler ins Spiel. Dramaturg Stegemann schreibt über den Flüchtling, er sei ein Fremder, "dessen unbekanntes Verhalten zu Verunsicherung führen kann". Toll. So denkt der linke, intellektuelle Beilagensalat.
Einfach dem Volk aufs Maul schauen. Wir sehen echte Menschen, die mit original Dialektfärbung. Und wer zu keinem Gesichtsausdruck in der Lage ist, den verstehen wir durch die natürlich-tragische Geigenmusik zum Film: Deutschland dem deutschen Arbeiter.

Der Redakteurin Marie liegen Kinder am Herzen. Marie sagt: „Kein Kind sollte in Armut aufwachsen“ - wer spätestens hier noch nicht begeistert ist, der hat einfach kein linkes Herz.
Die Medien überschlagen sich geradezu für #Aufstehen. Also, genauer: die russischen Staatsmedien und Russia Today. Hier werden normalerweise Filmclips gefälscht und Lügen konstruiert. Hier schwadronieren Rechtsnationale - und natürlich ist Frau Wagenknecht Dauergast. Die Propagandakanonen schießen seit eh und je aus allen Rohren für Faschisten, Trump und Putin. Alles und alle gegen die verhasste Demokratie.

Der schon erwähnte Theatermacher hat vergessen, dass Künstler und Intellektuelle immer schon gegen jeden Krieg, gegen jede Gewaltherrschaft, gegen jede Diktatur, aufstanden, schrieben und inszenierten. Hier und anderswo. Bernd Stegemann, Dramaturg am Berliner Ensemble, schreibt nicht nur verschraubte Essays, er twittert auch für die Sammlungsbewegung - sein Profilbild: Stegemann an der Kremlmauer. Toll.

Wir sehen: Netz und Doppelmoral. Trotz Verfolgung der Opposition, Krieg in der Ukraine, in Georgien, in Syrien, trotz Annexion der Krim - keine, noch so kleine Kritik an Moskau, übrigens von keinem der gesammelten ‚Linken‘. Ludger Vollmer, Altgrüner, plappert tatsächlich von Pazifismus. Kaum zu glauben, dass Menschen behaupten für Demokratie oder Frieden zu sein und sich gleichzeitig einreihen zwischen Nationalisten und Anhängern einer Diktatur. So wird der Begriff 'Linke' vollends ad absurdum geführt. Pegida und Wagenknecht rufen gemeinsam: Hilf uns Putin.

Liebe Kollegen Praml, Engler, Lisa Fitz, Musikkabarettist Hagemann, Chansonier Meyer, Kabarettist Kröhnert, liebe Nina Hagen, Jule Neigel, und ihr anderen Künstler. Euer Motto: Aufwachen! Nächstes Mal könnt ihr ja versuchen genauer hinzusehen.
Wir alle, die für die demokratische Seite der Gesellschaft stehen, sollten keine Plattform gründen oder ein Video drehen. Sonst müssten wir noch kotzen, mit Geigenmusik und in Zeitlupe.
Besser wir stehen auf bevor es andere tun.

Blog-Archiv

Über mich

Mein Bild
Theaterleiter und Regisseur, Autor, Zeichner und Sänger.